Prog-Rock

Reingehört (337): The Physics House Band

The Physics House Band – Mercury Fountain (2017, Small Pond Recordings)

Sehen auf den Bandfotos tatsächlich aus wie versprengte Naturwissenschafts-Studenten, das Verkopfte im Sound der Physiker-Haus-Kapelle ist auch kaum wegzuleugnen, und doch hat das zweite Album des Trios aus Brighton/UK genügend Prog- und Postrock-Drive und -Intensität, um den intellektuellen Finger-Übungen und abstrakten Ambient-/Drone-Beimischungen bei ihrem Flug durch die Galaxien die nötige Erdung und Spontaneität zu verleihen.
Die junge Instrumental-Formation ergeht sich auf dem aktuellen Longplayer in einem halbstündigen Feuerwerk in bunten Klangbildern zwischen sphärischem, Synthie-verliebtem SiFi-Space-/Kraut-Flow und schweren, energiegeladenen Progrock-Geschützen, die sich im steten Rhythmuswechsel spannend im Geiste des Djent/Math-Rock die konzeptionelle Klinke in die Hand geben.
In den finalen drei Stücken „Impolex“, „The Astral Wave“ und „Mobius Strip II“ erweitern die Musiker das Spektrum des Instrumentariums in Richtung Saxophon und Flöte und driften damit endgültig in Richtung moderne Van Der Graaf Generator, eine gelungene Hommage an einen schwer vermutlichen Einfluss der Band und würdige Verneigung vor den britischen Ahnherren des Progressive Rock.
The Physics House Band werden im Herbst im Rahmen der „Made Of Breath Only“-Europa-Tournee im Vorprogramm der australischen Postrocker sleepmakeswaves zu sehen und zu hören sein, unter anderem am 15. Oktober im Münchner Backstage.
(**** ½)

Reingehört (335): Alpha Male Tea Party, Waxahatchee, Broken Social Scene

Alpha Male Tea Party – Health (2017, Big Scary Monsters)

Hörenswerter Instrumental-Rock-Crossover von Alpha Male Tea Party aus Liverpool: Seit 2012 entwickelt das Trio aus Nordengland seine Spielart des Progressive Rock, auf „Health“ veredelt die Combo den Grenzgang zwischen Post- und Math-Rock in einer rundum (und nicht zuletzt hinsichtlich glasklarem Sound) gelungenen Produktion, zwischen geschliffener Härte und melodischer Finesse, zwischen treibendem Flow und vertracktem Rhythmus-Wechsel pendeln die zehn Gitarren-dominierten Intensiv-Klang-Demonstrationen, die die Band in eine Liga mit Bands wie And So I Watch You From Afar katapultiert, wo die Nord-Iren weitaus mehr im Live-Vortrag und nur selten auf Konserve zu überzeugen wissen, sind Alpha Male Tea Party in Sachen Tonträger weitaus überzeugender unterwegs, eine ausgereifte Arbeit, die die Einflüsse aus der Ära der Prog-Rock-Altvorderen wie King Crimson gebührend zu würdigen weiß, löblich aber nicht in der Vergangenheit verhaftet bleibt und in Weiterentwicklung Richtung Math/Djent mit dezenten Postmetal-Ergänzungen den Blick stramm nach vorne richtet. Konzertantes Antanzen wäre schwerst genehm.
(*****)

Waxahatchee – Out In The Storm (2017, Merge)

Passable Indie-Rock-Arbeit der US-Songwriterin Katie Crutchfield aus Birmingham/Alabama, die ihr Band-Projekt nach einem Flusslauf in ihrer amerikanischen Südstaaten-Heimat benannte. Ansprechende Mischung aus LoFi-Songwriting, gefällig-einschmeichelndem Mädels-Gesang, flottem Alternative-Power-Pop und domestizierter Grunge-Gitarren-Intensität. Live eingespielt und somit den angerauten Charme dieses ab und an ins Gefällige schielenden Indie-Geschrammels weitestgehend noch erahnend lassend. Für Riot-Grrrl-Rabatz ist es zu brav und kaum sperrig, hinsichtlich gängigem Indie-Rock-/-Pop-Mainstream aber dann doch noch originell und spielfreudig genug, um aus diesem Sumpf vorteilhaft-positiv herauszuragen.
Waxahatchee spielt live am 17. September im Münchner Glockenbachviertel-Club Milla, das Vorprogramm wird Crutchfield-Schwester Allison bestreiten, die auch auf „Out In The Storm“ an Schlagwerk und Tasteninstrumenten zu hören ist.
(****)

Broken Social Scene – Hug Of Thunder (2017, Arts & Crafts)

Gewogen und für zu leicht befunden: Das kanadische Indie-Kollektiv Broken Social Scene ist auf dem jüngst erschienenen Album „Hug Of Thunder“ weitaus weniger als die Summe seiner Einzelteile, trotz maßgeblicher Mitarbeit von Größen wie den üblichen Verdächtigen Kevin Drew, Brendan Canning, Charles Spearin oder Leslie Feist, trotz unzähliger Ideen und Einflüsse und einem letztendlich Zuviel an Klangreichtum kommt die Big Band aus Toronto in den wenigsten Momenten über eine leichtfüßige, schwirrende, Pop-affine Belanglosigkeit hinaus. Innerhalb kürzester Zeit bricht sich beim Abhören ein unangenehmer Befindlichkeits-Mix aus Übersättigung und vergeblichem Warten auf das Ansprechend-Gefangennehmende Bahn, too much an ätherisch-überdrehtem Elfen-Gesang, überzuckerten Harmonie-Chören und vor allem völlig substanzloser, Musical-artiger Easy-Listening-Beschallung, zuviel aus der Stars- und Metrics-Ecke, viel zu wenig aus dem gewichtig-experimentelleren Bereich a la Do Make Say Think, das ist der Sound der 70er-Jahre-Mainstream-Hitparaden-Betäubung, in ein modernes Kleid gewandet und frech als Indie verkauft. Ein aufgeblähter Mix aus Pomp und beschwingtem Wohlklang-Gelichter, der trotz reichhaltiger Zutaten ungenießbar bleibt  – oder ganz einfach auf den Punkt gebracht: Viel Lärm um Nichts. Von den Mitwirkenden hätte man sich deutlich mehr an Qualität erwartet als diesen schwer verdaulichen Weichspüler-Sing-Sang, auch wenn auf dem vor sieben Jahren erschienenen Vorgängerwerk „Forgiveness Rock Record“ bereits nicht mehr alles Gold war, was glänzte. Das Runtergleiten auf dem absteigenden Ast setzt sich bei BSS fort, sehr bedauerlich.
(** ½)