Release-Konzert

Reingehört (552): Zwinkelman

OK, Zugabe, einen hab ich noch, dann ist aber tatsächlich erst mal Sendepause auf diesem Kanal. Wenn man selbst vor Monaten den Pressetext zur Veröffentlichung formuliert hat, kann man’s auch auf der eigenen Seite posten, zum Schaden der Musikanten soll es ja nicht sein.

The other side of Postrock. Alles anders. Keine aufgetürmten Soundwände, nirgends. Keine Lautmalereien, keine krachenden Dissonanzen, kein Spiel mit an- und abschwellender Intensität und tonaler Wucht. Und vor allem: keine Austauschbarkeit und keine ausgetretenen Pfade. Das tonale Abbild der Zerrissenheit und Widersprüche des Lebens sucht man hier vergebens, Gottlob, möchte man ergriffen und auf das Angenehmste angerührt in die stille Andacht rufen. Trotzdem: Postrock. Mit anderen Mitteln. Die beiden Münchner Musiker Josip Pavlov und Dominik Lutter vom Akustik-Gitarren-Duo Zwinkelman beschreiten in der Gesangs-freien Welt des alternativen Progressive-Sounds neue Wege und tummeln sich damit in den Stammes-Revieren der American Primitive Guitar, der Chicago-Schule und den unkonventionellen Klang-Exerzitien des kammermusikalischen Free Folk – nichts könnte den redundanten Stromgitarren-Crescendi ferner liegen, mit denen die Echokammern des landläufig bekannten und etablierten Indie-Postrock seit längerem inflationär geflutet werden.
Multiinstrumentalist Josip Pavlov, der zu anderen Gelegenheiten auch technisch vertrackter und elektronisch verstärkt in permanenter Weiterentwicklung seines Klang-Kosmos unterwegs ist, mit Gitarren-Treatments, Loops und Samples, in seinem solistischen Alter Ego Ippio Payo oder zusammen mit der Band Majmoon, und sein kongenialer Duett-Partner Dominik Lutter vom eigenwillig freigeistigen Experimental-Folk-Outfit Domhans brauchen bei ihrem gemeinsamen Projekt Zwinkelman nicht viel an Equipment: zwei offen gestimmte Akustik-Gitarren, ein paar Stühle und ein wenig Raum für das Zusammenspiel – Kammer-Postrock, der – wie zu ausgewählten Gelegenheiten live demonstriert – auch auf kleinen Bühnen ohne Lautsprecher seine hypnotische Wirkung entfaltet – man muss nur aufmerksam zuhören, die Belohnung dafür folgt auf dem Fuße.
Zwinkelman-Musik ist klar strukturierter Flow, dem alles akademisch Konstruierte fremd ist, ein organischer, steter und ruhiger Fluss, vielleicht als warmer Sommerregen zur klärenden Reinigung der überhitzten Atmosphäre. Ein Fluss, der ab und an die Taktzahl wechselt, den polyrhythmischen Anschlag oder das Ineinander-greifen des melodischen Saiten-Zupfens der beiden Musiker. Innwendige Versenkung in meditativen Kleinoden, denen es trotz kontemplativer Trance-Introvertiertheit nicht an Spannung und überraschenden Elementen fehlt, beispielhaft mit dezenter, perkussiver Electronica-Beigabe als hinterkünftiges Ticken der Uhr im „Zeitgeberblues“ oder im spontan erratischen, disharmonischen Traktieren der Gitarre in der Schluss-Nummer „Bieg ab“.
Nach der Single „Hallo Lullu/GoldWert“ vom Sommer 2017 die erste Volle-Länge-Produktion von Zwinkelman, schlicht mit dem Band-Namen als Titel, ab Mitte Januar 2020 wieder beim Münchner Indie-Label Echokammer.
Tun Sie Ihrem seelischen Wohlbefinden in diesen hektischen Zeiten und den vom Alltags-Lärm traktierten Gehörgängen was Gutes, gehen Sie zum Musikalien-Händler Ihres Vertrauens und beginnen Sie das neue musikalische Jahr in denkbar entspannter Manier.
(*****)

Tonträger-Veröffentlichung am 16. Januar 2020, Release-Konzert am selben Abend wird am 13. Februar im KAP37 nachgeholt, München, Kapuzinerstraße 37. 20.00 Uhr.

