Reingelesen

Reingelesen (74): Donald Ray Pollock – Die himmlische Tafel

„After Appomattox they were on the loosing side
So no amnesty was granted
And as outlaws they did ride
They rode against the railroads,
And they rode against the banks
And they rode against the governor
Never did they ask for a word of thanks“
(Warren Zevon, Frank and Jesse James)

Donald Ray Pollock – Die himmlische Tafel (2018, Heyne Hardcore)

Bereits mit den ersten Sätzen in Donald Ray Pollocks zweitem Roman „Die himmlische Tafel“ wird klar: Gemütlich wird’s sicher nicht in dieser Geschichte, und hinsichtlich erbaulicher, schöngeistiger Literatur wäre man bei vielen anderen Autoren als Leser_In gewiss weitaus besser aufgehoben, diejenigen jedoch, die sich vor einigen Jahren an „Das Handwerk des Teufels“ labten, dem Roman-Debüt des Autors, einem von psychopatischen Serienkillern, religiösen Fanatikern und korrupten Polizisten bevölkerten Southern-Gothic-Death-Metal-Grosswurf in Buchform, diejenigen werden auch am Zweitwerk des spätberufenen Krimi-Schreibers aus Ross County/Ohio ihre helle – oder vielmehr finstere – Freude haben.

„Von da ab, und das ist nun schon fast vierzehn Jahre her, hat er des Nachts seinen Kopf auf diesen Sack gebettet; er sollte ihn auch daran erinnern, dass nichts in diesem weltlichen Leben gewiss ist, nur der Tod.“
(Donald Ray Pollock, Die himmlische Tafel, Kapitel 3)

Die himmlische Tafel, das ist das mit Leckereien bestückte Buffet, an dem sich die geschundene Kreatur nach entbehrungsreichen Jahren und finalem Ableben endlich satt essen darf, und es ist das Sinnbild der Erlösung und anvisierte Ziel des bitterarmen Pachtfarmers Pearl Jewett und seiner drei Söhne Cane, Cob und Chimney, die in Georgia im Jahr des Herrn 1917 buchstäblich von der Hand in den Mund leben und der Laune eines Leute-schindenden Großgrundbesitzers ausgeliefert sind. Prekäre Verhältnisse, die andernorts zur selben Zeit eine bolschewistische Revolution auslösten, in den Südstaaten der US of A hingegen nach einer individuellen Outlaw-Nummer drängen, in einem Land, dessen Geschichte und Kultur im jungen 20. Jahrhundert geprägt ist vom noch nicht lange zurückliegenden Sezessions-Krieg, von Rassismus, Selbstjustiz und dem Recht des Stärkeren, in dem die individuellen Probleme bis zum heutigen Tag nicht zuletzt dank entsprechender Gesetzgebung und verfassungsmäßig garantierter Rechte bisweilen mit der Schnellfeuerwaffe im Anschlag geklärt werden, und das zum Zeitpunkt der Geschichte kurz vor dem Eintritt in den ersten Weltkrieg steht, wenn auch kaum einer der Roman-Protagonisten weiß, wo genau dieses ominöse Deutschland eigentlich sein soll, nicht zuletzt davon wird im weiteren Verlauf der Geschichte ausführlich die Rede sein.
Nachdem der Altvordere völlig ausgezehrt das Zeitliche segnet, befreien sich die jungen Jewett-Hinterwäldler aus der kargen Lohnsklaverei, plündern und morden sich mittels gestohlener Waffen und Pferde durch Feudalherren-Farmen, Banken und Laden-Lokale in Richtung kanadische Grenze – „Shoot Your Way To Freedom“, wie Grant Hart, Gott hab ihn selig, vor Jahrzehnten so anarchistisch wunderbar einen seiner Songs betitelte.

