Reingelesen

Reingelesen (62): Marlon James – Eine kurze Geschichte von sieben Morden

„Einige Tage später kommt der Knalleffekt: Die Regierung kündigt für den 20. Dezember Wahlen an, also nur zwei Wochen nach dem Konzert. Für Manley ist das ein gelungener Coup – für Bob ist es ein Desaster. Gerade er, der sich über die Cliquen stellen wollte, findet sich auf einmal im Morast des Wahlkampfs wieder, wobei der Eindruck entsteht, er würde sich von der PNP vereinnahmen lassen. Er denkt kurz daran, alles abzusagen, aber wie soll man die Lage den Gettos erklären, ohne neuen Aufruhr auszulösen? Dabei raten ihm alle, von dem Projekt abzulassen: anonyme Anrufer, der gehetzte Emissär der amerikanischen Botschaft, die JLP-Freunde wie Tommy Cowan. Claudie Massop, der junge Chef der Tivoli-Gangs, hat ihm sogar aus dem Gefängnis geschrieben, um ihn zur Absage des Konzerts zu bringen.“
(Hélène Lee, Trench Town sehen und sterben, Smile Jamaica)

Marlon James – Eine kurze Geschichte von sieben Morden (2017, Heyne Hardcore)

Kingston, Jamaika, im Dezember 1976: Das Land ist seit Sommer am Rande des Bürgerkriegs und im Ausnahmezustand, die verfeindeten Parteien, die zu der Zeit oppositionelle, konservative Jamaican Labour Party (JLP) und die regierende, sozialistische People’s National Party (PNP) unterhalten beste Beziehungen zu den sogenannten Rudie-Gangs der Stadt, die Dons und Gunmen dieser rivalisierenden Getto-Organisationen kontrollieren die Armenviertel Kingstons und terrorisieren die politischen Gegner. PNP-Premier Michael Manley selbst hat nach der gewonnenen Wahl 1972 die Situation entgegen seiner Wahlversprechen verschlimmert, indem er eigene Parteigänger mit Waffen versorgte, zudem spaltet er die Bevölkerung durch seine sozialistische, von der Politik Fidel Castros beeinflusste Rhetorik. Die Gang-Kriminellen der PNP stilisieren sich als Freiheitskämpfer, während sich die Reihen der JLP als heroische Kämpfer und Bollwerk gegen die kommunistische Flut auf der karibischen Insel sehen. In den dicht bevölkerten Gettos Jamaikas ist die organisierte politische Gewalt als Existenzgrundlage der Gangs an der Tagesordnung. Für den 5. Dezember 1976 ist das „Smile Jamaica“-Konzert der PNP geplant, ein Versuch, die politischen Spannungen in der Bevölkerung abzubauen, im National Heroes Park in Kingston soll als Headliner der Reggae-Star Bob Marley und seine Wailers auftreten.

„Reggae, sanft und sexy, aber auch brutal und einfach wie ärmster und reinster Delta-Blues. Aus diesem Gemisch von Piment, Schusswunden-Blut, sickerndem Wasser und süßen Rhythmen kommt der Sänger, ein Sound, der in der Luft liegt, aber auch ein lebender, atmender Sufferah, der nie vergisst, wo er herkommt, ganz egal, wo er sich gerade aufhält.“
(Marlon James, Eine kurze Geschichte von sieben Morden, Original Rockers)

