Reingelesen

Reingelesen (64): Elvis Costello – Unfaithful Music. Mein Leben

„Das Problem mit autobiografischen Schwarten wie dieser hier ist, dass man bei jeder halbwegs unterhaltsamen Anekdote oder kostbaren Erinnerung irgendwann bei diesem Gedanken ankommt: Die ganze Sache ist mir eigentlich schnurz.“
(Elvis Costello)

Elvis Costello – Unfaithful Music. Mein Leben (2015, Berlin Verlag)

Es war ihm eigentlich schnurz. So hat sich’s auch über weite Passagen beim Lesen angefühlt. Declan Patrick MacManus aka Elvis Costello hat in „Unfaithful Music“ seine ersten 60 Jahre Erdendasein Revue passieren lassen, in einem oft völlig unsortierten Konvolut aus Familien-Geschichten, Musiker-Anekdoten, Beobachtungen aus dem Alltag, Anmerkungen zum Entstehungsprozess seiner zahlreichen Alben und zu einer Auswahl seiner von britisch-sarkastischem Humor durchsetzten Songtexte. Den roten Faden in diesem Sammelsurium aus scheinbar wahllos herausgegriffenen und zusammenhanglos aneinander gereihten Schlaglichtern, Meilensteinen und Episoden aus dem Leben des Elvis C. sucht man vergebens, es gibt ihn augenscheinlich nicht.
Sprunghaft gibt Costello Einsichten in die eigene Vita, erzählt neben der Geschichte der eigenen Musikanten-Karriere die seines musizierenden Altvorderen, sinniert über gescheiterte Ehen und gibt Interpretationshilfen zu ausgewählten Songtexten in Bezug auf selbst Erlebtes und Empfundenes, ergeht sich in endlosen Belanglos-Begebenheiten mit berühmten Musiker-KollegInnen, mehrfach als mittlerweile Everybodys Darling im Rock’n’Roll-Zirkus selbstredend mit unvermeidlichem Mainstream-Personal wie Dylan, McCartney oder Springsteen, um hunderte von Seiten später unvermittelt erneut in die Ahnenforschung einzusteigen, in einem Abschnitt des Wälzers, in dem sich die Leserschaft der Hoffnung hingegeben hat, diese weit über Gebühr strapazierte und dem eigenen Interesse zuwiderlaufende Thematik längst final abgehandelt zu haben.
Das Irrlichtern zwischen unterschiedlichsten Ebenen und Inhalten macht die Lektüre zu einer anstrengenden, eine erkennbare Chronologie hätte dem Lesefluss spürbar gut getan. Viele Begebenheiten sind für sich gesehen nette Anekdoten, oft mit dem für Costello typischen, hintergründig-bissigen, typisch britischen Humor gewürzt, sowas funktioniert als Anmoderation oder gewitzte Entertainment-Einlage bei einer konzertanten Aufführung hinlänglich gut, in dieser Autobiografie wirkt das wenig stringente Geblubber zusammenhanglos und willkürlich. Nicht selten bleibt es auch unverständlich, da Costello in seinen eigenen Gedankengängen lebt, oft nur andeutet, nicht ausformuliert oder Wissen voraussetzt, mit dem die Leserschaft nicht dienen kann und somit Schulter-zuckend die kryptische Passage abhackt.

„Ein großer Teil der Popmusik ist dadurch entstanden, dass es Leuten nicht gelang, ihr Vorbild zu kopieren, wobei sie dann unbeabsichtigt etwas Neues schufen. Je näher du deinem Ideal kommst, umso weniger originell ist dein Sound.“
(Elvis Costello, Unfaithful Music, Don’t start me talking)

Leidlich erklären immerhin seine hinlänglich dokumentierten und immer wieder im Stile des exzessiven Namedroppings ins Feld geführten Bekanntschaften und Arbeitsbeziehungen mit Heulsusen und Langweilern vom Schlage Joni Mitchell, Paul McCartney oder Graham Nash, warum sich im Costello-Œuvre nicht nur über jeden Zweifel erhabene Werke, sondern mitunter auch immer wieder durchwachsener bis ungenießbarer Humbug findet – bei dem zweifelhaften Umgang und diesen Einflüssen ausgesetzt: Alles andere als verwunderlich.

