Reingelesen

Reingelesen (69): Robert Forster – Grant & Ich

„Würden wir nicht alle gern dort leben, in Lovers Lane? Würden wir? Würden wir nicht alle davon träumen, Pop-Stars zu sein, indem wir einfach dort leben, ein- und ausgehen und uns die Köpfe weglachen, während wir uns durch Leben, Dasein und Geschichte querverweisen? Die Go-Betweens tun es. Ihre heutige Musik kommt aus gigantischen Boxen in Himmel, aber diese sind nicht aus Holz, Press-Span oder anderem handfesten Material, und der Schalldruck ist so sanft, die Klänge und Muster so ätherisch, dass nichts davon das Luftschloss gefährden könnte, das unter dieser Adresse zu finden ist.“
(Michael Ruff, Das Leben ist zwei Bäume, Spex 10/1988)

Robert Forster – Grant & Ich. The Go-Betweens und die Geschichte einer außergewöhnlichen Freundschaft (2017, Heyne Encore)

The Go-Betweens aus Brisbane/Queensland/Commonwealth Of Australia: Sie waren in den Achtzigern neben Bands und Musikern wie diversen Flying-Nun-Neuseeländern, The Fall, Hüsker Dü, Nick Cave und seinen Bad Seeds, Jeffrey Lee Pierce und dem legendären Gun Club, den Swans oder den ebenfalls von Down Under stammenden Brachial-Bluesern Beasts Of Bourbon plus einer überschaubaren Schar von Altstars wie John Cale, Lou Reed und Van Morrison der verlässliche Anker in Sachen Musik, Haltung und intellektueller Background, in einer Dekade, die gemeinhin als Pop-historisches Katastrophen-Jahrzehnt gilt – der synthetische Plastik-Pop-Müll von Bands wie Wham!, Duran Duran oder Spandau Ballet, der Chart-stürmende Auswurf von Mainstream-bevölkernden Entertainern wie der „Queen Of Pop“-Trulla Madonna, ihrem chemisch-chirurgisch nachbehandelten männlichen Pendant und das „Born In The USA“-Stadionrock-Gegröle vom bis dahin noch hinlänglich brauchbaren Americana-/Heartland-El-Jefe untermauern dieses Verdikt nachdrücklich, und doch war bei Weitem nicht alles schlecht, was in jenen Jahren im Plattenladen über den Tresen ging und sich auf den Bühnenbrettern dieser Welt tummelte, die Rettung von und Alternative zum Nerven-zerrüttenden Radioprogramm kam – wie dieser Tage längst etabliert – von unabhängigen, kleinen Platten-Labels und idealistischen Musikern, die leider oft vergebens versuchten, die Pop-Welt mit einer gesunden Mischung aus Do-it-yourself-Ansatz, unerschütterlichem Enthusiasmus und dem festen Glauben an die eigenen Fähigkeiten aus den Angeln zu heben.

„Ich dachte mir, wenn Jagger, McCartney, Springsteen, Fogerty, Bowie und all die anderen alten Säcke nicht mutig genug waren, mit Konzepten wie Alter und der Zeit zu spielen – noch dazu in einer Kunstform, die eigentlich befreiend sein sollte -, würde ich es halt tun. Ich würde mit neunundzwanzig der alte Mann des Rock sein.“
(Robert Forster, Grant & Ich, Das Blake-Carrington-Zwischenspiel)

