Prog-Rock

sleepmakeswaves, The Physics House Band, Vasudeva @ Backstage Club, München, 2017-10-15

Interkontinentales Postrock-Dreierpack zum Wochenend-Ausklang am vergangenen Sonntagabend im leidlich gut besuchten Club des Backstage, einige potentielle Konzertgänger_Innen dürften sich vermutlich zwecks Retro-Schuheglotzen in die Theaterfabrik zum parallel stattfindenden Konzert der aufgewärmten Jesus And Mary Chain verirrt haben.

Das straffe Programm eröffneten drei junge Männer aus New Jersey mit ihrer Formation Vasudeva und beschallten den Saal mit Laune machendem Instrumental-Gitarrenrock an der Schnittstelle Post-/Math-Rock und Djent, der sich ohne Bass präsentierte, dementsprechend beschwingt, luftig und ohne die für den Postrock oft typische, schwere Bodenhaftung durch die Rhythmus-Abteilung auskam (davon sollte es im weiteren Verlauf des Abends noch satt geben) – das Klangbild von Vasudeva lebt vor allem vom Spannungsfeld, dass die mit- und gegeneinander spielende Lead- und Rhythmusgitarre abstecken, eine mit locker wirkender Dynamik vorgetragene Tonkunst, der es trotz leichtfüßigem Elan und Leichtsinn nicht an Substanz mangelt und die Kopf wie Tanzbein gleichermaßen anzuregen weiß.
Gelungener halbstündiger Einstieg in das dreiteilige Instrumental-Hochamt, ob der musikalische Ansatz von Vasudeva das Spannungslevel über die volle Konzert-Distanz aufrecht zu halten vermag, wird vermutlich die Zukunft zeigen, für Sonntagabend im Backstage war’s genau die richtige Portionierung.
Der Bandname kommt im Übrigen aus dem Sanskrit und benennt in den indischen Bhagavatapurana-/Bhagavatapurana-Epen den Vater des hinduistischen Gottes Krishna. In diesem Sinne: Rāma Rāma Hare Hare …
(**** 1/2)

Das britische Sechziger-Jahre-Double von Rainer Langhans schnappt sich eine Bassgitarre, treibt die technischen wie solistischen Fertigkeiten eines Jack Bruce, eines John Entwistle oder eines Noel Redding auf die Spitze, sucht sich einen Ginger-Baker-Epigonen, der dessen Kunst des freien Schlagzeugspiels hinsichtlich Tempo, improvisierter Inspiration und Wucht um ein Vielfaches verschärft, und komplettiert das Trio um einen versierten Gitarristen, dem Robert Fripp wie Tony Iommi keine fremden Götter sind, fertig ist das Bild, das die jungen Briten der Physics House Band im konzertanten Prog-Rock-Vortrag vermitteln. Wo auf dem aktuellen Longplayer „Mercury Fountain“ der Combo aus Brighton der Synthie, die Bläser und der modernere Post-/Mathrock vermehrt zu ihrem Recht kommen, dominiert im Live-Vortrag in klassischer Power-Trio-Besetzung mit einigen dezenten Keyboard-Beigaben die Reminiszenz an experimentierfreudige Space-, Kraut- und Progressive-Rock-Hochzeiten, in „Dark Star“-artigen, diffusen Drones in freier Klangform hält die Band immer wieder inne zum Sammeln, Fahrt-aufnehmen und Abdriften in den hypnotischen Sphären-Rausch, den Black-Sabbath’sche Riffs genau so befeuern wie die Wucht des treibenden, virtuosen Bass-Spiels und der freie Fluss der ekstatisch geschwungenen und über die Klangkörper tanzenden Trommelstöcke – eine zu keiner Sekunde abgestanden wirkende Zeitreise zu den Ursprüngen der experimentellen Rockmusik, in der die anberaumten 30 Minuten dann wie im Flug vergingen und letztendlich nach einer ausgedehnten Verlängerung verlangt hätten. Immer ein Fest, wenn Bands vom Konzept ihrer Tonträger-Konserven abweichen und den konzertanten Vortrag zu einer eigenen, organischen Form weiterentwickeln, verändern und ausbauen. Großer Prog-Sport, keine Frage, die Bande nähme man auch als Headliner gern mit Kusshand.
(*****)

