R&B

Soul Family Tree (60): Dr. John

Walk On Gilded Splinters. Risen from swamps, cloaked in mists and mutterings, Doctor John had voodoo eyes that chilled the soul and spells of utmost potency. Bones rattled, cauldrons gurgled, lost souls groaned below – write him a bad review, and he might turn you into a toad.
(Guy Peellaert / Nik Cohn, Rock Dreams)

Hardboiled-Großmeister James Ellroy greift das altbekannte Dr-Jekyll/Mr-Hyde-Thema in seinem Krimi „Because The Night“ auf und lässt den Psychiater John Havilland als Horrorwesen Dr. John The Night Tripper das nächtliche Los Angeles unsicher machen – einem Dieb, der andere Diebe beklaut, wird tausendfach vergeben, wie ein arabisches Sprichwort sagt: Den „Night Tripper“ hat Ellroy beim New-Orleans-Musiker Malcolm John Rebennack Jr. entlehnt, welcher seinen Bühnennamen Dr. John seinerseits in den späten Sechzigern selbst bei einem senegalesischen Prinzen abkupferte, der aus Haiti kommend in der Bayou Road seiner Heimatstadt als spiritueller Voodoo-Heiler auftrat und dort mit Unterstützung seiner 15 Ehefrauen, 50 Kinder, zahlreicher Schlangen, Echsen und menschlicher Schädel den afrikanischen Talisman „Gris-gris“ als Schutz vor bösen Mächten feil bot. Der Einfluss des Medizinmanns Dr. John Creaux The Night Tripper auf John Rebennack, der sich in seinen jungen Jahren ausgiebig mit den Voodoo-Traditionen Louisianas beschäftigte, war offensichtlich so groß, dass er neben dem Namen-Klau auch sein Debüt-Album nach dem magischen Amulett benannte. Hat alles nichts genützt, in the long run, in dem wir bekanntlich alle tot sind, irgendein böser Blick hat die Swamp-Blues-Legende Dr. John am Donnerstag vergangener Woche gesteift und durch einen Herzinfarkt gefällt, im Alter von 77 Jahren ist der Night Tripper in die unergründlichen Sumpflandschaften der ewigen Bayous eingegangen. Die heutige Black-Friday-Ausgabe widmet sich in ausgewählten Schlaglichtern seiner umfangreichen Karriere als Solist und Studio-Musiker.

Zum Einstieg die Schluss-Nummer „I Walk On Guilded Splinters“ des grandiosen Debüt-Albums „Gris-Gris“ von Dr. John aus dem Jahr 1968. Die scharfwürzige, schwerst psychedelisch und geheimnisvoll lichternde Mixtur aus Swamp-Rock, New-Orleans-R&B und Zydeco verkaufte sich bei Erscheinen lausig, Atlantic-Chef Ahmed Ertegun roch den Braten bereits vorab, er wird mit den Worten „How can we market this boogaloo crap?“ zitiert. Der Jahrzehnte später wiederveröffentlichte Tonträger wurde seinerzeit von den Kritikern weitaus wohlwollender aufgenommen, siehe etwa einen höchst respektablen Platz 143 in der Rolling-Stone-Liste „500 Greatest Albums Of All Time“ (wenn auch noch nicht alle Zeiten vorbei sind, sprich aller Tage Abend und so…)

In diesem Must-Hear-Kanon des Fachmagazins Rolling Stone landete auch das 1972er-Album „Dr. John’s Gumbo“, ein Blues- und Boogie-Klassiker, auf dem Dr. John in einer Auswahl an Cover-Versionen der musikalischen R&B-Tradition seiner Heimatstadt New Orleans huldigte. In dieser Zeit begann er auch, sich zeitweise von seiner theatralischen, von bunten Karnevals-Kostümen und Voodoo-Ritualen geprägten Bühnenshow zu verabschieden. Das Album enthält unter anderem eine exzellente Version des tausendfach gecoverten Mardi-Gras-Standards „Iko Iko“ der Dixie Cups und eine Version der Blues-Nummer „Let The Good Times Roll“, im Original von Earl King.

Im folgenden Jahr platzierte Dr. John mit der funky R&B-Nummer „Right Place, Wrong Time“ einen Top-Ten-Hit in den US-amerikanischen und kanadischen Charts, die Singles-Auskopplung eröffnet das von Allen Toussaint produzierte und von den Meters begleitete Album „In The Right Place“, auf dem sich auch „Such A Night“ findet, dass Dr. John live beim All-Star-Aufgalopp zum „Last Waltz“-Konzert von The Band zum Besten gab, wie auch der Song „Cold Cold Cold“, später von Little Feat adaptiert.