„Er liebte es, so lange gegen sie zu sticheln, bis sie etwas Dummes sagten oder nach ihm ausholten, damit er eine Ausrede hatte, sie in die Hintergasse zu zerren und sie durchzuprügeln; viele Jahre lang hatte ihm das genügt.“
(Donald Ray Pollock, Die himmlische Tafel, Kapitel 12)

Auf ihrer Schleifspur der Gewalt begegnen die Jewetts so manchem Zeitgenossen, der entweder selbst vom Schicksal über Gebühr gebeutelt wurde oder in seinen charakterlichen Ausprägungen, Abarten und Obsessionen jeder besseren Freak-Show zur Ehre gereicht hätte, hier überzeichnet Pollock seine Figuren ab und an gehörig über Gebühr, dem Unterhaltungswert der finsteren Moritat tut es indes kaum Abbruch, wenn Serien-killende, psychopathische Gastronomen, professionelle Latrinen-Entleerer, minderjährige Prostituierte, schwule Offiziers-Anwärter oder der Farmer Ellsworth Fiddler als weiterer Hauptdarsteller des Romans den Weg der Bande kreuzen. Für den einfältigen Landwirt und seine Frau, die ihr gesamtes Erspartes an einen Trickbetrüger und den einzigen Sohn vermeintlich an die Armee und tatsächlich an den Alkohol verloren, gerät das Einlassen mit den White-Trash-Amateur-Gangstern unverhofft zum persönlichen Segen, der die prekäre Misere des hart arbeitenden Ehepaaars beendet.
Die großen Experten sind die Jewett-Brüder weder beim Ausrauben noch beim Flucht-Organisieren, jeder der drei frönt weitaus lieber seinen präferierten Gelüsten, der Älteste als einziger des Lesens Befähigter seinem Hang zur Literatur, wobei ihm die Auseinandersetzung mit Shakespeare oder einem Groschenroman einerlei ist, von den beiden Analphabeten-Brüdern der Ältere der Weiberei, der Jüngere der Völlerei, wer weiß schon, ob die Nummer mit der himmlischen Tafel am Ende nicht ein Luftschloss ist, da haut man sich den Wanst bei Gelegenheit schon mal im Diesseits ordentlich voll, vom Rumhuren des anderen Experten ganz zu schweigen.
Der Mensch denkt, Gott lenkt, und so ist es ausgerechnet der Junior mit dem offensichtlich kleinsten Spatzenhirn, der halbwegs unbeschadet aus der Nummer herauskommt und weiter von der Öffentlichkeit unbemerkt sein Dasein fristen darf, für viele andere Hauptdarsteller endet die Geschichte so, wie sie in den Erzählungen bei Pollock gerne endet: mit durchsiebten Eingeweiden, vor dem Henker, mit abgetrennten Gliedmaßen, einsam wie Vince Vaughn im Abgesang der zweiten „True Detective“-Staffel in der Einsamkeit der Prärie vor sich hin verreckend oder publikumswirksam vom Arm des Gesetztes zur Strecke gebracht.
Das harte Leben im Pollock-Roman ist ausweglos und brutal, ein irdisches Jammertal, in dem das Schicksal letztendlich nur fatalistisch angenommen werden kann, weil ein Dagegen-Ankämpfen kaum der Mühe wert ist und letztendlich zu keiner versöhnlichen Auflösung führt.

„Obwohl Homer in nahezu jeder Hinsicht unfähig war, hatte er zumindest gelernt, dass das Beste, was ein Politiker tun konnte, um zu überleben, darin bestand, absolut nichts zu tun.“
(Donald Ray Pollock, Die himmlische Tafel, Kapitel 22)

In den Rahmen des klassischen Kriminalromans mögen die 430 Seiten nicht passen, die Geschichte ist weitaus mehr Sozialstudie und Sittenbild, in der der tägliche Kampf ums Überleben, soziale Ausgrenzung und Bildungsmangel, sadistische Gewalt, Totschlag und andere Verbrechen allgegenwärtig sind. Was den harten Broterwerb anbelangt, davon weiß Pollock dank eigener Vita, wovon er spricht. Bevor 2008 sein erster Erzählband „Knockemstiff“ erschien, verdiente sich der Autor jahrzehntelang den Lebensunterhalt als Lastwagenfahrer und Arbeiter in einer Fleischfabrik.
Die nüchterne, illusionslose Sprache, die kaum Hoffnung aufkeimen und diese dann sicher wie das Amen in der Kirche zum Ende sterben lässt, mit der Pollock seine rabenschwarze, düstere Geschichte im „Handwerk des Teufels“ erzählt, diesen Slang lässt der zweite Roman-Wurf weitgehend vermissen, der Autor schlägt hier wiederholt den Sound der Groteske, der Satire und der keineswegs unfreiwilligen Komik an, was der exzellent erzählten, prallen Geschichte hinsichtlich Unterhaltungswert sicher nicht abträglich ist, das Buch aber um ein Alleinstellungsmerkmal beraubt und es in eine Reihe mit den ausgesucht schrägen, schwarzhumorigen, Gewalt-triefenden Trash-Splatter-Spätwestern wie „Das Dickicht“ oder „Kahlschlag“ von Joe R. Lansdale und die historischen, satirischen Antihelden-Romane von T. C. Boyle stellt, selbstredend beileibe nicht die schlechtesten Referenzen für dieses literarische Horror-Panoptikum. Und wer einst bei Paul Newman und Robert Redford im Geiste mitrannte und mit den beiden in ihren Rollen als Butch Cassidy und The Sundance Kid den Gesetzeshütern, Militärs und Kopfgeldjägern zu entfleuchen trachtete, wird an dieser Geschichte sowieso wenig zu bemäkeln haben.