Robert Forster erzählt in seinem 2016 bei Penguin Books Australia im Original erschienenen Werk „Grant & I: Inside and outside the Go-Betweens“ anhand seines eigenen Lebenslaufs, den verschlungenen Pfaden seines Songwriter-Freundes Grant McLennan und der Irrungen und Wirrungen der gemeinsamen Band eine dieser spannenden Geschichten aus den Anfangstagen des Indie-Rock, die in dem Fall geprägt war von der frühen und Jahrzehnte anhaltenden Freundschaft zweier hochtalentierter Geschichtenerzähler und Komponisten. Forster, „born to a family of honest workers“, wie er später in einem autobiographischen Song texten und singen sollte, wächst im australischen Brisbane auf und wird in seiner musikalischen Sozialisation vom Glamour eines David Bowie, dem Dandy-haften Auftreten Bryan Ferrys mit seiner Prog-/Art-Rock-Truppe Roxy Music und vor allem Bob Dylans herausragendem Songwriter-Talent geprägt, im Uni-Betrieb von Bribane lernt er 1976 mit dem Film-Enthusiasten und Literatur-Interessierten Grant McLennan, der sich in jener Zeit mit amerikanischen Siebziger-Größen wie Ry Cooder und Jackson Browne auseinandersetzt, einen Geistesverwandten und lebenslangen Weggefährten kennen.
Geprägt von den großen Namen und beeindruckt vom Erfolg der frühen Punk-Single „(I´m) Stranded“ der ortsansässigen Saints um die befreundeten Songwriter Chris Bailey und Ed Kuepper ist der Schritt für Forster und McLennan nicht mehr weit zur eigenen Band, zu Demo-Aufnahmen und den ersten Gehversuchen im Musik-Business. Mit der um einige Jahre älteren, linken Siebziger-Jahre-Aktivistin, Sozialarbeiterin und ehemaligen Punk-Musikerin Lindy Morrison an den Drums beginnt eine Reise, die die Combo zu zeitweiligen Standorten nach Glasgow und London, diversen Heimat-Heimkehr-Aktionen ins australische Brisbane und Sidney, in temporäre Wohngemeinschaften mit Bandmitgliedern der Bad Seeds, zu zahlreichen, der Erfolglosigkeit geschuldeten Plattenlabel-Wechseln, amourösen Beziehungen innerhalb der Band, einer langen Auszeit nach erster Bandauflösung und einem vielversprechenden Neuanfang mit jähem Ende führen wird.
Es ist die Geschichte von der Suche nach dem großen, permanente Finanz-Probleme lösenden Hit, der sich trotz großartiger, von der Kritik hochgelobter Alben partout nicht einstellen mag, Alben, die in den Texten neben persönlichen Eindrücken und Stimmungen geprägt sind von einem tief empfundenen Verständnis für Literatur und Filmkunst, die in der musikalischen Umsetzung hinsichtlich dunkler, betörender Balladen auf der einen und einem einzigartigen Gespür für Sonnen-durchflutete, herausragende Melodik auf der anderen Seite ihresgleichen suchen.
Und es ist die Geschichte einer außergewöhnlichen Männerfreundschaft, die über viele Jahre durch Höhen und Tiefen ging, die die Brüche innerhalb der gemeinsamen Band reflektierte, das Ringen um Arbeitsmethodik, musikalisches Verständnis, Form, Präsentation, und nicht zuletzt das paritätische Feilschen um die jeweilige Songauswahl auf den einzelnen Tonträgern.
Darin eingewoben findet sich die eigene Gedankenwelt Forsters, seine Empfindungen und Erlebnisse wie das humorige „Blake-Carrington-Zwischenspiel“, wie er es einmal zustande brachte, den Dauer-besoffenen Shane MacGowan hinsichtlich Zudröhnung auszustechen, und Erhellendes zu seinem Suchtverhalten, das man in der Form bei einem Intellektuellen des Rock’n’Roll-Zirkus wie ihm nicht erwartet hätte, man sah ihn vor dem inneren Auge stets vor sich, wie er innerhalb des hektischen Tour-Betriebs stoisch über einem Dostojewski-Werk oder „Ulysses“ brütet. Und es ist selbstredend, wie es sich für eine gute Go-Betweens-Story ziemt, auch eine Geschichte der Romantik, die ihr Happy End im tiefsten Bayern finden wird, in der oberpfälzischen Heimat der ehemaligen Musikerin Karin Bäumler der hier hinlänglich bekannten Indie-Band Baby You Know.

„Es war immer ein Teil des Bildes, das wir von der Band hatten, dass das dritte Mitglied eine Frau sein musste. Wenn Grant hätte Schlagzeug spielen wollen, hätten wir eine Bassistin finden müssen. Wir wollten nicht ausschließlich Männer sein – das war zu starr und vorhersehbar, und die Bücher und Filme, die wir mochten, hatten alle weibliche Figuren.“
(Robert Forster, Garnt & Ich, Der Sound gestreiften Sonnenlichts)

Forster gelingt es in unaufgeregter Manier in entspannt-zusammenhängend erzählten Episoden, den Geist jener Jahre einzufangen, als Indie noch neu, unverbraucht, aufregend und unvorhersehbar war, Schlaglichter aus einer Zeit, in der heute bei den Nachgeborenen als einflussreich und groß geltende Bands in kleinem Rahmen auftreten mussten, weil sich schlicht und ergreifend damals nur die Wenigsten für den grandiosen Sound und die mit Herzblut vorgetragenen Gigs dieser Combos interessierten – man sieht sich bei der Lektüre förmlich selber noch vor der heimischen Stereoanlage sitzen, im Frühsommer 1987, um das Wiener U4-Konzert im Tags darauf gesendeten Ö3-Musicbox-Mitschnitt auf Tape zu verhaften, noch völlig verzückt vom selbst besuchten, vorangegangenen Auftritt der Go-Betweens in der Münchner Manege, so wie auch Jahre später schwer beeindruckt und begeistert bei ähnlichen gelungenen Auftritten, ob 1988 zur Präsentation vom Pop-Wunderwerk „16 Lovers Lane“, 1989, als die Band für viele Jahre ihr – zu der Zeit noch nicht absehbar – vorläufig letztes Konzert im Vorprogramm der an dem Tag bestens aufgelegten R.E.M. unter der Kuppel des wunderschönen Münchner Circus-Krone-Baus gaben, bei spontan anberaumten Robert-Forster-Solo-Gigs zum Feierwerk-Sommerfest oder den sehnsüchtig erwarteten Reunion-Konzerten in den frühen Nuller-Jahren.