Ni @ Maj Musical Monday #94, Glockenbachwerkstatt, München, 2019-03-18

Zur 94. Ausgabe der monatlichen Experimental- und Postrock-Reihe Maj Musical Monday präsentierten die Veranstalter zum Wochenstart ein fraglos herausragendes konzertantes Highlight in der Münchner Glockenbachwerkstatt: Das französische Jazzcore-Quartett Ni aus Bourg-en-Bresse gab sich zur Promotion des jüngst erschienenen Albums „Pantophobie“ im Bürgerhaus an der Blumenstraße die Ehre, das Münchner Konzertvolk ließ sich in dem Fall nicht lumpen, zog mit gebührendem Andrang löblich nach und sorgte für den verdientermaßen vollen Saal.
Bereut dürfte den Besuch an diesem Abend niemand haben, der neue Tonträger sorgte bereits im Vorfeld für angetanes Aufhorchen und höchst positive Würdigungen, dieser aus der Konserve gewonnene Eindruck sollte sich beim Ortstermin über die Maßen bestätigen. In der Live-Präsentation trieben die vier jungen Franzosen ihre explizites Wechselspiel an tonalen wie atonalen Elementen auf die Spitze, was sich auf den aktuellen Studio-Aufnahmen an Intensität bereits mehr als nur andeutet, bekommt die Hörerschaft im Ni-Konzert in verschärfter, noch weitaus radikaler und kompromissloser Form hochpotenziert um die Ohren geblasen.
In den ersten Stücken eingangs mit experimentellen Sprach-Samplings als Ouvertüre, als die sprichwörtliche trügerische Ruhe vor dem Sturm, schwang sich das Quartett zu ungeahnten Höhen an lärmenden Experimental-Gebilden auf, in einer Hochdruck-Betankung des Saals mit dem scharf geschnittenen Stakkato und der vertrackten Polyrhythmik des Math-Rock im Verbund mit einer energisch und gezielt zupackenden Spielart des Hardcore-Punk, der an die eindringlichsten Momente des legendären kanadischen Trios NoMeansNo anknüpfte. Das konstruiert Komplexe, Verkopfte der weitschichtig mit dem Jazzrock verwandten Math-Spielart wurde mittels Spontaneität und ungebändigtem Spielwitz der Musiker hinweggefegt, das mit Wucht vorgetragene, ungezügelte Hochfrequenz-Trommeln und der intensiv treibende Bass von Nicolas Bernollin und Benoit Lecomte gereichen jeder renommierten Metal-Band zur Ehre, das Flinke, die herausragenden Fingerfertigkeiten und die unkonventionelle Saiten-Behandlung der beiden Gitarren-Hexer Anthony Béard und François Mignot wären alleine einen eigenen Diskurs wert.
