Progressive Rock

Soundtrack des Tages (210): The Sleeplings

Brandaktuelle Single des Dark-Rock-Trios The Sleeplings aus dem dänischen Aarhus: In „Four Hens Down“ lässt die Band psychedelischen Pop, die Gothic-Sparte des Postpunk und emotionale, melodisch-gespenstische, nahezu symphonische Progressive-Erhabenheit in einem ergreifenden Gebräu zusammenwirken und erzählt dabei Geschichten über die Dunkelheit und Einsamkeit in verlassenen Häusern. Die Heimstatt von Sleeplings-Gitarrist/Sänger Jesper Kragh soll beim Songwriting als Quell der Inspiration gedient haben, ein Anwesen, das auf einem fünfhundert Jahre alten Friedhof errichtet wurde, wie auch eine ehemalige Bewohnerin der Butze, deren Hühner nach einer angeblich wahren Geschichte in Endlos-Schleife immer wieder vom Fuchs im Blutrausch gemeuchelt wurden – sehr mysteriös, das Ganze. „The Walking Dead“ als skandinavische Tierreich-Fabel, oder so ähnlich. Musikalisch jedenfalls tip top vertont, etwaiger lyrischer Humbug-Faktor insofern vernachlässigbar…

The Sleeplings veröffentlichten 2009 ihre erste EP „…For Dare And Farewell“, vor zwei Jahren folgte der Longplayer „Elusive Lights Of The Long​-Forgotten“, Back-Katalog unter anderem bei Bandcamp. Der Sound des Trios ist Energie-geladen, gleichsam dunkel schillernd und von atmosphärischen Spannungsbögen getragen. Anregung für ihre Song-Themen zieht die Band nach eigenen Aussagen aus den Mythen des amerikanischen Southern Gothic und den romantischen Stimmungen und Moment-Aufnahmen der Impressionisten.

Werbeanzeigen

Mermaidens + Ippio Payo @ Maj Musical Monday #96, Glockenbachwerkstatt, München, 2019-05-20

Die 96. Ausgabe des Maj Muscial Monday wurde zum Wochenstart in der Münchner Glockenbachwerkstatt gemeinschaftlich von KiwiMusic-Konzertveranstalter Christian Strätz und MMM-Organisator Chaspa Chaspo präsentiert, die Do-It-Yourself-Reihe für lokalen und internationalen Indie-, Post- und Experimental-Rock wartete bei erfreulichem Besucher-Zulauf mit einem Paket aus hiesiger Postrock-Instrumental-Kunst und neuseeländischer Gitarren-Psychedelic auf, mit zwei Protagonisten, die in ähnlicher Form schon einmal vor einem guten halben Jahr im Rahmen einer Doppel-Veranstaltung aufeinander trafen.

Die qualitative Messlatte für den Abend legte Gitarrist Josip Pavlov mit dem Solo-Auftritt seines Postrock-Projekts Ippio Payo ordentlich hoch, und in dem Fall für alle folgenden Agierenden auch nicht mehr erreichbar. Über den in diesem Forum hoch geschätzten und oft gewürdigten Münchner Ausnahme-Musiker wie in zahlreichen örtlichen Bands engagierten Multi-Instrumentalisten zum x-ten Mal ausführlich zu referieren, kommt mehr und mehr dieser Athener Eulen-Nummer gleich. Den Lobpreisungen aus zurückliegenden Konzert-Besprechungen muss gleichwohl eine weitere folgen, neben seinen ausgeprägten technischen und kompositorischen Fähigkeiten versetzt Sound-Forscher Pavlov immer wieder mit der permanenten Weiterentwicklung und Mutation seiner experimentellen Klang-Gebilde in Erstaunen, mit einer steten Neuformulierung zusätzlicher Facetten und den Grenzen austestenden Improvisationen seiner energetischen Postrock-Flows.
Den Set eröffnete Ippio Payo am Montagabend mit der Aufführung einer in epische Länge gedehnten Version der neuen, vor wenigen Tagen bei Soundcloud veröffentlichten Nummer „Rückgebäude“, in der mittels Loops und repetitiver Samplings eine virulente, latent nervöse Minimal-Rhythmik mit wunderschönen Gitarren-Phrasierungen und sich überlagernden Sound-Schichtungen harmoniert. Mit weiterem Fortgang steigerten sich Intensität, stilistische Zitate und Härtegrade des hypnotischen Instrumental-Trance, in dem Pavlov mit Einsatz diverser technischen Gerätschaften seine Anlehnungen an das Gitarren-Treatment eines Brian Eno aus dessen Prä-Ambient-Phase in den Siebzigern auf rohe Postpunk-Riffs, experimentelles, bisweilen erratisches Saiten-Spiel und die unerschöpfliche Vielfalt seiner in die Jetzt-Zeit transportierten, heftig wie gleichsam detailliert umgesetzten Kraut- und Progressive-Rock-Interpretationen treffen ließ und in gedeihlichen Einklang brachte.
Der vor Ideen-Reichtum, spontanem Drive und komplexen Kompositionen strotzende Auftritt von Ippio Payo/Josip Pavlov war einmal mehr zeitlich viel zu knapp bemessen, der Münchner Klang-Magier bleibt erste Wahl als Lieferant für die tonale Endlos-Schleife zum Hinüberdriften ins glückselige Gitarren-Ambient-Nirvana.