Die folgenden Jahrzehnte waren für Dr. John von vielen Ups und Downs geprägt, einem bis Ende der Achtziger ausgetragenen Kampf gegen seine Heroin-Sucht und Phasen ohne Plattenvertrag im einen Extrem, insgesamt sechs Grammy Awards und ein Ehren-Doktor-Titel der Tulane University auf der anderen Seite, daneben die Veröffentlichung zahlloser Studio- und Live-Aufnahmen, deren einzelne Aufzählung den Rahmen dieses Beitrag bei weitem sprengen würde. Explizit erwähnenswert sind mindestens die Solo-Piano-Aufnahmen „Dr. John Plays Mac Rebennack“ Anfang der Achtziger, das Warner-Brothers-Album „Goin‘ Back To New Orleans“ (1992) mit der Interpretation zahlreicher New-Orleans-Standards aus der Feder von Jelly Roll Morton, Professor Longhair oder Fats Domino, der Blue-Note-Longplayer „N’Awlinz: Dis Dat Or d’Udda“ aus dem Jahr 2004 als weiterer Tribute an seine Heimatstadt oder die 2010er-Aufnahmen „Tribal“, zu denen Dr. John in Reminiszenz an seine Frühphase im konzertanten Vortrag die Night-Tripper-Kluft wieder aus der Mottenkiste holte und die dunklen, gespenstischen, psychedelischen Elemente der ersten Alben in seinen ureigenen Blues-, Jazz- und Funk-Spielarten reanimierte. Einen ersten, guten Überblick über das unermessliche Schaffen der einflussreichen New-Orleans-Legende gibt der Rhino-Sampler „Mos‘ Scocious: The Dr. John Anthology“, die den Musiker als Traditions-Bewahrer wie Neuerer der zahlreichen stilistischen Ausprägungen des ureigenen Südstaaten-Swampland-Sounds von Cajun über Jazz und Blues bis Boogie porträtiert, als personifiziertes Gumbo des kulturellen und ethnischen Schmelztiegels seiner Heimatstadt.

Besondere Erwähnung verdient auch dieses gelungene Tribute: Zum Anlass des hundertsten Geburtstags von Duke Ellington veröffentlichte Dr. John 1999 „Duke Elegant“, unter dem Motto „The Doc meets The Duke“ hauchte Mac Rebennack den gut abgehangenen Standards des legendären Jazz-Bandleaders herrlich beschwingt neues Leben ein – ein rundum gelungenes Exemplar aus der Abteilung „Großer Künstler verbeugt sich vor dem Werk eines anderen Giganten“.

Dr. Johns Beiträge als Studio- und Session-Musiker für andere Kollegen sind wie der eigene Output in seiner mehr als ein halbes Jahrhundert umspannenden Karriere als Solist nahezu unüberschaubar. Bereits mit 13 Jahren traf er den Blues-Musiker Professor Longhair, mit dem er künftig auftrat und der ihn damit in seiner musikalischen Entwicklung maßgeblich beeinflusste. Nach einem zweijährigen Gefängnisaufenthalt Mitte der Sechziger – die üblichen Drogen- und Zuhälter-Geschichten – siedelte Rebennack für mehrere Jahre nach Los Angeles über und wurde Mitglied der „Wrecking Crew“, einem Kollektiv von Session-Musikern, die auch als Hausband für Phil Spector und seine Wall-Of-Sound-Produktionen fungierte. Zu der Zeit war er unter anderem an den Aufnahmen diverser Canned-Heat-Klassiker und des ersten Zappa/Mothers-Albums „Freak Out!“ beteiligt. 1972 mischte er beim Stones-Meilenstein „Exile On Main St.“ mit, in den folgenden Jahrzehnten steuerte er seine Sanges- und Piano-Parts für Alben und Auftritte von Van Morrison, Levon Helm, Ringo Starr, Johnny Winter, Gregg Allman wie zahllosen anderen Musikern und Bands bei.
Hierzu exemplarisch die Nummer „Who Shot The La-La“ vom Willy-DeVille-Longplayer „Victory Mixture“ aus dem Jahr 1990, die New Yorker Lower-East-Side-Legende hatte es einige Jahre zuvor nach New Orleans in das French Quarter als neue Heimat verschlagen, das Album nahm er vor Ort authentisch ohne technisches Overdub-Brimborium als Verbeugung vor der lokalen Szene mit Hilfe von örtlichen Größen wie Allen Toussaint oder eben Dr. John unter deren maßgeblichem stilistischen Einfluss auf. Der Tonträger inklusive einer exzellenten Promotion-Tour, die Willy DeVille mit seiner Band seinerzeit unter anderem auch nach München für ein umjubeltes Konzert in die Theaterfabrik führte, war seiner Reputation als herausragender Blues- und Soul-Crooner keinesfalls abträglich.