Das ist die Ausgangslage für „A Brief History of Seven Killings“, dem monumentalen Roman von Marlon James, in dem der jamaikanische Autor ein sagenhaft komplexes Panoptikum an Charakteren, Gegebenheiten und Stimmungsbildern im Kontext von politischen Intrigen, Gewaltexzessen, Drogenhandel und menschlichen Abgründen wie Verrat, Willkür und der Suche nach der eigenen Identität im Jamaika der siebziger und achtziger Jahre entwirft – kreisend um das Attentat vom 3. Dezember 1976, zwei Tage vor dem geplanten Konzert, auf den Sänger, wie Bob Marley in dem Roman genannt wird, seine Frau Rita und den Wailers-Manager Don Taylor, einem offenkundigen PNP-Sympathisanten. Wie durch ein Wunder überleben alle drei Opfer den Anschlag der Getto-Gunmen, der bis heute hinsichtlich Auftraggeber und Motivation nicht restlos aufgeklärt ist und damit ein weites Feld für den Autor des Romans bietet, der in seiner künstlerischen Freiheit fiktive Figuren und Hintermänner der Attacke auf den Reggae-Superstar entwirft wie die Getto-Dons Papa-Lo und den psychopathischen Josey Wales, den Drogen-Gangster Weeper, den Auftragskiller Tony Pavarotti und den kubanischen CIA-Berater Doctor Love, der in einem persönlichen antikommunistischen Kleinkrieg die Scharte seiner Beteiligung an der gescheiterten Schweinebucht-Invasion auswetzen will.
Viele der im Roman gezeichneten, maßgeblichen Charaktere referenzieren auf die kriminellen Protagonisten Kingstons in jenen Jahren wie den Concrete-Jungle-Don Red Tony Welsh, den 2001 in Jamaika ermordeten Drogenhändler Willie Haggart, den PNP-Gangleader Bucky Marshall oder den mit Bob Marley befreundeten Claudie Massop, einem JLP-Gangster und Chef der Tivoli Garden Gang, der 1979 in einem Akt von Polizei-Willkür auf offener Straße hingerichtet wurde. Tatsächliche Ereignisse wie das unter dem Namen „Green Bay Killings“ in die jamaikanische Geschichte eingegangene Armee-Massaker an Mitgliedern der Streetgang „Skull“ oder Marleys „One Love“-Konzert im Jahr 1978 finden Würdigung in diesem vielschichtigen Werk.

„Hast du mitbekommen, was Eric Clapton vor ein paar Monaten über dich gesagt hat? Der ist echt ein Arschloch, der Typ, also, er geht auf die Bühne und sagt, England muss weiß bleiben, jagt die Kanaken und die ganzen Araber und die ganzen Scheiß-Jamaikaner zum Teufel. Ist das zu glauben? Die ganzen Scheiß-Jamaikaner, hat er gesagt, kein Witz. Wow. Hat der nicht mal einen Song von dir gecovert?“
(Marlon James, Eine kurze Geschichte von sieben Morden, Original Rockers)

Der Haupt-Erzählstrang schildert aus unterschiedlichsten Perspektiven die Schicksale der am Marley-Anschlag beteiligten Gunmen und Gang-Mitglieder, in Nebenpfaden und den mit dem Kern der Geschichte verwobenen Ereignissen und Figuren fächert Marlon James einen grell-bunten Strauß auf an kaltblütigen Morden, Waffengeschäften, Prostitution, Verwicklungen der CIA und anderer Dienste in die politischen Geschicke Jamaikas, ausgeprägter Kalter-Krieg-Paranoia, Kommentaren aus dem Jenseits von Seiten eines ermordeten Politikers, Episoden über schiefgelaufene Drogen-Geschäfte der jamaikanischen US-Gang-Community mit dem kolumbianischen Medellín-Kartell, in alle Richtungen funktionierendem Rassismus, die Liebe der Musik-interessierten Jamaikaner zum Hoch-auf-dem-gelben-Wagen-Country eines Marty Robbins, der Odyssee einer in New York gestrandeten Krankenschwester, die unter anderem Namen in einem früheren Leben Zeugin des Attentats auf den Reggae-Musiker im Wailers-Studio in der Hope Road 56 wurde, den Erkenntnissen eines weißen Rolling-Stone-Reporters und Jamaika-Experten, der über seine Erfahrungen auf der Karibikinsel ein Buch schreibt mit dem Titel „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“, und der obskuren Nummer eines Pferderennen-Wettbetrugs, von dem bis heute – völlig unbewiesen – gemunkelt wird, dass hier auch der Sänger und der Wailers-Manager die Finger im Spiel hatten und bei einer Exekution verfeindeter Handlanger zugegen waren. Hierzulande sagt man lapidar, nichts genaues weiß man nicht, das eingangs im Buch zitierte jamaikanische Sprichwort bringt es schön auf den Punkt: „Wenn’s nicht so war, dann war’s so ähnlich“. Wem dieses sich bewusst Im-Vagen-Bewegen zur Thematik in diesem Orkan von einem Roman nicht genügt, dem sei zur vertiefenden Lektüre die ebenso äußerst lesenswerte Dokumentation „Trench Town sehen und sterben. Die Bob-Marley-Jahre“ (2005, Hannibal Verlag) der französischen Journalistin und Jamaika-Expertin Hélène Lee ans Herz gelegt.

