Reverend Beat-Man

Reverend Beat-Man + Meister Eckharts Kuriositätenkabinett @ Import/Export, München, 2017-12-07

Eindringlicher Prediger-Auftritt am vergangenen Donnerstag im brechendvoll-ausverkauften Münchner Import/Export, präsentiert von den jungen, seit kurzem die Münchner Szene bereichernden Konzert-Veranstaltern der „Holy Fingers“: Beat Zeller, Chef des Schweizer Underground-Plattenlabels Voodoo Rhythm Records, Co-Star der exzellenten M.A.-Littler-Filmdokumentation „Hard Soil“, ex-Musiker der Band The Monsters und Wanderprediger vor dem Herrn, gab sich als sein Alter Ego Reverend Beat-Man ein heftiges Stelldichein, der „King of Primitive Rock’n’Roll and Gospel Blues Trash“ benötigte nicht viel, um seine Kirche zu errichten, ein paar Teile vom Schlagzeug, eine billige Danelectro-Gitarre, ein Loop-Gerät, Verstärker und Mikro, fertig war die Laube, oder vielmehr Kapelle, in der der Reverend seinen Schäfchen in der Adventszeit im rauen Garagen-Blues-Anschlag kündete von Erlösung, den Verlockungen des Satans und allerlei anderen verstörender Begebenheiten.
Da ist viel Platz im Vortrag des Beat-Man für wahre Andacht wie auch für Morbides, Obskures, Abseitiges, von dem nicht zuletzt auch die alttestamentarischen Bücher Zeugnis ablegen, nichts Profanes ist dem Pfarrer fremd, von seiner Bitte an unseren Herrn, ihn doch in Gottesnamen dereinst nicht mutterseelenallein aus diesem irdischen Jammertal dahinscheiden zu lassen, bis hin zur eigenen irrwitzigen Ahnengalerie, die der Berner Trash-Papst als Highlight seiner Shows herunterbetet, Ende vom Lied ist, dass der Reverend aufgrund von Generationen-übergreifendem, absurd-befremdlichem Inzest im Schweizer Kanton Bern der Sohn seiner eigenen Kinder ist, oder irgendeiner ähnlichen Abkunft in diese Richtung, wer den Stammbaum fehlerfrei hingepinselt bekommt, kriegt zur Belohnung ein Heiligenbild als Fleiß-Billett.
Es war ein beschwingtes Abhotten, Mitbeten und andächtiges Aufnehmen der Botschaft vor und neben der Bühne im proppenvoll gefüllten Import/Export-Kantinen-Saal zum stoischen Getrommel, zu den hart-unkomplizierten Garagen-Blues-Akkorden und zum vehementen Psalmodieren im partiellen Metaller-Kehlkopf-Grollen der Schweizer One-Man-Band-Ikone, die die Gläubigen soweit in den Bann zog, dass Köpfe blutig klopfendes Gepoge wie beim letzten denkwürdigen Muddy-Roots-Europe-Auftritt des Reverend Beat-Man unterblieb, aber in München waren ja auch keine Horden an schwerst alkoholisierten belgischen Psychobillies im Publikum zugange…
(*****)

Unbedingt erwähnenswert war auch das Eröffnungsprogramm des Abends, die Veranstalter boten anstelle der üblichen musikalischen Ouvertüre mittels Vorband einen aus der Zeit gefallenen Jahrmarkts-Artisten namens Meister Eckhart auf, der ausgesprochen kurzweilige wie unterhaltsame Auftritt des Entertainers mit seinem Kuriositätenkabinett gestaltete sich als One-Man-Wanderzirkus unter Mithilfe ausgewählter Ladies aus dem Publikum zu gleichen Teilen aus Leierkasten-Spiel, Zauberkunst, beeindruckender Wahrsagerei, Telekinese wie Thrill-förderndem Zerbeißen und Vertilgen von Glas-Splittern, Versenken von langen, spitzen Nadeln in den Nasenhöhlen sowie der sogenannten indischen Feuerfolter als abschließendes wie in den Bann ziehendes Highlight der von Meister Eckhart im Stile Jahrhunderte alter Gauklerkunst moderierten Sensationen-Aufführung.
Mal was anderes: Da war man mit vielen Combos zur Eröffnung von Konzert-Abenden in vergangenen Zeiten oft weitaus weniger gut unterhalten. Der Meister wurde seinem Namen völlig gerecht, mit obskur-angeschrägtem Humor und einer außergewöhnlichen Vielfalt an Magie und Fakir-Kunst.

