Sampling

Reingehört (345): John Matthias & Jay Auborn

John Matthias & Jay Auborn – Race To Zero (2017, Village Green)

Geistesmenschen unter sich: Der britische Komponist und Musiker John Matthias promovierte im Parallel-Leben in theoretischer Physik und bekleidet die Position einer Professur für „Akustische Kunst“ an der Universität im südenglischen Plymouth, sein Landsmann und Komponisten-Kollege Jay Auborn hat sich bereits als akustischer Beschaller von Gerhard-Richter-Kunstausstellungen und dem Film „Broadmead“ des Radiohead-Spezis Stanley Donwood hervorgetan.
Auf „Race To Zero“ lassen die beiden Experimental-Musiker ihre Erfahrungen, Arbeitsansätze und Fertigkeiten aufeinanderprallen und schaffen so in unkonventioneller Herangehensweise einen berauschenden und sich permanent ausdehnenden Klangkosmos. Das in einer alten Kapelle in Devon und in einem isländischen Studio eingespielte Material wurde in vielen gemeinsamen Sitzungen digital seziert, nachbearbeitet, neu arrangiert, mit zahllosen Klangbeigaben bereichert und akustischen Fallstricken versehen. Herausgekommen ist ein wilder Ritt durch explodierende Instrumental-Klangfarben, von treibendem Piano-/Keyboard-Anschlag und -Wohlklang dominiert, schwer fassbar beim ersten (und auch weiteren) Hören vollumfänglich zu (be)greifen und einzuordnen, zuforderst bedingt durch eine überbordende Stil-Vielfalt, die sich von Folk-Zitaten über elektronischen Postrock, Dubstep, Trance und Electronica-Space-Drone bis hin zu neoklassischen Kompositions-Entwürfen der Minimal Music erstreckt, und die sich vehement einer eindeutigen oder auch nur annähernden, tendenziellen Kategorisierung widersetzt, oft mehr ein Neben- als Miteinander der Melodik und Rhythmik.
Ab und an mit einigen Spuren zuviel an klanglichem Zuckerguss und virtueller Digitalisierungs-Künstlichkeit versehen, immer aber ein eindringliches Hörerlebnis, ein Rausch für die Sinne, oft im oberen Intensitäts-Level agierend.
Geistiges/(a)tonales Onanieren hat bei weitem schon mal wesentlich weniger Freude bereitet – Jerome „Bronn“ Flynn würde an der Stelle wahrscheinlich sein Schwert zücken und ein beherzt-verächtliches „Miles Fuckin‘ Davis!!!“ in die Runde schmeißen…
(**** – **** ½)

Soundtrack des Tages (172): LEBENdIGITAL

„Gegen einen LKW kommt keiner an – Goodbye Joe, ich bin froh, dass wir Dich hatten!“
(Charles Bukowski)

Zu den Fragen der Zeit: Die Wuppertaler Musiker Jochen Rausch und Detlev Cramer haben unter dem Projektnamen LEBENdIGITAL 2005 auf dem nach wie vor sehr hörenswerten Album „FAUSERTRACKS“ (Random House Audio) Gedichte und Texte des vor 30 Jahren verunglückten Underground-Literaten, Poeten und Journalisten Jörg Fauser vertont, die Spoken-Word-Beiträge stammen vom Autor selbst. Rausch und Cremer waren in den Achtzigern in der deutschen Elektro- und Synthie-Pop-Szene unter dem Bandnamen Stahlnetz aktiv. Jörg Fauser wäre heute 73 Jahre alt geworden.

Reingehört (330): Tonstartssbandht, Eola

Tonstartssbandht – Sorcerer (2017, Kemado Records / Mexican Summer)

Sprich „(TAHN-starts-bandit)“: Die Brüder Andy und Edwin White haben neben diversen Solo- und anderweitigen Engagements Zeit für ein neues Tonstartssbandht-Album gefunden, in drei überlangen Titeln zwischen neuneinhalb und dreizehn Minuten entfaltet das Brüderpaar aus Florida unter dem gemeinsamen Zungenbrecher-Bandnamen ihre grundlegend im Indierock verankerte Psychedelic-, Space- und Krautrock-Spielart, in Jam-/Improvisations-artiger Ausdehnung bewegt sich das Duo versiert und inspiriert im Tempo- und Melodien-Wechsel zwischen luftiger, Flaming-Lips-verwandter Leichtigkeit, charmanter LoFi-Entspannung, unterschwelligem Digital-Sampling, dezentem Electronica-Gefrickel und nicht zuletzt allgegenwärtigem Cosmic-American-Music-Free-Flow-Ansatz, der jedem Deadhead im Gedenken an latent düstere „Dark Star“-Gitarren-Spacejazz-Drones die Tränen der Glückseligkeit in die Augen treibt.
Fundierte Arbeit nach nahezu zehn Jahren gemeinsamen Experimentierens und Mitmischens in der Montreal- bzw. Brooklyn-Indie-Szene, in der sich die Band nicht auf ein vorgegebenes Genre oder eine Grundstimmung festlegen lässt – eine Wundertüte an Ideen, die in opulentem Rahmen eindrücklich verdeutlicht, dass Indierock auch Space, Kraut und Trip kann, ohne dabei die zahlreichen Siebziger-Reminiszenzen über Gebühr auszureizen. Pitchfork merkt hierzu durchaus treffend an: „It´s the sound of Guided by Voices swapping out their arena rock fantasies of being in the Who for being a member of Amon Düül´s Munich commune instead“.
(**** ½ – *****)

Tonstartssbandht live @ nyctaper.com + Bandcamp

Eola – Dang (2016, Leaving Records)

Tonstartssbandht-Drummer Edwin Mathis White hat bereits im vergangenen Herbst mit seinem Solo-Projekt Eola das Album „Dang“ veröffentlicht, zum Lobpreisen des Herrn beeindruckt er auch hier im Geiste des freien Psychedelic-Flows mit seinen artifiziellen, Bibellektüre-geprägten Spirituals, White legt Kanon-artig gesampelte Gesangs-Loops übereinander und zelebriert so eine schwer groovende, trotz technischer Nachbehandlung immer noch weitgehend organisch erscheinende, repetitive Gospel-Messe.
Neben unaufdringlicher Electronica schwingt in dieser Vokal-dominierten Trance-Kontemplation eine geballte Ladung Sixties-Psychedelic-Pop mit, in überbordender Kreativität zitiert White Elemente aus Doo Wop, Surf Sound, R&B und Soul und vermengt so auf höchst anregende Weise zu einem beschwingten Trance-Gebräu.
Auf Basis seiner enthusiastischen Gesangsparts als Kern und Zentrum der neun Neo-Hymnen lässt White genügend Raum für Hall, geisterhafte Drones, obskure LoFi-Weirdness, intensive Vocoder-Effekte, und bleibt so in experimentell-psychedelischer Manier im Geiste dem mit Bruder Andy entwickelten, mäandernden Tonstartssbandht-Ansatz verbunden, wenn auch in einer deutlich anderen Herangehensweise und Ausprägung.
Unbändig-spontane Gefühlsausbrüche, auch in der virtuellen Sampling-Kirche, irgendwo zwischen Sam Cooke und Laurie Anderson. Oder so ähnlich. Reinhören und den heiligen Geist empfangen. Amen.
(*****)