Richmond Fontaine

Reingelesen (67): Willy Vlautin – Lean On Pete

Del starte das Pferd an, dann bückte er sich und fuhr mit den Händen Petes Vorderlauf ab. „Tja“, sagte er, und man sah, dass seine Laune mit jeder Sekunde schlechter wurde.
Dann richtete er sich wieder auf. „Wenn ich eine Knarre hätte, würde ich ihn gleich hier erschießen.“
„Wenn ich eine hätte, würde ich mich selber umlegen“, sagte Harry und sah aus, als müsste er gleich kotzen.
(Willy Vlautin, Lean On Pete, 10)

Willy Vlautin – Lean On Pete (2010, Berlin Verlag)

Berühmte Romane über die Nöte der Jugend in der Adoleszenz gibt es in der US-Literatur einige, die Bücherregale dieser Welt sind gut bestückt mit den Schilderungen der Irrungen und Wirrungen eines Huckleberry Finn oder eines Holden Caulfield. Wo der Roman Mark Twains über die Abenteuer eines Waisen am Mississippi zwar satirische und gesellschaftskritische Anmerkungen zu Rassismus und Sklaverei enthält, aber letztendlich doch eine romantisch verklärte Abenteuergeschichte für den lesenden Nachwuchs bleibt, und wo Salingers „Fänger im Roggen“ den Weltschmerz und die Ablehnung der verlogenen Erwachsenen-Welt des 16-jährigen Holden umfänglich seziert, der Anti-Held im Kult-Buch aber trotz aller für ihn in diesem Lebensabschnitt widrigen Umstände durch seine New Yorker Upper-Class-Familie sozial abgesichert und geborgen bleibt, schildert Autor und Alternative-Country-Songwriter Willy Vlautin in seinem dritten Roman „Lean On Pete“ die Geschichte des jugendlichen Charley Thompson aus der Perspektive des „White Trash“, der Trailerparks, der Sozialbau-Siedlungen, aus dem Blickwinkel des Amerika der abgehängten Arbeiterklasse, der Alkoholiker und der zwielichtigen Pferderennbahn-Zocker, von einer Warte aus, die keinen Platz lässt für die verklärte Romantik und die atmosphärische Mystik der amerikanischen Landschaft am Rande des Highway, wo sich die Lebensumstände prekär und die Zukunftsaussichten düster darstellen.
Wie bereits im Roman „Northline“ mit der jungen, alkoholkranken Allison Johnson als Protagonistin skizziert Vlautin in „Lean On Pete“ freudlose und widrige Verhältnisse, in denen sich der junge Roman-Held Charley zurecht finden muss. Durch den Umzug in eine Wohnwagen-Siedlung in Portland losgelöst aus dem gewohnten sozialen Umfeld, der Altvordere oft tagelang von der Bildfläche zwecks Schürzenjägerei verschwunden, von Hunger und Geldmangel zum Essen-Klauen im Supermarkt getrieben – auf sich alleine gestellt ist der Heranwachsende gezwungen, sein tägliches Überleben zu meistern. Bedingt durch einen familiären Schicksalsschlag verschlechtert sich seine Situation unvermittelt, der Job als Tagelöhner auf der Rennbahn beim charakterlich zweifelhaften Rennpferde-Besitzer Del Montgomery bringt dahingehend wenig Entlastung. So, wie Allison Johnson in „Northline“ ihren vordergründig rettenden Anker in den fiktiven Dialogen mit dem von ihr verehrten Schauspieler Paul Newman findet, so sind die einseitigen inneren Monologe mit dem Rennpferd „Lean On Pete“ aus dem Stall Montgomerys der einzige Trost im tristen Überlebenskampf des jungen Charley. Als sich das Pferd bei einem Rennen ernsthaft am Lauf verletzt und der launische wie zwielichtige Stallbesitzer infolgedessen seinen Verkauf an den Abdecker verkündet, brechen bei dem Jungen alle Dämme. In einer Nacht- und Nebelaktion bricht er mit dem Pferd zu dessen Errettung auf zu seinem persönlichen Road Trip, auf der Suche nach seiner Tante, seiner letzten vertrauenswürdigen Bezugsperson, begegnet er neben einem völlig verkorksten Sektierer, versoffenen Indianern und anderen fragwürdigen Zeitgenossen am Straßenrand der großen amerikanischen Highways auch hilfsbereiten Truckern und Sheriffs, die ihre schützende Hand über den Jungen halten.