„In dem Wagen, der mich ins Gefängnis bringt, spuckt mir ein Polizist ins Gesicht (er ist neu), und als ich zu ihm sage, Pussyhole, deine Spucke riecht nach Kaugummi, stößt mir ein anderer seinen Gewehrschaft so fest gegen den Kopf, dass ich erst aufwache, als sie mir im Gefängnis Wasser ins Gesicht schütten. Beide Polizisten sind noch vor 1978 tot, dank dem Mann neben mir, der sie mir ausliefert, sobald ich aus dem Knast raus bin.“
(Marlon James, Eine kurze Geschichte von sieben Morden, Shadow Dancin‘)

Der Erzähl-Stil dieses Ausnahme-Romans ist rasant und radikal, deutet oft nur an und erklärt nicht bis in das letzte Detail, die Phantasie, Kombinationsgabe und Interpretationsfähigkeit der Leserschaft ist gefragt, das Werk ist vom Ansatz dem jeweils individuellen Stakkato-Stil von Kriminalliteratur-Exzellenzen wie dem britischen „Red Riding Quartett“-Autor David Peace und dem amerikanischen Hardboiled-Meister James Ellroy in seinen aktuelleren Werken nicht unähnlich, hinsichtlich schnellem Lesetempo weit mehr dem flotten Ska und Rocksteady der sechziger Jahre vergleichbar als dem rhythmisch gemächlicheren Roots-Reggae der späteren Dekaden. In einem unglaublich wuchtigen Vortrag entwickelt der Autor in stringent erzählten Kapiteln, mitunter Joyce-artigen Streams of consciousness und rasanten, oft auch extrem witzigen Dialogen einen rauschhaften Sog, dem sich der lesende Mensch nur schwer entziehen kann, ausgeprägte Page-Turner-Qualitäten eben, trotz anspruchsvoller stilistischer Finessen und einem hochkomplexen Gesamtbild.
Mit den exzessiv geschilderten, Schwulen-Porno-artigen Sex-Praktiken einiger Gunmen, die nicht nur harte Jungs, sondern – im Jamaika-Jargon gesprochen – eben auch „Battyboys“ sind, hätte ein Jean Genet gewiss seine helle Freude gehabt, der Autor selbst indes warnt – verständlicherweise – in den Danksagungen die eigene Mutter dahingehend ausdrücklich vor Kapitel Vier und bittet sie um Verzicht des Lesens dieses Abschnitts. James selbst bekennt sich offen zu seiner Homosexualität und wehrt sich in diesen Passagen offensichtlich gegen die homophobe Grundstimmung und Gewalt gegen Schwule im Jamaika dieser Tage.
Das schonungslos in den Themen Exzessive Gewalt, permanenter Wandel hin zum Schlechten und sexuelle Freizügigkeit vorgetragene 860-Seiten-Großwerk ist hinsichtlich Sujet schwer greifbar wie die darin zahlreich enthaltenen, ausufernden Erzählstränge, die Kritik brachte bereits Schlagworte wie Geschichtsbuch, Doku-Fiktion, Polit-Thriller und Sittengemälde ins Spiel, das kommt alles hin, nicht zuletzt ist „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ ein großartiger, mit Herzblut geschriebener, hochspannender Kriminal-Roman, eine einzigartige Frischzellen-Kur für das in letzter Zeit arg im Mittelmaß dümpelnde Genre, getragen von einer Thematik, die im Bezug auf potentiellen Leserkreis weit über die am Reggae interessierten Musikhörer und Literaturfreunde hinausreichen sollte.
Extrem dicker Daumen nach oben hinsichtlich Buchempfehlung, Brethren and Sistren

Marlon James wurde 1970 in Kingston, Jamaika, geboren. Seine Eltern arbeiteten als Polizeibeamte und Richter. Bereits in der Jugend beschäftigte er sich mit der Literatur von Dickens und Shakespeare. „A Brief History Of Seven Killings“ ist sein dritter Roman, für dieses exzellente Jamaika-Epos hat er völlig zurecht zahlreiche Auszeichnungen erhalten, unter anderem als erster Jamaikaner den renommierten britischen Booker Prize der Londoner Investment-Firma Man Group.
Marlon James hat vor einigen Jahren seine Heimat wegen der Ressentiments und gewaltsamen Übergriffe gegen Homosexuelle verlassen und lebt heute in Minneapolis/Minnesota, wo er Literatur am Macalester College in St. Paul unterrichtet.