Ni präsentierten sich bei allem Ungestüm im musikalischen Gewerk als exzellent aufeinander abgestimmte Einheit, die erratischen Breaks der Gitarren-Riffs, die überlagerten, gegenläufigen Kurz-Soli und ihre unvorhersehbaren Tempi-Wechsel, die Kunst-Pausen als plötzliche Momente der Stille vor den nächsten Noise-Exzessen und ihre abrupten Enden kamen knackig frisch und auf den Punkt exakt im Band-Verbund gespielt. Hier war eine technisch herausragend geübte, versierte wie in der Umsetzung der Ideen inspirierte Formation am extrovertierten Musizieren, die mit ihren instrumentalen Turbo-Wirbeln Bauchgefühl und Verstand der Hörerschaft gleichermaßen herausforderte wie bereicherte. Der Jazz im klassischen wie weitläufigen Ansatz ist in diesem Taifun vom ersten Beben an den Weg alles Irdischen gegangen, Ni erschaffen mit ihren im Experiment vorwärts gewandten Radikal-Kompositionen ein eigenes Universum an rigoros umgesetzten Crossover-Ideen.
Glückliche Gesichter bei Musikern und Publikum zum Ende hin, der hoch energetische Instrumental-Exzess wusste völlig zu überzeugen und ließ die gut 80 Minuten an ultra-heftiger Progressive-Eruption kurzweilig wie im Flug vergehen, die Band gewährte ob des frenetischen Jubelns aus dem Auditorium bereitwillig eine Handvoll an Zugaben – die finale Nummer setzte sich dem Vernehmen nach thematisch mit dem Defensiv-Verhalten im Fußball auseinander, der Vehemenz des Werks nach zu urteilen wohl nicht nur mit fairen Mitteln (deutet man die Erklärungsversuche zum Stück von Bassist und Band-Sprecher Lecomte richtig), hier ließ die Band tatsächlich ihre Qualitäten in Sachen Jazz-Rock aufleuchten und beeindruckte mit groovenden Bass-Läufen, freiem Getrommel und einer enthärteten Gangart im erratischen Anschlag der Gitarren. Würde der jeweilige Herzens-Verein beim Gekicke defensiv so exzellent organisiert und engagiert verteidigen, wie Ni mit ihrem enthusiastisch überbordenden Noise-Flow attackieren, es gäbe kaum mehr Tore zu vermelden im Liga-Betrieb.
Der Maj Musical Monday Numero 94 wird durch den Auftritt der entfesselten Franzosen als einer der allererinnerungswürdigsten Abende in die Geschichte der Serie eingehen, weit über das laufende Konzertjahr hinaus bedacht. Mit dieser Einschätzung läuft man kaum Gefahr, die Klappe großmaulig allzu weit aufzureißen. Punktum.

