Reggae

Soul Family Tree (56): Hits And Misses – Muhammad Ali And The Ultimate Sound Of Fistfighting

„Ali war ein schöner Krieger und er reflektierte eine neue Haltung für einen Schwarzen. Ich mag Boxen nicht, aber er war etwas ganz Besonderes. Seine Grazie war beinahe erschreckend.“
(Toni Morrison)

Kein Geringerer als der Pop-Star schlechthin unter den Spitzensportlern des 20. Jahrhunderts soll Thema und besungener Held sein im heutigen Beitrag zur Black-Friday-Reihe: Die afroamerikanische Profi-Box-Legende Cassius Marcellus Clay aus Louisville/Kentucky, „The Louisville Lip“, seit 1964 nach Ablegen seines „Sklaven-Namens“ und Konvertierung zum Islam dem Universum als Muhammad Ali bekannt, dreimaliger „Undisputed Champion“ in der Schwergewichts-Klasse, laut IOC „Sportler des Jahrhunderts“, nach seiner eigenen, unbescheidenen Selbsteinschätzung schlichtweg „The Greatest“ – und um auf die Musik-Historie zurückzukommen: den Rap wie den Hip Hop hat er auch mit auf den Weg gebracht, wie nicht zuletzt der deutsche Kabarett-Minimalist Rolf Miller in seiner unnachahmlichen Art bezeugt: „Am End hat sich alles g’reimt. Des was der Eniman heut singt, des hat der Ali früher im Interview verzählt.“

„The less cynical, less media-saturated nature of the times allowed Ali to achieve a mythic grandeur he probably couldn’t today, and the overall tone here is one of unalloyed eulogy.“
(The Telegraph, CD of the week, 8.11.2003)

2003 veröffentlichte das Münchner Indie-Label Trikont zu Ehren des großen Boxsport-Entertainers den Sampler „Hits And Misses – Muhammad Ali And The Ultimate Sound Of Fistfighting“. Kompiliert, mit informativen Liner-Notes in dem für Trikont-Verhältnisse obligatorischen, exzellent aufgemachten Beiheft versehen und herausgegeben wurde die feine Sammlung vom Münchner Hobby-Boxer, DJ, Journalisten und Maler Jonathan Fischer, der bei der unabhängigen Giesinger Plattenfirma bereits mit der Veröffentlichung diverser anderer gewichtiger Themen-Sammlungen rund um die schwarze Musik glänzte. Unterstützt wurde er beim Ali-Sampler von Co-Herausgeber Claas Gottesleben, über den ansonsten neben seiner Beteiligung an diesem Projekt nichts in Erfahrung zu bringen war.

„Ich habe keinen Streit mit den Vietcong. Sie haben mich niemals Nigger genannt.“

Die Liner Notes zur CD-Ausgabe setzen sich mit dem Phänomen auseinander, dass die Auftritte von Muhammad Ali weit mehr waren als nur großer Kampfsport. Der Ausnahme-Athlet entwickelte im und neben dem Box-Ring einen ureigenen Stil, seine Pressekonferenzen und Interviews boten erstklassiges Show-Entertainment, seine kritischen wie großspurigen Ansagen und speziell seine Kriegsdienst-Verweigerung zum Einsatz in Vietnam hatten politisches Gewicht in den USA und darüber hinaus, seine Hinwendung zur „Nation Of Islam“ und seine zwischenzeitliche Freundschaft mit Malcolm X bargen gesellschaftlichen Zündstoff im Geiste der amerikanischen Bürgerrechts– und Black-Power-Bewegung.
Die großen, berühmten Kämpfe in den Siebzigern wie der „Thrilla in Manila“ gegen seinen Dauer-Rivalen Joe Frazier oder der „Rumble in the Jungle“ in Kinshasa/Zaire gegen George Foreman, die weltweit Millionen von Fernsehzuschauern zu nachtschlafender Zeit vor die TV-Geräte lockten, waren weit mehr als nur medial inszenierte Sport-Events, sie reihten sich darüber hinaus wie etwa das legendäre Woodstock-Festival in den Kanon großer Pop-historischer Ereignisse ein.
Wie jedes große Helden-Epos war das Leben von Muhammad Ali vom großen Drama gezeichnet, und so ließ seine schwere Parkinson-Erkrankung als Folge seines viel zu späten Abschieds vom Boxring, sein Umgang mit dem Nerven-zersetzenden Defekt in seinen späteren Jahren und sein finales Hinscheiden im Jahr 2016 niemanden kalt.