Herzlichen Dank an Gabi Beusker / Presseabteilung Heyne Verlag für das Rezensionsexemplar.

„Political violence fill ya city, ye-ah!
Don’t involve Rasta in your say say
Rasta don’t work for no CIA“
(Rita Marley, Rat Race)

Reingelesen (61): Barney Hoskyns – Tom Waits: Ein Leben am Straßenrand

„Dieses ganze geheimnisvolle Getue um diesen total abgefahrenen Kerl und all dieser Charles-Bukowski-Mist. Niemand war wirklich so. Im Grunde genommen war er ein Lehrersohn aus der Mittelklasse von San Diego. Und was er da vorführte, war seine Vorstellung davon, wie abgefahren arme Leute waren.“
(Robert Marchese)

Barney Hoskyns – Tom Waits: Ein Leben am Straßenrand (2009, Heyne)

Eine Kultfigur, die sich von der Öffentlichkeit abschottet, ist schwer greifbar, siehe Extrembeispiel J. D. Salinger, derart vollumfänglich radikal wie einst der „Fänger im Roggen“-Autor entzieht sich Ausnahmemusiker Tom Waits den Medien zwar nicht, die Adresse seiner Heimstatt ist für Außenstehende indes streng geheim, für den Autor der vorliegenden Biografie waren weder er noch sein näheres Umfeld für Gespräche und Hilfestellung bereit, somit also kein leichtes und risikofreies Unterfangen, den kalifornischen Barden, Songwriter und Schauspieler Waits zu porträtieren, der englische Musikkritiker Barney Hoskyns ist das Wagnis eingegangen und hat trotz der widrigen Umstände im Rahmen der Recherche durchaus Passables zu Papier gebracht.

Tom Waits kommt 1949 in Pamona im Los Angeles County als Kind eines Schullehrer-Ehepaars zur Welt, der Vater Jesse Frank Waits verlässt 1960 die Familie, dem Musiker bleibt in späteren Jahren vor allem die Alkoholsucht des Altvorderen als familiäres Erbe, erst im mittleren Alter wird er seine eigenen Probleme als regelmäßiger Trinker in den Griff bekommen. Geschichten aus dem persönlichen Umfeld und die speziellen Marotten der Verwandtschaft finden mehrfach thematisch in späteren Songtexten Eingang.

„Da ich ohne Vater aufwuchs, war ich ständig auf der Suche nach einer Vaterfigur. Diese Typen wurden so etwas wie Vaterfiguren für mich. Kerouacs „On the Road“ zu lesen, bereicherte meinen Alltag um ein aufregendes Quäntchen Mythologie und führte dazu, dass ich mich, angetrieben von Forscherdrang und voll Neugierde auf die Details des Lebens, selbst on the road begab.“
(Tom Waits)

Waits heuert im Alter von 21 Jahren beim Zappa-Manager Herb Cohen an, der bringt ihn 1972 beim Asylum-Label unter, der Plattenfirma von Bands und Musikern wie den Eagles oder Jackson Browne, deren Musik wie auch deren Lebensstil Waits völlig fremd sind. Der amerikanische Westcoast-Sound ist sein Ding nicht, eine bekannte Folk-Formation verspottete er als „Crosby Steals The Cash“, über die Cover-Version von „Ol‘ 55“ der Eagles, die ihm immerhin ordentlich Tantiemen in die Kasse spülte, rümpfte er verächtlich die Nase.

Für landesweite Konzertreisen schickt Cohen seinen Schützling zur Promotion als Eröffnungsnummer auf Tour mit Frank Zappa und den Mothers, Waits geht beim feindseeligen, extrem kritischen Zappa-Publikum durch eine harte Schule und stellt aufgrund der negativen und ablehnend Resonanz, die er aus diesem Lager erfährt, erstmals die Sinnfrage hinsichtlich seines künstlerischen Schaffens.

Autor Hoskyns widmet sich in seiner Waits-Biografie ausführlich den ersten Engagements des Sängers im Troubadour Nightclub in West Hollywood Anfang der Siebziger, den musikalischen wie literarischen Einflüssen, Dylan, Monk, Louis Armstrong, Dr. John, Howlin‘ Wolf auf der einen, explizit die Beat-Autoren Kerouac und Ginsberg plus Suff-Poet Bukowski auf der anderen Seite, bei letzterem stößt die Musik Waits‘ auf wenig Gegenliebe, erst kurz vor seinem Ableben wird der Underground-Schreiber mildere Worte für den geistesverwandten Songwriter finden. Seine Freundschaft zum Musiker-Kollegen Chuck E. Weiss und seine Affäre mit der Sängerin Rickie Lee Jones werden ausführlichst thematisiert, wie sein Abhängen im vermüllten Zimmer des Tropicana Motel, das er jederzeit der von ihm verachteten Laurel-Canyon-Szene um Joni Mitchell und David Crosby vorzog.