Maj Musical Monday #95 findet am 15. April an gewohnter Stelle im Konzertsaal der „Glocke“ statt, 20.30 Uhr, Blumenstraße 7, München. Unter dem Motto „MMM goes Riff Groove Rock“ wird die kroatische Grunge/Stoner-Band Sloanwall aus Zagreb auftreten.

Remembering Nico: Leonie Singt, G.Rag/Zelig Implosion Deluxxe, DAS Hobos & Franz Dobler @ Polka Bar, München, 2018-12-05

Release-Show zur jüngst erschienenen Single „Remembering Nico“ aus dem Hause Gutfeeling Records am vergangenen Mittwochabend im Keller-Club der Haidhausener Polka Bar: Schöne, stilistisch breit gefächerte Gala des Münchner Indie-Labels – als Tribute-Veranstaltung für die deutsche Avantgarde-Ikone und ehemalige Velvet-Underground-Chanteuse allerdings grandios am Ziel vorbeigeschossen. Nicht wenige Gäste erwarteten zu der Gelegenheit eine ausgedehntere Würdigung handverlesener Perlen des schwermütigen Nico-Œuvres, wer vermutete, dass die MusikantInnen die letzten Wochen im Übungskeller zwecks Einstudieren diverser zusätzlicher Coverversionen zu Originalen von Frau Päffgen verbrachten, sollte bei der Veranstaltung indes eines Besseren belehrt werden.
Dabei wähnte sich das Publikum mit Eröffnung des bunten Abends noch auf der richtigen Fährte, Leonie Singt starteten ihren kurzen Gig mit der Interpretation des „Marble Index“-Outtakes „Nibelungen“, zu der Bandleaderin Leonie Felle die teutonische Kälte des Originals mit verzerrter Singstimme durch das Megaphon zu imitieren suchte – das war es aber dann auch schon für’s Erste im Set der feschen Leonie und ihrer Jungs mit Nico-Verneigung, den thematischen Faden nahm die Formation dann erst wieder mit ihrer Auftritt-beschließenden Live-Präsentation der B-Seite der jüngst erschienenen Single auf, „Femme Fatale“ als wunderbarer LoFi-Indiepop-Chanson, der in der Version locker alle bekannten Interpretationen von R.E.M. bis Big Star in den Schatten stellt. Zwischen der thematischen Klammer der beiden Nico-Songs packten Leonie Singt mit Hilfe von Aushilfs-Drummer Zelig ihre eigenen Arbeiten in Gestalt schöner, nachhallender Chanson-Folklore, beherzt schrammelnder Neo-Alternative-Country-Seligkeit, schmissigem Uptempo-LoFi und größtenteils deutsch gesungenen, vehement ohrwurmenden Gitarren-Indiepop-Perlen, die in einer besseren Welt längst alle Hits wären und in dieser immerhin der Spielart neues Leben fernab jeglicher aktueller Tocotronic-Schlager-Peinlichkeiten einhauchen. Singen kann sie sowieso, die Leonie, sagt ja schon der Bandname, charmant moderiert sie, und das Songmaterial taugt eh, nur die morbide Nico-Welt, die hat sie mithilfe ihrer Musikanten zwischendrin gut versteckt.

Die mochte sich auch beim folgenden Auftritt der geschätzten Trio-Formation G.Rag/Zelig Implosion Deluxxe nicht offenbaren, das Kleinformat von Bandleader und Gutfeeling-CEO Andreas Staebler schrammte, lärmte und postpunkte sich in gewohnt exzellenter Manier durch ihren ureigenen No-Wave- und Neo-Electronica-/Kraut-Space-Kosmos, in reduzierter, dabei unvermindert virtuoser Gitarre/Drums/Synthie-Dreifaltigkeit, mit hartem, zuweilen psychedelischen Anschlag und offensichtlichem Zitieren der nur kurz andauernden, guten, von spontaner Aufbruchstimmung geprägten Frühphase der sogenannten Neuen Deutschen Welle.
Zwecks thematischem Bezug spielte die Kapelle eine eigens für den Anlass komponierte No-Wave-Cumbia mit dem Titel „¿donde esta mi camino?“ zu Ehren Nicos, eine weithin schmissige und schräg aus der Garage heraus verzerrt vor sich hingroovende Nummer – die Cumbia kommt ursprünglich aus Kolumbien, die harten Drogen in vergangenen Zeiten aus dem selben Eck, vielleicht lässt sich so eine Brücke zu Christa Päffgen konstruieren, wer weiß, was sich die Herrschaften bei dem Wurf gedacht haben?

