Psychedelic

Reingehört (451): Inwolves

„Under The Radar is a track dedicated to all the refugees in the world. And the hope that more of those in need get the opportunity to build a new future in safety and dignity.“
(Karen Willems)

Inwolves – Color In The Zoo (2018, 9000 Records / Consouling Sounds)

Wie im öden Mainstream gibt es auch im experimentellen Musizieren durchaus Kandidaten, die, haben sie erst mal ihren Sound gefunden, die Welle bis zum allerletzten Abflauen reiten, ohne neue Erkenntnisse zu gewinnen und ohne zu trachten, in ungebändigter Neugier weitere unbekannte Ufer anzusteuern, die belgische Klangforscherin Karen Willems aus Maldegem/Ostflandern fällt ganz gewiss nicht in diese fragwürdige Kategorie, allein ihre zahlreichen Tonträger-Kollaborationen und Auftritte mit Musikern wie Aidan Baker, Dirk Serries, Stijn Dickel, Jean D.L. oder Bart Desmet und seiner grandiosen Postrock-Formation Barst unterstreichen das beeindruckend und hinlänglich.
Mit der demnächst zur Veröffentlichung anstehenden neuen Arbeit ihres eigenen Projekts Inwolves lässt sich die rührige Perkussionistin einmal mehr nicht nur schwer, sondern gar nicht in Schubladen pressen, wo der Auftritt beim dunk!Festival vor zwei Jahren noch annähernd und grob charakterisiert im irgendwie erkennbar klassischen Postpunk verhaftet war, ohne bereits auch dort das stilistisch-freie Ausdehnen zu kurz kommen zu lassen, fiel das erste Studiowerk bereits um einiges komplexer, dunkler, noch weitaus mutiger experimentierend aus, diesen Ansatz baut die Ausnahme-Musikerin mit Hilfe von unter anderem Nils Gröndahl und seinen geloopten Violinen-Drones und dem türkischen Experimental-Musiker Barkin Engin auf dem Zweitwerk „Color In The Zoo“ weiter aus hinsichtlich so noch nicht gehörter Sound-Kollagen und schwergewichtiger, doch angenehm (vor allem ins Ohr) fließenden Ambient- und Trance-Drones, die nebst dunkler Postpunk-Neo-Psychedelic, nah- und fernöstlicher Melodik, schönen Vokal-Samples, Field Recordings (wohl tatsächlich aus dem Zoo) wie von der leidenschaftlichen Perkussion-Pionierin nicht anderes erwartet von unkonventionellem wie die Spannung im oberen Level haltenden Beats dominiert werden, einem organischen Trommeln, Pochen, Schaben, Kratzen und Klopfen, das von einem wachen und vor allem offenen Geist zeugt, Karen Willems lässt die vertrauten Rhythmen aus der westlich geprägten Musik auf orientalische, asiatische und afrikanische Taktgebung und kunstvolle, atmosphärische Soundlandschaften treffen – was durchaus einem Risiko-behafteten Wagnis gleicht und in angestrengter Bemühtheit um Vielfalt münden kann, gelingt hier spielend, extrem gut hörbar und zeugt von großer experimenteller Kraft und Tiefgang.
Mehr Mut und der daraus resultierende grandiose tonale Wurf war lange nicht, spontan mag einem das erste This-Heat-Album in den Sinn kommen, sicher keine zu hohe Messlatte, wenn auch Hayward und Co. seinerzeit naheliegend im Kern noch mehr auf den Postpunk fixiert waren und einem eigensinnigen Freigeist wie Karen Willems gut vierzig Jahre später dieses Genre als Definition und Ausdrucksform ein viel zu eng gesteckter Rahmen ist.
„Color In The Zoo“ erscheint am 4. Mai als CD über 9000 Records beim belgischen Postrock/Ambient/Experimental-Label Consouling Sounds. Die LP-Version gibt es bei Vynilla Vinyl, wie Consouling Sounds in Gent ansässig.
(***** – ***** ½)

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Reingehört (449): Stony Sugarskull

Foto Stony Sugarskull © by Jean de Oliveira

Stony Sugarskull – Butterflies 7″ (2018, Self Release)