Die amerikanische Originalausgabe ist 2016 unter dem Titel „The Heavenly Table“ beim Verlag Doubleday in New York erschienen. Im selben Jahr wurde auch die gebundene deutsche Erstausgabe in der Münchner Verlagsbuchhandlung Liebeskind publiziert. 2017 zeichneten die Juroren „Die himmlische Tafel“ mit dem ersten Platz des Deutschen Krimi-Preises in der internationalen Kategorie aus.

Donald Ray Pollock wurde 1954 in Knockemstiff/Ross County im US-Bundesstaat Ohio geboren, die Ortschaft, die seiner ersten Kurzgeschichten-Sammlung den Namen gab, ist heute eine entvölkerte Geisterstadt. Im Alter von 45 Jahren reichte Pollock seine erste Short Story bei einer Zeitschrift für englische Literatur an der Ohio State University ein, woraufhin ihn eine Herausgeberin des Blattes zum Studium für kreatives Schreiben an der Hochschule überredete.
Die New York Times veröffentlichte während der US-Präsidentschaftswahl 2008 regelmäßig seine Reportagen zum Wahlkampf in Ohio. Neben dem Deutschen Krimi-Preis wurden seine Arbeiten mit diversen renommierten Literatur-Auszeichnungen in Frankreich und den Vereinigten Staaten geehrt.

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Reingelesen (73): Thomas Adcock

„Auch Halo schien nichts in seiner schäbigen Behausung wirklich wichtig zu sein. Als würde der Mann sein wirkliches Leben woanders führen. Einen beunruhigenden Augenblick lang kam mir der Gedanke, dass jemand, der sich meine eigene Wohnung in Hell’s Kitchen ansah, möglicherweise zu dem gleichen traurigen Schluss über mich gelangen würde. Ich tröstete mich schnell damit, dass es in meiner Bude wenigstens jede Menge Alk und Bücher gab, und ein altes Foto von einem Soldaten.“
(Thomas Adcock, Feuer und Schwefel, Kapitel 19)

Thomas Adcock – Feuer und Schwefel / Ertränkt alle Hunde / Der Himmel des Teufels
(1994 – 1998, alle: Haffmans Verlag)