Auf Ippio Payo traf die Gitarristin Gussie Larkin from down under bereits im vergangenen Oktober im KAP37 zum gemeinsamen Schaufenster-Konzert, die junge neuseeländische Musikerin war damals mit dem Drummer Ezra Simons und ihrem Duo-Outfit Earth Tongue zu Gast in der Stadt. Auf erneute Einladung von KiwiMusic-Spezialist Christian Strätz machte Larkin für die jüngste Runde mit ihrer Stammformation Mermaidens Halt an den Sturm-umwehten Gestaden der Isar-Ansiedlung, die Band aus Wellington bringt ihre Tonträger über das seit Jahrzehnten in Indie-Kreisen weltweit bekannte und geschätzte Flying-Nun-Label in Christchurch auf den Markt, in der Heimat eilt dem Trio ein guter Ruf für exzellente Live-Auftritte und hochgelobte Tonträger-Veröffentlichungen voraus.
Wo Gussie Larkin mit Earth Tongue deutlich strammer in die Saiten greift und mit dröhnenden Doom-Riffs die Herzen der Stoner-, Fuzz- und Acid-Rocker höher schlagen lässt, entspinnt sie zusammen mit Bassistin Lily West und Trommler Abe Hollingsworth ein deutlich filigraneres Geflecht aus entspannter Shoegazer-Melancholie und dunklem Slowcore. Dem schlafwandlerisch unaufgeregten Indie-Rock hätte eingangs der ein oder andere Schub an Dramatik-steigernder Härte und Noise-Ausbruch im Saiten-Anschlag durchaus gut zu Gesicht gestanden, etwas austauschbar und emotional ins Lethargische neigend gestaltete die Combo das Intro der ersten Nummern. Nach diesem Dream-Pop-Prolog im ausgedehnten Weltschmerz-Weiden inklusive lieblichem Mädels-Zweigesang wusste die NZ-Band mit fortschreitender Konzert-Dauer zusehends mehr Druck und Überzeugungskraft ins gemeinsame Musizieren einzubringen, mittels neo-psychedelischer Surf-Melodik, druckvollerem Beat, finster wummernden Bässen, sporadischem vokalen, lautsprechendem Ausbruch und im Speziellen mit den scharf angeschlagenen, durch die Nacht schneidenden Postpunk-Akkorden, die Gitarristin Larkin zum Ende des Vortrags hin häufiger aus dem Ärmel zauberte.
Unerwartet, fast unverhofft Würze ins Geschehen brachten zwei aufeinander folgende Strom-Ausfälle gegen Ende des Sets, die Konzert-Reihe des Maj Musical Monday hat bei weitem schon heftigere Lärm-Erschütterungen und atonalere Brachial-Attacken er- und überlebt, trotzdem verlangte die Technik an diesem Abend nach wiederholten Auszeiten. Ob die Sicherungen nicht mehr wollten oder der anhaltende Regenguss für spontane Kurzschlüsse sorgte, einerlei, die Band nahm es gelassen und setzte ihr Set unaufgeregt nach den beiden kurzen Unterbrechungen fort, steigerte zum Finale die Intensität ihres dräuenden Alternative-Rock-Gewerks und holte sich damit den letztlich wohlverdienten, wohlwollenden Applaus und die Bitte um Zugabe vom zahlreich anwesenden Publikum.