Muddy Roots Europe 2016 @ Oostkamp/Waardamme, Belgien, 2016-06-24

MUDDY ROOTS EUROPE Waardamme Oostkamp Belgium 2016 --- DSCF3921

Vergangenen Freitag um Vier Uhr Dreißig aus den Federn gesprungen, die Siebensachen gepackt und dann aufgemacht in Richtung Stadt Belgien zwecks Besuch des Muddy Roots Europe. Direkt am Cowboy Up Saloon in Waardamme, dem Headquarter des Festivals, unweit des Ortsteils Brügge, klaffte noch eine riesige Baulücke (überhaupt noch ziemlich viele in der Stadt Belgien, da geht noch was in Punkto Bauvorhaben für den Herrn Trump), es fand sich dann schnell ein lauschiges Plätzchen für die Zelte und dann ging’s auch gleich in die Vollen hinsichtlich 3 Tage Rundumglücklich-Paket in Sachen Bluegrass, Alternative Country, Blues-Punk und Erweckungspredigt beim europäischen Ableger des seit 2010 in Cookville/Tennessee stattfindenden US-Originals.
Das Festival in Belgien gibt es seit 2012, die Programmgestaltung inklusive Auswahl der MusikerInnen wird wie in den Staaten von Jason Galaz, dem Gründer der Konzertreihe und Chef von Muddy Roots Records, betreut.

Den Reigen eröffnete am Freitag die spanische Combo Moonshine Wagon, das Trio schrumpfte für ihren Muddy-Roots-Auftritt zum Duo, Goiatz Dutto und Joel Bruña sorgten mit ihrem als „Hellgrass“ betitelten Speed-Bluegrass für einen beschwingten Festival-Auftakt und gaben mit ihrer Spielart der Appalachen-Musik das zentrale musikalische Thema für die nächsten 3 Tage vor.

Heinrich XIII & The Devilgrass Pickers aus dem hessischen Wölfersheim nahmen den Faden auf und sorgten weiter für gute Laune mit ihrem Mix aus Alternative Country und Bluegrass – wie schreibt die Combo auf ihrer Homepage so treffend: „Wenn Du also bei Konzerten gerne tanzt, schreist, Bier verschüttest oder einfach nur etwas Gewicht verlieren willst, dann bist Du bei uns genau richtig!“

Schade, dass der für den Sound im Zelt zuständige Mensch beim Vortrag von Dana Sipos – und hier leider keineswegs zum letzten Mal – nicht Herr der Lage war, der Auftritt der Kanadierin hätte weitaus bessere technische Grundlagen und dadurch bedingt auch mehr Zuhörer-Zuspruch verdient, die filigranen, getragenen Folk- und Bluegrass-Nummern wussten sehr zu gefallen, die im Grundton ruhig-melancholischen Songs haben 2015 auch beim Canadian Folk Music Award Eindruck hinterlassen, die Kleinode wurden seinerzeit für ihren innovativen neuen Folk-Sound in der Kategorie „Pushing The Boundaries“ nominiert.
„Spending her formative years in the Canadian subarctic city of Yellowknife, Dana Sipos’ songwriting is infused with a sense of surrealism best influenced by the supernatural experiences of Canada’s high country. A true songsmith, Sipos creates nuanced songs that are hauntingly hopeful and captivatingly calm, yet filled with a wild wind.“