Zum krönenden Abschluss des Abends gab sich kein Geringerer als der hochverehrte schwäbisch-bajuwarische Dichterfürst, Country-DJ, Johnny-Cash-Biograf und Trikont-Sampler-Kompilierer Franz Dobler die Ehre, zusammen mit dem ortsansässigen Trio DAS Hobos kredenzte die Kollaboration aus Literatur und artifiziellem Neo-Blues ein gelungenes Crossover aus lakonischem Spoken-Word-Vortrag und Trance-artigem, ultramodernem Prärie-Country, der als melancholischer Soundtrack für die brennenden Lagerfeuer der Wüste nicht weniger taugt als für einen gedehnten, unaufgeregten und tiefenentspannten Ambient-, Electronica- und Dub-Flow im Großstadt-Club. DAS Hobos haben offensichtlich nichts weniger als eine eigene musikalische Sprache gefunden, die die uralten Traditionen des Blues und des Country grandios stimmig mit experimentellen Ansätzen aus der weiten Welt von Samplings, Loops und Electronica-Tranquillität verbindet.
Dobler erwies sich in kongenialer Begleitung einmal mehr als der einzig legitime Erbe des großen Hardboiled-Schreibers Jörg Fauser und wollte am Türsteher vorbei, um im exklusiven Laden wie einst der alte Thorogood einen Bourbon, einen Scotch und ein Bier am Tresen wegzukippen, gedachte des letzten DJs, der nicht nur sich selbst, erschwerend auch seine besten Schallplatten im Trubel der Zeit verlor, und er spürte der archaischen Sehnsucht nach, auf vorbeifahrende Güterzüge aufzuspringen und einfach zu entschwinden – was man halt so macht, wenn man mit drei Hobos unterwegs ist, und wer will es ihm verdenken, mitunter ist diese Welt ab und an ja nichts anderes als eine einzige ranzige Jauchegrube, der man nur noch zu entfliehen trachtet.
Hintenraus, um den thematischen Aufhänger des Abends noch irgendwo ins Spiel zu bringen, erzählte Dobler die Geschichte über die „Verhängnisvolle Frau“, eine prägnant umrissene Anekdote aus einem der letzen Nico-Konzerte, welches von einem krakeelenden Idioten gestört wurde, der mit seinen permanenten Zwischenrufen vehement den Vortrag von „Femme Fatale“ forderte und von der Underground-Diva dafür seinerzeit mit der gebotenen Verachtung gestraft wurde, musikalisch von der begleitenden Band eingebettet in einen Trance-artigen Slow-Motion-Desert-Blues. Anders als beim skizzierten Nico-Konzert Mitte der Achtziger gab’s am Mittwochabend „Femme Fatale“ anstatt gar nicht gleich zweimal, final nochmal in Komplett-Besetzung dargereicht von allen aufführenden Akteuren der Veranstaltung, mehr muss nicht unbedingt besser sein bei derartigen Jam-Sessions, und damit ließ man’s dann zu fortgeschrittener Stunde gen Mitternacht auch gut sein in der Polka.

Sollte im kommenden Sommer – nur mal so als exemplarische Spekulation – eine Metallica-Nacht vom Gutfeeling-Label angezettelt werden, an der Isar oder in der Polka oder irgendwo anders: findet Euch bedenkenlos ein, es wird zu großen Teilen der feine Stoff aus eigenem Hause zur Aufführung kommen, Reminiszenzen an die amerikanischen Stadien-Kracher werden im Fall des Falles maximal in homöopathischen Dosen verabreicht… ;-)))

Konzert-Vormerker: Verhängnisvolle Frau – Remembering Nico

„Velvet Underground war vor allem Lou Reed. Und Lou Reeds Schwulsein. Hier schlägt Nico sich durch. Mit einem Männernamen – aber Christa ist auch längst nicht so poetisch.“
(Pieke Biermann & Guy St. Louis, Außenseiter)

Heute Singles-Veröffentlichung, in zwei Wochen konzertante Würdigungen zum Gedenken an Christa Päffgen, der Pop-Welt besser bekannt als Nico.
Erstes deutsches Supermodel (irgendwie bis heute das einzige), Velvet-Underground-Chanteuse, Warhol-Superstar, Muse für John Cale, Lou Reed, Jim Morrison, Tim Buckley, Bob Dylan, Jackson Browne und viele andere Musiker-Größen, Affäre mit Alain Delon, legendäres Konzert zusammen mit Tangerine Dream 1974 in der Kathedrale von Reims, verstörende Junkie-Auftritte, Sujet diverser Doku-Filme, mit ihren eigenen Alben Vorreiterin des Kammerfolk, Postpunk, Avantgarde-Undergrounds, Art- und Gothic-Rock, in Köln geboren, in Berlin zu Grabe getragen.

Heuer wäre Nico achtzig Lenze alt geworden, und ihr Todestag jährte sich im Sommer zum dreißigsten Mal, ein mehr als würdiger Anlass für ein Tribute via Tonträger und Live-Veranstaltung.