„Für unsere unbefleckte Plattensammlung kommt fast jede der sechs Go-Betweens-Platten in Betracht, aber „16 Lovers Lane“ bringt soviel Glück, Beschwingtheit und Leichtigkeit ins Leben, dass nur sie mit auf jene berühmte einsame Insel darf. Für alle Fälle. Für das erste Rendezvous. Für lange, einsame Autofahrten. Für das Frühstück an einem Sonntagmorgen. Für dunkle Stunden, wenn ein wenig Glück aus der Konserve nicht schaden kann.“
(Karl Bruckmaier, Soundcheck)

12 Jahre nach „16 Lovers Lane“ und dem Split der Band glückt den Go-Betweens mit ihrem Album „The Friends Of Rachel Worth“ in neu formierter Besetzung das gelungenste Werk neben ihrem 1986er-Meilenstein „Liberty Belle And The Black Diamond Express“ und ein gefeiertes Comeback bei Publikum und Fachpresse, McLennan trat an Forster nach einem der wenigen, sporadisch gemeinsam gespielten Akustik-Duo-Konzerte zur Bewerbung eines neuen Go-Betweens-Best-Of-Albums mit der dringenden Bitte zu einer Reunion der Band heran, in jener von gebrochenem Herzen und depressiven Anwandlungen, unstetem Leben und permanentem, übermäßigem Alkoholkonsum geprägten Lebensphase McLennans sein vorläufig rettendes Ufer.

Am 6. Mai 2006 lösen sich die Zukunftsplanungen für ein viertes Album nach der Wiedervereinigung urplötzlich wie höchst tragisch in Luft auf, Robert Forster, selbst zu der Zeit schwer an Hepatitis erkrankt, erscheint abends auf einer Privatparty seines langjährigen Weggefährten, um auf völlig geschockte Freunde und Verwandte Grant McLennans zu treffen, der Musiker war nach kurzer Übelkeit an einer schweren Herzattacke verstorben – das jähe Ende einer jahrzehntelangen Freundschaft und der Indie-Pop-Legende The Go-Betweens.

Robert Forster hat mit „Grant & Ich“ eine flott zu lesende (Auto-)Biografie über sein eigenes Leben, über die Geschichte einer außergewöhnlichen und bis heute einflussreichen wie faszinierenden Band und die mal mehr, mal weniger greifbaren Details aus der Vita seines besten Freundes Grant McLennan geschrieben, dominierend mit Ausnahme der ernsthafteren Passagen im gefälligen Plauderton, genau so weit ins Detail gehend, dass es auch die bisher vom musikalischen Schaffen Forsters unbeleckte Leserschaft nie überfordert oder gar langweilt. Bereichert wird die Dokumentation mit einem feinem Gespür für Humor, was zumindest KonzertgängerInnen des australischen Songwriters aufgrund seiner oft linkisch wirkenden, geistreichen Stücke-Anmoderationen kaum überraschen dürfte.
Pflichtlektüre für alle Fans der australischen Kult-Band sowieso, wie für alle, die es etwas genauer wissen wollen, wie es damals lief – oder vor allem schief lief – im Musikbusiness der verpönten Achtziger.

Übersetzt wurde das Werk von Maik Brüggemeyer, seines Zeichens Romancier und Lohnschreiber bei der Ewig-Gestrigen-Mainstream-Postille Rolling Stone (das Pop-Tagebuch vom grandiosen Eric Pfeil dort taugt schon schwer, keine Frage, nur ganz am Rande bemerkt), ob die Translation höchsten Ansprüchen genügt, darf aufgrund von sprachlichen Unebenheiten wie etwa exemplarisch dem Pleonasmus in „Es war das letzte Ende der No-Wave-Szene“, ab und an auftretender, latent störender Wortwiederholungen und einigen holprigen, sperrig zu lesenden Formulierungen zumindest dezent in Frage gestellt werden, abschließende Klärung oder Richtigstellung würde wohl nur der Vergleich mit dem Original bringen, aber irgendwo macht der Spaß hinsichtlich Recherche dann auch mal eine Kurve.

„Grant & Ich. The Go-Betweens und die Geschichte einer außergewöhnlichen Freundschaft“ erscheint heute beim Münchner Wilhelm Heyne Verlag als Hardcover-Ausgabe im Encore-Programm.