„Kurz vorher war ‚Penny Lane‘ erschienen. Ich weiß nicht, ob er den Song jemals gehört hat, aber ich glaube mich zu erinnern, er hielt die Beatles für einen Haufen Schwuchteln.“
(Elvis Costello, Unfaithful Music, Almost Liverpool 8)

Zusammengearbeitet hat Elvis Costello aber auch mit weitaus gewichtigeren VertreterInnen der Musikerzunft wie seiner Ehefrau Diana Krall oder Country-Göttin Emmylou Harris, mit Chet Baker, Bill Frisell, Allen Toussaint, Burt Bacharach oder T Bone Burnett, bei Live-Auftritten, in Duett-Arrangements, als Sessionmusiker, Produzent oder Songschreiber, dahingehend hält der Wälzer für die interessierte Leserschaft detaillierte Episoden aus dem Costello-Kosmos parat, wenngleich auch diese wie erwähnt oft völlig aus dem Zusammenhang gerissen sind und so kaum ein ausgewogenes Gesamtbild ergeben.

Ist es wenigstens für beinharte Costello-Fans eine lohnende Lektüre? Fraglich. Auf viele Alben, davon nicht wenige Meilensteine seiner Karriere, geht er mit keinem Wort ein, warum es zum Bruch mit seiner Stammformation The Attractions für fast eine Dekade im Rahmen der Arbeiten zum hervorragenden „Blood & Chocolate“-Album kam, ist kaum eine Erwähnung wert, dafür ergeht sich Costello seitenweise im Interpretieren und Zitieren eigener Textpassagen, nicht weiter verwerflich, wenn denn die Inspiration oder Begleitumstände zum Verfassen der Lyrics nicht derart nebulös, rudimentär und nicht selten auch unverständlich wie in „Unfaithful Music“ skizziert würden.

„Ich kam in derselben Klinik zur Welt, in der Alexander Fleming das Penicillin entdeckte. Ich entschuldige mich im Voraus dafür, dass ich mich nicht als ein ähnlicher Segen für die Menschheit erwiesen habe.“
(Elvis Costello, Unfaithful Music, London’s Brilliant Parade)

Weder Bildlegenden zu den zahlreichen Privatfotos noch ein Schlagwort- und Personenregister wurden als notwendige Ergänzung erachtet, ein weiteres Minus, dass die Bad Vibes bei der oft unbefriedigenden Lektüre dieser 780-Seiten-Autobiografie noch verstärkt.
Die begrenzte Lebenszeit sollte man sinnvoller nutzen und alternativ zum Durchackern des unausgegorenen Wälzers lieber mal wieder eine schöne Costello-Scheibe auflegen, Perlen wie das 1986er-Doppelpack „Blood & Chocolate“ und „King Of America“ oder das schwer respektable Frühwerk aus den Endsiebzigern gehen immer gut ins Ohr, spätere Werke wie „Brutal Youth“, „When I Was Cruel“, der aktuellere Americana-/Roots-Rock-Stoff oder ausgewählte, erwähnte Kooperationen mit Größen wie Allen Toussaint oder Bill Frisell nicht minder.
„Unfaithful“ im Sinne von ungenau, der Titel des Costello-Ergusses ist mit das Stimmigste an diesem erratischen Schmöker, dem ein Ghostwriter oder mindestens ein halbwegs fähiges Lektorat gut zu Gesicht gestanden hätte.