Das Münchner Exzellenzen-Label Gutfeeling Records veröffentlicht am heutigen Freitag die Split-7″ „Remembering Nico“, auf Seite A gibt der hochgeschätzte Autor, DJ und Journalist Franz Dobler mit „Verhängnisvolle Frau“ eine Geschichte zum Besten, wie sie sich wohl in Nicos letzten Jahren auf vielen, jedenfalls so ähnlich auch bei ihrem Münchner Konzert im Dezember 1986 abgespielt hat, musikalisch begleitet wird Dobler von der hiesigen Formation DAS Hobos, die seinen Spoken-Word-Vortrag mit gespenstischem, artifiziellem Desert-Blues unterlegt. Seite B präsentiert Leonie Singt, den omnipräsenten G.Rag und das Zelig-Implosion-Deluxxe-Outfit mit ihrer Interpretation des Velvet Underground-Klassikers „Femme Fatale“, im Original mit Nico an den Lead Vocals auf dem berühmten Bananen-Debüt-Album der New Yorker Kult-Combo enthalten, hier als wunderschöner, lakonischer Girlie-Indie-Pop von Leonie Felle besungen und im LoFi-Gewand inklusive putzigem Keyboard-/Wurlitzer-Fiepen als Jubiläums-Gabe überreicht.

Release-Konzerte zu Ehren Nicos sodann in der ersten Dezember-Woche in München und Augsburg, mit Auftritten der erwähnten MusikerInnen und the great Franz Dobler. Ob’s zu den Gelegenheiten dann auch „Das Lied der Deutschen“ in allen drei Strophen zum Vortrag schafft, schau ma moi, könnte brisant und alles andere als vorbildlich werden, so, wie die gewürdigte Grande Dame des Underground mit der prägnanten Stimme eben auch war…

„Ungefähr vor einem Jahr habe ich ‚The Marble Index‘ mal einer Frau vorgespielt, in die ich da gerade verliebt war. Sie hatte noch nie was über Nico gehört, und von John Cale auch nichts und Velvet Underground kannte sie nur im Zusammenhang mit diesem zwar ganz lustigen, aber eigentlich doch blödsinnigen Mediengeplänkel, das ich eine Weile mit Lou Reed inszenierte. Sie hörte sich das Ganze in einem trance-ähnlichen Zustand an, der beinah an Schock grenzte, und sagte dann über Cale: „Er hat da für eine Frau in der Hölle eine Kathedrale gebaut, nicht wahr?“
(Lester Bangs, Dein Schatten hat Angst vor dir – Ein Versuch, vor Nico keinen Horror zu kriegen)


Remembering Nico – Leonie Singt, G.Rag/Zelig Implosion Deluxxe, DAS Hobos & Franz Dobler

