Punk-Rock

Eine Kerze für Fred Cole

D for Disaster
E for my Eyes
A for my Anger
D before I die
(Dead Moon Night)

Fred is gone, and the Wind cries Dead in The Saddle: Bereits in den sechziger Jahren unterwegs mit Pop-, Sixties-Punk- und Psychedelic-Bands, an die sich heute kaum mehr wer erinnert, The Lords, The Weeds, am ehesten noch sind The Lollipop Shoppe geläufig, die an der US-Westcoast zahlreiche Anheizer-Gigs für die Doors und Janis Joplin spielten. Dazwischen eine von seinem Management geplante wie gefloppte Wunderkind-Karriere als Deep Soul Cole, der gute Fred verfügte zu der Zeit über ein weitaus breiteres Stimmvolumen als in späteren Jahren und sollte als weißer Gegenwurf zu Stevie Wonder aufgebaut werden.
In den Siebzigern ließ sich Fred Cole mit seiner Frau Toody in Portland nieder, spielte in einigen kurzlebigen Punk-Combos wie den Rats und King Bee und einer Country-Band namens Western Front, diese musikalischen Vorlieben sollte er dann mit seiner späteren, weitaus berühmteren Formation in Einklang bringen.
Seit 1987 war Cole unter dem Totenkopf-/Halbmond-Logo von Dead Moon zugange, dass auch auf seiner rechten Backe als Tattoo prangte, zusammen mit seiner Ehefrau Toody Cole am Bass und dem geistigen Ziehsohn Andrew Loomis an den Drums. Das Trio hat ab den späten Achtzigern bis weit in die Nuller-Jahre hinein die Bühnen dieser Welt gerockt, mit unbeschreiblich intensiven Konzerten, oft über mehrere Stunden, mit einer ureigenen Mixtur aus schrägem Garagen-Trash, verhautem Blues und gespenstischem Prärie-Country, auf die Spitze getrieben mit einer Uptempo-Variante des schnörkellosen Ami-Punk, roh, wild, dreckig und enthusiastisch, so, wie Rock’n’Roll im Idealfall eben klingen sollte, direkt von der Bühne herunter mitten ins Herz hinein.
Ihre in Mono aufgenommenen Alben vertrieb die Band über den eigenen Tombstone-Records-Laden in Portland, der Legende nach kaufte Wipers-Chef und Ortsnachbar Greg Sage dort ab und an seine Gitarren-Saiten.
Dead Moon haben zu Beginn ihrer jahrzehntelangen Karriere reihenweise bekanntere Bands bei gemeinsamen Gigs an die Wand gespielt und so einen völlig gerechtfertigten Ruf als exzellente Live-Band fundiert, das jährliche Gastspiel in der Stadt war für viele Fans traditioneller Pflichttermin, mehr Live-Energie war selten zu verspüren als bei einem der zahllosen, schweißtreibenden Auftritte der glorreichen Drei, dieser Magie nachzuspüren ist auf den hervorragenden Konzert-Alben der Band, „Live Evil“ (1991), „Hard Wired In Ljubljana“ (1997) oder der Archiv-Veröffentlichung „Live At Satyricon“ (2015) wie auch in der sehenswerten Film-Doku „Unknown Passage: The Dead Moon Story“.
Dead Moon lösten sich 2006 auf, das vom Ehepaar Cole mit Drummer Kelly Halliburton betriebene Nachfolge-Trio Pierced Arrow konnte hinsichtlich Songmaterial und Live-Vehemenz nie an frühere Glanzzeiten heranreichen, das mochte zu weiten Teilen auch am neuen Trommler liegen, der dem 2016 verstorbenen Schlagzeug-Tier Andrew Loomis in keinster Weise das Wasser reichen konnte.
Im Frühjahr waren Fred und Toody Cole als Duo nochmals mit ihrem umfangreichen Song-Katalog auf Europa-Tour, ein würdiger wie ergreifender letzter Vorhang in Sachen eigene Band-Historie, der viele dankbare wie verheulte DM-Fans zurückließ.
Thematisch haben sich Dead-Moon-Songs seit jeher mit dem Ableben auseinandergesetzt, Titel wie „In The Graveyard“, „Dead In The Saddle“ oder die Band-Hymne „Dead Moon Night“ sprechen dahingehend Bände.
Vergangenen Donnerstag hat der einzigartige Fred Cole ein letztes Mal seinen verranzten Hut genommen und ist nach einem erfüllten Rock’n’Roller-Leben in die ewigen Jagdgründe eingegangen. Er wurde 69 Jahre alt.