„Clay swings with a left, Clay swings with a right, look at young Cassius, carry the fight.“

Der Trikont-Longplayer selbst bildet eine breite stilistische Palette an musikalischen Ali-Lobpreisungen vorwiegend aus den Siebziger Jahren ab, die von afroamerikanischem Soul, Funk und Blues über jamaikanischen Dancehall-Reggae, brasilianischen Pop und kongolesischen Big-Band-Sound bis hin zur Country-Schunkel-Nummer „Muhammad Ali“ vom weißen Americana-Musiker Tom Russell reicht, wohltönend dosierte Wirkungstreffer und größtenteils unbekannte Perlen aus der weiten Welt der populären Musik, die sehr gut ohne den Johnny-Wakelin-Hit „In Zaire“ auskommen, ergänzt um Spoken-Word-Beiträge vom Box-Champ Ali selbst und einer Straßenpredigt seines einstigen Gegners George Foreman, der nach seiner aktiven Zeit als Sportler Karriere als Autor, Fernsehkoch und berühmter Kirchenmann machte. Und auch Joe Frazier darf ran ans Mikro, der „Undisputed Heavyweight Champion“ von 1970 bis 1973 nahm in den Siebzigern mehrere Singles und EPs für unter anderem Capitol und Motown auf, in den späten 70ern rief er die Soul/Funk-Combo Joe Frazier And The Knockouts ins Leben, mit der er durch Amerika und Europa tingelte. Auf der Trikont-Musikdokumentation über den „Ultimate Sound Of Fistfighting“ ist er mit seiner Version des Bobby-Byrd-Songs „Try It Again“ zu hören.
Hier im Anschluss eine kleine Auswahl an Song-Highlights aus „Hits And Misses“:

„Float like a butterfly, sting like a bee, my name is Muhammad Ali.“

Sensationell geht die Nummer „The Ballad Of Cassius Clay“ ab, eine ultra-flotte Soul-Single der Band The Alcoves aus dem Jahr 1964, über die Jonathan Fischer im Beiheft treffend wie eine Knockout-Gerade anmerkt: „Ein typischer Song aus den 60ern, schnell, laut und stark, über einen großmäuligen, schnellen, starken und verdammt gutaussehenden Boxer, dessen politische Wirkung auf die Welt zu der Zeit noch nicht für jeden abzusehen war…“ – über die Formation The Alcoves ist wenig bekannt, selbst allwissende Portale wie Discogs oder Allmusic kennen keine biografischen Daten und nennen als Output der Combo nur die Single, ihre Berücksichtigung auf der Tracklist der Trikont-Sammlung und die Single-B-Seite „Heaven“ als Beitrag zu einem Sampler des New Yorker Labels Carlton Records.

„Marcellus Cassius Clay“ stammt von Jorge Ben. In seiner Heimat gilt der Musiker als einer der bekanntesten Vertreter der Música Popular Brasileira, in der sich Einflüsse aus Rock, Samba, Bossa Nova und Reggae wiederfinden. Das Loblied auf den Boxer ist 1971 auf Bens Album „Negro é Lindo“ erschienen. Der Künstler tritt seit den Achtzigern unter dem Namen Jorge Ben Jor auf, seine einflussreichste Phase auf die brasilianische Popular-Musik hatte er zwischen 1963 und 1976. US-Präsident Obama erwähnte den Musiker 2011 in einer Rede in Rio de Janeiro.

Eine weitere herausragende Nummer des Samplers ist „Foremann Ali Welcome To Kinshasa“ vom Orchestre G.O. Malebo, das die Formation aus Zaire 1974 als musikalischen Willkommensgruß für die beiden Kämpfer des „Rumble In The Jungle“ einspielte. Eine feine Afro-Pop-Nummer mit treibendem Beat, grandiosen Chören, flotten Bläsersätzen und den für die Band typisch flirrenden „Soukous“-Gitarren, hier der westafrikanischen Juju-Musik nicht unähnlich. Das Orchester hat in den Siebziger Jahren zahlreiche Singles eingespielt, seither scheint sich die Spur der Band in der Musikwelt zu verlieren…

