R.E.M.

Soundtrack des Tages (168): Age Of Chance, Hindu Love Gods

Nachschlag zum Prince-Special von Stefan vom vergangenen Freitag: Der Kuss vom Prinzen in der Version der nordenglischen Electro-Indie-Spaßvögel Age Of Chance. Plus der Prince-Hit „Raspberry Beret“ in der Bearbeitung der Hindu Love Gods, vom einzigen, selbstbetitelten Album (1990, Giant / Reprise) des R.E.M.-Seitenprojekts mit dem leider auch viel zu früh dahingeschiedenen, großartigen Warren Zevon.

Lost & Found (8): Where The Pyramid Meets The Eye

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„About the album’s title, I’ll never forget the time all those years ago when I asked Roky what psychedelic music was. Ever the gentlemen, Erickson looked at me with shining eyes and said, „Don’t you know, man? That’s where the pyramid meets the eye.“ You’re right, Roky, and you’re the person who put it there.“
(Bill Bentley)

„…there are a several moments of very real beauty and power here, especially from the artists who share Erickson’s Texas heritage — Doug Sahm and ZZ Top rock out on their contributions, the Butthole Surfers‘ version of ‚Earthquake‘ is one of their finest moments on wax, and T-Bone Burnett’s take on ‚Nothing in Return‘ is a heart-tugging gem.“
(Mark Deming, allmusic.com)

„The Syd Barrett of Texas.“
(Joe Nick Patoski, No Depression)