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Reingehört (378): Hüsker Dü

„On many levels Hüsker Dü never let anyone catch their breath. The band’s songs were unbroken walls of speed and noise; in concert they played number after number without any breaks in between; they recorded new albums just as the previous one was coming out. The band was in a headlong rush toward a lofty peak, and it was hard not to get swept up in the quest.“
Michael Azerrad, Our Band Could Be Your Life, Scenes From The American Indie Underground 1981 – 1991, Chapter 5, Hüsker Dü)

Hüsker Dü – Savage Young Dü (2017, Numero Group)

Das verfrühte Weihnachts-Paket für alle Hüsker-Dü-Fans oder „Ground Zero“ einer der vermutlich weltbesten, begnadetsten, wegweisendsten Combos ever – die verpönten Achtziger haben sie hinsichtlich Beschallung in jedem Fall maßgebend mitgerettet: 69 ordentlichst restaurierte Songs aus dem Band-Fundus aus der Frühphase der 80er-Indie-/Hardcore-Heroen ab den ersten Auftritten Ende der Siebziger im heimatlichen Minneapolis, jugendliche Verzweiflung und Wut in 69 Überschall-Miniaturen gegossen, der weitaus größte Teil der Titel bis dato unveröffentlicht, inklusive einem neuen Mix der ersten Studio-LP „Everything Falls Apart“, alternativen und bei Weitem besser klingenden Konzert-Mitschnitten zur Setlist des Live-Debüts „Land Speed Record“, zahlreichen weiteren Proberaum-, Session- und Konzert-Aufnahmen, einer Coverversion des Ramones-/Richard-Hell-Klassikers „Chinese Rocks“ und mit „Don’t Have A Life“, „M.T.C.“ und „Let’s Go Die“ die wenigen Kompositionen von Bassist und Kaiser-Wilhelm-Bartträger Greg Norton, der nach dem Band-Split 1988 und einem weiteren kurzen Engagement bei der weithin unbekannten Combo Grey Area für viele Jahre auf Musik überhaupt keine Lust mehr hatte und stattdessen zusammen mit seiner Frau erfolgreich ein Speise-Restaurant betrieb. Für geschätzte 99% des Hüsker-Dü-Songwritings zeichneten Gitarrist/Sänger Bob Mould und Drummer/Sänger Grant Hart in paritätischer Manier verantwortlich, bei den Hardcore-Lennon-McCartney-Tondichtungen rückte der melodischere Indie-/Byrds-Folk-/Noise-Pop-Ansatz Harts mit den Jahren immer mehr in den Vordergrund, für Hüsker-Novizen sei zum Einstieg das letzte SST-Album „Flip Your Wig“ (1985) oder das Warner-Debüt „Candy Apple Grey“ aus dem folgenden Jahr empfohlen, bei entsprechend offenen Ohren wird die Sucht sowieso schnell nach mehr Stoff verlangen, das Material der hier besprochenen Sammlung ist für’s Erste weit mehr tauglich für die beinharten, altgedienten Hüsker-Junkies, die ansonsten eh schon alles von der Band und den nachfolgenden Solo-Alben der Musiker im Schrank stehen haben.
Die in späteren Jahren zur Formvollendung entwickelte, geniale Mixtur aus Speed-Punk, Psychedelic, übersteuertem Indie-Rock und einer überwältigenden, wunderschönen, Erfurchts-gebietenden Pop-Melodien-Vielfalt zwischen Folk-Rock und Best-Of-Beatles lässt sich immerhin in der in Kleinstauflage veröffentlichten 1982er-Single „In A Free Land“ oder dem frühen Band-Klassiker „Diane“ erahnen, die allermeisten Werke sind wie nicht anders zu erwarten im gehetzten Uptempo-US-Hardcore in der Gangart der ersten offiziellen Aufnahmen des Trios ab 1982 gestrickt, nach dem in den Achtzigern und bis heute herausragenden Songwriting von Perlen aus der späteren SST-Phase oder den finalen Warner-Alben sucht man hier weitestgehend vergeblich, Freunden des Ami-Speedcore wird dieser Umstand herzlich egal sein.
Greg Norton ist seit einiger Zeit wieder in der Indie-Szene aktiv, 2016 ist er als Bassist bei der Combo Porcupine eingestiegen. Bob Mould war nach dem Hüsker-Dü-Split einige Jahre beim Major-Label Virgin Records unter Vertrag, wo er 1989 sein Solo-Debüt „Workbook“ veröffentlichte, seither hat er unter eigenem Namen und mit dem Trio Sugar eine ganze Ladung an hörenswerten Alben auf den Markt gebracht, zuletzt „Patch The Sky“ im vergangenen Jahr. Zusammen mit dem Autoren und Musik-Journalisten Michael Azerrad hat Mould 2011 seine lesenswerte Biografie „See a Little Light“ publiziert.
Grant Hart hat nach Auflösung der Stammband exzellente Solo-Alben wie „Intolerance“, „Hot Wax“ oder „The Argument“ und Arbeiten mit seiner Band Nova Mob veröffentlicht, die vom Indie-Publikum sträflichst vernachlässigt wurden. Im vergangenen September ist er viel zu früh auf die letzte Reise gegangen.
Der Monolith „Savage Young Dü“ kommt als 3-CD-/4-LP-Box am 10. November, mit beigelegtem Buch über die Band-Historie, mit unveröffentlichten Fotos, „Flyerography“ & „Sessionography“. Ein Teil des Weihnachtsgeldes ist somit schon verplant, alles andere makes no sense at all
(*****)

