Rap

Reingehört (440): Moodie Black

„Brilliant and formidable.“
(Noisey)

„Less Rap and more something else.“
(Last.FM)

Moodie Black – Lucas Acid (2018, Fake Four Inc.)

Lassen wir die Künstler zur Beschreibung ihrer Crossover-Ton-Kunst eingangs selbst zu Wort kommen, auch wenn’s letztendlich nur für das Rauspoltern eines gern verwendeten Kraftausdrucks gut ist: „Nu rap from the drippings of whatever the fuck you want to call it“. Haut einen auch nicht unbedingt vorwärts in der Taxierung des „Rap Gaze“ von Transgender-Musiker Chris Martinez/K.death und dessen Gitarristen-Kompagnon Sean Lindahl, deren Verbindung seit der gemeinsam verbrachten Kindheit in der Wüste Arizonas besteht und 2012 in Los Angeles im Anstarten des gemeinschaftlichen Duo-Betriebs Moodie Black mündete.
Mit „Lucas Aid“ veröffentlichen die beiden Outsider-Künstler Anfang April ihr erstes Volle-Länge-Album seit vier Jahren, und damit wird um einiges deutlicher, wo im expliziten Rap der US-amerikanischen Soundpioniere der Bartel den Most holt.
Der Spoken Word Flow der beiden Wahl-Kalifornier zieht seine Spannkraft aus einem weitaus größeren Fundus an unorthodoxen Einflüssen als den herkömmlichen dumpfen, monotonen Beats und der Rhythmik des Hip-Hop-Sprechgesangs, die längst ausgetretenen Pfade der schwarzen Ghetto-Subkultur verlassen Martinez und Lindahl von einem experimentellen Impetus getrieben hinein in ein weites Feld aus Noise- und Industrial-Drones, artifizieller Triphop-, Ambient-, Trance- und Abstrakt-Electronica und fieser, dunkler Gitarren-Riffs. Der mitunter latent bedrohliche, von einer schwer zu greifenden, kaum konkret festzumachenden Endzeitstimmung geprägte, diffuse Grundton erfährt Milderung, Erweiterung, Kontra-Punkt durch eine durch die digitale Mühle gedrehte, gebrochen-melodische Shoegazer-Ästhetik, hypnotische, verzerrte Synthie-Flows, geloopte Wiederholungs-Schleifen und Spoken-Word-/Field-Recording-Samplings, ein faszinierendes wie unkonventionelles Konglomerat, das den schwarzen Groove in Richtung Elektro-Trash, weirde Freak-Kunst, kompromissloses Underground-Statement treibt.
So, wie die Sleaford Mods vor einiger Zeit dem britischen Punk-Rock neues Leben mithilfe digitaler Samplings und wütendem, Stakkato-artigem Working-Class-Schwadronieren gegen Krone, Kirche, Konservative einhauchten, befreien Moodie Black den Rap durch ihren erratischen, mit den Elementen des Atonalen spielenden, in jedem Fall ansprechend-faszinierenden Hip-Hop/Electronica/Noise-Hybrid aus einem starren, festgezurrten Korsett und geben so der Spoken-Word-Kunst aus den Brennpunkten der amerikanischen Metropolen einen breiteren tonalen Rahmen zum Ausformulieren der Gedanken zur eigenen Identität und Paranoia.
„Lucas Aid“ erscheint am 6. April beim US-Indie-Label Fake Four Inc.
(*****)

Reingehört (432): Arms And Sleepers

„As [Vaclav] Havel writes, „All my life I have simply believed that what is once done can never be undone and that, in fact, everything remains forever. In short, Being has a memory.“ Our collective memory — in small town venues in Latvia, unmarked industrial spaces in Hong Kong, or DIY parties in abandoned buildings in Guatemala — is something that we cherish with deep gratitude. FIND THE RIGHT PLACE has many themes flowing throughout it, but the most important one is that of the underground spirit which fuels our independent culture and thinking.“
(Mirza Ramic)

Arms And Sleepers – Find The Right Place (2018, Pelagic Records)