Der jamaikanische Reggae und seine spezielle Verehrung afro-stämmiger Helden ist auf der Sammlung nicht zu knapp vertreten, der als Dennis Smith geborene DJ, Produzent und Seventies-Dancehall-Star Dennis Alcapone ist mit seinen Riddims und originellem Toasting in „Muhammad Ali“ und „Cassius Clay“ gleich zweimal zu hören, sein Landsmann Manley Augustus Buchanan aka Big Youth würdigt in „Foreman vs. Frazier“ mit seinem Chant den 1973 in seiner Heimatstadt Kingston ausgetragenen Titelkampf der beiden Schwergewichtler, der als „Sunshine Showdown“ in die Box-Geschichte einging und mit einem K.o.-Sieg Foremans in der zweiten Runde im Nationalstadion endete.

Der Box-Champ selbst hat sich 1963 noch unter seinem Geburtsnamen Cassius Clay als Sänger versucht, mit einer Interpretation des berühmten Soul-Klassikers „Stand By Me“ von Ben E. King, die Singles-Auskopplung, die sich im Übrigen nicht auf dem Trikont-Sampler findet, ist der einzige Song seines Columbia-Albums „I Am the Greatest“, auf der sich Ali ansonsten mit seinen Spoken-Word-Reimen als unterhaltsamer Comedian gibt. Die Aufnahmen gelten als frühe Vorläufer des Rap und Hip Hop. Auf „Hits And Misses“ findet sich der Titel-Track der Monolog- und Gedichte-Sammlung.

„Hits And Misses – Muhammad Ali And The Ultimate Sound Of Fistfighting“ ist im September 2003 beim Münchner Independent-Label Trikont erschienen und nach wie vor als CD im gut sortierten Fachhandel sowie als Download über die Label-Homepage erhältlich.

Soul Family Tree (52): 50 Jahre Trojan Records

Black Friday, heute mit einem Gastbeitrag von Stefan Haase vom Hamburger Freiraum-Blog über das erste halbe Jahrhundert des englischen Trojan-Labels:

Im Juli 1968 gründeten die beiden Engländer Lee Gopthal und Chris Blackwell von Island Records in London das unabhängige Plattenlabel Trojan Records. Intention hinter dem Unternehmen war, Reggae- und Dub-Musik nach Europa zu bringen. Der Name Trojan kommt wohl daher, dass der jamaikanische DJ Duke Reid seinerzeit mit seinem Sound-System auf einem Trojan-Truck von Ort zu Ort tourte. Die ersten sieben Jahre waren die wichtigste Ära für die Kulturinstitution. Durch die Musik erreichte Trojan von Beginn an die Jugendlichen. Und mit den Skinheads als Kunden, der ersten multikulturellen Bewegung in England, kam einiges an Singles von Trojan Records in die Charts. Die Skins warten zu Beginn in erster Linie an Mode und Musik interessiert und weniger an Randale. In den 1970er Jahren setzte sich der rechte Flügel der zusehends gewaltbereiteren Jugendbewegung durch.

Trojans Blütezeit, von 1968 bis 1975, bereitete den Boden für die spätere Punk-/Reggae-Welle der späten Siebziger Jahre. Ohne Trojan hätte es keinen Ska, Dub oder Punk gegeben. Der Reggae war jamaikanischer Punk und ein klares Statement gegen Rassismus. Bis heute tauchen Trojan-Songs in Werbeclips auf oder werden gesampelt von Rappern wie Jay-Z und vielen anderen. Obwohl das Label bereits 1975 verkauft wurde, blieb es bis heute in London beheimatet und ist mittlerweile englisches Kulturgut. Zum 50. Geburtstag wurde eine üppige CD- und LP-Box „Trojan 50“ veröffentlicht. Darüber hinaus publizierte Trojan ein Coffeetable-Book: „The Story Of Trojan“. Mehr Infos gibt es drüben bei www.trojanrecords.com. Dort finden sich auch jede Menge Musiklisten zum Nachhören.

„If every generation really learned from the one before, we’d be gods by now.“
(Don Letts)

Das Label machte zahlreiche jamaikanische Musiker wie Jimmy Cliff, Desmond Dekker, Lee „Scratch“ Perry und natürlich den jungen Bob Marley bekannt. Trojan brachte damit den Reggae und Dub nach Europa. Und ohne Trojan hätte es keinen Ska gegeben, keine Madness oder Specials. Don Letts, Sohn jamaikanischer Eltern in London, brachte den Reggae zum Punk und den Punk zu Bob Marley → Punky Reggae Party“.