Das Schlusswort gebührt dem Good Doctor selbst, mit einem fünfzig-minütigen Live-Mitschnitt vom Newport Jazz Festival aus dem Jahr 2006:

Mitch Ryder @ Kunstfoyer Versicherungskammer, München, 2019-03-10

Bei weitem eine anständigere Nummer als die eingenommenen Versicherungsprämien mit Derivate-Wetten in Hedge-Fonds oder auf dubiosen Lustreisen der Vertreter-Schar zu verpulvern: Die Versicherungskammer Bayern tritt seit geraumer Zeit über ihre gemeinnützige Stiftung als Ausrichter exzellenter wie kostenfreier Ausstellungs- und Konzertprogramme in der Münchner Kulturlandschaft in Erscheinung, für die in die Jahre gekommenen Rock’n’Roll-Fans schlüpfte sie am vergangenen Sonntag in die Spendier-Hosen zwecks Engagement des US-amerikanischen Bluesrock-Shouters Mitch Ryder – die Detroit-Legende für lau, die 180 Freikarten Wochen zuvor in sensationellen 2 Minuten vergriffen, so wurden die begehrten Tickets schnell zum wertvollen Dokument.
Der bestuhlte Sitzungssaal der Versicherungsanstalt bot eine ungewöhnliche Lokalität für einen Rock-Gig, die anberaumte Zeit mit 18.00 Uhr alles andere als einen gängigen Konzert-Termin, zur Krönung selbst die Getränke kostenfrei, die Kulturstiftung wusste im Rahmenprogramm mit Überraschungen zu glänzen.
„Ein Stück Sicherheit“ prangte als Werbeslogan unter dem Unternehmenslogo am rechten Bühnenhintergrund, ein durchaus brauchbares Motto zum zweistündigen Konzert der US-Rock-Ikone Mitch Ryder, der seinem zugewandten Publikum exakt das lieferte, was es im Wesentlichen erwartete: Grundsolides Soul-, Blues-, Rock- und R&B-Entertainment, begleitet von der Ost-Berliner Band Engerling um den versierten Bluesharp-Spieler und Keyboarder Wolfram „Boddi“ Bodag, mit der Ryder seit Mitte der Neunziger regelmäßig in Europa tourt und seine jeweils aktuellen Tonträger einspielt. Das wäre alles nicht weiter spektakulär, zumal sich die Gitarristen der Combo nicht selten in gängigen Mainstream-Soli und Stadien-Rock-Riffs verloren, wäre da nicht immer noch diese außergewöhnliche, raue, brüchige wie tief-dunkle Soul-Stimme des kleinen, in dem Fall sehr großen Mannes aus Michigan.
Der 1945 als William Sherille Levise Junior in der Great-Lakes-Region nahe Detroit geborene Sänger mit der unverkennbar schroffen wie klagenden Reibeisen-Stimme stand bereits 1962 als Jugendlicher auf den Bühnen örtlicher Soul-Clubs, mit den Detroit Wheels feierte er ab Mitte der Sechziger einige Chart-Erfolge in der amerikanischen Heimat, in Großbritannien und Australien. In Europa hat Mitch Ryder vor allem durch seinen berühmten, in zahlreichen Ländern live ausgestrahlten „Rockpalast“-TV-Auftritt im Oktober 1979 bleibenden Eindruck hinterlassen, das legendäre „Full Moon Concert“ lange nach Mitternacht als Finale der 5. ARD-Rocknacht gilt vielen Kritikern und Fans als eine der Sternstunden des Rock’n’Roll – das Motto der Sicherheit war seinerzeit alles andere als groß geschrieben: Trotz vorangegangenen Handgreiflichkeiten zwischen den Musikern in der Garderobe und einem katastrophalen Interview vor dem Auftritt mit Moderator Alan Bangs, trotz ausgelebter, destruktiver Feindschaft zu sich selbst, zu seiner Band und zum Publikum wusste ein streitsüchtiger, schwer angetrunkener und pöbelnder Mitch Ryder mit diesen radikal ausgelebten Launen als Rock-Performer nachhaltig schwerst zu überzeugen, ein Talent, mit dem wohl nur die wahrhaft Großen des Fachs gesegnet sind.