5. Dezember, Polka Bar, Pariser Straße 38, Eingang Gravelottestraße, München, 20.00 Uhr.

6. Dezember, Grandhotel Cosmopolis, Springergäßchen 5, Augsburg, 20.00 Uhr.

Los Gatillos @ Polka Bar, München, 2018-09-12

Die Woche zuvor erblickte der erste gemeinsame Tonträger vom „King of primitive Folk & Garage Swing“ Fred Raspail, ex-Dead-Brother/now-Sultan-of-Swing-Revue Pierre Omer und Hell’s-Kitchen-Blues-Gitarrist Monney B unter dem gemeinsamen Bandnamen Los Gatillos beim Münchner Indie-Label Gutfeeling-Records das Licht der Welt, am vergangenen Mittwochabend wurde die rundum gelungene Schweizer-französiche Co-Produktion im Kellergewölbe der Haidhauser Polka Bar auch konzertant aus der Taufe gehoben.
Die Lokalität war vollgepackt mit treuen Verehrern und vor allem Verehrerinnen der Kunst der drei begnadeten Entertainer, die Luftfeuchtigkeit stieg beim Energie-versprühenden Vortrag des Trios bei spätsommerlichen Temperaturen entsprechend schnell in höhere Grade, womit das Gewölbe den optimalen Rahmen abgab für den schweißtreibenden Garagen-Blues- und Rock’n’Roll-Anschlag des Trios, mit dem sie das Gros ihrer neuen Songs präsentierten. Wo auf dem Tonträger oft differenziertere Chanson-, Vaudeville- und Country-Spielarten oder der von Fred Raspail kultivierte „Dirty French Folk“ erklingen, gingen die three Cats of Los Gatillos im Live-Vortrag weit mehr in die Vollen, dem Rasiermesser-scharfen Slide-Gitarren-Twang von Monney B standen die beiden Mitmusiker mit Saiten- und Trommelanschlag und rasselndem Gepolter auf dem Waschbrett in nichts nach. Neben einer Handvoll Balladen wie dem stets gern genommenen „Wayfaring Stranger“, das Raspail bereits solistisch in der Vergangenheit in hinreißend einnehmender Version vorzutragen wusste, tobte sich die Combo vor allem vehement das Instrumentarium beackernd in der Trash-Garage aus, der Blues der Gatillos swingte, hallte und krakeelte zwischen Surf-Sound, Fünfziger-Jahre-R’n’R-Schmelz und den sumpfigen Swamp- wie staubigen Desert-Spielarten, schwerst Party-tauglich zur Feier des neuen Albums.
Der PJ-Harvey-Schlager „Down By The Water“ wurde speziell Leonie Felle gewidmet, die selbst auch ab und an sehr schön singt auf den Bühnen dieser und anderer Städte, eine feine Geste, die das Filigrane vom Original der guten Polly Jean über Bord schmiss und damit im zupackenden Trash-Gewand heftig abrockte, dem Bewegungsdrang des Publikums im vollgepackten Bar-Gewölbe war’s mächtig förderlich.
Der zum ersten Mal in München auftretende Monney B gab den hart arbeitenden, alles aufbietenden Blues-Mann, Fred Raspail überzeugte einmal mehr als großer Unterhalter, im Verbund mit dem zuweilen nach vorne drängenden Geist von King Elvis in einer leicht derangierten Inkarnation, und in den Underground-folkloristischen Passagen durfte Pierre Omer am Akkordeon glänzen, so auch bei der Zugaben-eröffnenden, irrlichternden Folk-Drone-Version der Nummer „Blau“, die sich nach minutenlangem, seltsamem Akustik-Trance im fließenden Übergang zu einer finalen, jaulenden Gitarren-Trash-Blues-Orgie auswuchs.
Los Gatillos sind die weltbeste Band zur Beschallung eines Kaurismäki-, Coen- oder Tarantino-Films, die bisher noch nie im Soundtrack zu einem Streifen dieser Herrschaften zu hören waren. Die Combo, die am Ende der staubigen Straße in der letzten Kaschemme vor der großen Wüste im Hintergrund sitzend nonchalant die Beschallung schmettert zur Vision eines gespenstischen Amerika, das sich seltsamerweise wie eine frankophile Ausgabe in einer aus der Zeit gefallenen, ramponierten und geheimnisvollen Parallelwelt gebärdet.
Wäre das Leben ein Wunschkonzert, Los Gatillos wären ohne Zweifel die Combo, die zwingend mit auf dem Laufzettel der erbetenen Interpreten zur musikalischen Ausgestaltung des Tagesgeschehens landet, das begeisterte Konzertgänger-Volk vom vergangenen Mittwoch wird da wohl kaum widersprechen.
Da lässt sich sogar der Weihwasser-schwenkende Pfarrer berauschen, heimgesucht von den uralten Geistern des Rock and Roll – so schön ist schon lange keine Schallplatte mehr auf die Welt gekommen. Möge ihr ein langes Leben und eine hohe Auflage zuteil werden…