Der Musiker und Autor Robert Forster wurde 1957 im australischen Brisbane geboren. Er gilt aufgrund seiner Alben mit den Go-Betweens und seiner Solo-Werke inzwischen als einer der profiliertesten Songwriter des Indie-Rock. 2009 hat er sein Buch „The 10 rules of rock and roll: collected music writings 2005–09“ veröffentlicht. Robert Forster lebt mit seiner deutschen Frau Karin Bäumler und seinen Kindern in Australien. Zuletzt ist 2015 sein Solo-Album „Songs To Play“ bei Tapete Records erscheinen.

Herzlichen Dank an Gabi Beusker / Presseabteilung Heyne Verlag für das Rezensionsexemplar.

Robert Forster geht im November mit „Grant & Ich“ auf Lesereise, zu folgenden Terminen wird er aus seinem biografischen Werk vorlesen und eine Auswahl seiner wunderbaren Songs zur akustischen Gitarre vortragen (die Münchner Veranstalter dürfen sich ein Loch ins Knie schämen, by the way):

05.11.Hamburg – Nachtasyl / Thalia-Theater
06.11.Berlin – Kulturbrauerei Maschinenhaus
07.11.Frankfurt – Brotfabrik
09.11.Regensburg – Buchhandlung Dombrowsky
10.11.Köln – King Georg
11.11.Reutlingen – Vitamin
28.11.Sulzbach-Rosenberg – Capitol
29.11.Wien – Akzent Theater

Appendix: Was muss von den Go-Betweens / Forster / McLennan im Plattenschrank stehen?

Den Fans und Verehrern der Go-Betweens muss man die Tonträger der Band oder ihrer einzelnen Protagonisten nicht weiter ans Herz legen, sie dürften ihre Plattenregale längst zu Teilen oder im besten Fall mit dem Gesamtwerk der Musiker bestückt haben, Novizen sei hiermit eine Auswahl ihrer wichtigsten Arbeiten ans Herz gelegt:

The Go-Betweens – 1978 – 1990 (1990, Beggars Banquet)
Der ideale Einstieg: Exzellente Doppel-LP-Compilation über die ersten sechs Alben der Band, enthält neben „Greatest-Hits“-Klassikern schwer erhältliches B-Seiten-Singles-Material und bis dahin Unveröffentlichtes wie exemplarisch das grandiose Frühwerk „Karen“ oder die später bei Konzerten oft gespielten, ergreifenden Indie-Pop-Balladen „This Girl, Black Girl“ und „When People Are Dead“. Mit jeweils kurzen Anmerkungen zu den einzelnen Stücken von Robert Fortster bzw. Grant McLennan im Plattenhüllen-Text.

„Es war ein Lobgesang auf die Bibliothekarinnen an der Universität – hilfsbereite, distanzierte Frauen, die ich vergötterte – , der sich über drei Strophen und Refrains aufbaute und anschwoll und seinen Höhepunkt in lauten Rufen des Songtitels fand: Karen.“
(Robert Forster, Grant & Ich, Den Vampiren entkommen)

The Go-Betweens – Liberty Belle And The Black Diamond Express (1986, Beggars Banquet)
Das vom Talking-Heads-/Ramones-Label Sire aufgelegte Vorgänger-Album „Spring Hill Fair“ litt vor allem unter Band-untypischer Überproduktion, wenn auch das Songmaterial etliche grandiose Indie-Klassiker („Man O´Sand To Girl O´Sea“, „Bachelor Kisses“ u.a.) aufbot, die beiden ersten Alben waren – nichtsdestotrotz hörenswert – vor allem durch erratisches Songwriting und Verhaften in der Velvet-Underground-Reminiszenz geprägt, wenn auch auf „Before Hollywood“ in Richtung intensives Melodienreichtum getrieben, auf „Liberty Belle And The Black Diamond Express“ hat dann endlich alles gepasst: hervorragendes, stimmiges Song-Material, mit der Creedence-Clearwater-Revival-Verneigung „Spring Rain“ und dem schmissigen „Head Full Of Steams“ zwei potentielle, wahrhaftige Indie-Hits, die – wen wundert es – in den dämlichen Achtzigern nicht die Beachtung fanden, die sie verdient hätten.
Danach kamen mit „Tallulah“ und „16 Lovers Lane“ zwei von der Oboe und Violine Amanda Browns bereicherte, Ohren-schmeichelnde und Melodie-verliebte Gitarren-Indie-Pop-Kleinode, letzteres von Presse und Musiker-Kollegen hochgelobt und in der Liste „100 Best Australien Albums“ auf Platz 12 sowie in der „1001 Albums You Must Hear Before You Die“-Auswahl aufgeführt.