Various Artists – Where The Pyramid Meets The Eye: A Tribute To Roky Erickson (1990, Sire)
Gab mal eine Welle Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger, in deren Flut wurden alle möglichen Größen und auch das ein oder andere kleinere Licht der Populären Musik mit Werkschau-artigen Tribute-Werken bedacht, Coverversionen der jeweiligen „Greatest Hits“, eingespielt von musizierenden Fans und Genre-verwandten Künstlern, Weggefährten und auch ein paar Verirrten, die man mit dem gewürdigten Star oder der Band im Einzelfall nie und nimmer in Zusammenhang gebracht hätte.
Schöne Sammlungen gab’s da, „The Bridge: A Tribute To Neil Young“ (1989, Caroline) etwa, mit dem die Creme der damaligen Indie-Szene auch gleich noch etwas Münzen für Pegi Young’s Bridge School für Kinder mit Behinderungen sammelte, oder „I’m Your Fan: The Songs of Leonard Cohen“ vom französischen Oscar-Label aus dem Jahr 1991 zur Würdigung des kürzlich verstorbenen kanadischen Songwriters. Einiges ging auch grob in die Binsen, Bands wie XTC, die Membranes oder That Patrol Emotion konnten nur scheitern an der singulären Genialität eines Don Van Vliet aka Captain Beefheart, hinsichtlich der drei Teile der „Heaven & Hell“-Serie als Verneigung vor den Werken der Velvet Underground herrschte auch nicht eitel Sonnenschein, zuviel Ausschuss tummelte sich zwischen wenig Gelungenem, wer aber uneingeschränkt mit erbaulichen bis begnadeten Fremd-Interpretationen des eigenen Werks in das Bewusstsein der Hörerschaft zurückgezerrt wurde, war Psychedelic-/Garagen-Rock-Gott Roky Erickson, „Where The Pyramid Meets The Eye“ ist bis dato eines der gelungensten und anrührendsten Exemplare dieser Tribute-Sampler-Gattung.
Produziert und zusammengestellt hat das gute Teil der Journalist, ZZ-Top-Spezi und „Music Industry Executive“ Bill Bentley, der wie Roky Erickson aus Texas stammende Geschäftsmann versammelte eine illustre Musikantenschar zur Neueinspielung der Erickson-Solo- und 13th-Floor-Elevators-Perlen des Psychedelic-Rock-Pioniers.
Wenn man mit den Rauschebärten persönlich so dicke ist, spricht nichts gegen eine Eröffnung des Reigens mit dem Elevators-Kracher „Reverberation (Doubt)“ durch ZZ Top im treibenden Bluesrock-Gewand, die Nummer taucht abschließend in selbstredend mutierter Form von den schottischen Noise-/Indie-Rockern Jesus & Mary Chain dargeboten noch einmal auf. Aus dem Fundus der 13th Floor Elevators bedienen sich unter anderem Dough Sahm mit „You’re Gonna Miss Me“, Primal Scream mit einer gelungenen Rave-Adaption von „Slip Inside This House“ und die geistesverwandten Weirdos von den Butthole Surfers mit der entfesselten, wie für sie geschriebenen „Earthquake“-Nummer.
Dass der in seinem Leben phasenweise von Schizophrenie geplagte Roky Erickson als Solokünstler verdienten Kult-Status erlangte, belegen Solo-Alben wie der mit dem Creeedence-Clearwater-Revival-Bassiten Stu Cook eingespielte 1980er Meilenstein „I Think Of Demons“ (CBS) oder seine „Halloween“-Live-Aufnahmen Ende der Siebziger mit den Explosives, bei der Neubearbeitung von Werken aus dieser Ära tun sich auf dem Tribute-Album vor allem Julian Cope mit einer treibenden Prog-/Rave-Version von „I Have Always Been Here Before“ und R.E.M. mit Byrds-artigem Gitarren-Geschrammel in „I Walked With A Zombie“ hervor, die Truppe um Michael Stipe nimmt der Nummer zwar jegliche Schärfe, arbeitet aber dafür nicht geahnte, große Pop-Momente heraus. T-Bone Burnett und Bongwater glänzen mit ureigener Balladen-Kunst in „Nothing In Return“ und „You Don’t Love Me Yet“, John Wesley Harding verbrät „If You Have Ghosts“ zu grundsolider Indie-Rock-Intensität. Mit „Red Temple Prayer (Two Headed Dog)“, „Don’t Slander Me“ und „Burn The Flames“ treiben Sister Double Happiness, Lou Ann Barton und die großartigen Thin White Rope ihr jeweils eigenes Spiel in Sachen Blues-infizierter Garagen-Trash, in allen drei Fällen mit individueller Note versehen und im Resultat mehr als hörenswert.
Die Vinyl-Ausgabe des Tonträgers enthielt drei zusätzliche Stücke von den Angry Samoans („White Faces“!), den Lyres und The Mighty Lemon Drops.
Eine formvollendete, gelungene und stimmige Verneigung vor einem der ganz Großen der amerikanischen Rockmusik, der in erster Linie von allem zuviel abbekommen hat, zuviel Irrsinn, zuviel bewusstseinserweiternde Drogen, zuviel Medikamenten-Missbrauch, zuviel Aufenthalte in Hospitälern, zu viele Horror-Filme auf zu vielen Bildschirmen gleichzeitig, bedauerlicherweise nicht zuviel vom Ruhm, der einem wie Roky Erickson im Musik-Business einer besseren Welt zuteilgeworden wäre.
(*****)

Reingehört (105)

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Wrekmeister Harmonies – Night Of Your Ascension (2015, Thrill Jockey)
JR Robinson aus Chicago/Illinois hat wie in den Jahren zuvor mit ‚You’ve Always Meant So Much To Me‘ (2013) und ‚Then It All Came Down‘ (2014, beide Thrill Jockey) erneut eine grandiose, markerschütternde Großtat vollbracht. Wie auf den Vorgängerwerken nimmt er sich auf ‚Night Of Your Ascension‘ viel Zeit für die Entfaltung des finalen Dark-Drone-Metals, das Titelstück präsentiert in 32 Minuten seine ganze Pracht, beginnend mit meditativem Ambient-Drone, ätherischen Gesängen, sakral-getragener Neo-Klassik, ergänzt um düstere Trauer-Chöre, strebt die Nummer ihrem brachial-tonalen Ausbruch in Form metallisch-harter, Postrock-instrumentaler Intensiv-Ausbrüche entgegen, gleichzeitig Höhepunkt und Schluss eines erschütternden Sound-Trips, der dem geneigten Hörer einiges an Konzentration abverlangt, ihn letztendlich aber beglückt und reich beschenkt in die 16-minütige Nummer „Run, Priest, Run“ übergibt, in der der Meister aufgrund der verkürzten Laufzeit in Sachen Industrial/Drone/Post-Metal wesentlich weniger episch, deutlich druckvoller auf den Punkt kommt.
Das Titelstück basiert auf dem Madrigal “Ahi Dispietata e Cruda” des italienischen Spät- Renaissance-Komponisten Carlo Gesualdo (1566 – 1613).
Mitgewirkt haben auf dem diesjährigen Wrekmeister-Harmonies-Wunderwerk unter anderem Größen wie Alexander Hacke von den Einstürzenden Neubauten, die Experimental-Harfenistin Mary Lattimore und der Come-Gitarrist Chris Brokaw.
Kaum jemand hat in den vergangenen Jahren meditative Stille und Kontemplation effektiver, exzellenter und mitunter auch verstörender mit der geschliffenen Härte/Brutalität des Post-/Doom-Metal im Geiste von Bands wie Sunn O))), Earth oder Godflesh gepaart als JR Robinson aka Wrekmeister Harmonies.
(*****)