Im Debüt-Roman „Hell’s Kitchen“ seiner Krimiserie lässt Autor Thomas Adcock den New Yorker Cop Neil Hockaday gegen die Machenschaften des Immobilien-Spekulanten Daniel „The Dan“ Prescott ermitteln, einer durch und durch korrupten Figur, für die Donald Trump seinerzeit unverhohlen als Vorbild herhalten durfte, im Roman wird quasi-satirisch über eine mögliche Präsidentschafts-Kandidatur des fiktiven Geschäftsmanns Prescott spekuliert, die Realität hat dahingehend die vermeintliche literarische Freiheit längst auf der Standspur links liegen gelassen.
Auch in der Fortsetzung „Feuer und Schwefel“ (1994, Originaltitel: „Dark Maze“) muss sich der irisch-stämmige Detective mit krummen Grundstücksgeschäften und deren Strippenziehern auseinandersetzten, dieses Mal mit Prescott-Bruder Wendell, der sich wie Fred Trump in der realen Welt weitaus größerer Beliebtheit als die prominentere Verwandtschaft erfreute und gerne mal einen strammen Drink genehmigte, Spekulationsobjekt ist die ehemalige Brooklyner Vergnügungsmeile Coney Island, deren große Zeiten längst vergangen sind und von Thomas Adcock ausgiebig in melancholischer Reminiszenz gewürdigt werden.
„Feuer und Schwefel“ ist der Name eines Gebäudes, das neben vielen anderen Relikten aus der guten alten Zeit des Vergnügungsparks an der Atlantikküste der Luxussanierung des Viertels zum Opfer fallen soll. Das Bauwerk ist verziert vom dämonischen Wandgemälde eines genialen wie wahnsinnigen Kunstmalers, den die Bewohner der Nachbarschaft wie auch das Pflegepersonal und die Ärzte der geschlossenen Abteilung des Bellevue-Hospitals nur unter dem Pseudonym „Picasso“ kennen. So wie das spanische Original Pablo ein vom Glück Gesegneter war, so repräsentiert sein New Yorker Künstlerkollege die Kehrseite der Medaille, vom Leben betrogen und schlecht behandelt wie gleichwohl mit außerordentlichem Talent bedacht, kündigt der Maler verbal wie auch prophetisch in seinen Kunstwerken abgebildet eine Reihe von grausigen Morden an, die SCUM-Patrol-Detective Hockaday nach einer zufälligen Begegnung mit dem manischen Artisten als bereits bewährte One-Man-Show im täglichen Kampf gegen das Böse in den Häuserschluchten des Big Apple zu verhindern sucht.
Privat tut sich auch was bei „Hock“, mit der Afroamerikanerin Ruby tritt erstmals seine zukünftige Herzdame ins Rampenlicht, was sich nebst Liebesleben Gesundheits-fördernd auf das Suchtverhalten des Cops auswirkt.
Der lesenswerteste Roman der Serie neben dem Debüt, wie „Hell’s Kitchen“ uneingeschränkt zu empfehlen für New-York-Fans und Liebhaber solide geschriebener und sorgfältig ausformulierter Krimi-Kost. „Feuer und Schwefel“ zeichnet sich aus durch stimmige Milieu-Studien, eine ausgewogene Dosierung an Thrill und Spannung und ein untrügliches Gespür für den Sound und die Atmosphäre der Millionenstadt am Hudson River. Der Serienkiller-Plot hatte Anfang/Mitte der Neunziger auch noch seinen Reiz, in einer Zeit, in der diese Nummer noch nicht durch jeden zweiten 08/15-Regional-Dorfdeppen-Krimi völlig überdehnt war.
„Feuer und Schwefel“ wurde 1992 mit dem renommierten Edgar Allan Poe Award ausgezeichnet, beileibe nicht die schlechteste Wahl der Jury.

„Jeder, der ein New Yorker Cop ist und noch dazu irischer Katholik, hat guten Grund, früher oder später Zyniker oder so etwas wie ein Mystiker zu werden. Oder, wie in meinem Fall, beides.“
(Thomas Adcock, Ertränkt alle Hunde, Kapitel 3)

In „Ertränkt alle Hunde“, dem 1994 unter amerikanischem Originaltitel „Drown all the Dogs“ erschienenen dritten Teil des Hockaday-Serie schickt Thomas Adcock den New Yorker Cop zum finalen Besuch seines dahinwelkenden, hochbetagten Onkels und zur Ahnenforschung über den großen Teich nach Irland.
Der Roman ist inhaltlich weitaus weniger Kriminal-Fall als Familien-Saga und Auseinandersetzung mit Anti-englischen Ressentiments, fehlgeleiteter katholischer Kirchenpolitik im Dienste der weltlichen Interessen und der nationalistisch-faschistischen Seite der Irisch-Republikanischen Armee. Detective Hockaday und seine Liebste Ruby haben Terroranschläge, Polizei-Schikanen und Verstrickungen in die familiären und politischen Fehden der irischen Vorfahren zu überstehen, ehe sich für den Cop das Schicksal seines verschollen geglaubten Altvorderen und die Gründe für die langjährige Verbitterung seiner Mutter offenbaren und er sich – zumindest nach Zigeuner-Ritus – als vermählt betrachten und die wohlverdiente Heimreise mit einem schweren Erbe an Familien-Tragödien auf dem Buckel antreten darf. Daneben kommen die Sympathien des berühmten irischen Literatur-Nobelpreisträgers William Butler Yeats für das faschistische Irish Blueshirt Movement des IRA-Manns und späteren Polizeichefs Eoin O’Duffy in den 1930er Jahren und seine Einstellung zum deutschen Nationalsozialisten-Regime ausführlich zur Sprache. An der New Yorker Heimatfront findet Etliches Aufklärung hinsichtlich Verwicklung irisch-stämmiger Gesetzeshüter in die Politik und finstere Machenschaften der amerikanischen Ostküsten-IRA-Vertretung, Davy Mogaill, Hockadays Mentor beim NYPD, mischt dahingehend kräftig und erhellend mit. Alles in allem kein weltbewegender, immerhin aber grundsolider Kriminal-Roman, weitaus mehr eine faszinierende und komplexe literarische Reise in die Vergangenheit des Kampfes um die irische Unabhängigkeit, der nach Adcock vor allem von radikalem Fanatismus geprägt und in der Wahl der Mittel nicht zimperlich war. Der Autor zeichnet ein differenziertes Bild, dass eine eindeutige scharfe Trennung in „gute“ irische Republikaner und „schlechte“ Besatzungs-Briten nicht zulässt.
Und auf Seite 190 finden sich ein paar universelle, immerwährend gültige Sätze, an denen es seit ihrer Niederschrift vor über 20 Jahren im Wesentlichen nichts zu korrigieren gibt:

„Seite eins der Zeitung beschrieb die Welt in ihrer üblichen prekären Lage. Wohlhabende Nationen steckten unterschiedlich tief in ökonomischer Rezession, andere befanden sich in einer ausgewachsenen Depression – oder im Bürgerkrieg. Und überall behaupteten Kriminelle und Schwachköpfe, den Weg aus dem Chaos zu kennen. Dies waren die Führer von Nationen, und ihre Anhänger schienen sie ernst zu nehmen.“
(Thomas Adcock, Ertränkt alle Hunde, Kapitel 22)

„Der Himmel des Teufels“ ist das Alkoholiker-Paradies, das alles über den Rausch, aber nichts über den Tag danach offenbart. Hock Hockaday säuft in Teil vier der Serie die Probleme des ehelichen Alltags inklusive ausgeprägtem Selbstbewusstsein der Gattin weg, bekommt unversehens dank auffälligen Verhaltens die Dienstmarke entzogen und findet sich auf der anderen Seite des Hudson River im harten Entzug bei katholischen Priestern in Hoboken wieder. Die toughe, eigenständige Polizistenbraut Ruby Flagg heuert währenddessen beim alten Arbeitgeber in der schicken Werbebranchen-Welt der Madison Avenue an, wo prompt der homosexuelle Agentur-Partner bestialisch hingerichtet wird, der Auftakt einer Serie von Gewaltverbrechen im New Yorker Schwulen- und Transvestiten-Millieu – für den beurlaubten, trockengelegten und entgifteten Hock ein hinreichender Anlass, zusammen mit Mentor Davy Mogaill in neuer Berufung als Privatdetektiv die Ermittlungen aufzunehmen  und den ein oder anderen Strauß mit dem homophoben, sadistischen Sergeant „King Kong“ Kowalski von der Sitte auszufechten, einer literarischen Arschgeigen-Figur von erlesener Güte.
Ein Roman, der hinsichtlich unstrittiger Einsichten über die Schattenseiten der Alkoholsucht der Weltliteratur neben Graham Greenes „Die Kraft und die Herrlichkeit“ oder Malcolm Lowrys „Unter dem Vulkan“ noch ein paar weitere Aspekte hinzufügen kann, als Kriminalfall im Serienkiller-Modus präsentiert sich die Ballade vom heiligen (Ex-)Säufer wie alle anderen Adcock-Romane in gewohnt schnörkelloser und hart auf den Punkt formulierter Sprache, beklemmend und düster in den Studien der subkulturellen Milieus, schwarzhumorig in den Anmerkungen zur Auseinandersetzung mit dem inneren Schweinehund hinsichtlich selbstauferlegter Bier- und Schnaps-Abstinenz. Und implizit funktioniert der Roman nicht zuletzt als Plädoyer für Toleranz und als Statement gegen Homophobie.