The Go-Betweens – The Friends Of Rachel Worth (2000, Clearspot)
Exzellentes Comeback-Album der Band, das Forster/McLennan mit der langjährigen australischen Begleiterin Adele Pickvance am Bass, den drei Riot-Grrrl-Ladies von Sleater-Kinney und Sam Coomes, dem Keyboarder der Portland-Indierock-Combo Quasi, einspielten. Enthält neben wunderschönen, autobiographischen Balladen mit der Mc-Lennan-Komposition „The Clock“ die schmissigste Indie-Rock-Nummer der Go-Betweens. Danach kam das weniger brauchbare „Bright Yellow Bright Orange“ und das final nochmal sehr genehme Studio-Album „Oceans Apart“ sowie ein nur bei Konzerten erhältliches Doppelalbum, „Live In London“, und dann war zum großen Bedauern der zahlreichen Fans endgültig Schluss mit der Combo.

The Go-Betweens – That Striped Sunlight Sound DVD + CD (2006, Tuition Records)
Sahnestück für alle GB-Fans: Die auf DVD und CD enthaltene, exzellente Live-Werkschau, mitgeschnitten und gefilmt bei einem Brisbane-Heimspiel der Band im August 2005. Als zusätzlicher Bonus sind „The Acoustic Stories“ auf der DVD enthalten, bei denen die beiden Songwriter Forster & McLennan aus dem Nähkästchen plaudern und ausgewählte Unplugged-Versionen ihrer Songs zum Besten geben. Unverzichtbar.

Grant McLennan – Horsebreaker Star (1994, Beggars Banquet)
Solistisch konnte Grant McLennan als versierter und over the top talentierter Songwriter, der er zweifelsohne war, mit seiner Melodie-verliebten Variante des Indie-Rock seltsamerweise nie vollends überzeugen, dem Idealbild seiner Tondichtung am nächsten kommt die als „16 Lovers Lane“-Nachfolgerin denkbare Doppel-CD „Horsebreaker Star“, die der Musiker mit dem R.E.M.-Produzenten John Keane in Athens/Georgia einspielte, exzessive Ausflüge in den Alternative Country inklusive.

Robert Forster – Danger In The Past (1990, Beggars Banquet)
Großartiges Solo-Debüt Forsters, aufgenommen unter der Regie und mit Unterstützung von Bad-Seeds-/CCS-/Birthday-Party-Legende Mick Harvey in den berühmten Berliner Hansa Studios, mit Nick-Cave-/Die-Haut-Trommler Thomas Wydler und dem australischen Landsmann und Düster-Drone-Blueser Hugo Race finden sich weitere Indie-Größen auf der Besetzungsliste. Entstanden kurz nach dem Umzug des Musikers ins oberpfälzische Alteglofsheim, enthält das Werk ursprünglich für ein nächstes Go-Betweens-Album geschriebene Perlen wie „The River People“, „Dear Black Dream“ oder die schmissige Pop-Nummer „Baby Stones“.

Robert Forster – The Evangelist (2008, YepRoc / Tuition Records)
Bestes und von allen persönlich geprägten Forster-Alben hinsichtlich thematischen Inhalten sein intensivstes. Enthält neben sieben Eigenkompositionen die ausgearbeiteten, für ein zehntes und nicht mehr realisiertes Go-Betweens-Album komponierte McLennan-Entwürfe „It Ain´t Easy“, „Demon Days“ und „Let Your Light In, Babe“. Das in Ton gegossene Farewell für den alten Freund. Schlicht und ergreifend, hat in den vergangenen zehn Jahren nichts von seiner bezwingenden Schön- und Reinheit verloren.

Darüber hinaus gibt es etliches Anregendes zu entdecken auf den beiden Alben der Duo-Kollaboration Jack Frost, die Grant McLennan in den Neunzigern sporadisch mit Steve Kilby, dem Bandleader der australischen Indie-Psychedelic-Pop-Combo The Church, betrieb. Mindestens partiell hörenswert ist auch die Solo-Arbeit „Incognita“, ein von getragenen Balladen durchwehtes Album von Amanda Brown, zwischen 1986 und 1989 an Oboe, Violine, Keyboard und Gesang bei den Go-Betweens zugange, wie auch ihre leichtfüßig-beschwingte, Bangles-infizierte Indie-Pop-Zusammenarbeit mit der ex-Go-Betweens-Drummerin Lindy Morrison unter dem Bandnamen Cleopatra Wong.

