Prog-Rock

Reingehört (396): And So I Watch You From Afar

And So I Watch You From Afar – The Endless Shimmering (2017, Sargent House)

Im fünften Anlauf dann endlich alles richtig gemacht: Im Gegensatz zu ihren exzellenten LiveAuftritten konnten die Nordiren von And So I Watch You From Afar auf ihren ersten vier Tonträgern selten über weite Strecken überzeugen, zuviel an Ideen wurde in der Vergangenheit in die überbordenden Klangentwürfe gepackt, zu erratisch ist oft innerhalb kürzester Zeit im rhythmischen wie stilistischen Wechsel in den einzelnen Titeln zwischen Post-, Math-, Prog-Rock und Djent zwar technisch brillant, aber ohne ruhendes Auge im Zentrum des Hurrikans durchexerziert worden, die Band konnte sich kaum im Rahmen eines Zuviel-Wollens auf eine gemeinsame, tragfähige Basis festlegen, die Hörerschaft fand sich oft ratlos wie überfordert und vor allem völlig geplättet nach Abhören der sprunghaften und schwer verarbeitbaren Ergüsse wieder.
Auf der aktuellen Einspielung „The Endless Shimmering“ geben sich ASIWYFA nun endlich der gebührenden Muse zum Entwickeln ausgereifter Sound-Architekturen hin, die zahlreichen Einflüsse artverwandter Genres bleiben im intensiven Postrock des Quartetts zwar weiterhin bereichernd erkennbar, in den neun Uptempo-Instrumental-Epen ist jedoch genügend Raum/Zeit zur Entfaltung erkennbarer, durchgängiger Klang-Muster angelegt, das virtuose Gitarren-Crescendo, die Tempi-Breaks und die Kunstgriffe im treibenden Beat dürfen sich indes weiterhin entfalten, ohne das Gesamtbild eines rundum gelungenen Postrock-Orkans zu stören. Bestes Album der Band aus Belfast, soweit, mit richtungsweisendem Ansatz für zukünftige, hoffentlich noch viele nachfolgende Glanztaten.
Und der gähnende Hundling nebst dem Schrei-Kind auf der Tonträger-Verpackung sind auch nicht von schlechten Eltern. Kommt jedenfalls in die engere Wahl für das schrägste Plattencover des Jahres.
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Reingehört (392): Peter Hammill

Peter Hammill – From The Trees (2017, Fie! Records / Rough Trade)

Von den altgedienten Helden ist dieser Tage nicht mehr allzu viel Erbauliches zu erwarten, Leonard Cohen ist tot, bei Old Neil Young ist – falls überhaupt – nur noch alle heiligen Zeiten zwischen Dahindümpeln im Mittelmaß mit Erwähnenswertem zu rechnen, über Figuren, die aufgrund ihres belanglosen Outputs in den vergangenen Jahren längst der Zwangs-Verrentung zugeführt werden sollten, mag man sich sowieso nicht mehr weiter auslassen, der letztjährige Literaturnobelpreisträger-Witz etwa oder der irische Ungustl Van The Boring Man drängen sich dahingehend einmal mehr als abschreckende Beispiele auf, da kommt ein neues Solo-Werk vom Van-Der-Graaf-Gründer Peter Hammill als Gegenwurf zu dieser Einschätzung gerade recht.
Der charismatische Engländer transferiert auf seinem 35. Solo-Album die hohe Kunst des komplexen Progressive Rock seiner Stammformation Van Der Graaf Generator in Richtung entschleunigter wie klar strukturierter Balladen-Vortrag, in reduzierten Arrangements, die weitestgehend von karger Akustikgitarre und ergreifenden Piano/Keyboard-Passagen dominiert werden, dezent erweitert um mehrstimmige Gesangsunterstützung aus dem Off, zurückgenommene Basslinien und filigrane, unterschwellige, als Hauchen im Hintergrund vernehmbare Streicher-Beigaben, ein auf das Wesentliche heruntergebrochenes Konzept, dass angenehm an Hammills sporadische Solo-Konzerte seit den Achtzigern erinnert.
Die Zeit ist auch am Meister nicht spurlos vorübergegangen, nächstes Jahr feiert er sein siebzigstes Wiegenfest, an der Stimme ist das am deutlichsten auszumachen, Hammill beherrscht zwar nach wie vor eine eindringliche Bandbreite zwischen vehementem Fordern und jammerndem Sermon, die einhergehenden Extreme, die er in vergangenen Zeiten präsentierte zwischen schneidender Schärfe des Inquisitors und verzweifelter Klage des gefolterten Opfers sind indes abgeschliffen und in dieser radikalen Ausprägung nicht mehr zu vernehmen.
Weitaus weniger Ausloten der Möglichkeiten und Forschen an neuen Ufern, wie man es aus der Sturm-und-Drang-Zeit des Progressive-Pioniers kennt, als vielmehr Bestandsaufnahme, Innehalten, Justieren für die Zielgerade, Hammill selber merkt hierzu an: „In the third act of life it’s time to look with a clear eye at where one’s been, at where one’s going“. Auch in der angedeuteten Altersmilde bliebt Peter Hammill einer, der nach wie vor, auch musikalisch, Gewichtiges zu vermelden hat, wie eingangs erwähnt lässt sich das nicht über jeden aus seiner Alterskohorte anmerken, und über viele wesentlich jüngere Musikanten auch nicht…
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Reingehört (391): Hills

Hills – Alive At Roadburn (2017, Rocket Recordings)

„The Hills Have Eyes“ lautet der Titel eines Wes-Craven-Horrorklassikers aus dem Jahr 1977 – hier in dem Fall: Weniger Augen, vielmehr Gitarren, Orgeln und der ausgeprägte Hang einiger schwer in den Siebzigern hängengebliebener Skandinavier zum gedehnten konzertanten Erguss. Und vor allem alles andere als Horror. Vier Lange vom Psychedelic-Kollektiv Hills aus Göteborg, viermal annähernd im Viertelstunden-Bereich unterwegs in Sachen schwerst hypnotischer Space-/Kraut-/Psych-Rock-Flow, treibend-gleichmütiger Rhythmik, repetitives Mäandern in Richtung glückseliges Klang-Nirvana und mitunter tonales Verweben von schwedischem Mittsommer-Rausch mit komplexen indischen Raga-Drones im spielfreudigen wie beseelten Improvisations-Modus.
Losgetreten von eingangs gängigen wie heranführenden Indierock-Mustern entwickeln die ausgedehnten Sound-Trips neben dem Ausbau der jeweiligen Song-Motive schnell ein Eigenleben in Richtung Hinausdriften in den Klang-sphärischen Weltenraum, wo in den unendlichen Weiten der lärmende Noise-Rock, einschmeichelnde Melodik und losgelöste Trance-Entspanntheit eine gedeihliche Symbiose eingehen.
Live eingespielt im April 2016 beim Roadburn Festival im holländischen Tilburg (Wär mal eine Reise wert, das 2018er-Line-Up mit Exzellenzen wie Godspeed You! Black Emperor, Wrekmeister Harmonies, Damo Suzuki, Kikagaku Moyo 幾何学模様, Ex Eye und vielen anderen lässt die Zunge schnalzen bei Freunden der experimentellen Rockmusik).
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