„Dann ballte ich meine Hand zur Faust, reckte sie zum Himmel und sprach ein weiteres trotziges Gebet. Wenn ich schon ein verfluchter Säufer sein muss, warum in Gottes Namen muss ich dann auch noch Katholik sein?“
(Thomas Adcock, Der Himmel des Teufels, Kapitel 21)

Mit „Der Himmel des Teufels“ endete die deutsche Übersetzung der Adcock-Krimis über den New Yorker Cop Hockaday, die beiden folgenden Romane der Serie, „Thrown-Away Childs“ (1996) und „Grief Street“ (1998), haben es nicht mehr zu einer Übertragung geschafft, über die Gründe kann nur spekuliert werden, der verlegerische Mut des Haffmans Verlags, der 2001 das Konkursverfahren beantragte, mag sich möglicherweise mit den ersten vier Teilen kommerziell nicht ausgezahlt haben, hinsichtlich literarischer Qualität, inhaltlicher Komplexität und Krimi-spezifischem Unterhaltungswert sind die Werke bei Hardboiled-Fans wie in den Foren und Redaktionen der Fachpresse seit Erscheinen über jeden Zweifel erhaben. Die Hockaday-Romane sind seit Jahren im Buchhandel vergriffen, im gut sortierten Antiquariat für schmales Geld aber nach wie vor verfügbar.

Reingelesen (72): Charlie Gillett – The Sound Of The City

„The first serious and comprehensive history of rock & roll, and remains one of the best.“
(Richie Unterberger)

Charlie Gillett – The Sound Of The City (1978, Zweitausendeins)

Die Rockmusik als Sound der Großstadt, der englische Autor Charlie Gillett hat ihr in seinem seinerzeit allseits hochgelobten Standardwerk vor fast fünfzig Jahren nachgespürt und ist dem Phänomen der „Krachmusik“ hinsichtlich Entstehungsgeschichte, Wurzeln, Auswüchsen und kommerzieller Verwertung in wissenschaftlicher Akribie auf den Grund gegangen.
„The Sound Of The City“ dokumentiert die Geschichte der Popularmusik der Vereinigten Staaten ab den dreißiger Jahren, die in weit zurückliegenden Dekaden vor dem Auftauchen des Rock ’n‘ Roll im Mainstream dominiert wurde von Jazz-Big-Bands, regional bekannten Rhythm-and-Blues- und Country-Swing-Größen, Pionieren diverser Blues-Spielarten und kurz vor dem Rock-Urknall von weißen Croonern wie Frank Sinatra oder Perry Como.
Gillett geht explizit auf die Rolle der schwarzen Musiker und Songwriter in den jeweiligen Hochphasen diverser stilistischer Ausprägungen ein, die ihren Sound weiterentwickelten, ihre Aufnahmen bei unabhängigen Kleinstlabels veröffentlichten und ihre Kompositionen der Musik der Weißen anpassten oder deren Songs adaptierten und so schrittweise zur Entwicklung der Rockmusik, wie wir sie heute kennen, beitrugen.
Gillett dokumentiert die Marktstellung und Politik der großen Plattenfirmen wie die oft Rassen-spezifischen Sub- und Nischen-Märkte, bedient von historischen Vorläufern der heutigen Indie-Labels, er zeigt die Einflüsse der ländlichen Country- und Western-Swing-Musik und die Rolle des afroamerikanischen, urbanen Rhythm & Blues auf für die Entwicklung des Rock-Genres, hier vor allem auch durch den von ihm so benannten „Tanz-Blues“, wie ihn Musiker wie Fats Domino oder Amos Milburn spielten, die den Pop jener Tage um eine bis dato nicht gekannte Rhythmik und einen euphorischen Ausbruch bereicherten.

„Der Rhythm & Blues brachte der amerikanischen Populärmusik sehr viel – Worte, Phrasen, Rhythmus, Instrumentierung, musikalische Organisation und Versstruktur. Aber wichtiger noch als all das: Der Rhythm & Blues brachte dem Rock ’n‘ Roll ein Gefühl für Stil.“
(Charlie Gillett, The Sound Of The City, Nach dem Blues: Gospel und Gruppen Sound)

