Punkrock

Konzert-Vormerker: Mucha

Erstmals auf kurzer Deutschland-Tour, dank den Betreibern der Münchner Polka Bar demnächst auch an den Gestaden der Isar-Metropole zugange: das tschechische Quartett Mucha aus Brno, big in Böhmen und Mähren, hierzulande (noch) ein Geheimtipp.
Frontfrau Nikola Muchová und ihre drei Jungs etikettieren ihre Spielart des slawischen Underground-Rabaukens als Femipunk, eine überaus gelungene Mixtur aus schnörkellosem Punkrock, Elementen des Chanson und flottem, angeschrägtem Indie-LoFi-Lärmpop, die sich mittlerweile auf drei veröffentlichten Longplayern der Combo findet und zu der Frau Muchová ihre alles andere als konventionellen Geschichten von unterdrückten Minderheiten, männlicher Inkompetenz, dem Leben in Brünn, Alkohol-bedingten Total-Ausfällen und dem Schweinebraten-Rezept ihrer Oma zum Besten gibt.
Wenn das Konzert in der Polka nächste Woche nur halb so gut wird wie tschechische Braten-Gerichte (schwer vermutlich auch das von der Großmutter) und die zwingend dazugehörigen Schwarzbiere gemeinhin munden, dann wird’s wohl richtig gut. Die Bühnenpräsenz der Band soll dem Vernehmen nach atemberaubend sein und energetisch frontal schwerst nach vorne abgehen, tschechisches Craft-Bier von Pivovar Hangár wird an dem Abend zusätzlich durch den Zapfhahn am Tresen im Gewölbe der Polka Bar fließen, was will frau/man mehr: In diesem Sinne Prost, na zdraví und fröhliches FeministInnen-Abpogen!

Mucha, Polka Bar, Pariser Straße 38, Eingang Gravelottestraße, München, 4. Oktober 2018. 20.00 Uhr.

Reingehört (485): Statues

Statues – Adult Lobotomy (2018, Crazysane Records)

Was man halt so treibt, wenn man das schwedische Mittsommer-Idyll aus der heilen Lindgren-Welt, das stinkende Gammelfisch-Gericht Surströmming und die alljährliche Mückenplage über hat: Verziehen in den Übungsraum und in zwei Tagen ein dickes Post-Punkrock-Brett gebohrt, was schon mal beste Haltungsnoten hinsichtlich Spontanität und effektives Werkeln in der Garage bringt – „Adult Lobotomy“, das in wenigen Sessions entstandene Debütalbum des Trios Statues aus dem nordschwedischen Umeå, demnächst auf die Welt losgelassen zur Erbauung der feinschmeckenden, Rockmusik-konsumierenden Hörerschaft in nah und fern.
Johan Sellman, Calle Svedjehed und Magnus Örberg haben das Handwerk in der Vergangenheit bei Combos wie Starmarket, KVLR und The Vultures gelernt und waren offensichtlich vor allem in ihrer musikalischen Sozialisation beileibe nicht den schlechtesten Einflüssen ausgesetzt.
Bass, Gitarre, Schlagzeug, die heilige Dreifaltigkeit des Rock’n’Roll im Spirit der Urzeiten des Postpunk und der ungebändigten, ungefilterten Do-It-Yourself-Mentalität der Ami-Bands aus der Achtziger-Dekade, über die der renommierte US-Musik-Journalist Michael Azzerad mit „Our Band Could Be Your Life“ ein ganzes Buch herausgehauen hat, großartiges Zeug von Mission Of Burma über Hüsker Dü bis Dinosaur Jr, you name it, Statues sind da ohne Zweifel durch die gute Schule des Alternative Rock gegangen und verstehen es meisterhaft, den krachenden Indie-Noise, ihr Gespür für berauschende, energetische, herzhaft zugreifende Melodik und resolute, mitunter hymnische Punk-Gesänge zu einem brodelnden Gebräu mit scharfen, schneidenden Gitarren, stoischen, nach vorne treibenden Beats und einer darin mitschwingenden Ahnung von Großstadt-Romantik, dramatischen Momenten und gezügelter, kontrollierter Aggression einzukochen.
Statues lassen mit „Adult Lobotomy“ mindestens das Herz all jener höher schlagen und überdimensional weit werden, die Grunge bereits vor dem Grunge-Hype zu schätzen wussten und wegbereitenden Bands wie den Wipers, Dead Moon oder den Screming Trees noch weit vor aberntenden Abgreifern der Pionier-Arbeit wie Nirvana oder den notorisch überschätzten Pearl Jam ein Denkmal setzen oder mit ihnen die Hall of Fame bevölkern würden. Und alle Nachgeborenen, denen der Sinn nach unverbrauchtem Indie-Rock und Postpunk steht, sollten selbstverständlich auch ihren Schädel in den Sturm und ihre Lauscher hineinhängen in die acht kurzen, druckvoll auf den Punkt gespielten Debüt-Kracher der Skandinavier.
„Adult Lobotomy“ erscheint am 23. November beim Berliner Indie-Label Crazysane Records. The Pre-Order-Bazar is open, neben der CD-Ausgabe gibt es eine streng limitierte, Hand-nummerierte LP-Auflage in wahlweise schwarzem oder transparentem Vinyl – greife beherzt zu, alter Schwede (junge Schwedinnen selbstverständlich auch).
(*****)

Soundtrack des Tages (196): Blyth Power

„It’s Cricket, Jim, but not as you know it!“

Der sonntägliche Weckruf mit „Goodbye General“ von der britischen Combo Blyth Power, die 1983 von Drummer/Sänger Joseph Porter ins Leben gerufen wurde, einzige personelle Konstante der Band und ex-Mitglied der südenglischen Anarcho-Punk-Bands Zounds und The Mob. Blyth Power pflegen bis heute einen zünftigen und gut ins Ohr gehenden Crossover-Mix aus strammem Punkrock und englischem Folk, Buzzcocks meet Fairport Convention, so to speak. „Goodbye General“ findet sich auf dem 1986er-Debüt-Album „Wicked Women, Wicked Men And Wicket Keepers“ (All The Madmen Records) und in einer ersten, unausgereiften, weitaus weniger dynamischen Roh-Fassung auf dem Blyth-Power-Tape-Release „A Little Touch Of Harry In The Night“ (1985, 96 Tapes / Demo Tapes Records).
Die Band veranstaltet seit Jahrzehnten regelmäßig im August das „Blyth Power Ashes“-Festival, seit 2015 in Longdon/Tewkesbury/Gloucestershire, neben eigenen Gigs und zahlreichen weiteren Auftritten von befreundeten Folk-, Punk-, Blues- und Indie-Bands ist das alljährliche Cricket-Match zwischen Bandmitgliedern und deren Angehörigen Highlight der viertägigen Open-Air-Veranstaltung.