Peter Buck – Warzone Earth (2015, Mississippi / Cargo Records)
Peter Buck singt davon, dass er sein Leben hasst und die Art, wie er es lebt, dabei sollte er mehr als glücklich sein dieser Tage, ist ihm doch mit ‚Warzone Earth‘ ein recht trashig-schepperndes Garagen-Rock-Teil gelungen, in denen er die Lehren aus seiner gemeinsamen Baseball-Project-Zusammenarbeit mit Steve Wynn zieht und auf dem er dem geneigten Hörer beweist, dass er im Kontrast zum Weichspüler-Sound seiner dahingeschiedenen Stamm-Kapelle R.E.M. nicht verlernt hat, wie man stramm in die Gitarren-Saiten greift.
Angereichert wird der Lieder-Reigen mit Studenten-Radio-tauglicher Folk-Psychedelic, die es in der Garagenrock-Rumpelkammer mitunter recht genehm spucken lässt.
(****)

Guided By Voices – Briefcase 4: Captain Kangaroo Won the War (2015, Guided By Voices)
22 Stücke zwischen 0:50 und 2:32 Minuten Laufzeit als Konzentrat aus der 4-Disc/100-Stücke-Outtakes-Sammlung ‚Suitcase Four‘ (2015, Guided By Voices) der LoFi-Indie-Pioniere, aus der Band-Historie zwischen 1992 und 2012, in denen Robert Pollard und Co. in jeweils knapp bemessenen, einzelnen Indie-Rockern und obskuren LoFi-Übungen oft mehr Ideen-Vielfalt kreieren als so manche Kollegen in der kompletten Longplayer-Distanz.
(****)

The Most Serene Republic – Mediac (2015, Fontana North)
Viertes Volle-Länge-Album der Indie-Pop-Kanadier aus Milton/Ontario, seit dem schönen 2005er-Arts-&-Craft-Debüt ‚Underwater Cinematographer‘ aus dem Broken-Social-Scene-Umfeld hat sich im Sound des Sextetts auch nach vierjähriger Pause erstaunlich wenig verändert, verspielter, vertrackter, an manchen Stellen das Verkopfte etwas überstrapazierender Indie-Wohlklang schmeichelt sich wie gehabt ins Ohr. Schimpft sich „Baroque Pop“, sowas, im Fachjargon, und gestaltet sich über weite Strecken doch angenehmer als diese schwülstig anmutende Bezeichnung befürchten lässt…
(*** 1/2 – ****)

Jason Boland & The Stragglers – Squelch (2015, Proud Souls Entertainment / Alive)
Hardcore Honky Tonk Country aus Stillwater/Oklahoma, kompromisslos mit Pedal-Steel und Fiedel zugange, den ein oder anderen Country-Rocker und Tränen-Zieher im Repertoire, und ganz ehrlich, was soll man auch groß Argumente gegen eine Band suchen, die so schöne Titel wie „I Guess It’s Alright To Be an Asshole“ am Start hat?
(****)