Nicht zu unterschätzen war nach Gillett der Einfluss eines Minoritätspublikums, dass Tendenzen im musikalischen Ausdruck hinsichtlich Gesellschaftskritik und radikalerer Weiterentwicklung goutierte, dem Punk- und Alternative-Publikum in den Siebzigern und Achtzigern nicht unähnlich, das Trends weitertransportierte, so zu einem Massenphänomen werden ließ und in den Fünfzigern dazu führte, dass sich der Rock ’n‘ Roll dieser Jahre für das Establishment und die Plattenfirmen-Bosse vor allem durch ein Übermaß an unterschwelligen oder eindeutigen Inhalten mit sexueller Konnotation in den Songtexten, einer antiautoritären Grundhaltung und einem „Negergeheul“-artigen Gesang definierte.
Das mag mit den Umstand erklären, warum die großen Labels in den ersten Jahren weitaus weniger in die Verbreitung des Rock ’n‘ Roll investierten, lange an ein vorübergehendes, auf Dauer kommerziell kaum lohnendes Phänomen glaubten und dadurch bedingt vor allem weniger Nummer-1-Hits mit ihren Acts platzierten als die unabhängigen Plattenfirmen wie Sun Records, Atlantic oder Chess. Gillett untersucht hierzu dezidiert neben den Verdiensten der regionalen Klein-Labels die Rolle der damals dominanten Majors Decca, Mercury, Victor, Columbia, Capitol, MGM und ABC-Paramount, ihre Versuche, auf den fahrenden Zug aufzuspringen, ihren Beitrag bei der Domestizierung der wilden Musik in Richtung steriles Pop-Entertainment, aber auch ihre unerwarteten, aus dem Nichts gelandeten Volltreffer mit im Repertoire so nicht erwarteten Ausnahme-Krachern wie Screamin‘ Jay Hawkins oder dem heute weithin unbekannten Eskew Reeder Jr. aka Esquerita, der Little Richard mit seinen ungebändigten Shows maßgeblich beeinflusst haben soll.

„Da sie normalerweise Anfang der fünfziger Jahre keinen Zugang zu den Sounds von Hank Ballard, Amos Milburn, Wynonie Harris oder Muddy Waters gehabt hatten, reagierten die meisten Leute mit großer Überraschung, als Ende 1954 „Shake, Rattle And Roll“ und „Rock Around The Clock“ von Bill Haley erschienen.“
(Charlie Gillett, The Sound Of The City, Transatlantische Echos)

Als wichtigste Initial-Zünder für den Siegeszug des Rock ’n‘ Roll sieht der Autor vor allem den Radio-DJ Alan Freed und den Rockabilly-Musiker Bill Haley. Haley ein ehemaliger Western-Swing-Gitarrist, der sich den Rhythmus der schwarzen Musik zu eigen machte, Freed vormals Moderator für klassische Musik, der nach einem Erweckungserlebnis in einem Plattenladen 1952 „Moondog’s Rock and Roll Party“ als Radio-Programm ins Leben rief und kurz darauf Live-Bühnenshows mit Fats Domino, Joe Turner und den Drifters präsentierte.
Im Nachgang zum „Rock Around The Clock“-Urknall analysiert Gillett die Rollen, ihre stilistischen Charakteristika, Verkaufszahlen und den jeweiligen Stellenwert bei Musik-Konsumenten von wichtigen wie naheliegenden Pionieren des Rock ’n‘ Roll wie Chuck Berry, Little Richard, Bo Diddley oder Elvis Presley. Viele Randfiguren, deren kurzfristige Erfolge und hybride Weiterentwicklungen in Richtung Pop, Surf-Sound und Teenager-Balladen erfahren ihre kritische Würdigung in geradezu statistischer Sorgfalt, mit welcher der Autor auch ganze Kapitel zu den Themen Blues, Soul, Gospel-/Vokal-Gruppen, Rhythm & Blues und der Situation in der britischen Musik-Szene ab Anfang der Sixties inklusive der wechselseitigen UK/US-Einflüsse durchexerziert, die Gebetsmühlen-artigen Aufzählungen hinsichtlich Chart-Erfolgen, regionaler Unterschiede der Ausprägungen im Klangbild, in den Produktionsbedingungen und in der spezifischen Käuferschaft, Veränderungen im Sound und im Songwriting, der Firmenpolitik einzelner Labels, der permanenten Anpassung von Musikern als Repräsentanten diverser artverwandeter Genres und die herausragenden Leistungen von Songwritern, Produzenten und Stil-prägenden Musikern und Komponisten wie Jerry Leiber und Mike Stoller, Lee Hazlewood, Ronnie Hawkins, Ike Turner oder James Brown (um nur einige wenige zu nennen) genügen in diesen Passagen kaum höheren literarischen Ansprüchen, als ergiebiges und ausführliches Nachschlagewerk taugt die Dokumentation dahingehend aber allemal in erschöpfender Art und Weise.
Je weiter sich die historische Abhandlung auf der Zeitachse den sechziger Jahren nähert, umso detaillierter fällt das Urteil zu den jeweiligen Protagonisten und die Einschätzung ihres Einflusses auf Ausprägungen und Strömungen der Rockmusik wie die Bewertung des musikalischen/lyrischen Outputs aus.