„Natürlich war sein Gehabe aufgesetzt, und natürlich rieb man sich daran und dachte: ‚Okay, dass er in Wahrheit kein Jazzbo-Beatnik aus den Fünfzigern ist, weiß jeder‘. Aber was er tat, hatte einfach Qualität.“
(Tom Nolan)

Hinsichtlich Plattenaufnahmen gelingt Waits mit einer feinen Bar-Jazz- und Folk-Balladen-Sammlung ein mehr als passabler Einstieg in die Musikindustrie, ergreifende Nummern wie das bereits erwähnte „Ol‘ 55“, „I Hope That I Don’t Fall in Love with You“, „Ice Cram Man“ und „Rosie“ tragen auf „Closing Time“ (1973, Asylum) zu einem exzellenten Debüt-Album bei, auf den folgenden Longplayern wird sich der Waits-Stil bis Anfang der Achtziger weg vom Folk, hin zum Piano-Jazz und Bar-Blues entwickeln, in den Texten thematisch permanent in einer Verbindung aus Tragik und Romantik zugange. Ab den späten Siebzigern ist Waits – oft nur in Nebenrollen – als Schauspieler in Kinofilmen zu sehen, diverse Male in Produktionen von Francis Ford Coppola, herausragend in seiner Karriere als Mime sind die Hauptrolle in Jim Jarmuschs Low-Budget-Klassiker „Down By Law“ aus dem Jahr 1986 an der Seite von Avantgarde-Jazz-Musiker John Lurie und dem italienischen Schauspieler Roberto Benigni und sein Auftritt in Robert Altmans Episoden-Film-Meisterwerk „Short Cuts“ im Jahr 1992.

Seine frisch angetraute Frau Kathleen Brennan bringt ihm Anfang der Achtziger die musikalische Welt des Blues-Avantgardisten und Zappa-Spezis Don Van Vliet aka Captain Beefheart näher, unter dem Einfluss der Arbeiten des unkonventionellen Experimental-Rock-Musikers und weiterer Outsider-Komponisten wie dem kalifornischen Musik-Theoretiker Harry Patch entwickelt Waits die Songs für sein Album „Swordfishtrombones“ und gibt damit gleichzeitig die stilistische Marschrichtung vor für weitere, folgende Ausnahme-Alben wie „Rain Dogs“, „Bone Machine“ oder seine musikalischen Kollaborationen mit dem experimentellen Theatermacher Robert Wilson. Elektra-/Asylum-Chef Joe Smith ist entsetzt vom neuen Material, es kommt 1982 zum endgültigen Bruch mit seinem angestammten Plattenlabel, das Werk erscheint auf dem Island-Label von Chris Blackwell, die Welt lernt den experimentierfreudigen Kunstmusiker Waits kennen, wie er ab diesem Zeitpunkt bis zum heutigen Tag in den Feuilletons dieser Welt abgefeiert wird, passe ist der von Thelonious Monk, Dr. John, Randy Newman und Charles Bukowski beeinflusste Bar-Blues und Jazz früherer Tage. Waits‘ weitere Alben sind geprägt vom Tüfteln auf kaputten Instrumenten, Kurt-Weill-Anlehnungen, exotischer Marimba-Rhythmik, New-Orleans-Beerdigungskapellen-Gebläse, schrägem Folk, Swamp-Blues und dem Avantgarde-Gitarrenspiel seines zukünftigen, langjährigen Kollaborateurs Marc Ribot.