Das Raubeinige im Charakter hat sich bei Ryder in den vergangenen Jahrzehnten längst abgeschliffen, der Sänger gab sich mit seinen mittlerweile 74 Lenzen auf dem gekrümmten Buckel am frühen Sonntagabend als altersmilder, höflicher, für seine Verhältnisse geradezu leiser Frontman. Von gesundheitlichen Rückschlägen gezeichnet, in den Bewegungen und Gesten reduziert, mitunter filigran und nicht mehr völlig trittsicher auf den Beinen, ist Ryder dem eigenen Bekunden nach dankbar, dass er noch als Sänger auftreten darf, nachdem eine Kehlkopf-Erkrankung im Vorjahr dahingehend schwerwiegende Zweifel aufkommen ließ. Damit nimmt es nicht weiter Wunder, wenn manche Passage in Hits wie „Tough Kid“, „War“ oder „Bang Bang“ nicht mehr dergestalt kräftig geknurrt wie in vergangenen Zeiten grollen und vibrieren, der Mann am Mischpult hat durch die überlauten Gitarren zu der Gelegenheit das Seine beigetragen – den tot-zitierten Allgemeinplatz, dass der Weiße keinen Blues singen kann, vermag Mr. Levise trotz Abstrichen zu vergangenen Glanz-Abenden nach wie vor eindrucksvoll zu widerlegen – sie offenbarte sich zu Zeiten und forderte Bewunderung, diese überwältigende Urkraft in der erhobenen Stimme, die Konzerte von Mitch Ryder nach wie vor aus der Masse der altgedienten Haudegen an Bluesrock- und Soul-Acts herausragen lassen: In der herzergreifenden Balladen-Version des Jimmy-Cliff-Klassikers „Many Rivers To Cross“, in der Verneigung vor R&B/Soul-Reverend Al Green mit dem oft gecoverten Soul-Hit „Take Me To The River“ oder der finalen, schwer Blues-lastigen Doors-Nummer „Soul Kitchen“, in der Mitch Ryder mit dem Ziehen aller Register seiner einzigartigen Vokal-Kunst unter Beweis stellte, dass er im Zweifel vermutlich der bessere Morrison gewesen wäre.
Mit der (unzweifelhaften) Bemerkung, dass ein Kollege wie Bob Dylan wohl mittlerweile am Ende wäre, blitzte kurz der alte Ryder-Sarkasmus auf, wenn sich der Meister auch postwendend gnädig gab und den fein abgerockten „Subterranean Homesick Blues“ mit den Worten ankündigte, man spiele ihn trotzdem, der Mann wäre ja zweifellos ein Heiligtum.
Der ein oder andere erwartete Klassiker fehlte in der Setlist, der Uralt-Bühnenfeger „Devil With A Blue Dress On“ etwa, „Little Latin Lupe Lu“ oder sein Song mit dem deutschen Titel „Er ist nicht mein Präsident“, der sich in Zeiten eines Donald Trump förmlich aufdrängt, die Nummer hat nichts an Aktualität verloren, wenn sie auch seinerzeit Anfang der Achtziger in Opposition zum neoliberalen B-Movie-Cowboy Ronald Reagan entstand. Mag sein, dass einer wie Mitch Ryder über die Jahrzehnte längst an der amerikanischen Politik verzweifelt ist, der betagte Sänger strahlte in seiner fragilen Erscheinung durchaus auch etwas latent Resignatives und Entrücktes aus – wie es sich für einen altgedienten Blues-Mann eben ziemt.
Nach gut zwei Stunden gediegenem Bühnen-Entertainment und Standing Ovations seitens der beinharten Ryder-Fans war klar, dass die Münchner Versicherung mit dem bis 1994 bestehenden Feuerschutz-Monopol auch beim spendierten Wandeln durch nahezu sechs Dekaden Rock-Geschichte nichts anbrennen ließ.