„Aber die Rock ’n‘ Roll Sänger behandelten die Populärmusik als Medium der Selbstdarstellung, und die Rock ’n‘ Roll Komponisten bezogen ihre Songtexte auf spezifische Situationen anstelle von nicht dingfest zu machenden Allgemeinplätzen.“
(Charlie Gillett, The Sound Of The City, Transatlantische Echos)

Charlie Gillett vermeidet als Autor die Rolle des voreingenommenen, in seinem Enthusiasmus gefangenen Fans und seziert die Entstehungsgeschichte der Rockmusik im Stil eines nüchternen Analytikers, das erlaubt ihm, unaufgeregt mit unfundierten Mythen der Pophistorie aufzuräumen und Fakten gerade zu rücken, ob das die Wandlung eines Elvis Presley vom wilden Mann und Teenager-Idol zum mit den Jahren zunehmend mehr manieriert schmalzenden Witwentröster betrifft, der mit der Vorstellung eines Rock’n’Roll-Kings sehr schnell wenig gemein hatte, ob die schlichte wie ergreifende Erkenntnis, dass „Sgt. Pepper“ ein doch ziemlich durchschnittliches und mitunter wenig aufregendes Machwerk ist und die hochgejubelten Arbeiten der Beatles für die weitere Entwicklung der Rockmusik kaum von Belang waren, oder der Umstand, dass ein Genie wie Pete Townshend so ziemlich der einzige Akteur im Popmusik-Zirkus war, der dem Druck der unreflektierten und unkritischen Verehrung standhielt und dadurch vor allzu viel Selbstgefälligkeit bewahrt blieb  – der beinharte Who-Fan vernimmt’s mit zustimmendem Wohlwollen…
Im Schlusswort als Ausblick auf folgende, zu erwartende Glanzlichter der Rockmusik aus der Perspektive Anfang der siebziger Jahre lag Charlie Gillett mit seiner Prognose unfreiwillig erheiternd weit daneben: „Zusammen mit Sly Stone, Joe South, Tony Joe White und Bob Dylan schien John Fogerty – Leadsänger, Gitarrist, Songschreiber und Produzent von Creedence Clearwater Revival – Anfang 1970 einer für die Zukunft meistversprechenden Musiker zu sein.“

„The Sound Of The City“ ist im Original 1970 in New York und im Deutschen 1978 im Frankfurter Zweitausendeins-Verlag erschienen, die Dokumentation ist sowohl in englischer wie in deutscher Version seit langem vergriffen, im gut sortierten Antiquariat aber nach wie vor zu finden. Eine Neuauflage wie auch eine grundlegend neue Übertragung ins Deutsche wäre dringend angezeigt, zumal das in unzähligen Beispielen zu monierende, seelenlose Beamtendeutsch und partiell wortwörtliche Übersetzen inklusive englischem Satzbau in der deutschen Fassung des ehemaligen Sounds-Musikredakteurs (Hans-)Teja Schwaner den Lese-Fluss, das literarische Vergnügen und selbst das Interesse an der Thematik an sich mitunter stark beeinträchtigen.

Charlie Gillett wurde 1942 in nordenglischen Küstenort Morecambe/Lancashire geboren, er studierte an der Columbia University in New York City und arbeitete später als Journalist, Musikforscher und Autor. Ab 1972 betätigte er sich für etliche Jahre als DJ bei Radio London und förderte in der Zeit maßgeblich die Karriere von Ian Dury. Er war der erste Moderator, der in den vom Punk dominierten Spät-Siebzigern Demo-Tapes von Graham Parker und Elvis Costello im Radio spielte und die Dire Straits für ein größeres Publikum entdeckte, die Band widmete ihm zum Dank ihr erstes und einziges rundum brauchbares Album, Gillett wiederum revanchierte sich knapp 20 Jahre später mit den Liner-Notes zur digital remasterten CD-Neuauflage des englischen Rhythm-&-Blues-Klassikers aus dem Jahr 1978.
Später arbeitete er als Moderator für Capitol Radio und die BBC, wo er sich vermehrt mit Independent- und Ethno/World-Musik beschäftigte.
Charlie Gillett ist 2010 im Alter von 68 Jahren an den Folgen einer seltenen Blutgefäß-Erkrankung gestorben.