Die Kernkompetenz des Quartetts sleepmakeswaves aus Sydney liegt im klassischen Postrock, der sich in dem Fall wenig bis nichts um die tradierten, gedehnten, leisen Meditativ-Passagen schert – ihre Sporen als ausgewiesene wie energetische Live-Performer hat sich die Band in der Vergangenheit durch Touren in der australischen Heimat mit Genre-Größen wie Mono, Pelican oder Russian Circles, ausgedehnte US- und Europatourneen und Festival-Auftritte wie wiederholt beim belgischen Dunk! erspielt, vor etlichen Jahren waren sie bereits im Vorprogramm zur Math-/Ambient-/Postrock-Electronica der Sheffield-Formation 65daysofstatic der weitaus genehmere Part im damaligen Münchener Feierwerk-Doppelpack. Auf der ausgedehnten 2017er-Konzertreise sind sleepmakeswaves nun als Headliner zur Promotion ihres aktuellen Tonträgers „Made Of Breath Only“ im alten Europa unterwegs, das ab und an als reserviert geltende Münchener Konzertpublikum goutierte überschwänglich mit dem gebührenden Applaus die sich permanent am oberen Energie-Level abspielende Instrumental-Explosion, die hart wie schneidend angeschlagenen Gitarren-Attacken und vertrackten Tempi-Wechsel wurden nur sporadisch und dezent mit lieblicherer Keyboard- und gesampelter Electronica-Melodik abgemildert, stets aber kongenial von Drummer Tim Adderley zu Hochform getrieben und vor allem vom im Zentrum des Sturm stehenden Ur-Mitglied Alex Wilson und seinem wuchtigen, an polternder Vehemenz kaum zu übertreffenden Bass-Spiel geerdet. Die sympathische Band fühlte sich im Backstage-Umfeld sichtlich wohl wie – bedingt durch hochsommerliche Herbst-Temperaturen – an heimische Gefilde down under erinnert und war somit willens, über die vorgesehene Setlist hinaus noch eine Handvoll ungeplante Sonderrunden draufzupacken.
Die muffigen wie maulfaulen Reid-Brüder von den Jesus-und-Maria-Schotten haben einem an dem Abend jedenfalls nicht gefehlt…
(**** ½ – *****)

Die Deutschland-Konzerte der Tour endeten mit dem München-Gig, weitere Europa-Termine: hier.

Herzlichen Dank an Mel vom Konzert-präsentierenden curt-Magazin für den Gästelisten-Platz.

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Reingehört (360): Godspeed You! Black Emperor

„this, this long-playing record, a thing we made in the midst of communal mess, raising dogs and children. eyes up and filled with dreadful joy – we aimed for wrong notes that explode, a quiet muttering amplified heavenward. we recorded it all in a burning motorboat.“

Godspeed You! Black Emperor – Luciferian Towers (2017, Constellation Records)