Soul Family Tree (50): Harlem Shuffle

Black Friday mit einem Beitrag von Stefan Haase, unter anderem über einen R&B-Klassiker aus den frühen Sechzigern, here we go:

Heute geht es um die Geschichte des Songs „Harlem Shuffle“, und um das Original. Dann gibt es starke Intros zu hören von Yvonne Baker und Sam & Dave. Roy Ayers spielt unplugged seinen größten Hit und die stimmgewaltige Big Maybelle stimmt auf das Wochenende ein. Viel Spaß!

Die meisten kennen den Song „Harlem Shuffle“ in der 1986er Cover-Version der Rolling Stones. Man kann bei dieser Aufnahme Bobby Womack als Background-Sänger hören. Der Song wurde ein Top 10 Hit in den amerikanischen Billboard Charts. Doch machte die Cover-Version auch neugierig auf das Original, was 20 Jahre vorher erschien.

Bobby Byrd und Earl Nelson waren in einer Vokal-Gruppe namens The Hollywood Flames engagiert. Der größte Hit der Flames erschien 1958 mit dem Titel „Buzz Buzz Buzz“. Anfang der 1960er Jahre veröffentlichten Bob und Earl als Duo bei Class Records. Doch ihre Aufnahmen waren nicht erfolgreich. Bobby Byrd machte als Solosänger unter den Namen Bobby Day weiter. Earl Nelson war trotzdem vom Duo-Konzept überzeugt und fand einen neuen Bob. Mit Bobby Relf, bekannt von den Formationen Laurels und Upfronts aus Los Angeles. Interessant: Barry White, der Jahre später als Solo-Sänger berühmt wurde, sang und spielte Klavier bei beiden Bands.

Ein weiterer Sänger aus Los Angeles, Round Robin, veröffentlichte den Song „Slauson Shuffletime“. Das neue Duo Earl Nelson und Bobby Relf adaptierten den Song für ihr „Harlem Shuffle“. Und bei der Produktion war auch wieder Barry White mit dabei. Der Song erschien 1963 bei Marc Records und wurde kein großer Hit. Das spätere Album von Bob & Earl war zwar erfolgreicher, doch Folge-Hits blieben aus. Der besondere Vokal-Sound inspirierte jedoch später den Stil u.a. von Sam & Dave beim Stax-Label.

Ende der 1960er Jahre wurde der Song in England wiederveröffentlicht und er wurde ein Top 10 Hit. Bob & Earl gingen da bereits getrennte Weg. Earl Nelson nahm unter dem Namen Jackie Lee 1965 einen weiteren Hit mit „The Duck“ auf. Als „Harlem Shuffle“ in England die Charts stürmte, tat sich das Duo wieder zusammen und ging auf Reunion-Tournee. In den frühen 1970er Jahren trennten sie sich, wie es heißt im Guten, endgültig.

The Hollywood Flames – Buzz Buzz Buzz → youtube-Link

Round Robin – Slauson Shuffletime → youtube-Link

Bob & Earl – Harlem Shuffle → youtube-Link

The Rolling Stones – Harlem Shuffle → youtube-Link

Kommen wir zu zwei Nummern, die eines gemeinsam haben: ein gutes Intro. Schon nach wenigen Sekunden weiß man… es wird ein guter Song. Yvonne Baker nahm in den 1960er Jahren für verschiedene Labels Songs auf. 1966 nahm sie „You Didn´t Say A Word“ auf, das leider nicht für einen James Bond Film verwendet wurde. Der Titel wurde Ende der 1960er Jahre in England durch die Northern Soul Szene wieder bekannt auf und gilt heute zurecht als Klassiker. Ein Northern Soul Allnighter Classic!

Yvonne Baker – You Didn’t Say A Word → youtube-Link

Sam & Dave, der Name fiel bereits. Sam war Samuel „Sam“ David Moore, und Dave war David „Dave“ Prater. Sie machten den Memphis Soul weltweit bekannt. Über Stax Records wurden viele ihrer Songs berühmt. „Soul Man“ oder „Hold On I´m Coming“ und viele andere Nummern waren große Hits. Sam nahm zusammen mit Lou Reed den Song „Soul Man“ für den gleichnamigen Film neu auf. Denn mit dem Erfolg der Blues Brothers kam auch der Erfolg in den 1980er Jahren zurück. Ich habe eine B-Seite ausgesucht, die ebenfalls ein starkes Intro hat. Kaum zu glauben, das Stax Records diesen Song auf eine B-Seite presste.

Sam & Dave – Wrap It Up → youtube-Link

Über Roy Ayers könnte man ein großes Special schreiben. Der aus Los Angeles stammende Vibraphonist gilt als einer der Großen des Jazzfunks. Er spielte mit vielen anderen Künstlern zusammen und erlebte in den 1980er Jahren im Zusammenhang mit der Acid Jazz Welle in England ein Revival. DJs entdeckten seine alten Platten und spielten sie wieder. Hier eine Unplugged-Version seines bekanntesten Song „Everyboy Loves The Sunshine“. Man achte auf das Funkeln in seinen Augen. Die Aufnahme entstand in den Brownswood Studios in London. Und wann gibt es schon ein Vibraphon zu hören…

Roy Ayers – Everybody Loves The Sunshine → youtube-Link

Der Rausschmeißer kommt von der hier bereits des Öfteren erwähnten Big Maybelle. Aus ihrer erfolgreichen Zeit bei Okeh Records habe ich „I´ve Got A Feeling“ ausgesucht. Einen guten Einstieg wie Überblick über ihre Zeit bei Okeh und Savoy Records bietet das Doppelalbum „The Complete King, Okeh & Savoy Releases 1947-1961“. Es erschien 2016 in England.