Reingehört (373): Protomartyr, The Pack A.D.

The Pack A.D. – Dollhouse (2017, Cadence Music)

Knappe halbe Stunde Gehörgänge durchpusten mit Becky Black und Maya Miller, die Ladies aus Vancouver lassen mit ihrem Duo The Pack A.D. auch auf ihrem siebten Longplayer keine Wünsche offen hinsichtlich Trash, Punkrock, Spaß haben.
Die Puppen tanzen im „Dollhouse“ zum bewusst simpel gehaltenen wie gewohnt effektiv abrockenden Garagen-Uptempo-Anschlag und den fräsend-schneidenden Trash-Gitarren, darüber singt Mrs Black ihre von jugendlicher Energie und Pop-Appeal befeuerten Punk-Arien, damit die Sause nicht zu eindimensional daherkommt, würzen die Mädels den rohen Teig mit allerlei stumpf-stoischem Postpunk-Dröhnen, schwergewichtigem Retro-Brachial-Blues, psychedelischem Gefunkel und LoFi-Geschrammel.
Mag in der Tonkonserve nicht ganz an die furiosen Live-Darbietungen der beiden jungen Kanadierinnen herankommen, vermittelt aber eine mehr als nur ungefähre Ahnung der ungebändigten Energie eines Pack-A.D.-Konzerts, zum Abhotten und Rumzappeln in der heimischen Butze taugt’s in jedem Fall uneingeschränkt.
(**** ½)

Protomartyr – Relatives In Descent (2017, Domino)

„It blooms at night“: Machte möchte meinen, der schwer ins Retrospektive neigende Postpunk der Ur-Märtyrer um Frontmann Joe Casey würde sich irgendwann totlaufen, tut er aber auch auf dem inzwischen vierten Longplayer der Combo aus Motorcity Detroit/Michigan in keinster Weise, ganz im Gegenteil, eindrücklicher aufgebäumt haben sich Protomartyr seltener als auf dem Ende September erschienenen, aktuellen Machwerk „Relatives In Decent“. Die kürzlich stattgefundene Kollaboration mit der legendären Pop Group anlässlich des 40-jährigen Label-Jubiläums von Rough Trade mag da seine Spuren hinsichtlich neuer Einflüsse und Weiterentwicklung hinterlassen haben. Casey ist weit davon entfernt, den lakonischen, latent angelaschten Vorsteher zu geben, den er beim letzten München-Konzert zelebrierte, und so kommen die zwölf neuen Titel mit einer ergreifenden Leidenschaft wie Schärfe, die am engagierten Vokalvortrag zwischen strammer, wütender, mitunter sarkastischer Ansage und latenter Verzweiflung festzumachen sind wie im von abgehackten Riff-Attacken, stürmischen Gitarren, schneidendem Postwave-Drive, dunkler, unterkühlter Downtempo-Balladenkunst und dröhnenden Bässen geprägten Sound der unwirtlichen Großstadt-Nacht, den die Band hier mustergültig im Geiste von Säulenheiligen wie Ian Curtis oder Mark E. Smith zur Formvollendung bringt.
Wie es sich für besorgte US-Bürger dieser Tage ziemt, wird in den Texten unverblümt gegen den Trottel im Weißen Haus, „alternative“ Fakten-Lagen, den Verfall von Sitten und Kultur und den weißen Führungsanspruch schwadroniert, selten war die Band politischer, auch dahingehend weht ein frischer Geist durch den aktuellen Tonträger.
Protomartyr stellen auf „Relatives In Descent“ die richtigen Fragen, liefern die entsprechenden Antworten in Form eines rundum gelungenen, düsteren Soundtracks zu den Verwerfungen dieser Welt, und damit ihr bis dato reifstes Album, wer hätte das gedacht…
(*****)