Keller-Gospel von der Dad Horse Experience, immer wieder gern genommen: Wanderprediger Dad Horse Ottn hat nach seiner England-Tour über den Ärmelkanal rübergemacht und auf der Rückreise in Richtung Bremer Heimat Zwischenstop nahe der belgischen Küste eingelegt, hier kennt und schätzt man ihn seit Jahren für seine Erweckungspredigten via DHE-Greatest-Hits vom Schlage „Moonshiner“ oder „Will I Be Someone“, und beim als Mitsingnummer angelegten Kirchenlied „Lord Must Fix My Soul“ musste an dem Ort vorab auch keine/r der Durchgestochenen eingewiesen werden, wann der „Turn The Shit Into Gold“-Einsatz zu kommen hat. Die Geschichten von den Tattoos auf der Seele machten hier selbstredend besonders Sinn, und so konnten wir uns an einem kurzen, gelungenen Auftritt und einem netten Plausch mit unserer liebsten One Man Band über den anstehenden Kiev-Stingl-Film und andere feine Themen am folgenden Vormittag im lauschigen Cowboy-Up-Garten erfreuen. Next Time @ Stilwirt or elsewhere, verlorene Seelen gibt es noch genug zu retten…

Brazilian Honky Tonk Powerhouse: Die Bretter der Bühne im Sturm nahm Mary Lee zusammen mit ihren B Side Brothers, die Brasilianerin machte nicht nur optisch eine gute Figur, ihr sofort zum Tanzbein-Schwingen animierender Mix aus Rockabilly, Honky Tonk, Tex Mex und Country-Trash zündete von der ersten Sekunde, die Lady und ihre Mannen aus Londrina/Paraná brachten mit ihrem lateinamerikanischem Temperament, flotten Eigenkompositionen und Uptempo-Versionen von „Will The Circle Be Unbroken“ und dem Cher-Hit „Bang Bang (My Baby Shot Me Down)“ den Saal direktemang zum Kochen. Den Burschen hat’s die Glotzer rausgetrieben und die Mädels waren grün vor Neid ;-))) Dicker Tipp für Herrn Tarantino.

Die Basken von Dead Bronco aus Bilbao mit ihrem aus Florida stammenden Frontman Matthew Horan hielten die Stimmung mit Nashville-infiziertem Country und Rockabilly auf hohem Level, die Songs aus ihrem im letzten Jahr veröffentlichten Hank-Williams-Tribute „Moanin‘ The Blues“ und das Material ihrer früheren Alben atmeten unverkennbar den Geist der reinen Lehre, „I can literaly say that the music of Hank Williams saved my life“ meint Horan, und eine eigene Biermarke haben sie auch am Start, wenn das kein stimmiges Gesamtpaket ist, dann weiß ich auch nicht mehr weiter…

Großartige One-Man-Band-Vollbedienung zum krönenden Abschluss des ersten Festival-Abends: der Schweizer Beat Zeller, seines Zeichens Chef von Voodoo Rhythm Records, legte in seiner Inkarnation als Reverend Beat-Man in Sachen Trash einen Auftritt zu mitternächtlicher Stunde im Zelt hin, der keine Wünsche offen ließ, der Mann vereinigt alles Gute, Wahre, Spannende aus dem Bereich, die aufgesaugten Einflüsse von Dada über Hasil Adkins, Howlin Wolf bis zu Lux Interior, Iggy Pop und Gibby Haynes potenziert Beat-Man um ein Vielfaches und spuckt das unverdaute Konglomerat genialst in seinem wilden Mix aus primitivem Rock ’n‘ Roll, Gospel-Trash und wilden Punk-Blues-Attacken unters Volk, dem ob soviel geballter, obskurer Intensität nur noch die Flucht in den Pogo blieb.

Watch out for Day 2 and 3…