Sad Hop, Trip Hop, Hip Hop, Colin Moulding/XTC würde wahrscheinlich anmerken „Life Begins At The Hop“: Diffus und doch irgendwo locker-flockig und frisch von der Leber weg groovend kommt er einmal mehr daher, der aus dem Postrock entfleuchte Electronica-Flow des Duos Max Lewis und Mirza Ramic aka Arms And Sleepers, die Mannen aus Boston bzw. Portland haben in 11 Jahren gemeinsamer Historie bis dato 26 Longplayer und EPs veröffentlicht, mit unterschiedlichsten Musikern wie Tom Brosseau, Philip Jamieson oder Serengeti kollaboriert und unter anderem Arbeiten der Ostküsten-Postrock/Postmetal-Institution Caspian remixt, trotz beeindruckender und kaum mehr überschaubarer Quantität ohne qualitative Abstriche, mit „Find The Right Place“ bleiben sie dahingehend weiter unbeirrt verlässlich in der Spur. Die instrumentalen, engen Grenzen des Postrock in Form von auftürmenden Gitarrenwänden und wuchtigen Trommelschlägen haben Arms And Sleepers längst in Richtung Club-tauglichen Ambient-Trance, abstrakte Electronica-Drones, Spoken-Word-Field-Recordings, cineastische Klanglandschaften und eine an die monotonen Beats des Hip Hop angelehnte Rhythmik verlassen, auf dem neuen Album zelebrieren die beiden Klang-Tüftler ihre transformierten Tondichtungen mit Unterstützung der kalifornischen Underground-Hip-Hop-Musikerin Amber Ryann und dem in Berlin ansässigen Rap-Texaner Bryan Rodecker aka Infidelix nebst anderen in locker swingender wie gleichsam gewichtiger Trance-Verspieltheit, die in einem komplexen Gelichter via Sampling und Loops den Sonnen-durchfluteten Easy-Listening-Sing-Sang aus Bollywood-Soundtracks genauso zitiert wie unvermittelt und wiederholt den hypnotischen, frei drehenden Post-Space mit hartem, Straßen-tauglichen Rap kollidieren lässt.
Das exzellent produzierte und gemixte Album „Find The Right Place“ erscheint am 18. April beim Berliner Independent-Label Pelagic Records. Feine Aussichten. Weitaus weniger erfreulich gestaltet sich der Umstand, dass Arms And Sleepers bisher für das im Mai anberaumte Dunk!Festival nicht auf der Line-Up-Liste berücksichtigt wurden, in den vergangenen Jahren war es guter Brauch des Duos, mit dem jeweils vorletzten Gig des Postrock-Gipfeltreffens im belgischen Zottegem dem tanzlustigen Volk mittels High-Energy-TripHop-Groove nebst stimmigen Videoinstallationen vor dem großen Finale die Fußsohlen zu befeuern – da heuer neben den Headlinern Russian Circles, CaspianThe Ocean und zahlreichen bereits gebuchten, weiteren Bands derzeit nur noch ein einziger Act für das dunk!Fest offen bleibt, die flandrischen Nachbarn von der Church Of Ra bisher nicht vertreten sind und insofern viele auf einen Auftritt der Postmetal-Heroen von Amenra hoffen, wird den Electronica-Traditionalisten unter den Festival-Gängern 2018 dahingehend der Rüssel wohl sauber bleiben…
(*****)

Get your Arms And Sleepers Grooves elsewhere – Live zu folgenden Gelegenheiten:

13.04.Copenhagen, Denmark – VEGA Musikkens Hus / Store Vega (Main Hall)
15.04. – Wrocław, Poland – DK Luksus
17.04.  – Torun, Poland – Klub NRD
18.04. – Warsaw, Poland – Grizzly Gin Bar
19.04. – Poznan, Poland – Meskalina
20.04. – Kaliningrad, Russian Federation – Kaliningrad City Jazz Club
21.04. – Moscow, Russian Federation – 16 Tons
22.04. – St. Petersburg, Russian Federation – Erarta Stage
24.04. – Kyiv /Kiev, Ukraine – Mezzanine
25.04. – Lviv, Ukraine – Fest Republic Club
27.04. – Odessa, Ukraine – More Music Club
29.04. – Dnipropetrovsk, Ukraine – Module Club
30.04. – Kharkiv, Ukraine – Art Area DK / ART AREA ДК
04.05.Viechtach, Germany – Altes Spital
05.05.Slavičín, Czech Republic – HAW
11.05. – Nürnberg, Germany – Club Stereo
13.05.Dresden, Germany – Groove Station
14.05.Praha, Czech Republic – Roxy
15.05.Leipzig, Germany – Moritzbastei
17.05.Oberhausen, Germany – Druckluft
18.05.Berlin, Germany – Bi Nuu / Pelagic Fest
23.05.Köln, Germany – Bumann & Sohn
25.05.Paris, France – Supersonic
26.05.Nyon, Switzerland – La Parenthèse
27.05.Landau, Germany – Fatal
29.05.Budapest, Hungary – Robot
30.05.Wien, Austria – Das Bach

Soul Family Tree (43): Farewell Dennis Edwards & Hugh Masekela + Big Daddy Kane @ NPR Tiny Desk Concerts

Hugh Masekela / Photo © scorpius73 / Wikipedia

Get your Black Friday Grooves, heute wieder verabreicht von Stefan Haase vom Hamburger Freiraum-Blog:

Heute gibt es im Soul Family Tree musikalische Erinnerungen an den früheren Lead-Sänger der Temptations, Dennis Edwards, und Hugh Masekela, die beide vor wenigen Wochen verstarben. Dazu gibt’s auch das Original von „Papa Was A Rollin‘ Stone“. Und als Bonus gibt einen Konzert-Mitschnitt eines neuen Tiny Desk Concerts mit Big Daddy Kane. Here we go.

Es war 1968, als der Sänger Dennis Edwards bei den Temptations neuer Lead-Sänger wurde und David Ruffin ablöste. In den ersten Jahren hatten die Temptations, u.a. durch die Feder von Smokey Robinson, viele Singles-Erfolge und sangen Soul-Pop. Bedingt durch einige personelle Wechsel in der Band und in der musikalischen Ausrichtung wollte das Produzenten-Team von Motown, Norman Whitfield (Musik) und Barrett Strong (Text), einen neuen Sänger, der härter klingen sollte und der besser zum neuen Stil passte. In der Zeit, in der Dennis Edwards Lead-Sänger bei den Temptations war, entstanden Meilensteine und zeitlose Klassiker wie u.a. „I Can’t Get Next To You“, „Just My Imagination (Running Away With Me)“, „Masterpiece“ und „Papa Was A Rollin’ Stone“. Vor wenige Wochen verstarb Dennis Edwards und damit die prägende Stimme der zweiten erfolgreichen Phase der Temptations von 1968 bis in die späten Siebziger Jahre.

Wer Dennis Edwards nicht kennen sollte, hier kommt ein Hit-Medley der Temptations mit fünf sehr bekannten Songs der Band:

Kommen wir zu einem der essentiellen Songs der Tempations: „Papa Was A Rollin‘ Stone“. Der Song wurde im Original von der wenig erfolgreichen Soul-Funk-Band The Undisputed Truth eingespielt, die den Song 1972 erstmals herausbrachten, mit wenig Erfolg. Es war damals üblich, den gleichen Song mit mehreren Vertragskünstlern aufzunehmen. Als diese Version floppte, nahm sich Norman Whitfield den Song nochmal vor und arrangierte ihn für die Temptations neu um. Wenige Monate später entstanden zwei Fassungen: als Single kam eine um knapp sieben Minuten gekürzte Version auf den Markt. Auf dem Album „All Directions“ (1972) erschien die lange Fassung von knapp 12 Minuten. Ein Meilenstein war geboren, der bis heute die Tanzflächen füllt. Hier der direkte Vergleich beider Versionen: The Undisputed Truth im Original und natürlich die Langversion der Temptations, mit Dennis Edwards als Lead-Sänger.