Barney Hoskyns hat von Seiten Waits/Brennan beim Verfassen seiner Biografie keinerlei Unterstützung in Form von Interviews, beantworteten Briefen oder telefonischen Gesprächen bekommen, darüber hinaus hat das Paar offensichtlich nichts unversucht gelassen, um den eigenen Inner Circle von einer Zusammenarbeit mit dem Autor abzuhalten, der im Anhang veröffentlichte Mail-Verkehr, unter anderem mit dem Management von Stones-Gitarrist Keith Richards und mit Rickie Lee Jones, dokumentiert das hinlänglich.
Hoskyns stützt sich in seiner Recherche auf wenige, Jahrzehnte-alte Interviews, die er in seiner Eigenschaft als Musikjournalist in der Vergangenheit mit dem Star führen durfte, und auf Erinnerungen von Zeitgenossen, denen das Wohlwollen des Musikers egal war oder die längst keinen Kontakt mehr zu Waits hatten.
Unter diesen Umständen ist die Arbeit von Hoskyns grundsätzlich zu loben, auch wenn der Leser aufgrund fehlender Informationen aus erster Hand die unterhaltsamen Anekdoten aus dem Leben des großen Musikers oft vergeblich sucht. Der Autor lässt seine eigenen Interpretationen und Eindrücke zur Waits-Musik und -Vita Revue passieren, dass ist nichts Verwerfliches, der deutsche Autor Christoph Geisselhart hat es mit diesem Ansatz zu einer dreibändigen, lesenswerten, 1.400-seitigen Dokumentation über die britische Rock-Institution The Who gebracht, auch im Fall von Hoskyns und Waits funktioniert diese Herangehensweise leidlich, zumal sie gespickt ist mit latent zur Ironie neigenden Spitzen des Autors in Richtung seines Helden, die jedoch nie sein Fan-Dasein verleugnen und die grundlegende Zuneigung zum verehrten Musiker erkennen lassen.
Die ausführliche Besprechung und Interpretation der kompletten Songs jeder einzelnen Waits-Veröffentlichung zelebriert der Autor bis zum Exzess, so genau mag man’s als Hörer oder Leser dann oft doch nicht wissen, und den Begriff der „Pastiche“, den Hoskyns bei seiner vergleichenden Beschreibung von einzelnen Waits-Songs weit über Gebühr bemüht, den mag man als Leser irgendwann auch nicht mehr durchgehen lassen, ohne aufkommende Verärgerung über diese auf Dauer unoriginelle Form der Referenz zu verspüren.
Anyway, ein willkommener Anlass, um den ein oder anderen Tonträger des Sängers mit der ruinierten Stimme aus dem Plattenschrank zu ziehen und abzutauchen in die wundersam-wirre Welt einer alkoholgetränkten, versponnenen Parallelwelt-Romantik ist die Lektüre des Hoskyns-Werks allemal.

Bezeichnend ist die Geschichte zum Schlusskapitel des Buchs: Barney Hoskyns wartet im verregneten schottischen Sommer 2008 nach einem Waits-Konzert im Edinburgher Playhouse am Tourbus auf seinen Star, um persönlich endlich ein paar Worte mit ihm zu wechseln, Waits indes sitzt bereits im Bus, ist dem Fan wieder einmal enteilt und bleibt für ihn weiter unerreichbar, eine bezeichnende Metapher für die Arbeitsgrundlage zu dieser Biografie.

„Wenn Sie heute wirklich etwas suchen müssen, dann den Ausweg.“
(Tom Waits)

Der Brite Barney Hoskyns ist Musikjournalist und Redakteur des Online-Musikarchivs Rock’s Backpages. Seine Artikel erschienen unter anderem in Fachpostillen wie Melody Maker, New Musical Express und Rolling Stone. In den neunziger Jahren war er US-Editor des renommierten Mojo Magazine. Hoskyns ist der Autor mehrerer Bücher über Themen wie Glamrock, die Laurel-Canyon-Szene, Haight-Ashbury und die englischen Hardrock-Pioniere Led Zeppelin. Barney Hoskyns und seine Familie leben in London, mit dem Ultravox-Musiker Midge Ure ist er verschwägert.

Tom Waits veröffentlicht sporadisch weiterhin Alben, zuletzt im Jahr 2011 den sehr hörenswerten Experimental-Blues-Longplayer „Bad As Me“ beim kalifornischen Indie-Label ANTI-. Etliche Mainstream-Artisten wie Rod Stewart und Bruce Springsteen haben in der Vergangenheit Coverversionen seiner Songs interpretiert und somit, durch die Verkaufszahlen bedingt, einen nicht unerheblichen Anteil an der Vermögensbildung des Kultmusikers.

Reingelesen (60): James Frey – Strahlend schöner Morgen

Old woman walking with a sack on her back
Picking up the garbage people put out back
Men down there trying to walk the line
Trading their soul for a bottle of wine
(J. J. Cale, Downtown L.A.)