Wie Letts in einem Interview erzählte, gab es in den 1970er Jahren in der Kings Road in London nur zwei coole Mode-Shops, Acme und einen Laden, der von Vivienne Westwood und dem späteren Sex-Pistols-Manager Malcolm McLaren geführt wurde. Letts heuerte bei Acme an. Dort kauften auch viele Punk- und Rock-Musiker ein, und Letts schloss schnell mit ihnen Bekanntschaft. Als 1976 Manager des Londoner Roxy Clubs bei Letts anfragten, ob er nicht bei ihnen als DJ auflegen möchte, sagte er zu und spielte Punk, hauptsächlich aus den USA, vor allem Songs der New York Dolls, von Patti Smith oder Television. Doch es gab zu der Zeit noch nicht so viele Punk-Platten, und so legte er aus der Not heraus auch Reggae- und Dub-Singles auf. Und die Punks liebten es. Alles weitere ist Geschichte.

Jimmy Cliff – „Guns Of Brixton“ (The Clash Cover)

Bob & Marcia – „Young Gifted And Black“ (Nina Simone Cover)

Toots And The Maytals – „54-46 That’s My Number“

Harry J. All Stars – „The Liquidator“ (wird heute noch immer beim FC Chelsea im Stadion gespielt)

Mikey Dread – „Roots And Culture“

„It was Trojan’s music that united black and white youths. On the playgrounds, on the streets and on the dance floor.“
(Don Letts)

Don Letts brachte den Reggae zum Punk. Er ist mittlerweile längst ein renommierter englischer Moderator, Filmemacher, Musiker, Journalist und DJ. Beim Radiosender BBC 6 Radio legt er jeden Sonntagabend für zwei Stunden Musik auf. Die Sendung ist bei uns ab 23.00 Uhr zu hören. Wem das zu spät ist, kann die Sendung 4 Wochen lang nachhören, ganz ohne Geoblocking. Der Link zur Sendung → Don Lett´s Culture Clash Radio.

Nachdem er den Reggae zu den Punks brachte, machte er als Video-Regisseur der Band The Clash von sich reden. In den ersten Jahren der Band-Historie hatte er alle Videos des Quartetts gedreht. Auf dem Album „Black Market Clash“ ist er auf dem Cover zu sehen. Seine spätere Dokumentation über die Band „Westway To The World“ erhielt einen Grammy.

Vor einigen Wochen hatte er in seiner Sendung eine „Summer Bass-Heavy Reggae Selection!“ Leider ist die Sendung nicht mehr nachzuhören. Aus dieser Sendung habe ich 5 Songs ausgesucht:

Benjamin Zephaniah – „Earth Liberation Sounds“

Gentleman’s Dub Club – „Hotter“

Dubmatrix & Ranking Joe – „War Inna Corner“

Dread Lion & Mr Biska meet Vibronics – „Zion Dubwise“

DJ Vadim – „Fussin‘ & Fightin'“

„Much has changed since the summer of 1968, yet despite the rise and fall of numerous music trends and the development of new formats on which music can be acquired, Trojan Records has consistently maintained a significant and relevant presence in an ever-competitive market. And such is the vast wealth of music at its disposal there is no reason why it should not continue to do so for many, many years to come.“
(Trojan Records)