Elvis Costello wurde im August 1954 unter dem Namen Declan Patrick MacManus in London geboren. Der junge Declan geriet durch die vom Berufs-musizierenden Vater zwecks Einübung der Songs nach Hause gebrachten, jeweils frisch gepressten und somit brandaktuellen Beatles-Singles ab den frühen sechziger Jahren unter den schädlichen musikalischen Einfluss der Liverpooler Pilzköpfe, in den siebziger Jahren machte er sich in der Londoner Pub-Rock-Szene einen Namen, arbeitet dort mit Musiker-Kollegen wie Nick Lowe zusammen und veröffentlichte 1977 beim Indie-Label Stiff mit dem Pub-/Punk-/Power-Pop-Debüt-Meilenstein „My Aim Is True“ sein von Kritikern wie Hörern gleichsam hochgelobtes Debüt-Album, dem viele gewichtige Alben der britischen New-Wave-Ära folgen sollten.
In den vergangen Jahrzehnten hat sich Costello in allen möglichen musikalischen Genres getummelt, von Soul und Jazz über Alternative Country und Roots Rock bis hin zur klassischen Musik, er hat unter anderem Aufnahmen von den Pogues, den Specials, Squeeze, Nick Lowe und Paul McCartney produziert und mit unterschiedlichsten Künstlern aus den verschiedensten Stilrichtungen zusammengearbeitet. Als Musikant, Songschreiber und Bühnen-Entertainer ist er ein ziemlich dufter Typ, das Bücherschreiben sollte er denen überlassen, die was davon verstehen.

Reingelesen (63): Richard Ford – Kanada

„Ich weiß nur, dass man bessere Chancen in seinem Leben hat – bessere Überlebenschancen – wenn man gut mit Verlusten umgehen kann; wenn man es schafft, darüber nicht zum Zyniker zu werden.“
(Richard Ford, Kanada, Teil Drei, Kapitel 68)

Richard Ford – Kanada (2014, Deutscher Taschenbuch Verlag)

„Es gibt Kinder, die kommen ohne Schutzengel auf d‘ Welt, und der Sandmann haut ihnen Reißnägel in d‘ Augen, unterm Christbaum liegt jedes Jahr ein Packerl Tränen als Geschenk, und ein Märchenbuch, wo der Teufel immer gwinnt“ textet der österreichische Song-Poet Ludwig Hirsch auf seinem Debüt-Album „Dunkelgraue Lieder“ im Stück „Der blade Bua“, Down South Bavaria würde man zu derart prekären Lebenslagen kurz und knapp den Spruch „Der Teufel scheißt immer auf den gleichen Haufen“ zum Besten geben, beides bringt damit drastisch und überzeichnet auf den Punkt, wovon auch der Erzähler Dell Parsons im Roman „Kanada“ von Richard Ford ein Lied zu singen weiß.