Man möchte verzweifeln am Umstand, wie der Autor im Roman dem Schicksal freie Hand lässt, seinem jugendlichen Protagonisten übel mitzuspielen, und doch offenbart Vlautin zum Roman-Ausklang Mitgefühl für seine Figur, die Geschichte hält im Open-End-Schluss einen guten Ausgang für den jungen Charley bereit, weitere detaillierte Ausführungen hierzu wären mindestens so verwerflich wie das Agieren mancher charakterlich verkommener Akteure aus dem Romanpersonal. Darum: selber lesen, lohnt.

Der Roman thematisiert die Motive der großen Jugendromane wie das Unterwegssein der bis heute zu Teilen nicht sesshaften amerikanischen Einwanderungsgesellschaft und deren soziale und ökonomische Verwerfungen. Wem beim Lesen auch Kerouac und sein Beat-Manifest „On The Road“ in den Sinn kommt, liegt selbstredend nicht komplett falsch. Die große Stärke des Romans ist das völlige Fehlen von falschen Sentimentalitäten, von gezierten Gefühlsduseleien. Die Schilderungen sind nüchtern, im echten Leben verhaftet, wie in „Northline“ ist Vlautins Gespür für literarischen Realismus herausragend. Das Weglassen spektakulärer Effekthascherei führt umso mehr zu berührender Lektüre, die Leserschaft kann sich unverstellt der eigenen Ergriffenheit stellen, ohne diese peinlich angetan in Frage stellen zu müssen, vermutlich der größte Verdienst der Erzählung.

„Ich wollte dir nur etwas sagen.“
„Was?“
„Wenn du mich in einer Woche oder so nicht mehr magst, kannst du mich rauswerfen.“
„Ich werfe dich nicht raus.“
„Aber wenn doch, musst du deshalb keine Schuldgefühle haben.“
„Ist gut“, sagte sie.
(Willy Vlautin, Lean On Pete, 30)

„Lean On Pete“ ist in diesem Jahr vom englischen Regisseur Andrew Haigh mit dem US-Nachwuchsschauspieler Charlie Plummer in der Hauptrolle und Stars wie Chloë Sevigny und dem großartigen Steve Buscemi verfilmt worden. Die Premierevorstellung der Literatur-Adaption lief Anfang des Monats bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig, das Roadmovie-Drama soll im Februar 2018 in die Programmkinos kommen.

Der Autor Willy Vlautin wurde 1967 in Reno/Nevada geboren, er hat bisher vier Romane veröffentlicht, die alle auch ins Deutsche übersetzt wurden. Seine literarischen Einflüsse benennt er selbst mit US-Autoren wie John Steinbeck, Raymond Carver, William Kennedy und dem im vergangenen Sommer verstorbenen Sam Shepard.
Neben seiner Beschäftigung als Schriftsteller ist Vlautin seit über 20 Jahren als Sänger, Gitarrist und Songschreiber der amerikanischen Alternative-Country-Band Richmond Fontaine unterwegs.

Reingelesen (50): Willy Vlautin – Northline

vlautin

„Sie nahm seine Hand und sagte: „Ich denke, die Menschen brauchen einfach einen Ort zum Leben. Das braucht jeder. Es ist schwer, wenn Sachen sich verändern, die man kennt, wenn die Dinge schlimmer werden oder anders und man sich an die Zeiten erinnert, die einfacher waren oder sich wenigstens sicherer angefühlt haben und weniger hektisch. Für mich war es in Las Vegas so. Das alles sich verändert hat, und zwar zum Schlechteren.“
(Willy Flautin, Northline, Der Strip)

“Vlautin has written the American novel that I’ve been hoping to find.”
(George P. Pelecanos)

Willy Flautin – Northline (2010, Berliner Taschenbuch Verlag)

Es ist kein Roman für Ästheten, den Willy Vlautin mit seinem Zweitwerk im englischsprachigen Original 2008 beim Londoner Verlag Faber & Faber veröffentlichte. Er erzählt ohne Schnörkel im Stil des amerikanischen Realismus die Geschichte der jungen Allison Johnson. Aus einem zerrütteten Elternhaus stammend, hält sie sich mit einem Kellnerinnen-Job in Las Vegas mehr schlecht als recht über Wasser und hat neben einem massiven Alkoholproblem einen drogenverseuchten, gewalttätigen, rechtsradikalen Freund an der Backe. Als sie unfreiwillig schwanger wird, verlässt sie überstürzt die Stadt und versucht in Reno/Nevada (der Heimatstadt des Autors), ihre Probleme hinter sich zu lassen. Ihren neugeborenen Sohn gibt sie zur Adoption frei und stürzt dadurch in tiefe Depressionen, die sie bis zur Bewusstlosigkeit im Suff ertränkt.