Als die Temptations in den späten 1970er Jahren zu Atlantic Recordings wechselten, verließ Edwards die Band, um später mehrfach wieder zurückzukommen und parallel seine Solo-Karriere zu starten. 1984 landete er bereits mit seinem ersten Solo-Album einen Treffer. Im Duett mit Siedah Garret sang er „Don’t Look Any Further“ und hatte damit einen weltweiten Hit. Doch auch nach seiner Solo-Karriere blieb Edwards den Temptations verbunden und ging z.B. mit den früheren Mitgliedern wie Eddie Kendricks, Otis Williams oder David Ruffin auf Tournee. Zwei Tage vor seinem 75. Geburtstag verstarb Dennis Edwards am 1. Februar in Chicago.

Hier noch ein weiteres Beispiel aus der Motown-Ära der Temptations. Ende der 1960er Jahre wurden die Texte kritischer und der Sound psychedelischer und funkiger. Ein Beispiel dafür ist der Song „War“, den man zuerst mit den Temptations aufnahm. Später entschied Barry Gordy, Gründer von Motown, dass womöglich der Text zu hart für die Tempations sei, arrangierte ihn um und gab ihn Edwin Starr, und es wurde ein großer Hit. Dafür bekamen die Temptations „Ball Of Confusion“. 1970 veröffentlichen The Undisputed Truth ihre Version von „Ball Of Confusion“ als Single. Wie schon bei „Papa Was A Rollin‘ Stone“ wurde diese Version kein Hit, und so nahmen die Temptations den Song selbst auf und landeten damit einen Erfolg. Hier sind beide Fassungen zum Vergleich:

Ende Januar diesen Jahres verstarb der Trompeter Hugh Masekela aus Südafrika. Masekela war einer der wichtigsten Pioniere im Jazz und in der Weltmusik. Genres in dem Sinne kannte er nicht. Er spielte mit vielen bekannten Künstlern zusammen, unter anderem mit Bob Marley, Paul Simon, den Byrds oder U2. Daneben komponierte er auch für andere Künstler, war der Begründer vom Hard Bop in Südafrika und ein Kämpfer gegen die Apartheid in seiner Heimat.
The Economist schrieb dazu: „Home was where the music was. Rhythms of Zulu, Xhosa, Tswana; lyrics of township romances, girls sashaying to get water, rowdy shebeens. The songs kept coming across the Atlantic like a tidal wave. „Stimela“ (Coal Train) described black miners digging and drilling in the belly of the earth to bring wealth to glittering Johannesburg, eating mush from iron plates, living in filthy barracks, torn from their loved ones by the screaming train. „Soweto Blues“, searingly sung by his sometime lover, sometime wife, Miriam Makeba, marked the killing of hundreds of young protesters by the police in 1976: „just a little atrocity“, deep in the City of Gold…“

Es ist schwer, einen oder den Song zu finden, der ihn repräsentiert. Ich habe mich für den Song „Why Are You Blowing My Mind“ aus dem 1967er Album „The Emancipation Of Hugh Masekela“ entschieden.

Thank you Hugh Masekela and Dennis Edwards!

Zum Schluss noch ein Konzert-Tipp. Wer die Reihe NPR Tiny Desk Concerts noch nicht kennen sollte: Entstanden ist das Format vor zehn Jahren. Ein Musikredakteur von NPR regte sich in einer Bar darüber auf, dass man vor lauter Lärm die Livemusik nicht hören könne. Ein Freund riet ihm: „Du solltest die Band in deinem Büro auftreten lassen“. Was als spontane Idee entstand, hat in den letzten 10 Jahren sehr viele bekannte Künstler im Büro auftreten lassen. Vor einigen Tagen erschien das Konzert von Big Daddy Kane. Man kann deutlich sehen, wie sehr er seinen Auftritt genoss.

In vier Wochen gibt es gibt es wieder raren Rhythm & Blues mit musikalischen Ausgrabungen und wieder gehörten Schätzen.

Peace and Soul.

Stefan aka Freiraum.