Das Schicksal meint es nicht gut mit dem 15-jährigen Dell und seiner Zwillingsschwester Berner. 1960 lassen sich die Parsons in Montana nieder, der Altvordere Bev, Südstaatler mit Kopf in den Wolken, ex-Militär und gescheiterter Auto- und Immobilien-Händler, macht krumme Geschäfte mit den Indianern, wird von ihnen massiv bedroht und beschließt zusammen mit seiner Frau, zwecks Schulden-Tilgung eine Bank im Nachbar-Staat zu überfallen. Die Parsons führen eine unglückliche Ehe, Neeva, die Mutter der Zwillinge, entstammt einem jüdischen, intellektuellen Osteuropäer-Haushalt, eine feingeistige Künstler-Natur, da bleiben zwei über viele Jahre zusammen, die nicht zusammenpassen, warum Mrs. Parsons dem Gatten treu bleibt und später den Bankraub trotz besseren Wissens und moralischer Skrupel mitplant und begleitet, bleibt unklar, ein ausgeprägter Hang zum Fatalismus schwingt hier unverholen mit.
Wie nicht anders zu erwarten bei kriminellem Handeln von Dilettanten floppt der Bankraub, kurz nach der Erbeutung einer Handvoll Dollar stehen die Ermittlungsbeamten vor der Haustür, das Paar geht ins Gefängnis und die Familie hat aufgehört zu existieren. Die jugendlichen Zwillinge stehen in ihrer unendlichen Verlorenheit, Desillusionierung und Traurigkeit vor dem Scherbenhaufen ihrer Träume und Zukunftspläne, nach einem letzten Besuch bei den inhaftierten Eltern verschwindet Schwester Berner kurz darauf auf eigene Faust nach Kalifornien und führt ab dann ein unstetes Hippie-Leben inklusive etlichen gescheiterten Beziehungen und Problemen mit diversen Substanzen, man wird im weiteren Verlauf des Romans sporadisch von ihr hören.
Der Erzähler Dell entzieht sich der staatlichen Aufsicht des Staates Montana und wird von einer Freundin der Mutter illegal über die Grenze nach Kanada gebracht, wo sie den Jungen bei ihrem exzentrischen, politisch radikalisierten, wegen diverser Kapitalverbrechen aus den Staaten geflohenen Bruder unterbringt, einem Hotelier mit denkbar zweifelhaftem Ruf, hier fristet der junge Dell sein Dasein in einem Nest auf dem Land, das bessere Zeiten gesehen hat, im Ungefähren ohne jegliche konkreten Zukunftspläne. Er besucht keine Schule, ist der Gesellschaft zwielichtiger Zeitgenossen ausgesetzt und verdingt sich mit einfachen Arbeiten im Hotelbetrieb, ein täglich wiederkehrender, nach Auflösung schreiender Albtraum. Die Kindheit ist endgültig zu Ende, als der Junge Zeuge eines Doppelmordes wird, den der Erzähler bereits auf der ersten Seite des Romans ankündigt: „Zuerst will ich von dem Raubüberfall erzählen, den meine Eltern begangen haben. Dann von den Morden, die sich später ereignet haben.“
Das illusionslose Ankommen in der Realität der Erwachsenen, das Erkennen der Kausalität zwischen Tat und Schuld, es ist eine harte, radikale und schnelle Lektion, die dem ohne jeglichen geistigen und materiellen Halt in den Weiten Kanadas verlorenen Jungen widerfährt – im letzten Teil des Romans geschildert aus der Perspektive des inzwischen 65 Jahre alten, verheirateten Dell Parsons, der am Ende seines Berufslebens als Lehrer für Literatur angekommen ist, und der letztendlich seinen Werdegang und die eigene Bildung in die Hand nahm, aber selbst nach einem halben Jahrhundert nur rudimentär erklären kann, warum ihm das Schicksal in jungen Jahren derart übel mitgespielt hat, eine Metapher über die nicht zu lösenden Grundfragen des Lebens. Der Versuch, das nicht Beeinflussbare in seiner Sinnhaftigkeit zu durchdringen, muss letztendlich für den Romanhelden scheitern, auch wenn er es zu erklären versucht: „Das Vorspiel zu schrecklichen Ereignissen kann lächerlich sein, ganz wie Charley gesagt hatte, aber auch beiläufig und unauffällig. Es lohnt sich, das zu erkennen, den es zeigt den Ursprung vieler schrecklicher Ereignisse an: einen Zentimeter vom Alltag entfernt“. Immerhin gelingt es dem Protagonisten, bedingt durch Verlust und persönliche Rückschläge, die Notwendigkeit für den Blick in die Zukunft und den Drang nach Veränderung zu erkennen, ein Funken Optimismus in einer im Grundton trostlosen und verstörenden Geschichte.