James Frey – Strahlend schöner Morgen (2010, List)

Stadtroman, „Short Cuts“ in Literatur gegossen, der Abgesang auf den amerikanischen Traum, in 590 pralle Seiten gepackt. James Frey hat 2008 in seinem Roman „Bright Shiny Morning“ kein Blatt vor den Mund genommen und in seinem Portrait über den kalifornischen Großstadt-Moloch Los Angeles mehr als nur einen Blick gewagt in die menschlichen Abgründe. Er erzählt unzählige Geschichten über die in der Stadt Gestrandeten, oft findet das skizzierte Leben der Protagonisten in einer kurzen Passage nur einmal Erwähnung, dann ist ihr Bezug zur Stadt der Engel in knappen Sätzen bereits umrissen, einigen widmet er in seinem mehrschichtigen, auf vielen Ebenen vorgetragenen Roman längere Erzählstränge über die volle Roman-Distanz, vier insgesamt, in sich ablösenden Episoden erzählt er die Geschichten von Old Man Joe, einem aufrechten Obdachlosen aus Venice, der eine junge Drogensüchtige retten will, die Kapriolen des Schauspieler-Ehepaars Amberton und Casey, das sich hinter der Fassade des glücklichen Hollywood-Traumpaars den jeweiligen homosexuellen Eskapaden hingibt, der Leser begleitet die mexikanische Einwanderer-Tochter Esperanza in ihrem Kampf mit dem eigenen Körper und in den Auseinandersetzungen mit einer sadistischen, schwerreichen Arbeitgeberin, besonders anrührend ist die Geschichte von Maddie und Dylan, zwei 19-jährigen, die ihren prügelnden Eltern, dem Alkohol, dem Missbrauch, dem religiösen Wahn und der Tristesse eines Kaffs in Ohio entfliehen, alle suchen das Glück und ein besseres Leben im Haifischbecken L.A., die Wenigsten werden es finden, einige müssen bittere Lektionen lernen und vor allem für alles bezahlen, was sie sich an Verfehlungen im Streben nach einer besseren, erfüllten Zukunft leisten. Nobody rides for free, bei einigen haben die Fehltritte und die schwachen Momente tödliche Folgen, bei anderen regelt das Scheckbuch und der Anwalt die Klärung der Probleme.

Sie bekamen noch zwei Kinder, einen Jungen namens Wayne und ein Mädchen namens Dawn, und die ganze Familie wohnte im Trailer. Er war überfüllt, doch die Enge brachte sie einander näher, zwang sie, Frieden zu halten, die guten Zeiten zu strecken und die schlechten Zeiten zu verkürzen.
(James Frey, Strahlend schöner Morgen)

Der Traum vom Glück und vom Erfolg, der große amerikanische Traum, dem in L. A. viele nachhängen, dessen Erfüllung viele suchen, er erweist sich allzu oft als Trugbild, unerreichbar, im schlimmsten Fall in einen Albtraum gekehrt, trotzdem folgen jährlich Abertausende der Verlockung und pilgern nach Westen, der Sonne Kaliforniens entgegen, und hoffen auf eine Karriere als Musiker, Schauspieler, Künstler, Pornostar, die oft in der Gosse, im Armenviertel in einer heruntergekommenen Wohnung und im lausig bezahlten Kellner-Job zum Stillstand kommt. Nur die Surfer an den Stränden des Pazifik erhoffen außer der Sonne und den Wellen nichts und bekommen, was sie erwarten, alle anderen müssen sich über kurz oder lang der harten Realität stellen und ihre Träume begraben oder stoisch weiterverfolgen, wider besseren Wissens und gegen alle Erfahrungen.

Nicht alle Tatsachen sind lustig. Manche schon, manche sind superlustig, aber nicht alle. Hier ein paar weniger lustige Tatsachen über Los Angeles. Über 60 000 Menschen arbeiten in der Pornobranche. Über 1,6 Millionen Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze. Jährlich werden circa 150 000 Schwerverbrecher verhaftet. Fünfzig bis sechzig Proznet aller im Los Angeles County begangenen Morde finden im Gangmilieu statt, ungefähr siebenhundert pro Jahr.
(James Frey, Strahlend schöner Morgen)