Big Maybelle – I’ve Got A Feeling → youtube-Link

Beim nächsten Mal gibt es ein Special über Trojan Records, das Label wurde im Juli 50 Jahre jung. Trojan Records ist nicht einfach ein Plattenlabel in London, sondern ein Lebensgefühl. Und dazu gibt es viel Musik, u.a. vom DJ, Regisseur, Autor und Tausendsassa Don Letts. Er brachte den Reggae zum Punk. Eine spannende Geschichte…

Peace and Soul

Stefan aka Freiraum

Soul Family Tree (45): Okeh Records

Karfreitags-Soul-Family-Tree heute von Stefan Haase vom Hamburger Freiraum-Blog mit einem Special über das amerikanische Independent-Label Okeh Records, das vor über hundert Jahren gegründet wurde und heute als Sub-Label von Sony Masterworks weiter Tonträger veröffentlicht:

Die Geschichte der Afro-Amerikanischen Musik wurde nicht nur von den Künstlern und Bands geschrieben, sondern auch von den Plattenfirmen. Der Name Okeh Records fiel hier schon öfters. Grund genug, dem legendären Independent-Label einen eigenen Beitrag zu widmen.

Okeh Records wurde 1918, gleich nach Erfindung der Schallplatte, durch den Deutschen Otto Heinemann in New York gegründet und hatte bereits in den 1920er Jahren einige große Hits. Kreativ waren die Labelbetreiber auch. In den frühen Zwanziger Jahren kaufte Okeh einen LKW, baute ihn in ein mobiles Aufnahmestudio um und konnte damit zu den Künstlern fahren und vor Ort aufnehmen. Aus dieser Zeit gibt es zahlreiche Sampler. Nicht zu vergessen der letzte Beitrag von Soul-Brother Gerhard über Mississippi John Hurt, der bei Okeh 1928 seinen Song „Stack O‘ Lee“ einspielte. Ein Meilenstein.

Okeh Records‘ Erfolgsgeheimnis war, dass sie Afro-Amerikanische Künstler einem weißen Publikum bekannt machten und auch keine Berührungsängste zu anderen Genres wie Country, Jazz und Folk hatten. Leider gab es immer wieder Besitzerwechsel. Bereits in den 1920er Jahren übernahm Columbia die Mehrheit. Nach einigen Auf und Abs war 1970 Schluss. Die Rechte am Backkatalog hat aktuell Sony Music, die bereits seit 2013 in der Reihe Sony Masterworks einige Alben von Bill Frisell, David Sanborn oder Bob James veröffentlichen. Siehe auch hier.

Als Einstieg in die Okeh-Recordings-Welt empfehle ich den Sampler „The Okeh Rhythm & Blues Story: 1949-1957“, eine CD-Box mit drei CDs. Aus dieser Box habe ich fünf Songs ausgesucht, die wunderbar in die Geschichte des R&B passen und auch historisch den Weg vom R&B zum Rock and Roll zeigen.

Los geht es mit Big Maybelle, der stimmgewaltigen Blues-und Jazz-Sängerin, die pures Dynamit in ihrer Stimme hatte, und ihrem Song „Ocean Of Tears“. Man kann ihre Zeit bei Okeh Records als eine ihrer intensivsten und erfolgreichsten bezeichnen. Mehr von Big Maybelle gibt es hier im Soul Family Tree in einer früheren Ausgabe.

Big John & The Buzzards sind eigentlich keine richtige Gruppe gewesen. Denn dahinter stand die Band Mellomen, auch bekannt als Mello-Men, die angefangen in den 1930er Jahren bis weit in die 1950er Jahren unter verschiedensten Bandnamen Alben und Singles aufnahm. Die Buzzards nahmen bei Okeh Recordings in den 1950er Jahren zwei Alben auf.

Weiter geht es mit Hurricane Harry und „The Last Meal“. In den 1950er Jahren nahmen sie einige Songs bei Okeh auf, jedoch ohne großen Erfolg. Es ist ein Verdienst solcher Sampler, dass neben den Stars und Erfolgen auch solche Schätze erhalten bleiben.