„Es gibt zwei Arten von Menschen auf der Welt, verkündete Mildred. Na ja, eigentlich gibt es ganz viele Arten. Aber mindestens zwei. Erst mal diejenigen, die begreifen, dass man es nie weiß; und dann diejenigen, die meinen, man wüsste es immer. Ich gehöre zur ersten Gruppe. Ist sicherer.“
(Richard Ford, Kanada, Teil 2, Kapitel 39)

Es geht im 460-Seiten-Werk vordergründig um Bankraub und Mord, die beiden einschneidenden Ereignisse in dieser Erzählung, aber „Kanada“ ist weit von einem Spannungs- oder Kriminal-Roman entfernt. Richard Ford erzählt im Stil eines klassischen Entwicklungsromans mit der ihm eigenen, sämtliche Aspekte ausformulierenden, stetig-ruhigen Diktion, mit feingliedrigen Charakterstudien des handelnden Personals, einfach, unverstellt und ohne Schnörkel, das mag dem ungeübten Ford-Leser mitunter ermüdend und langatmig erscheinen und ist doch große Literatur, die den Zeitgeist und vor allem die Hektik der immer schnelllebigeren Entwicklungen im sozialen, politischen und technischen Umfeld völlig ausblendet – eine in Text gegossene Oase der Sorgfalt und ausführliche thematische Erörterung, man möchte es fast eine Meditation über die Sinnhaftigkeit der Fügung nennen.
„Zuweilen werden wir erst dann richtig erwachsen, wenn wir einen einschneidenden Verlust erlitten haben, so dass unser Leben uns gewissermaßen einholt und wie eine Welle über uns hinwegspült und alles mit sich reißt“, hat Richard Ford bereits 1986 in seinem ersten Roman „Der Sportreporter“ aus der Frank-Bascombe-Reihe geschrieben, ein Gedankengang, den er in „Kanada“ in ausführlicher und anregender Form wieder aufnimmt.

Richard Ford wurde 1944 in Jackson/Mississippi geboren, einer breiten Leserschaft bekannt geworden ist er vor allem durch die oben erwähnte Roman-Reihe über den Sportreporter und späteren Immobilienmakler Frank Bascombe. In den sechziger Jahren studierte er an der University of California, wo er unter anderem Vorlesungen der Schriftsteller E. L. Doctorow und Oakley Hall hörte.
Sein Werk wurde mit zahlreichen renommierten Literaturpreisen ausgezeichnet, der Nobelpreis war bisher nicht dabei, aber der ist seit der letztjährigen Lachnummer mit dem Bänkelsänger bis auf weiteres auch nicht mehr erstrebenswert.

Reingelesen (62): Marlon James – Eine kurze Geschichte von sieben Morden

„Einige Tage später kommt der Knalleffekt: Die Regierung kündigt für den 20. Dezember Wahlen an, also nur zwei Wochen nach dem Konzert. Für Manley ist das ein gelungener Coup – für Bob ist es ein Desaster. Gerade er, der sich über die Cliquen stellen wollte, findet sich auf einmal im Morast des Wahlkampfs wieder, wobei der Eindruck entsteht, er würde sich von der PNP vereinnahmen lassen. Er denkt kurz daran, alles abzusagen, aber wie soll man die Lage den Gettos erklären, ohne neuen Aufruhr auszulösen? Dabei raten ihm alle, von dem Projekt abzulassen: anonyme Anrufer, der gehetzte Emissär der amerikanischen Botschaft, die JLP-Freunde wie Tommy Cowan. Claudie Massop, der junge Chef der Tivoli-Gangs, hat ihm sogar aus dem Gefängnis geschrieben, um ihn zur Absage des Konzerts zu bringen.“
(Hélène Lee, Trench Town sehen und sterben, Smile Jamaica)

Marlon James – Eine kurze Geschichte von sieben Morden (2017, Heyne Hardcore)