Dabei stellt sich der Leser bei Lektüre dieses rasant geschriebenen, lakonisch erzählten Romans permanent die Frage: Wer mag sich freiwillig an einem solchen Ort niederlassen? Von den einzelnen Erzählsträngen losgelöste Kapitel dokumentieren die Geschichte der Stadt und seiner Bewohner, die sich ihre Viertel aus einer Zwangslage heraus als Heimat nicht aussuchen können, Viertel und Straßenzüge, in denen der Alltag von Banden-Kriegen und Drogen-Kriminalität bestimmt wird, täglich Tote, täglich ein neues Schlachtfeld, mit zahlreichen Kollateralschäden unter den unbeteiligten Anwohnern. Selbst die Reichenviertel wie Beverly Hills erweisen sich mit ihren auflauernden Paparazzi und einer abgeschotteten Nachbarschaft als beklemmende Lebensräume. Zum humanen Chaos gestellt sich das ökologische: die Heimstatt der gefallenen Engel ist umgeben von endlosen Meilen der City-Autobahnen des L. A. County, die zum stundenlangen Verweilen im Stau zwingen und die durch unfassbare Luftverschmutzung mittels Autoabgasen der Stadt buchstäblich den Atem abschnüren.

Geschichten vom schwarzen Minigolf-Platz-Betreiber, dessen Unternehmen den Bach runtergeht, vom weißen Waffenhändler, dessen Geschäft vor allem durch seinen Hass auf alles und jeden getrieben wird, dabei funktioniert der Raubtier-Kapitalismus nach dem uramerikanischen Muster rein nach Zahlen bemessen prächtig, wäre die Stadt Los Angeles ein unabhängiges Land, ihre Wirtschaftskraft würde an fünfzehnter Stelle weltweit stehen.
In kurzen eingeschobenen Passagen erzählt Frey die Geschichte der Stadt, beginnend mit der ersten Erwähnung der Siedlung im Jahr 1781, es ist eine Geschichte von verfehlter Stadtplanung, Rassen-Trennung und Rassen-Unruhen, Ghettoisierung, die Geschichte einer unfassbaren, permanenten Umweltverschmutzung, eine Dokumentation unzähliger schlecht bezahlter Jobs und schlechter Ernährung, von Alkoholismus, von Korruption, organisierter Kriminalität, die Geschichte der scheinbaren Traumfabrik Hollywood und von 333 kalifornischen Sonnentagen im Jahr.

Von jedem Dollar an Steuereinnahmen werden 29 Cent für Verbrechensbekämpfung ausgegeben, 15 Cent für Abwässer und Kläranlagen, 8 Cent für Straßenerneuerung, 1.5 Cent für Bildung.
(James Frey, Strahlend schöner Morgen)

Der Moral-freie Sozialrealismus von James Frey erlaubt sich nur seltene, kurze emotionale Ausbrüche, in jeweils dreifachen Wiederholungen als Stil-Mittel, Song-Refrains gleich, hebt der Autor die besonders erwähnenswerten Fakten oder Ereignisse und Gemütswallungen seiner Protagonisten kurz hervor, die nüchtern-lässige Erzählweise und die geschilderten Eindrücke sind nicht allerorts auf Gegenliebe gestoßen, man warf dem Autor vor, Fakten und Fiktion zu vermischen, dabei macht gerade diese Mixtur aus harten Tatsachen und die darin eingebetteten, von den Unbilden des Lebens zeugenden humanen Tragödien die Würze dieses rasant zu lesenden Romans aus.

James Frey wurde 1969 in Cleveland/Ohio geboren. 1993 bekämpfte er erfolgreich seine Drogen- und Alkoholsucht. Mitte der Neunziger zog er nach Los Angeles, wo er als Drehbuchautor tätig war.
Seine als Autobiografien konzipierten Romane „A Million Little Pieces“ und „My Friend Leonard“ waren kommerziell sehr erfolgreich, wurden aber von Kritikern im Nachgang heftig verrissen, als bekannt wurde, dass Frey viele in den Romanen geschilderte Episoden nicht selbst erlebt hatte.
Mit „Strahlend schöner Morgen“ gelang Frey 2008 die Wiederauferstehung am Buchmarkt, der britische Schriftsteller Irvine Welsh bezeichnete den Roman als literarisches Comeback des Jahrzehnts. Die Los Angeles Times sah in dem Machwerk hingegen einen abscheulichen Roman und ein literarisches Wrack, da fühlte sich wohl wer in seinem Lokalpatriotismus schwer angekratzt.