Kommen wir zu den Marquees und ihrer erstaunlichen Geschichte. Kein geringerer als Marvin Gaye feierte als Sänger bei den Marquees seine ersten musikalischen Erfolge. Bo Diddley nahm sie später unter seine Fittiche und spielte bei einigen Aufnahmen Gitarre. Musikalisch gibt es jetzt Doo-Wop, der besonders im Zuge des Rock and Roll in den 1950er Jahren recht populär war. Das besondere am Doo-Wop-Sound war das mehrstimmige Arrangement.

Zum Schluß ein echter Klassiker der schon über 60 Jahre alt ist: „I Put A Spell On You“Screamin‘ Jay Hawkins aus Ohio spielte diesen Song mehrmals ein. Zum ersten Mal 1955, jedoch ohne Erfolg. Er wechselte zu Okeh Records und nahm ihn ein weiteres Mal auf und es wurde ein weltweiter Erfolg. Besonders hervorzuheben waren, neben seiner Stimme, seine Bühnen-Outfits, da er Symbole des Voodoo und Pyro-Elemente in seine Auftritte einbezog. Ob die Geschichte wirklich stimmt, weiß ich nicht. Doch Hawkins soll später behauptet haben, dass alle Musiker bei dieser Aufnahme betrunken waren. Deswegen auch die vielen Schrei- und Gröhl-Laute. Sein Hit war ihm später eine zu schwer gewordenen Last geworden, sodass er sich von diesem Song distanzierte. Er hätte ein Monster erschaffen, mit dem er nichts mehr zu tun haben wollte, soll er gesagt haben. Seine Karriere kann man insgesamt als wechselhaft umschreiben. Es gibt zwar viele Cover-Versionen. Doch das Original bleibt unvergessen.

Noch ein Hinweis: Alle bereits hier vorgestellten R&B-Songs plus Bonus-Songs habe ich in einer öffentlichen Playlist bei YouTube zusammengestellt. Zum Nach- und Wiederhören. Viel Spaß!

Peace and Soul.

Stefan aka Freiraum.

Soul Family Tree (43): Farewell Dennis Edwards & Hugh Masekela + Big Daddy Kane @ NPR Tiny Desk Concerts

Hugh Masekela / Photo © scorpius73 / Wikipedia

Get your Black Friday Grooves, heute wieder verabreicht von Stefan Haase vom Hamburger Freiraum-Blog:

Heute gibt es im Soul Family Tree musikalische Erinnerungen an den früheren Lead-Sänger der Temptations, Dennis Edwards, und Hugh Masekela, die beide vor wenigen Wochen verstarben. Dazu gibt’s auch das Original von „Papa Was A Rollin‘ Stone“. Und als Bonus gibt einen Konzert-Mitschnitt eines neuen Tiny Desk Concerts mit Big Daddy Kane. Here we go.

Es war 1968, als der Sänger Dennis Edwards bei den Temptations neuer Lead-Sänger wurde und David Ruffin ablöste. In den ersten Jahren hatten die Temptations, u.a. durch die Feder von Smokey Robinson, viele Singles-Erfolge und sangen Soul-Pop. Bedingt durch einige personelle Wechsel in der Band und in der musikalischen Ausrichtung wollte das Produzenten-Team von Motown, Norman Whitfield (Musik) und Barrett Strong (Text), einen neuen Sänger, der härter klingen sollte und der besser zum neuen Stil passte. In der Zeit, in der Dennis Edwards Lead-Sänger bei den Temptations war, entstanden Meilensteine und zeitlose Klassiker wie u.a. „I Can’t Get Next To You“, „Just My Imagination (Running Away With Me)“, „Masterpiece“ und „Papa Was A Rollin’ Stone“. Vor wenige Wochen verstarb Dennis Edwards und damit die prägende Stimme der zweiten erfolgreichen Phase der Temptations von 1968 bis in die späten Siebziger Jahre.

Wer Dennis Edwards nicht kennen sollte, hier kommt ein Hit-Medley der Temptations mit fünf sehr bekannten Songs der Band:

Kommen wir zu einem der essentiellen Songs der Tempations: „Papa Was A Rollin‘ Stone“. Der Song wurde im Original von der wenig erfolgreichen Soul-Funk-Band The Undisputed Truth eingespielt, die den Song 1972 erstmals herausbrachten, mit wenig Erfolg. Es war damals üblich, den gleichen Song mit mehreren Vertragskünstlern aufzunehmen. Als diese Version floppte, nahm sich Norman Whitfield den Song nochmal vor und arrangierte ihn für die Temptations neu um. Wenige Monate später entstanden zwei Fassungen: als Single kam eine um knapp sieben Minuten gekürzte Version auf den Markt. Auf dem Album „All Directions“ (1972) erschien die lange Fassung von knapp 12 Minuten. Ein Meilenstein war geboren, der bis heute die Tanzflächen füllt. Hier der direkte Vergleich beider Versionen: The Undisputed Truth im Original und natürlich die Langversion der Temptations, mit Dennis Edwards als Lead-Sänger.