Wie es einer großen Band gebührt, gibt es würdige Verneigungen beeinflusster MusikerInnen vor der Indie-Legende from Down Under, auf dem 1996 erschienenen Album „Right Here – A Go-Betweens Tribute“ tummeln sich weitgehend in unseren Breitengraden unbekannte australische Bands und demonstrieren eindrucksvoll, dass das exzellente Forster/McLennan-Songmaterial in jedweder stilistischen Ausprägung funktioniert, „The House Jack Kerouac Built“ etwas als unterkühlter Postpunk der Earthmen, „Hammer The Hammer“ und „In The Core Of A Flame“ als wuchtige Hardrock-Stampfer, daneben schmissige Power-Pop-, Alternative-Country-, C86-Uptempo-Gitarrenschrammel- und Speed-Bluegrass-Interpretationen, oder das als atmosphärischer Prärie-Punk daherkommende „Spring Rain“ von Holocene, der Tonträger ist eine gelungene Querbeet-Reminiszenz an die ersten 6 Alben der Go-Betweens.
2007 ist „Write Your Adventures Down – A Tribute To The Go-Betweens“ beim australischen Red Label erschienen, das Album deckt beide Schaffensperioden der Band ab und orientiert sich im Geiste der Songwriter in den einzelnen Interpretationen weitestgehend an den Originalen, was bei Beteilung der ab 2000 bei den GBs aktiven Musikerin Adele Pickvance und von Glen Thompson, dem späteren Drummer der Band, naheliegend nicht weiter verwundert.

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Reingelesen (68): Lucero Alanís – Das Margeritenkloster

„Manchmal befällt mich ein Zweifel: Wahrscheinlich fehlen mir die Jahre, es kommt mir vor, als würden es immer weniger; ich verdächtige die Nachbarin, die im Zimmer nebenan jault, oder die Hexe, die morgens hier putzt und diesen modrigen Chlorgeruch hereinbringt: Bestimmt stehlen sie meine Jahre.“
(Lucero Alanís, Das Margeritenkloster)

Lucero Alanís – Das Margeritenkloster (2017, Ripperger & Kremers Verlag)

Wäre das Werk ein Film, wäre die Geschichte naheliegend umgesetzt als eines dieser visuellen Mysterien in der surrealistisch-dunklen Bildsprache der cineastischen Meisterwerke des spanisch-mexikanischen Regisseurs Luis Buñuel denkbar, hinsichtlich emotionaler Intensität und Themen wie Gewalt, Religion und obsessive Sexualität ist es den Songs aus den verzweifelt-resignierten Frühwerk-Alben des australischen Schmerzensmanns Nick Cave ebenbürtig, als Lektüre verstört und fasziniert das Buch „Das Margaritenkloster“ nicht minder: Die Mexikanerin Lucero Alanís hat in Romanform ein beklemmendes wie phantasievolles Tagebuch der fiktiven jungen Ich-Erzählerin Margarita geschrieben, indem sie die Lebenslinien der jungen Frau auf verschiedenen Ebenen und in mehreren parallelen Erzähl-Strängen nachzeichnet.

Die Existenz der Romanfigur ist geprägt vom erschütternden familiären Drama des sexuellen Missbrauchs der jüngeren Schwester wie der physischen Gewalt gegen die eigene Ehefrau durch den Vater, der sich nach seinen schwerwiegenden Fehlgriffen aus dem Familienverbund verabschiedet, die Erzählung bleibt dahingehend an vielen Stellen vage und deutet nur an, verklausuliert und lässt für Interpretationen offen. Im Umfeld der Psychiatrie, in der sich die schwer traumatisierte Patientin zur erzählten Jetzt-Zeit befindet, wie in eingestreuten Reminiszenzen an die Kindheit im Elternhaus und in der Klosterschule bewegen sich die Erzählungen der jungen Frau, in knapp umrissenen Episoden, Betrachtungen und Aphorismen. Verstörende Albträume, in konterkarierender lyrischer Prosa verfasste Schilderungen von Selbstverstümmelung, Vergewaltigung und seelischer Grausamkeit lösen sich ab mit traumhaften, surrealen Phantasie-Sequenzen aus dem Innenleben, in das sich die mental labile Erzählerin als Überlebensstrategie immer wieder flüchtet. Bilder von panischer Düsternis lösen sich ab mit heiteren Episoden aus dem Anstalts- und Kloster-Leben wie mit nostalgisch verklärten Erinnerungen an die Kindheit. Den strengen Regeln der Nonnen in der katholisch geprägten Mädchen-Schule begegnet die zerbrechliche wie in helleren Phasen auch starke Frau mit feinem Spott und einer Portion unerwartetem Humor, die vom lateinamerikanischen Machismo geprägte brutale Männerwelt ist mit den Figuren des vergewaltigenden Vaters, des unfähigen, lüsternen Arztes und der von Sünde besudelten wie gestrengen Priesterschaft nicht ausschließlich negativ besetzt, im Gärtner der Heilanstalt findet die fiktive Tagebuchschreiberin die männliche Projektionsfläche für ihre sexuellen Gelüste und dahingehend ausgeschmückten Phantasien, auch diese retten die gefangen nehmende Erzählung immer wieder Stimmungs-aufhellend vor dem völligen Versinken in den düsteren Lebensumständen der Patientin.