„Auf dem Tisch hatten sie Knarren ausgelegt. Das Tischtuch war eine scheiß Nazifahne. Wir haben so Bier getrunken und sind ins Reden gekommen, und eigentlich wollten sie nur ein paar Latinos klatschen, mehr nicht. Keine speziellen, einfach rumfahren und auf irgendeinen armen Scheißer einprügeln.“
(Willy Flautin, Northline, Flying J)

In den hoffnungslosesten Momenten klammert sich Allison an imaginäre Zwiesprachen, die sie mit dem von ihr verehrten US-Schauspieler Paul Newman hält, aus den fiktiven Dialogen holt sie sich die Kraft zum Weiterkämpfen in der harten Welt der amerikanischen Low-Budget-Jobs. Dem Leser wird en passant eine Übersicht über die Filme Newmans vermittelt, quasi Bonus und einziger Nebenstrang in einem ansonsten konsequent stringent erzählten Roman.
Mit schlechtbezahlten Bedienungs- und Telefondrücker-Jobs schafft sich die junge Frau ein ausreichendes finanzielles Polster, mit dem sie sich eine eigene Wohnung – wenn auch in einer schäbigen Gegend – und eine überschaubare Grundversorgung im alltäglichen Leben leisten kann. Und ein paar Dollar finden sich auch noch in der Kasse, um den Tintenkünstler zu bezahlen, der das Hackenkreuz-Tattoo übersticht, welches sie von ihrem Rassisten-Ex Jimmy verpasst bekam.
Im weiteren Verlauf findet Allison langsam wieder in das soziale Leben zurück, sie pflegt freundschaftliche Kontakte zu gesellschaftlich Gestrandeten aus ihrem Umfeld wie der fettleibigen, fresssüchtigen Kollegin aus dem Telefonisten-Büro und einem psychisch ebenfalls schwer angeschlagenen Restaurant-Gast, mit dem sich eine Beziehung zum Open-End-Schluss des Romans entwickelt, einer der wenigen hoffnungsfrohen Lichtblicke in dem ansonsten weit von jeglicher Heiterkeit entfernten, harten, oft geradezu schmerzhaft ungeschönt erzählenden Werk, das in seinen deprimierenden Geschichten keinen Gedanken in Richtung Sozialromantik aufkommen lässt. Der American Dream findet schlichtweg nicht statt oder ist längst ausgeträumt, das Leben der Roman-„Heldin“ als New-Economy-Verliererin bleibt bedeutungslos, der vielzitierte White Trash eben, dem Vlautin hier ein literarisches Denkmal setzt. Eine das Lesen lohnende Sozialstudie, die den Bildungsbürger schonungslos daran erinnert, dass auch in den westlichen Gesellschaften gilt, wovon Billy Bragg bereits vor vielen Jahren in seinem Song „Waiting For The Great Leap Forward“ gewarnt hat: „The Third World is just around the corner“

„Ihre Zähne waren braun, und sie hatte sich in diesem Jahr drei ziehen lassen. Sie hatte das Gesicht einer Frau, die jeden Tag trank und dann vergaß, etwas zu essen. Sie nahm eine Marlboro aus der Schachtel auf ihrem Schoß und zündete sie sich an.“
(Willy Flautin, Northline, Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit)

Trailerpark-USA, das Leben der hoffnungslosen Unterschicht, zerstörte Wirtschafts- und Sozial-Strukturen, massive Alkohol- und Drogen-Probleme, Fast Food, Entwurzelung und die triste Atmosphäre von Spielautomaten-Hallen, die Spätfolgen der für die US-Mittelschicht verheerenden Wirtschafts- und Fiskalpolitik der Reagan- und Bush-Jahre bilden den Rahmen für diesen in seiner tendenziellen Schlichtheit doch fulminanten Roman, welchen der Produzent der ausgezeichneten HBO-Serie „The Wire“, Krimi-Schwergewicht George P. Pelecanos, für den wichtigsten der Nuller-Dekade hält.

Der 1967 in Reno/Nevada geborene Autor Willy Vlautin hat bisher vier Romane veröffentlicht, die alle auch ins Deutsche übersetzt wurden. Stilisitisch wird er von Kritikern mit Autoren wie John Steinbeck und Raymond Carver verglichen.
Vlautin ist seit über 20 Jahren Sänger, Gitarrist und Songschreiber der amerikanischen Alternative-Country-Band Richmond Fontaine, die seit 1996 bisher elf von Kritikern und Fans hochgelobte Alben veröffentlichte.

Die englischsprachige Erstausgabe von „Northline“ enthielt als Bonusmaterial eine CD mit Musik von Willy Vlautin und Mitgliedern seiner Band, sie ist nach wie vor bei Bandcamp verfügbar.