Sampling

Reingehört (524): Lost In Kiev

Lost In Kiev – Persona (2019, Pelagic Records)

Im Mai 2017 vermochten sie im Rahmen des dreitägigen Postrock-Hochamts beim belgischen dunk!Festival mit ihrer Electronica-gestützten Spielart des Genres und vor allem mittels groß angelegter, exzellenter Video-Show bleibenden Eindruck zu hinterlassen, dieser Tage bringen sich die vier Franzosen von Lost In Kiev mit einem neuen Longplayer wieder ins Gespräch. Zweieinhalb Jahre nach der letzten Veröffentlichung „Nuit Noire“ beim dunk!-eigenen Label geben die jungen Musiker aus Paris mit dem aktuellen Werk „Persona“ eine Vorstellung davon ab, wohin die Reise des Postrock in Zukunft gehen kann, böse Zungen würden mit fortschreitender Austauschbarkeit diverser Bands in dem Zusammenhang wohl von ersten ernsthaften Wiederbelebungsversuchen der instrumentalen Indierock-Spielart sprechen.
Lost In Kiev vereinen auf ihren groß angelegten, cineastischen Breitwand-Klangentwürfen ein ganzes Spektrum an Stil-prägenden Elementen des Genre-übergreifenden Progressive- und Post/Core-Sounds. Die handelsüblichen Postrock-Gitarren-Crescendi werden in dem Kontext prominent platziert und entfalten sich damit prächtig. Substanziellen Tiefgang, Fläche und individuelle Ausgestaltung gewinnen die Nummern mit einem Horizont-erweiternden Blick über die altbekannten Gitarren-Soundwände hinweg, mit einem Schweifen hinein in die Sphären des Synthie-Space, in ausgewählte Momente strahlender Krautrock-Glückseligkeit, Lichtjahre zurückliegend, in die zeitlose Supernova aus der „Phaedra“-Ära der deutschen Elektronik-Pioniere von Tangerine Dream und des „Neu!“-Debüts von Michael Rother und Klaus Dinger. Die französischen Musiker erweisen sich in den aktuellen Kompositionen als versierte Experimental-Protagonisten im futuristischen Neo-Prog/Postrock-Crossover, neben den atmosphärischen, Sound-dominierenden Synthesizer-Sequenzen und den markanten Gitarren-Timbres spielt das Quartett mit Drum-Machine-getriebenen New- und Dark-Wave-Zitaten, digitalen Samplings, Loops und der Sog-artigen Wirkung ihres Electronica-Trance-Flows. Der Analog/Synthetik-Hybrid lässt die Stimmungslage in permanenter Unruhe zwischen melancholischer Schwere und euphorischer Losgelöstheit wandern. Wo andere Bands die Spoken-Word-Samples oft völlig zusammenhanglos aus Field Recordings, hochtrabenden Politiker-Reden oder Film-Dialogen entlehnen, produzieren Lost In Kiev ihre digital verfremdeten Monologe und Zwiegespräche zum Durchbrechen der rein instrumentalen Strukturen des Postrock selbst, damit erzählen sie ihre eigenen Geschichten, die von implementierten menschlichen Erinnerungen in Robotern zwecks Überwindung der Vergänglichkeit, rein technischer, Maschinen-gestützter Kriegsführung, Robotern als Lebens- und Liebes-Partnern, künstlicher Intelligenz und anderen zukunftsorientierten, erschreckenden Sci-Fi-Themen handeln.
Summiert man die eingesammelten Pluspunkte nach diesem ergiebigen wie zuweilen Reiz-überflutenden Sound-Trip, kommt man auf nicht eben wenig, was dieses Album von herkömmlicher Instrumental-Durchschnittsware unterscheidet, Lost In Kiev dürften damit auf die drohende (böse Zungen: längst eingetretene) Stagnation im Postrock eine brauchbare Antwort gefunden haben.
„Persona“ erscheint am 26. April beim Berliner Independent-Label Pelagic Records.
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Pontiak + So Low @ Kranhalle, München, 2019-03-17

Zwei Psychedlic-Spielarten in denkbar weit voneinander entfernten Extremen, am vergangenen Sonntagabend in der Kranhalle des Münchner Feierwerk. Irish-Folk-Vollbedienung und das ein oder andere Guinness am Nachmittag bei der großen St. Patick’s Parade der Irish Community in der Innenstadt oder das unwirtliche Regenwetter mögen größerem Besucherandrang im Wege gestanden sein, den auch diese Veranstaltung zweifellos verdient hätte.