Begabt, klug, optisch ein Hingucker, augenscheinlich in der Pop-Sozialisation die richtigen Sachen gehört und zur Krönung auch noch selber mit exzellenter Musik am Start: Frau Dr. Monika Demmler hat die von der Schöpfung mitgegebenen Talente alles andere als verschwendet und das Optimale daraus gemacht, obviously. Die Lady mit der betörenden Aura ist kosmopolitisch in Los Angeles wie in Berlin beheimatet, hat in London in Philosophie über das Thema „The Healing Functions Of Music In Literature“ promoviert und bezaubert seit Anfang 2016 unter dem Alias Stony Sugarskull konzertant wie mit regelmäßigen Tonträger-Veröffentlichungen das geneigte Publikum.
Das tut Frau Doktor auch unvermindert mit ihrer jüngst erschienenen, mit Produzent Guido Wolter in der Bundeshauptstadt eingespielten neuen Self-Release-Single „Butterflies“: Schmetterlinge im Bauch mögen schon mal ihre Flügel schwingen ob den unterschwellig semi-erotischen Sirenengesängen, die Stony Sugarskull in Stimmlage und Gestus zwischen abgeklärt-verruchter/verrauchter Chanteusen-Kunst in der zweifelhaft beleumundeten imaginären Vaudeville-Bar und entwaffnender, Lolita-hafter Unschuld in das Mikro haucht, ähnlich berückend, wie es auch die ein oder andere Grande Dame der ausdrucksstarken weiblichen Sangeskunst von Nico/Christa Päffgen über Marianne Faithfull bis Hope Sandoval und Anita Lane zu pflegen weiß.
Gekleidet wird der ausgeprägte Vortrag in hypnotischen Neo-Desert-Blues, psychedelischen Shoegazer-Indie und dezent eingeworfene Gothic-/Postpunk-Zitate, mit einem untrüglichen Gespür für die originäre, bahnbrechende LoFi-Kunst des feinen Proto-Indie/Punk-Geschrammels vom Velvet-Underground-Debütalbum, das hier einmal mehr das Brian Eno zugeschriebene Statement „Everyone who bought one of those 30.000 copies started a band“ über den immensen, nachhaltigen und bis heute ungebrochenen Einfluss trotz kommerziellen Flops des vermutlich wichtigsten Pop-Albums mindestens der Musik-revolutionären Sixties unterstreicht – bei den 29.999 anderen reiht sich PhD Stony in allen Belangen bereichernd weit vorne mit ein. Verzauberter, gespenstisch schöner Indie-Wohlklang in Chanson-artiger Eleganz und traumwandlerischer Souveränität.
Die „Butterflies“-Single ist seit Anfang März bei allen bekannten Online-Streamern als Download erhältlich, guckst Du z.B. bei Bandcamp, wo sich auch die früheren tonalen Glanztaten von Stony Sugarskull finden.
Die Künstlerin arbeitet derzeit in L.A. an einem für Herbst geplanten Album, ausgedehnte US-/Europa-Tour soll folgen. Die Daumen sind für den Zwischenstopp München fest gedrückt.
(*****)

Raw By Peppers 로바이페퍼스 + Da Bang 大棒 @ Import/Export, München, 2018-04-13

Die Münchner Konzert-Reihe Comecerts, die vor kurzem auch für den Auftritt der grandiosen Postrocker Wang Wen 惘闻 aus Dalian verantwortlich zeichnete, hat sich der Vorstellung von vornehmlich chinesischen wie weiteren Bands aus der asiatischen Indie-Szene verschrieben, unter dem Motto „Comecerts are concerts to come to“ luden die beiden jungen Konzert-Impresarios Adam Langer und Jonas Haesner am vergangenen Freitagabend die südkoreanische Band Raw By Peppers 로바이페퍼스 und die Formation Da Bang 大棒 aus Beijing in die Zwischennutzungs-Gemäuer des Münchner Import/Export, die Show wurde Tags zuvor resp. darauf im Rahmen des Kulturaustauschs mit freundlicher Unterstützung des Konfuzius-Instituts auch in Augsburg und Ingolstadt präsentiert.
Zur Münchner Veranstaltung wurden – wie in dem Rahmen bereits gute Tradition – chinesische Snacks und hochprozentige Spirituosen gereicht, illuminiert und in einen Kunst-/Video-Installations-Rahmen gepackt wurden die Auftritte von NOT YET / TAM TAM Tanzlokal.