Die knapp hundert Seiten des Romans wären vom Umfang her wie auch in der einfach gehaltenen Sprache in kürzester Zeit konsumierbar, aber für unbeschwertes Page-turnen ist das Werk schlicht wie ergreifend in seiner ernsthaften wie düsteren Thematik zu erschütternd – die Leserschaft wird durch den gewichtigen Stoff immer wieder zum Innehalten, Verarbeiten, Reflektieren und Pausieren von der schweren Kost genötigt, nur in dieser Herangehensweise wird der Roman nachhallen und seine komplexe inhaltliche Wucht entfalten.

„Ich habe gesehen, wie Beethoven seine Eroica auf das ockerfarbene Notenpapier gekrakelt hat, das sieht aus wie das unleserliche Gekrakel der Ärzte, was macht es schon für einen Unterschied ob Verdis Diazepam oder der vierte Satz von Mozarts Prozac.“
(Lucero Alanís, Das Margeritenkloster)

Die Schriftstellerin Lucero Alanís wurde 1947 in Durango/Mexiko geboren, sie lebt seit 1973 in Guadalajara und ist seit 1995 Mitglied des Internationalen PEN Clubs. Sie gründete die Literaturzeitschrift „Amoxcalli“ und ist Autorin zahlreicher Erzähl- und Gedichtbände, u.a. „Opus siglo XX“, „Tarde en el Tiempo“ und „Desierto de azul nativo“.
„Das Margeritenkloster“ ist 2015 in ihrer Heimat unter dem Titel „Claustro“ erschienen.
Lucero Alanís ließ darin zahlreich vernommene Geschichten von mexikanischen Frauen einfließen, die in ihrem sozialen Umfeld alltäglicher Gewalt ausgesetzt sind. Die Übersetzerin Christiane Quandt merkt in ihrem Nachwort treffend an: „Auch wenn die Lektüre immer wieder irritierend ist, bleibt sie ein poetischer Genuss.“

„Das Margeritenkloster“ ist am 29. September beim Berliner Verlag Ripperger & Kremers erschienen.

Vielen Dank an Dr. Mirko Gemmel für das Rezensionsexemplar.

Reingelesen (67): Willy Vlautin – Lean On Pete

Del starte das Pferd an, dann bückte er sich und fuhr mit den Händen Petes Vorderlauf ab. „Tja“, sagte er, und man sah, dass seine Laune mit jeder Sekunde schlechter wurde.
Dann richtete er sich wieder auf. „Wenn ich eine Knarre hätte, würde ich ihn gleich hier erschießen.“
„Wenn ich eine hätte, würde ich mich selber umlegen“, sagte Harry und sah aus, als müsste er gleich kotzen.
(Willy Vlautin, Lean On Pete, 10)

Willy Vlautin – Lean On Pete (2010, Berlin Verlag)

Berühmte Romane über die Nöte der Jugend in der Adoleszenz gibt es in der US-Literatur einige, die Bücherregale dieser Welt sind gut bestückt mit den Schilderungen der Irrungen und Wirrungen eines Huckleberry Finn oder eines Holden Caulfield. Wo der Roman Mark Twains über die Abenteuer eines Waisen am Mississippi zwar satirische und gesellschaftskritische Anmerkungen zu Rassismus und Sklaverei enthält, aber letztendlich doch eine romantisch verklärte Abenteuergeschichte für den lesenden Nachwuchs bleibt, und wo Salingers „Fänger im Roggen“ den Weltschmerz und die Ablehnung der verlogenen Erwachsenen-Welt des 16-jährigen Holden umfänglich seziert, der Anti-Held im Kult-Buch aber trotz aller für ihn in diesem Lebensabschnitt widrigen Umstände durch seine New Yorker Upper-Class-Familie sozial abgesichert und geborgen bleibt, schildert Autor und Alternative-Country-Songwriter Willy Vlautin in seinem dritten Roman „Lean On Pete“ die Geschichte des jugendlichen Charley Thompson aus der Perspektive des „White Trash“, der Trailerparks, der Sozialbau-Siedlungen, aus dem Blickwinkel des Amerika der abgehängten Arbeiterklasse, der Alkoholiker und der zwielichtigen Pferderennbahn-Zocker, von einer Warte aus, die keinen Platz lässt für die verklärte Romantik und die atmosphärische Mystik der amerikanischen Landschaft am Rande des Highway, wo sich die Lebensumstände prekär und die Zukunftsaussichten düster darstellen.
Wie bereits im Roman „Northline“ mit der jungen, alkoholkranken Allison Johnson als Protagonistin skizziert Vlautin in „Lean On Pete“ freudlose und widrige Verhältnisse, in denen sich der junge Roman-Held Charley zurecht finden muss. Durch den Umzug in eine Wohnwagen-Siedlung in Portland losgelöst aus dem gewohnten sozialen Umfeld, der Altvordere oft tagelang von der Bildfläche zwecks Schürzenjägerei verschwunden, von Hunger und Geldmangel zum Essen-Klauen im Supermarkt getrieben – auf sich alleine gestellt ist der Heranwachsende gezwungen, sein tägliches Überleben zu meistern. Bedingt durch einen familiären Schicksalsschlag verschlechtert sich seine Situation unvermittelt, der Job als Tagelöhner auf der Rennbahn beim charakterlich zweifelhaften Rennpferde-Besitzer Del Montgomery bringt dahingehend wenig Entlastung. So, wie Allison Johnson in „Northline“ ihren vordergründig rettenden Anker in den fiktiven Dialogen mit dem von ihr verehrten Schauspieler Paul Newman findet, so sind die einseitigen inneren Monologe mit dem Rennpferd „Lean On Pete“ aus dem Stall Montgomerys der einzige Trost im tristen Überlebenskampf des jungen Charley. Als sich das Pferd bei einem Rennen ernsthaft am Lauf verletzt und der launische wie zwielichtige Stallbesitzer infolgedessen seinen Verkauf an den Abdecker verkündet, brechen bei dem Jungen alle Dämme. In einer Nacht- und Nebelaktion bricht er mit dem Pferd zu dessen Errettung auf zu seinem persönlichen Road Trip, auf der Suche nach seiner Tante, seiner letzten vertrauenswürdigen Bezugsperson, begegnet er neben einem völlig verkorksten Sektierer, versoffenen Indianern und anderen fragwürdigen Zeitgenossen am Straßenrand der großen amerikanischen Highways auch hilfsbereiten Truckern und Sheriffs, die ihre schützende Hand über den Jungen halten.