Als die Temptations in den späten 1970er Jahren zu Atlantic Recordings wechselten, verließ Edwards die Band, um später mehrfach wieder zurückzukommen und parallel seine Solo-Karriere zu starten. 1984 landete er bereits mit seinem ersten Solo-Album einen Treffer. Im Duett mit Siedah Garret sang er „Don’t Look Any Further“ und hatte damit einen weltweiten Hit. Doch auch nach seiner Solo-Karriere blieb Edwards den Temptations verbunden und ging z.B. mit den früheren Mitgliedern wie Eddie Kendricks, Otis Williams oder David Ruffin auf Tournee. Zwei Tage vor seinem 75. Geburtstag verstarb Dennis Edwards am 1. Februar in Chicago.

Hier noch ein weiteres Beispiel aus der Motown-Ära der Temptations. Ende der 1960er Jahre wurden die Texte kritischer und der Sound psychedelischer und funkiger. Ein Beispiel dafür ist der Song „War“, den man zuerst mit den Temptations aufnahm. Später entschied Barry Gordy, Gründer von Motown, dass womöglich der Text zu hart für die Tempations sei, arrangierte ihn um und gab ihn Edwin Starr, und es wurde ein großer Hit. Dafür bekamen die Temptations „Ball Of Confusion“. 1970 veröffentlichen The Undisputed Truth ihre Version von „Ball Of Confusion“ als Single. Wie schon bei „Papa Was A Rollin‘ Stone“ wurde diese Version kein Hit, und so nahmen die Temptations den Song selbst auf und landeten damit einen Erfolg. Hier sind beide Fassungen zum Vergleich:

Ende Januar diesen Jahres verstarb der Trompeter Hugh Masekela aus Südafrika. Masekela war einer der wichtigsten Pioniere im Jazz und in der Weltmusik. Genres in dem Sinne kannte er nicht. Er spielte mit vielen bekannten Künstlern zusammen, unter anderem mit Bob Marley, Paul Simon, den Byrds oder U2. Daneben komponierte er auch für andere Künstler, war der Begründer vom Hard Bop in Südafrika und ein Kämpfer gegen die Apartheid in seiner Heimat.
The Economist schrieb dazu: „Home was where the music was. Rhythms of Zulu, Xhosa, Tswana; lyrics of township romances, girls sashaying to get water, rowdy shebeens. The songs kept coming across the Atlantic like a tidal wave. „Stimela“ (Coal Train) described black miners digging and drilling in the belly of the earth to bring wealth to glittering Johannesburg, eating mush from iron plates, living in filthy barracks, torn from their loved ones by the screaming train. „Soweto Blues“, searingly sung by his sometime lover, sometime wife, Miriam Makeba, marked the killing of hundreds of young protesters by the police in 1976: „just a little atrocity“, deep in the City of Gold…“

Es ist schwer, einen oder den Song zu finden, der ihn repräsentiert. Ich habe mich für den Song „Why Are You Blowing My Mind“ aus dem 1967er Album „The Emancipation Of Hugh Masekela“ entschieden.

Thank you Hugh Masekela and Dennis Edwards!

Zum Schluss noch ein Konzert-Tipp. Wer die Reihe NPR Tiny Desk Concerts noch nicht kennen sollte: Entstanden ist das Format vor zehn Jahren. Ein Musikredakteur von NPR regte sich in einer Bar darüber auf, dass man vor lauter Lärm die Livemusik nicht hören könne. Ein Freund riet ihm: „Du solltest die Band in deinem Büro auftreten lassen“. Was als spontane Idee entstand, hat in den letzten 10 Jahren sehr viele bekannte Künstler im Büro auftreten lassen. Vor einigen Tagen erschien das Konzert von Big Daddy Kane. Man kann deutlich sehen, wie sehr er seinen Auftritt genoss.

In vier Wochen gibt es gibt es wieder raren Rhythm & Blues mit musikalischen Ausgrabungen und wieder gehörten Schätzen.

Peace and Soul.

Stefan aka Freiraum.