Kingston, Jamaika, im Dezember 1976: Das Land ist seit Sommer am Rande des Bürgerkriegs und im Ausnahmezustand, die verfeindeten Parteien, die zu der Zeit oppositionelle, konservative Jamaican Labour Party (JLP) und die regierende, sozialistische People’s National Party (PNP) unterhalten beste Beziehungen zu den sogenannten Rudie-Gangs der Stadt, die Dons und Gunmen dieser rivalisierenden Getto-Organisationen kontrollieren die Armenviertel Kingstons und terrorisieren die politischen Gegner. PNP-Premier Michael Manley selbst hat nach der gewonnenen Wahl 1972 die Situation entgegen seiner Wahlversprechen verschlimmert, indem er eigene Parteigänger mit Waffen versorgte, zudem spaltet er die Bevölkerung durch seine sozialistische, von der Politik Fidel Castros beeinflusste Rhetorik. Die Gang-Kriminellen der PNP stilisieren sich als Freiheitskämpfer, während sich die Reihen der JLP als heroische Kämpfer und Bollwerk gegen die kommunistische Flut auf der karibischen Insel sehen. In den dicht bevölkerten Gettos Jamaikas ist die organisierte politische Gewalt als Existenzgrundlage der Gangs an der Tagesordnung. Für den 5. Dezember 1976 ist das „Smile Jamaica“-Konzert der PNP geplant, ein Versuch, die politischen Spannungen in der Bevölkerung abzubauen, im National Heroes Park in Kingston soll als Headliner der Reggae-Star Bob Marley und seine Wailers auftreten.

„Reggae, sanft und sexy, aber auch brutal und einfach wie ärmster und reinster Delta-Blues. Aus diesem Gemisch von Piment, Schusswunden-Blut, sickerndem Wasser und süßen Rhythmen kommt der Sänger, ein Sound, der in der Luft liegt, aber auch ein lebender, atmender Sufferah, der nie vergisst, wo er herkommt, ganz egal, wo er sich gerade aufhält.“
(Marlon James, Eine kurze Geschichte von sieben Morden, Original Rockers)

Das ist die Ausgangslage für „A Brief History of Seven Killings“, dem monumentalen Roman von Marlon James, in dem der jamaikanische Autor ein sagenhaft komplexes Panoptikum an Charakteren, Gegebenheiten und Stimmungsbildern im Kontext von politischen Intrigen, Gewaltexzessen, Drogenhandel und menschlichen Abgründen wie Verrat, Willkür und der Suche nach der eigenen Identität im Jamaika der siebziger und achtziger Jahre entwirft – kreisend um das Attentat vom 3. Dezember 1976, zwei Tage vor dem geplanten Konzert, auf den Sänger, wie Bob Marley in dem Roman genannt wird, seine Frau Rita und den Wailers-Manager Don Taylor, einem offenkundigen PNP-Sympathisanten. Wie durch ein Wunder überleben alle drei Opfer den Anschlag der Getto-Gunmen, der bis heute hinsichtlich Auftraggeber und Motivation nicht restlos aufgeklärt ist und damit ein weites Feld für den Autor des Romans bietet, der in seiner künstlerischen Freiheit fiktive Figuren und Hintermänner der Attacke auf den Reggae-Superstar entwirft wie die Getto-Dons Papa-Lo und den psychopathischen Josey Wales, den Drogen-Gangster Weeper, den Auftragskiller Tony Pavarotti und den kubanischen CIA-Berater Doctor Love, der in einem persönlichen antikommunistischen Kleinkrieg die Scharte seiner Beteiligung an der gescheiterten Schweinebucht-Invasion auswetzen will.
Viele der im Roman gezeichneten, maßgeblichen Charaktere referenzieren auf die kriminellen Protagonisten Kingstons in jenen Jahren wie den Concrete-Jungle-Don Red Tony Welsh, den 2001 in Jamaika ermordeten Drogenhändler Willie Haggart, den PNP-Gangleader Bucky Marshall oder den mit Bob Marley befreundeten Claudie Massop, einem JLP-Gangster und Chef der Tivoli Garden Gang, der 1979 in einem Akt von Polizei-Willkür auf offener Straße hingerichtet wurde. Tatsächliche Ereignisse wie das unter dem Namen „Green Bay Killings“ in die jamaikanische Geschichte eingegangene Armee-Massaker an Mitgliedern der Streetgang „Skull“ oder Marleys „One Love“-Konzert im Jahr 1978 finden Würdigung in diesem vielschichtigen Werk.