Man möchte verzweifeln am Umstand, wie der Autor im Roman dem Schicksal freie Hand lässt, seinem jugendlichen Protagonisten übel mitzuspielen, und doch offenbart Vlautin zum Roman-Ausklang Mitgefühl für seine Figur, die Geschichte hält im Open-End-Schluss einen guten Ausgang für den jungen Charley bereit, weitere detaillierte Ausführungen hierzu wären mindestens so verwerflich wie das Agieren mancher charakterlich verkommener Akteure aus dem Romanpersonal. Darum: selber lesen, lohnt.

Der Roman thematisiert die Motive der großen Jugendromane wie das Unterwegssein der bis heute zu Teilen nicht sesshaften amerikanischen Einwanderungsgesellschaft und deren soziale und ökonomische Verwerfungen. Wem beim Lesen auch Kerouac und sein Beat-Manifest „On The Road“ in den Sinn kommt, liegt selbstredend nicht komplett falsch. Die große Stärke des Romans ist das völlige Fehlen von falschen Sentimentalitäten, von gezierten Gefühlsduseleien. Die Schilderungen sind nüchtern, im echten Leben verhaftet, wie in „Northline“ ist Vlautins Gespür für literarischen Realismus herausragend. Das Weglassen spektakulärer Effekthascherei führt umso mehr zu berührender Lektüre, die Leserschaft kann sich unverstellt der eigenen Ergriffenheit stellen, ohne diese peinlich angetan in Frage stellen zu müssen, vermutlich der größte Verdienst der Erzählung.

„Ich wollte dir nur etwas sagen.“
„Was?“
„Wenn du mich in einer Woche oder so nicht mehr magst, kannst du mich rauswerfen.“
„Ich werfe dich nicht raus.“
„Aber wenn doch, musst du deshalb keine Schuldgefühle haben.“
„Ist gut“, sagte sie.
(Willy Vlautin, Lean On Pete, 30)

„Lean On Pete“ ist in diesem Jahr vom englischen Regisseur Andrew Haigh mit dem US-Nachwuchsschauspieler Charlie Plummer in der Hauptrolle und Stars wie Chloë Sevigny und dem großartigen Steve Buscemi verfilmt worden. Die Premierevorstellung der Literatur-Adaption lief Anfang des Monats bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig, das Roadmovie-Drama soll im Februar 2018 in die Programmkinos kommen.

Der Autor Willy Vlautin wurde 1967 in Reno/Nevada geboren, er hat bisher vier Romane veröffentlicht, die alle auch ins Deutsche übersetzt wurden. Seine literarischen Einflüsse benennt er selbst mit US-Autoren wie John Steinbeck, Raymond Carver, William Kennedy und dem im vergangenen Sommer verstorbenen Sam Shepard.
Neben seiner Beschäftigung als Schriftsteller ist Vlautin seit über 20 Jahren als Sänger, Gitarrist und Songschreiber der amerikanischen Alternative-Country-Band Richmond Fontaine unterwegs.