Der Maj Musical Monday im kommenden Monat entfällt wohl wegen des viertägigen Noise Mobility Festivals von 7. bis 10. Juni. Die Münchner Glockenbachwerkstatt ist an diesen Tagen erneut das Zentrum für die europäische Underground-Szene und Forum für experimentelle Pop- und Rockmusik, elektronische Avantgarde, Performance-Kunst, gesellschaftlichen Podiums-Diskurs, Ausstellungen und einen DIY-Flohmarkt.

Gussie Larkin tritt mit Mermaidens heute in Berlin in der Kantine am Berghain als Support für Hand Habits und am 25. Mai in Köln bei einem Privat-Konzert auf, am 28. Juni ist sie mit Earth Tongue im Rahmen des dreitägigen Raut Oak Fests am Riegsee zu Gast.

Reingehört (536): Psychic Lemon

Psychic Lemon – Live At The Smokehouse (2019, Tonzonen Records)

Wo die bunten Bilder (oder auch ganze Sonnen-Systeme) explodieren: Space Is The Place, in einem kleinen Übungs- und Aufnahme-Studio im Garten hinterm Haus in Cambridge/UK, fünf Minuten Fußweg von Syd Barretts ehemaliger Bleibe entfernt. Womit schon mal einer der Säulen-Heiligen des Trios Psychic Lemon genannt wäre, neben heavy Psychedelic-Granden wie den Landsmännern von Hawkwind oder der schwedischen Experimental-Fusion-Combo Goat. Der Weltenraum ist nicht weiter überraschend auch im Konzertsaal der Place To Be für die Engländer, wie sie mit ihrer jüngsten Veröffentlichung unterstreichen: Die fünf exzessiven Instrumental-Trips wurden während eines Auftritts der Formation im August 2018 im Smokehouse zu Ipswich mitgeschnitten, was in dem Haus geraucht wurde, kann man sich unschwer ausmalen beim Sound der drei „Krautfunk“-Musikanten. Mit dem ersten Teil der Live-LP – „The Past“ – widmen sich Psychic Lemon einem Teil der Werke vom 2018er Studio-Album „Frequency Rhythm Distortion Delay“, Seite 2 präsentiert unter der Überschrift „The Future“ zwei neue Nummern. In „Jonny Marvel At The Milky Way“ nimmt sich die Band weit über zehn Minuten Zeit zum ausgedehnten Reisen durch die Sternen-Nebel und Galaxien, das Tempo ist im Gegensatz zu allen weiteren Titeln mit waberndem Synthie-Georgel, allerlei Effekte-Meteoriten und Trance-haftem Getrommel gedrosselt, wo hier der entschleunigten und gründlichen Planeten-Erforschung im psychedelischen Prog/Space-Flow reichlich Raum gegeben wird, driften Martin Law, Andy Briston und Andy Hibbert in der finalen Nummer „White Light“ im Interstellar Overdrive wie im gesamten ersten Teil mit hartem Krautrock-Überschall hinein in die Herrlichkeiten laut jaulender, verzerrter, hallender Gitarren-Wah-Wahs, diffus-abstrakter Trance-Drones und explodierender Bass/Drums-Donner-Entladungen, ein rauschhaftes und hypnotisches Zusteuern auf das Schwarze Loch im Outer Space.
Das in bunten Farben gepresste Vinyl war Ende April im Pre-Order innerhalb 48 Stunden vergriffen, als CD und Download/Stream ist das Album nach wie vor über das deutsche Indie-Label Tonzonen Records oder den Online-Musikdienst Bandcamp erhältlich. Take Your Protein Pills And Put Your Helmet On: Nehmen Sie reichlich Platz für die Sternenfahrt und genießen Sie den Trip…
(*****)