„Hast du mitbekommen, was Eric Clapton vor ein paar Monaten über dich gesagt hat? Der ist echt ein Arschloch, der Typ, also, er geht auf die Bühne und sagt, England muss weiß bleiben, jagt die Kanaken und die ganzen Araber und die ganzen Scheiß-Jamaikaner zum Teufel. Ist das zu glauben? Die ganzen Scheiß-Jamaikaner, hat er gesagt, kein Witz. Wow. Hat der nicht mal einen Song von dir gecovert?“
(Marlon James, Eine kurze Geschichte von sieben Morden, Original Rockers)

Der Haupt-Erzählstrang schildert aus unterschiedlichsten Perspektiven die Schicksale der am Marley-Anschlag beteiligten Gunmen und Gang-Mitglieder, in Nebenpfaden und den mit dem Kern der Geschichte verwobenen Ereignissen und Figuren fächert Marlon James einen grell-bunten Strauß auf an kaltblütigen Morden, Waffengeschäften, Prostitution, Verwicklungen der CIA und anderer Dienste in die politischen Geschicke Jamaikas, ausgeprägter Kalter-Krieg-Paranoia, Kommentaren aus dem Jenseits von Seiten eines ermordeten Politikers, Episoden über schiefgelaufene Drogen-Geschäfte der jamaikanischen US-Gang-Community mit dem kolumbianischen Medellín-Kartell, in alle Richtungen funktionierendem Rassismus, die Liebe der Musik-interessierten Jamaikaner zum Hoch-auf-dem-gelben-Wagen-Country eines Marty Robbins, der Odyssee einer in New York gestrandeten Krankenschwester, die unter anderem Namen in einem früheren Leben Zeugin des Attentats auf den Reggae-Musiker im Wailers-Studio in der Hope Road 56 wurde, den Erkenntnissen eines weißen Rolling-Stone-Reporters und Jamaika-Experten, der über seine Erfahrungen auf der Karibikinsel ein Buch schreibt mit dem Titel „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“, und der obskuren Nummer eines Pferderennen-Wettbetrugs, von dem bis heute – völlig unbewiesen – gemunkelt wird, dass hier auch der Sänger und der Wailers-Manager die Finger im Spiel hatten und bei einer Exekution verfeindeter Handlanger zugegen waren. Hierzulande sagt man lapidar, nichts genaues weiß man nicht, das eingangs im Buch zitierte jamaikanische Sprichwort bringt es schön auf den Punkt: „Wenn’s nicht so war, dann war’s so ähnlich“. Wem dieses sich bewusst Im-Vagen-Bewegen zur Thematik in diesem Orkan von einem Roman nicht genügt, dem sei zur vertiefenden Lektüre die ebenso äußerst lesenswerte Dokumentation „Trench Town sehen und sterben. Die Bob-Marley-Jahre“ (2005, Hannibal Verlag) der französischen Journalistin und Jamaika-Expertin Hélène Lee ans Herz gelegt.

„In dem Wagen, der mich ins Gefängnis bringt, spuckt mir ein Polizist ins Gesicht (er ist neu), und als ich zu ihm sage, Pussyhole, deine Spucke riecht nach Kaugummi, stößt mir ein anderer seinen Gewehrschaft so fest gegen den Kopf, dass ich erst aufwache, als sie mir im Gefängnis Wasser ins Gesicht schütten. Beide Polizisten sind noch vor 1978 tot, dank dem Mann neben mir, der sie mir ausliefert, sobald ich aus dem Knast raus bin.“
(Marlon James, Eine kurze Geschichte von sieben Morden, Shadow Dancin‘)

