Sampling

Soundtrack des Tages (180): Holger Czukay

In memoriam Holger Czukay (1938 – 2017): 1968 Mitbegründer der legendären Kölner Kraut-, Experimental- und Psychedelic-Band Can, solistisch nicht minder spannend zugange, Multi-Instrumentalist, Kollaborateur von unter anderem Brian Eno, ex-PiL-Basser Jah Wobble, dem Keith-Levene-Kommerz-Klon The Edge, David Sylvian, Bob Humid und der Londoner Electronica-Institution UNKLE – und 1987 auf dem Solo-Album „Rome Remains Rome“ im Stück „Blessed Easter“ mit Seiner Heiligkeit Papst Johannes Paul II höchstselbst. Holger Czukay wurde am Mittwoch vergangener Woche in seiner Wohnung in Weilerswist/Euskirchen tot aufgefunden. Die deutsche Avantgarde-Musik verlor mit ihm eine seiner zentralen und stilprägenden Figuren.

Advertisements

Reingehört (345): John Matthias & Jay Auborn

John Matthias & Jay Auborn – Race To Zero (2017, Village Green)

Geistesmenschen unter sich: Der britische Komponist und Musiker John Matthias promovierte im Parallel-Leben in theoretischer Physik und bekleidet die Position einer Professur für „Akustische Kunst“ an der Universität im südenglischen Plymouth, sein Landsmann und Komponisten-Kollege Jay Auborn hat sich bereits als akustischer Beschaller von Gerhard-Richter-Kunstausstellungen und dem Film „Broadmead“ des Radiohead-Spezis Stanley Donwood hervorgetan.
Auf „Race To Zero“ lassen die beiden Experimental-Musiker ihre Erfahrungen, Arbeitsansätze und Fertigkeiten aufeinanderprallen und schaffen so in unkonventioneller Herangehensweise einen berauschenden und sich permanent ausdehnenden Klangkosmos. Das in einer alten Kapelle in Devon und in einem isländischen Studio eingespielte Material wurde in vielen gemeinsamen Sitzungen digital seziert, nachbearbeitet, neu arrangiert, mit zahllosen Klangbeigaben bereichert und akustischen Fallstricken versehen. Herausgekommen ist ein wilder Ritt durch explodierende Instrumental-Klangfarben, von treibendem Piano-/Keyboard-Anschlag und -Wohlklang dominiert, schwer fassbar beim ersten (und auch weiteren) Hören vollumfänglich zu (be)greifen und einzuordnen, zuforderst bedingt durch eine überbordende Stil-Vielfalt, die sich von Folk-Zitaten über elektronischen Postrock, Dubstep, Trance und Electronica-Space-Drone bis hin zu neoklassischen Kompositions-Entwürfen der Minimal Music erstreckt, und die sich vehement einer eindeutigen oder auch nur annähernden, tendenziellen Kategorisierung widersetzt, oft mehr ein Neben- als Miteinander der Melodik und Rhythmik.
Ab und an mit einigen Spuren zuviel an klanglichem Zuckerguss und virtueller Digitalisierungs-Künstlichkeit versehen, immer aber ein eindringliches Hörerlebnis, ein Rausch für die Sinne, oft im oberen Intensitäts-Level agierend.
Geistiges/(a)tonales Onanieren hat bei weitem schon mal wesentlich weniger Freude bereitet – Jerome „Bronn“ Flynn würde an der Stelle wahrscheinlich sein Schwert zücken und ein beherzt-verächtliches „Miles Fuckin‘ Davis!!!“ in die Runde schmeißen…
(**** – **** ½)

Soundtrack des Tages (172): LEBENdIGITAL

„Gegen einen LKW kommt keiner an – Goodbye Joe, ich bin froh, dass wir Dich hatten!“
(Charles Bukowski)

Zu den Fragen der Zeit: Die Wuppertaler Musiker Jochen Rausch und Detlev Cramer haben unter dem Projektnamen LEBENdIGITAL 2005 auf dem nach wie vor sehr hörenswerten Album „FAUSERTRACKS“ (Random House Audio) Gedichte und Texte des vor 30 Jahren verunglückten Underground-Literaten, Poeten und Journalisten Jörg Fauser vertont, die Spoken-Word-Beiträge stammen vom Autor selbst. Rausch und Cremer waren in den Achtzigern in der deutschen Elektro- und Synthie-Pop-Szene unter dem Bandnamen Stahlnetz aktiv. Jörg Fauser wäre heute 73 Jahre alt geworden.