Einen Schnaps vorneweg zur Brust genommen, „One for the Road“, quasi, und dann direktemang ohne viel Federlesens hinein ins Vergnügen: Die Brüder Jennings, Van und Lain Carney vom Neo-Pschedelic-Rock-Trio Pontiak aus der Blue-Ridge-Mountain-Gegend Virginias überwältigten ihr Publikum im Familienbetrieb am Sonntagabend zum letzten Termin ihrer Europa-Tournee mit einem entfesselten Set im Sturm, in den die drei bärtigen Zauseln von der amerikanischen Ostküste alles an Gewicht hinein warfen, was an groß auftrumpfender, lärmender Rockmusik seit Urzeiten gut, wahr und schön ist.
Als Power-Trio gab sich die Combo über knapp eineinhalb Stunden ihrer überbordenden Spielfreude hin, die vom Start weg in den Saal brandete und das Volk beherzt mitnicken ließ. Wo auf dem letzten Album „Dialectic Of Ignorance“ (2017, Thrill Jockey Records) die ein oder andere technische Spielerei an Keyboard-Sounds und psychedelisch verschleiernden, entschärfenden Synthetik-Elementen mitschwang, damit den Druck etliche Eichstriche unter der Siedepunkt-Marke kontrollierte, kaprizierte sich die Band bei ihrem München-Gig auf schwere Breitseiten in Sachen laute Strom-Gitarre plus Takt-gebende Dröhnung und ließ damit den berstenden Kessel ein ums andere Mal in entladenden Erschütterungen explodieren, Linderung der blutenden Ohren allenfalls mit einem Anstimmen melancholischer, klagender Psychedelic-Chöre gewährend. Der Wolfs-heulende und Höllenhund-knurrende Sangesbruder Van als Zentrum im Auge des Hurrikans, als permanenter Unruheherd in der heiligen Dreifaltigkeit setzte seinem beinhart angeschlagenen, überbordenden Gitarrenspiel keine Grenzen. Virtuose, gedehnte, jaulende Soli und staubtrockene, schroffe Heavy-Riffs in einem durch Mark und Bein fräsenden Midtempo durchdrangen die pulsierende Rhythmus-Arbeit seiner beiden Brüder, die mit grollendem, kraftvollem Bass und den machtvollen, befeuernden Drums das ihre zum brachialen wie rauschhaften Ausbruch beitrugen.
Zu großen Teilen mag das Pontiak-Donnern unüberhörbar in die Hochzeiten der hart und bleischwer rockenden Siebziger referenzieren, zum zähen wie gründlich erschütternden Malstrom der frühen Black Sabbath, zuweilen zum gewichtigen Proto-Garagenrock der MC5 und Stooges und den ausladenden Gitarren-Exzessen von Crazy Horse – und doch gelingt es der Carney-Verwandtschaft mit dringlicher Stoner-Wucht und einer aus Prog-, Acid- und Indie-Elementen gespeisten, zeitlosen Energie-Quelle, ihren Heavy-Psychedelic-Trip in gegenwärtiger Bodenhaftung zu verankern. Eine gepflegte Desert-Ballade im Zugabenblock, ein, zwei Tempo-zurückgenommene Nummern zum Innehalten, das soll es an gelasseneren Momenten im Pontiak-Vortrag an diesem Abend gewesen sein, der große Brocken war ein finster schimmernder Meteorit an Gitarren-dominierten, konzertanten Roh-Fassungen aus dem Œuvre des Trios.
Die Band bedient sich in der Inspiration ihrer Songs, in ihren bildhaften Beschreibungen zum desolaten Zustand der Welt unter anderem auch bei den Werken des derzeit schwer angesagten norwegischen Literaten Karl Ove Knausgård, dabei scheinen die drei Brüder in ihrem ungestümen Gebaren und ihrer unverstellten Erscheinung inklusive Anti-Frisuren und wallenden Rauschebärten weit mehr direkt dem hemdsärmeligen Personal von Ken Keseys Holzfäller-Epos „Sometimes A Great Notion“ entsprungen zu sein.
Dass die Carney-Brothers als Betreiber der eigenen Pen Druit Brewery der Schädel-spaltenden Münchner Augustiner-Brühe zusprachen, befremdete dann doch ein wenig, aber das soll’s auch schon an Naserümpfen zu diesem weithin schwerst gelungenen Konzertabend gewesen sein. Gegen eine Band, die dergestalt enthemmt aufspielt und nach dem Verhallen der letzten Zugaben-Akkorde direkt den Weg ins Auditorium sucht, um sich bei jedem Anwesenden persönlich per Handschlag für den Besuch zu bedanken, können keine seriösen Einwände geltend gemacht werden.