Der Erzähl-Stil dieses Ausnahme-Romans ist rasant und radikal, deutet oft nur an und erklärt nicht bis in das letzte Detail, die Phantasie, Kombinationsgabe und Interpretationsfähigkeit der Leserschaft ist gefragt, das Werk ist vom Ansatz dem jeweils individuellen Stakkato-Stil von Kriminalliteratur-Exzellenzen wie dem britischen „Red Riding Quartett“-Autor David Peace und dem amerikanischen Hardboiled-Meister James Ellroy in seinen aktuelleren Werken nicht unähnlich, hinsichtlich schnellem Lesetempo weit mehr dem flotten Ska und Rocksteady der sechziger Jahre vergleichbar als dem rhythmisch gemächlicheren Roots-Reggae der späteren Dekaden. In einem unglaublich wuchtigen Vortrag entwickelt der Autor in stringent erzählten Kapiteln, mitunter Joyce-artigen Streams of consciousness und rasanten, oft auch extrem witzigen Dialogen einen rauschhaften Sog, dem sich der lesende Mensch nur schwer entziehen kann, ausgeprägte Page-Turner-Qualitäten eben, trotz anspruchsvoller stilistischer Finessen und einem hochkomplexen Gesamtbild.
Mit den exzessiv geschilderten, Schwulen-Porno-artigen Sex-Praktiken einiger Gunmen, die nicht nur harte Jungs, sondern – im Jamaika-Jargon gesprochen – eben auch „Battyboys“ sind, hätte ein Jean Genet gewiss seine helle Freude gehabt, der Autor selbst indes warnt – verständlicherweise – in den Danksagungen die eigene Mutter dahingehend ausdrücklich vor Kapitel Vier und bittet sie um Verzicht des Lesens dieses Abschnitts. James selbst bekennt sich offen zu seiner Homosexualität und wehrt sich in diesen Passagen offensichtlich gegen die homophobe Grundstimmung und Gewalt gegen Schwule im Jamaika dieser Tage.
Das schonungslos in den Themen Exzessive Gewalt, permanenter Wandel hin zum Schlechten und sexuelle Freizügigkeit vorgetragene 860-Seiten-Großwerk ist hinsichtlich Sujet schwer greifbar wie die darin zahlreich enthaltenen, ausufernden Erzählstränge, die Kritik brachte bereits Schlagworte wie Geschichtsbuch, Doku-Fiktion, Polit-Thriller und Sittengemälde ins Spiel, das kommt alles hin, nicht zuletzt ist „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ ein großartiger, mit Herzblut geschriebener, hochspannender Kriminal-Roman, eine einzigartige Frischzellen-Kur für das in letzter Zeit arg im Mittelmaß dümpelnde Genre, getragen von einer Thematik, die im Bezug auf potentiellen Leserkreis weit über die am Reggae interessierten Musikhörer und Literaturfreunde hinausreichen sollte.
Extrem dicker Daumen nach oben hinsichtlich Buchempfehlung, Brethren and Sistren

Marlon James wurde 1970 in Kingston, Jamaika, geboren. Seine Eltern arbeiteten als Polizeibeamte und Richter. Bereits in der Jugend beschäftigte er sich mit der Literatur von Dickens und Shakespeare. „A Brief History Of Seven Killings“ ist sein dritter Roman, für dieses exzellente Jamaika-Epos hat er völlig zurecht zahlreiche Auszeichnungen erhalten, unter anderem als erster Jamaikaner den renommierten britischen Booker Prize der Londoner Investment-Firma Man Group.
Marlon James hat vor einigen Jahren seine Heimat wegen der Ressentiments und gewaltsamen Übergriffe gegen Homosexuelle verlassen und lebt heute in Minneapolis/Minnesota, wo er Literatur am Macalester College in St. Paul unterrichtet.

Herzlichen Dank an Gabi Beusker / Presseabteilung Heyne Verlag für das Rezensionsexemplar.

„Political violence fill ya city, ye-ah!
Don’t involve Rasta in your say say
Rasta don’t work for no CIA“
(Rita Marley, Rat Race)