Alles andere als glücklos an diesem Freitag den 13. eröffnete das inzwischen in Berlin ansässige südkoreanische Trio Raw By Peppers 로바이페퍼스 den fernöstlichen Wochenausklang in der Import/Export-Kantine.
Nach anfangs zähem, mit fortschreitendem Abendverlauf gesteigertem Zuschauerzuspruch begeisterten die drei ursprünglich aus Seoul stammenden jungen Männer den gut gefüllten Saal mit ihren ausgeprägten musikalischen Können: über die Musiker der UK-Kult-Giganten von The Who merkte vor vielen Jahren ein Kollege verwundert an, sie würden alle nur Soli spielen und die Songs würden trotzdem als tonales Konglomerat funktionieren, ähnlich verhielt es sich bei den jungen Asiaten, die ihre Fertigkeiten inspiriert zu einer intensiven Postpunk-Hypnose bündelten, die gerne und wiederholt in Richtung runderneuerte Space- und Prog-Rock-Gefilde abdrehte, die Psychedelic nicht zu kurz kommen ließ und selbst für eine schöne Indie-Ballade Zeit erübrigte. Man ist geneigt, das exzellente, filigrane wie virtuose Bass-Spiel des ernsthaften Jinwoo „Baldy“ Lee über Gebühr herauszuheben, damit würde man jedoch der technischen Brillanz seiner Mitmusiker Lee Kwangmin an den Drums und Sänger/Gitarrist/Keyboarder Gim Gahohn kaum gerecht werden, zumal letztgenanntem auch noch das Kunststück gelang, sein nach eigenen Worten ausgeprägtes Faible für die notorisch überschätzten englischen Langweiler von Radiohead weitestgehend in seinen Electronica-Gimmicks zu verbergen, allein dafür tausend Dank.
Die drei Koreaner kennen sich seit ihrer gemeinsamen Universitäts- und Militär-Zeit, das mag als Background bis zu einem gewissen Grad die technische Exaktheit ihrer klanglichen Exerzitien erklären, dabei ist der ins Experimentelle driftende Indie-Rock von Raw By Peppers 로바이페퍼스 weit davon entfernt, seelenlos oder mechanisch kalt zu klingen.
Und mit etwas Glück klappt es dann auch hoffentlich mit diesem „Fuckin‘ Visa-Thing“ für einen längeren Aufenthalt in der Bundeshauptstadt, nicht zuletzt München könnte davon profitieren, die Anreise aus Berlin für das ein oder andere gern gesehene künftige Konzert der drei exzellenten Musikanten wäre allemal weitaus weniger zeitaufwändig als aus dem fernen Seoul.

„Also Sprach The King Of Eurodisco“ betitelte der deutschstämmige Australier und ex-Saints/Laughing-Clowns-Gitarrist Ed Kuepper vor über dreißig Jahren einen Song seiner feinen 1986er-Solo-Scheibe „Rooms Of The Magnificent“, am Freitagabend sprach oder vielmehr schwadronierte und beschwor die „Queen of China-Disco“ Pupi beim zweiten Münchner Konzert nach der 2015er-Premiere in der Südstadt vehement als Frontfrau der Pekinger Band Da Bang 大棒 zum Rumpeln ihrer musikalischen Begleiter, das Klangbild der in der chinesischen Indie-Szene längst etablierten Combo ließ sich weitestgehend angelehnt an die New-Wave-Disko-Beats jener Dekade tatsächlich in den Pop-musikalisch mitunter unseligen Achtzigern verorten, wo die Kollegen von Raw By Peppers 로바이페퍼스 zuvor die feine solistische Klinge führten, operierten Da Bang 大棒vornehmlich im Rhythmus-Modus, der Electro-/Underground-Clash mochte vor allem bei den Bewegungsdrang-Fanatikern unter den Konzertbesuchern tanzfreudig mitzucken lassen, wer bereits beim stumpfen Poltern des prägenden, originär 80er-Sounds seinerzeit obstinat die Nase rümpfte, wird wohl auch am Freitagabend mit der Chinesen-Disco nur schwer zurande gekommen sein, gleichwohl darf nicht unerwähnt bleiben, dass sich das Quartett stets um einen avantgardistischen Touch in der präsentierten Beschallung bemühte.

Der ost-westliche Kulturaustausch der Comecerts-Veranstalungsreihe geht bereits am 10. Mai im Münchner Import/Export in die nächste Runde, dann wird der charmante Indie-Gitarren-Pop der südkoreanischen Band Say Sue Me 세이수미 auf den Alien Transistor Soundclash treffen, den Mitglieder der Münchner Bands Le Millipede, 1115 und joasihno zum Vortrag bringen. Bereits am 6. Mai treten Say Sue Me 세이수미 im Grandhotel Cosmopolis in Augsburg auf.