Den Abend eröffnete zuvor im halluzinogenen Kontrast das Ein-Mann-Projekt So Low aus Louisville/Kentucky, hinter dem Pseudonym verbirgt sich der OM-/Watter-Keyboarder Tyler Trotter. Wo Pontiak die hart abrockende Variante der angewandten Psychedelik pflegten, widmete sich der junge Electronica-Soundbastler für eine knappe halbe Stunde der digitalen Ambient- und Space-Variante. Aus eingangs monotonen Sphären-Klängen leitete er seine Kompositionen via gesampelter Cello-Drones im Minimal-Music-Intermezzo in einen ausgedehnten Hauptteil über, der sich an Früh-Siebziger-Spielarten des Krautrock anlehnte, vornehmlich an die ausgedehnten, gefällig und angenehmen ins Ohr gehenden Klangreisen von  Formationen wie Tangerine Dream, Neu! oder Ash Ra Tempel: die deutschen Pioniere des Genres haben augenscheinlich ihre prägenden Einflüsse bei der nächsten und übernächsten Generation auch jenseits des großen Teichs hinterlassen. So Low loopte synthetische, treibende Club-Rhythmen, reicherte mit atmosphärischem Synthie-Trance durch Schrauben an den Knöpfen und Reglern an und streute sporadisch über analoges Musizieren simple Mellotron-Melodien ein. Die Frage, warum er über seinen gesamten Vortrag hinweg eine weiße Fender Stratocaster als überdimensionales Schmuckstück umhängen hatte, beantwortete er mit wenigen, sekunden-kurzen, von den Maschinen nachbehandelten und verfremdeten Riffs, die das Klangbild nur unwesentlich bereicherten und kaum das Risiko eines steifen Halses rechtfertigen.
Höflicher und verdienter Applaus für dieses Ohren-schmeichelnde Intro, das mit energetischem Ambient-Flow nicht geizte und mindestens den Freunden der alten bundesrepublikanischen Instrumental-Electronica das ein oder andere Schmunzeln des Wiedererkennens ins Gesicht zauberte.

Reingehört (489): Runar Blesvik

Runar Blesvik – Blend (2018, Fluttery Records)

„Blend“ als Titel für das Debütalbum des Norwegers Runar Blesvik, wie überaus treffend auf den Punkt gebracht mit dieser Etikettierung hinsichtlich Konzept der jüngst veröffentlichten Arbeit: Der junge Komponist aus Oslo findet auf seinem ersten Wurf eine exzellent austarierte Rezeptur im Vermischen diverser instrumentaler Spielarten aus dem weiten Feld der experimentellen Musik, in dem Fall jederzeit angenehmst hörbar und anheimelnd den Weg ins Ohr findend, im Wechsel- wie gemeinschaftlichen Spiel von jahrhundertelang erprobter Klavier-Klassik und neuzeitlichen Digital-Variationen.
In vergangenen Jahren war Blesvik mit dem Komponieren orchestraler Werke zur musikalischen Untermalung von Kurzfilmen zugange, im neoklassischen Duktus gestaltet sich auch der Einstieg in sein Longplayer-Debüt, „Window“ öffnet das Fenster zu reduzierten, minimalistischen Meditationen, formgebend mit solistischem Piano-Anschlag, begleitet von getragenen Ambient-Electronica-Soundscapes, das Tempo zurückgenommen und auf die Grundstruktur der Komposition reduziert. Der stete Fluss der neun Gesangs-freien Tondichtungen sucht sich im kontinuierlichen Wandel permanent neue Ausdrucksformen von luftiger, unbeschwerter Trance-Beschwingtheit bis hin zu melancholisch-nachdenklichen Klavier-Variationen, zu denen der atmosphärische Nachhall der angeschlagenen Tasten in den Pausen dazwischen genau so haften bleibt wie das eigentliche Töne-Erzeugen, auf dem Album ist jede Note ausbalanciert wie die effektive Auslassung der Töne und das Kontrast-reiche Miteinander diversester analoger Klänge wie synthetischer Samplings, Loops und elektronischer Klang-Schichtungen.
In „1976“ macht sich dezent nervöse, repetitive Electronica flächendeckend als Minimal-Kraut/Space breit, vom Drum-Computer rhythmisch getrieben und damit inmitten zuforderst meditativer Klänge gar ein tanzbarer Trance-Flow zur Beschallung von bewegten Science-Fiction-Bildern.
Die Dramatik und Schönheit der Klänge soll dem Vernehmen nach neben diversen Gemütszuständen des Künstlers vor allem von der Natur des westlichen Norwegens inspiriert sein, und wenn das da oben optisch und atmosphärisch mit den tonalen Sound-Landschaften von „Blend“ vergleichbar ist, dann schnell die Koffer gepackt und nichts wie ab in den skandinavischen Norden. Für die Daheimgebliebenen gibt’s immerhin den Soundtrack zu den atemberaubenden Fjorden, Küstenabschnitten und Nationalparks, eingespielt, produziert und gemixt von Runar Blesvik aus einer Hand.
„Blend“ bietet ein komplexes Werk zwischen organischer und digitaler Klangkunst, heiteren wie dunklen Stimmungslagen, hintergründigen wie klar strukturierten Kompositionen, melodisch, harmonisch, mehrschichtig, unvorhersehbar.
„Blend“ ist Mitte September beim kalifornischen Postrock-, Ambient- und Neoklassik-Label Fluttery Records erschienen.
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