Peace and Soul

Stefan aka Freiraum

Hochzeitskapelle @ Akademie der Bildenden Künste, München, 2017-12-20

Da war das Jahr hinsichtlich besuchten musikalischen Aufführungen bereits als erledigt abgehackt, dann kam Mitte vergangener  Woche – „spontan & live!“ – kurz vor dem Einschwenken in den weihnachtlichen Feiertags-Modus die hochgeschätzte Hochzeitskapelle nochmal ums Eck, was soll man sagen, schöner kann man ein Konzertjahr kaum final eintüten als mit dem einzigartigen Blaskapellen-Balkan-Polka-Blues-Crossover-Rumpeljazz-Sound der fünf begnadeten Musiker_Innen, das dachten sich auch die Damen und Herren Student_Innen der Münchner Kunstakademie, die angehenden jungen Kulturschaffenden hielten sich in den heiligen Ausbildungs-Hallen der schönen Künste zu weit vorgerückter Stunde gen Mitternacht nicht lange mit andächtigem Lauschen auf und gaben sich vielmehr der hemmungslosen Tanzwut hin, die Hochzeitskapelle würde ihrem Band-Namen nicht gerecht werden, wenn ihr faszinierendes Musizieren nicht auch dafür ohne Abstriche den passenden Soundtrack liefert.
Dass die ortsansässige Formation in ihrem fundiertem Instrumente-Beherrschen wie in ihrer versierten Improvisationskunst eine der Allerbesten ist, wurde nicht nur hier bereits des Öfteren bezeugt, da mag man sich gerne wiederholen, an neuen Erkenntnissen tat sich in dieser Winternacht zum einen auf, dass Alex Haas mit einem Banjo höchste Haltungsnoten im Lemmy-Kilmister-Gedächtnis-Posen verdient, zum anderen, dass die Band selbst bei frostigen Außen-Temperaturen sommerliches Karibik-Feeling mittels schwer groovender, Bläser-dominierter Reggae- und Ska-Rhythmen aus dem Hut zu zaubern vermag, aber davon konnte man sich bereits eine Ahnung durch die Interpretationen diverser Lee-„Scratch“-Perry- und Skatalites-Stücke auf dem wunderbaren 2016er-Album „The World Is Full Of Songs“ des Quintetts verschaffen.
„Aller guten Dinge sind drei“ heißt es immer so schön, hinsichtlich individuell besuchten Hochzeitskapellen-Auftritten in 2017 nach dem feinen sommerlichen Konzert beim Sendlinger Wochenmarkt und der exzellenten Zusammenarbeit der Combo mit dem Japaner Kama Aina kürzlich im Rahmen des frameless15-Experimental-Abends hat sich der Spruch in der vergangenen Mittwoch-Nacht einmal mehr bewahrheitet.
Very special thanx an Posaunist Mathias Götz für die Info, manchmal ist dieses Soziale-Netzwerk-Gedöns dann doch für was gut…
(*****)

Soul Family Tree (32): Legion Of Mary

„After a quick dash to Vancouver with Hal Kant to resolve a pot bust from earlier that year, Garcia found himself back on-stage just five days after the „last show“, this time with Merl Saunders, John Kahn, Martin Fierro, and Paul Humphrey. As the rest of the Dead gladly embraced some downtime, Garcia & Saunders, later called Legion of Mary, would work steadily throughout the hiatus.“
(Dennis McNally, A Long Strange Trip. The Inside History of the Grateful Dead, 41, The Hiatus, 10/21/74 – 6/76)

Die kalifornische Cosmic-American-Music- und Jam-Band-Institution Grateful Dead legte nach einem San-Francisco-Konzert am 20. Oktober 1974 eine längere Tour-Pause ein, von März 1975 bis Juni 1976 sollte die Band sporadisch nur bei vier einzelnen Gigs in The City By The Bay auftreten, Mastermind Jerry Garcia konzentrierte sich in dieser Zeit verstärkt auf seine Zusammenarbeit mit dem afroamerikanischen Keyboarder Merl Saunders, mit dem er bereits bei dessen Mitwirken an diversen Dead- und Garcia-Solo-Alben und bei seinem eigenen Engagement als Gitarrist beim Saunders-Solo-Debüt „Heavy Turbulence“ zugange war und mit dem er seit 1970 regelmäßig vornehmlich an der US-Westcoast neben seinem Dead-Hauptjob zahlreiche Konzerte bespielte, die gemeinsamen Auftritte sind auf den „Live At Keystone“-Alben, der darauf basierenden 4-CD-Box „Keystone Companions: The Complete 1973 Fantasy Recordings“ und den Ausgaben Numero Sechs und Neun der „Garcia Live“-Serie auf Tonträger für die Nachwelt erhalten. In dieser Kollaboration wird der gemeinsame, ausgeprägte Hang der beiden Musiker zu Rhythm & Blues, Jazz, Reggae und Soul deutlich, auf „Keystone Encores“ findet sich exemplarisch eine lange Version des Smokey-Robinson-Hits „I Second That Emotion“, den die Soul-Legende 1967 für Tamla/Motown einspielte und der zwei Jahre später für das selbe Label erneut zum Erfolgstreffer wurde bei der Zusammenarbeit von Diana Ross und ihren Supremes mit den Temptations:

„Jerry was like Ray Charles, man. He could play any style, and anything he touched had soul. He became so fluid in different styles that he could just sail through anything. I never liked labeling music, but after a while I really felt whatever he played became Jerry´s music.“
(Martin Fierro)

Zusammen mit dem Jahrzehnte-langen Garcia-Begleiter und Blues-Studio-Musiker John Kahn am Bass (der Münchner Musik-Journalist Karl Bruckmaier hat Kahn in seinem sehr lesenswerten Buch „Soundcheck“ ganz stumpf als „Session-Hengst“ bezeichnet ;-))), mit Elvis-Presley-Trommler Ron Tutt und dem mexikanischen Saxophonisten und Flötisten Martin Fierro formierten Merl Saunders und Jerry Garcia Ende 1974 die Band Legion Of Mary, benannt nach einer in den zwanziger Jahren in Irland gegründeten katholischen Laien-Organisation, das Quintett spielte bis Sommer 1975 über sechzig Shows und konzentrierte sich stilistisch neben sporadischem Covern von Dylan- und The-Band-Titeln vor allem auf ausgedehnte Jazzrock-Improvisationen und Black-Music-Interpretationen aus dem Bereich R&B, Chicago Blues, Sixties Soul und Reggae – hier eine Version des Quintetts von „I’ll Take A Melody“, einer Nummer des einflussreichen New-Orleans-R&B-Musikers Allen Toussaint:

„The Deadheads hated me. They really didn´t want to hear horns with the Grateful Dead. There was a lot of animosity, I heard a lot of negative comments. It´s a good thing the Internet wasn´t around back then!“
(Martin Fierro)

Von Legion Of Mary gibt es eine Handvoll exzellente Live-Mitschnitte: Die 2005 veröffentlichte Sammlung „Legion of Mary: The Jerry Garcia Collection, Vol. 1“ enthält diverse Konzert-Aufnahmen der Band von Auftritten in den Jahren 1974 und 1975 in Kalifornien und Oregon.
Die 2013 erschienene „Volume Three“ aus der „Garcia Live“-Serie präsentiert Konzert-Material vom Dezember 1974, aufgezeichnet bei zwei Konzerten in Eugene und Portland im US-Bundesstaat Oregon, das 3-Stunden-Album eröffnet mit einer 18-minütigen Version der Stevie-Wonder-Nummer „Boogie On Reggae Woman“:

„Keystone Berkeley, September 1, 1974“ aus der „Pure Jerry“-Serie firmiert noch nicht unter Legion Of Mary, der Bandname wurde erst ab Dezember 1974 nach dem Abgang des Jazz-Drummers Paul Humphrey und dem Einstieg von Ron Tutt verwendet. Das Album wartet unter anderem mit zwei Songs aus der Feder des jamaikanischen Reggae-Stars Jimmy Cliff auf, „Sitting In Limbo“ und einer Interpretation des wohl größten Cliff-Hits, „The Harder They Come“:

Bei archive.org gibt es Teile des Legion-Of-Mary-Konzerts vom 4. April 1975 im Whitman Auditorium des Brooklyn College/New York, in anständiger Tonqualität als Stream und kostenlosen, legalen Download.

Legion Of Mary lösten sich im Sommer 1975 auf, Saunders, Tutt und Kahn waren in späteren Jahren weiterhin an Garcia-Soloalben wie „Cats Under The Sun“ und „Run For The Roses“ beteiligt, John Kahn und anfangs auch Ron Tutt blieben feste Mitglieder des Live-Line-Ups der über 20 Jahre aktiven Jerry Garcia Band, Kahn gründete 1978 zusammen mit unter anderem Saunders und Garcia das kurzlebige Jazzrock-Sextett Reconstruction – hier eine von wuchtigen Bläsersätzen durchwehte Interpretation des Beatles-Klassiker „Dear Prudence“ der bereits 1979 wieder aufgelösten Band:

Den Rausschmeißer liefert heute die Jerry Garcia Band mit einer Version von „And It Stoned Me“ vom 1970er-Van-Morrison-Meisterwerk „Moondance“, der Belfast Cowboy hat zu seiner wunderbaren R&B-Ballade angemerkt, sie erinnert „how it was when you were a kid and just got stoned from nature and you didn’t need anything else“ – die Van-The-Man-Originalversion wie die Garcia-Bearbeitung haben die gleiche Wirkung in ihrer berückend-schönen Zeitlosigkeit:

Gehabt Euch wohl, Soul-Brothers and -Sisters, in 14 Tagen sitzt wieder Stefan vom Hamburger Freiraum-Blog am Mischpult.