Gibt diese Musikanten und Bands, die machen einfach nix falsch, haben sie noch nie, werden sie schwer vermutlich auch nie. Da ist die überdurchschnittliche Güte jeder konzertanten Aufführung wie jeder neuen Tonträger-Veröffentlichung ein gesicherter Fakt wie das sprichwörtliche „Amen“ in der Kirche. Bestätigt hat sich dieses großspurige Gelaber einmal mehr beim ersten wie – fundamental untermauernden – mindestens fünften Durchhören der aktuellen Arbeit „Luciferian Towers“ des kanadischen Post- und Experimental-Rock-Kollektivs Godspeed You! Black Emperor.
Im Output gab sich die neunköpfige Formation aus Montreal/Quebec um die Gründer Efrim Menuck, Mike Moya und Mauro Pezzente in den vergangenen Dekaden sparsam, gemäß der Maxime „Weniger ist oft mehr“ ist das aktuelle Album erst die siebte Veröffentlichung inklusive der grandiosen 1999er-EP „Slow Riot For New Zero Kanada“, seit Erscheinen des Vorgänger-Werks „Asunder, Sweet And Other Distress“ im Frühjahr 2015 tummelte sich die Band bei Gedenkveranstaltungen zum Ersten Weltkrieg in West-Flandern, bei Aufführungen mit dem Tanz-Ensemble The Holy Body Tattoo und zu Teilen auf Konzertreisen und den Einspielungen zum jüngsten Tonträger von JB Robinsons großartigem Ambient/Drone-Metal-Projekt Wrekmeister Harmonies.
Hinsichtlich Klangbild indes geizt das Kollektiv einmal mehr nicht mit Opulenz, mit jedem weiteren Durchlauf offenbaren sich neue Klangfarben und schillernd glänzende Grau-Schwarz-Schattierungen in diesem dreiviertel-stündigen, zuforderst dunkel funkelnden Prachtwerk.
Der Opener „Undoing A Luciferian Tower“ führt die Hörerschaft heran an den Album-dominierenden Grundton im abstrakten, Neo-Klassik-zitierenden, dezent dröhnenden Ambient-Experimental-Flow, der sich in diesem Stück über einfacher zu konsumierende Filmmusik-Schichten hin zu einer Orgel-/Synthie-getragenen, euphorisierend-hymnischen Space-Herrlichkeit entlädt – die überschwänglichen tonalen Gefühlsausbrüche der englischen Mitsiebziger-Prog-Hochphase, circa Van-Der-Graaf-Ecke, haben offensichtlich auch im fernen Kanada ihren Eindruck hinterlassen.
Das Klang-Triptychon „Bosses Hang, Pt. I – III“ lotet als orchestrale Breitband-Elegie die Möglichkeiten des Drone-dominierten Postrock aus, zwischen Gewitter-artigem Ambient-Donnern und Balladen-entschleunigter Krautrock-Getragenheit driftet die Band in Richtung moderne Klassik und Minimal Music, der Bezug zum zeitgenössischen polnischen Komponisten Henryk Górecki wurde bereits vor vielen Jahren im Stück „Moya“ offengelegt und erfährt hier grenzüberschreitend wie Hörgewohnheiten-ausdehnend Ergänzung und Horizont-Erweiterung.
Die Gast-Musiker Bonnie Kane und Craig Pederson beleben in „Fam/Famine“ unvermittelt das finstere Ambient-Mäandern mit Holz- und Blechblas-Getröte, Miles-„The Nervensäge“-Davis-artigem Free-Jazz-Gelichter und Mariachi-geprägtem Spaghetti-Western-Soundtracks (hier ist er wieder, der GY!BE-obligatorische Ennio-Morricone-Querverweis).
Ein weiterer Dreiteiler, „Anthem For No State“, beschließt das instrumentale, komplexe Intensiv-Werk mit einer gefühlt nicht endend wollenden Sintflut in vehementer Postrock-Wucht, die im finalen Abschnitt dann doch einen Gang zurückschaltet und so das Nachbeben in getragenem Wohlklang ausschleichen lässt.
Wie selten sonst wo haben diverseste musikalische Ausdrucksformen derart Raum zum Atmen wie auf GY!BE-Tonträgern, trashiger, rabiater Fuzz-Gitarrenanschlag existiert in gedeihlicher Klangvielfalt mit dissonanter Neuklassik wie mit experimentellen Querverweisen zum Siebziger-Krautrock und richtungsweisenden Postrock-Weiterentwicklungen, ohne dabei je konstruiert oder im Vortrag befremdlich zu wirken. Eindrücklich wie zuletzt auch die schottischen Genre-Kollegen von Mogwai unterstreichen Godspeed You! Black Emperor mit ihrem 2017er-Großwurf, dass sie uneingeschränkt wie von Beginn an zu den intensivst leuchtenden Sternen am weiten Postrock-Firmament zählen und es nach wie vor wie nur wenige Bands verstehen, den eigenen Klang-Kosmos seit dem Urknall auszudehnen.
Die gewichtige Glanztat erscheint heute beim wieder mal nicht genug zu lobenden kanadischen Indie-Label Constellation Records, home of the brave.
GY!BE-Herbst-Konzertreise im alten Europa steht auch an, München ist leider nicht im Lostopf, heul.
(***** ½)

„finally and in conclusion;
the “luciferian towers” L.P. was informed by the following grand demands:
+ an end to foreign invasions
+ an end to borders
+ the total dismantling of the prison-industrial complex
+ healthcare, housing, food and water acknowledged as an inalienable human right
+ the expert fuckers who broke this world never get to speak again.“