Hochzeitskapelle @ Sommerfest der Marktleute, St. Margaret, München, 2017-07-01

Die Hochzeitskapelle, mit das Beste, was einem derzeit an – nicht nur – ortsansässigen MusikantInnen unterkommen kann, der Wieder-mal-Konzert-Besuch der München/Weilheim-Connection war lange schon als dringliches Bedürfnis angezeigt – insofern umso genehmer, wenn sich der stets wiederkehrende Gang am Samstag-Morgen zum Sendlinger Wochenmarkt und insbesondere zum Lieblings-Käsehändler Christian Ertl mit diesem musikalischen Erlebnis der besonderen Art verbinden lässt: Die Standl-Leute des kleinen, feinen Lebensmittel-Marktes am Untersendlinger Margaretenplatz (jeden Samstag von 7.00 bis 13.00 Uhr, dicker Tipp !!) haben unter nicht unmaßgeblicher Einflussname von Käse- und Musik-Experte, DJ und Buchautor Ertl hinsichtlich musikalischem Live-Programm mit der Hochzeitskapelle einen absoluten Volltreffer gelandet, beschwingt und mit exzellentem Soundtrack unterlegt konnte man seinen Bergkäse, die Tomaten, den Fisch und das Bio-Bier einfangen.
Als Nebengeräusch und Kauferlebnis-Beschallung wär’s aber viel zu schade, geradezu hergeschenkt gewesen, und so haben sich viele Marktkunden mit offenen Ohren zum Zuhören und Mitgrooven eingefunden bei dem vom Quintett selbst so benannten Rumpeljazz, die wunderbare Evi Keglmaier und ihre nicht minder über die Maßen begabten Mitmusiker Mathias Götz, Alex Haas und last not least die No-Twist-Gebrüder Acher haben dankenswerter Weise trotz derzeit permanenter Beteiligung zum Gedenken an den großen bayerischen Schriftsteller Oskar Maria Graf mittels Hörspiel-, Dokumentarfilm- und Festtage-Beschallung noch Zeit für ein vormittägliches Konzert gefunden.
Absolut entspannt, uneitel, aber eben auch völlig ein- und gefangen nehmend schütteln die fünf Ausnahme-MusikerInnen ihre aus vielen Kulturkreisen beeinflussten Instrumental-Kleinode aus dem Ärmel, einen Stilmix aus Gypsy- und New-Orleans-Jazz, Blues, Balkan-Folk, karibischer und orientalischer Volksmusik, Polka und bayerischem Wirtshaus-Gepolter, mit Geige, Banjo, Schlagwerk, diversen Blasinstrumenten und punktuell eingestreutem Geschepper, sowas kann bei weniger versierten Musikern vor allem ob dieser enormen Vielfalt an Musik-Richtungen auch gehörig daneben gehen, bei der Hochzeitskapelle klingen die ursprünglichen Country-, Reggae- oder Chanson-Kompositionen so, als hätte jeder andere Interpretations-Ansatz seine Berechtigung verloren.
Mit einer Song-Auswahl, die sich am herrlichen Material ihrer im letzten Jahr beim Münchner Gutfeeling-Label veröffentlichten Tonträger-Wundertüte „The World Is Full Of Songs“ orientierte, konnte das Quintett und sein Publikum vor der prächtigen Barock-Kulisse von St. Margaret nicht fehlgehen, schöner, beglückter lässt es sich kaum in das Wochenende starten als mit den begnadeten, kunstvollen, gleichsam geerdeten Klangdichtungen und Improvisationen der Hochzeitskapelle. Mögen bis zum nächsten besuchten Konzert dieser Weltklasse-Combo nicht wieder fast zwei Jahre ins Land gehen, bei Terminschwierigkeiten hilft fürderhin vielleicht ein Stoßgebet zur heiligen Margareta von Antiochia oder der Gang zum favorisierten Käsehändler…
(***** – ***** ½)