Sampling

A-Sun Amissa + BaShBozouki´s @ Glockenbachwerkstatt, München, 2019-10-03

Mit dem Etikett „Psychedelische Kunst der Einheit“ als thematischer Aufhänger war das präsentierte Doppel-Konzert in der Münchner Glockenbachwerkstatt am vergangenen Feiertag des 3. Oktober überschrieben. Während das Gros der hiesigen Nachtschwärmer den nationalen Gedenktag auf dem Oktoberfest begoss – oder vielleicht auch mit reichlich Alkoholika verdrängte – fand sich eine überschaubare Schar an Unbeirrbaren im Saal der „Glocke“ zur experimentellen Beschallung ein. Den Abend eröffnete Konzert-Veranstalter Asmir Šabić aka Chaspa Chaspo himself mit seinem Ein-Mann-Projekt BaShBozouki´s. Der Musiker, den man neben seiner jahrelangen Organisations-Arbeit für zahlreiche exzellente, handverlesene Konzerte im Rahmen des Maj Musical Monday, des Noise Mobility Festivals oder in Einzel-Veranstaltungen in Sachen Postrock-, Electronica- und Jazzrock-Crossover im Stadtteiltreff auch als Kollaborateur von Bands wie Majmoon oder D’Aqui Dub kennt und schätzt, bot für gut 40 Minuten in freier Improvisation einen gelungenen Grenzgang zwischen Tradition und Moderne. Šabić ließ den Flow des elektrisch verstärkten Bouzouki-Sounds und seine sporadischen, klagenden, zu Chören gesampelten Gesänge in Anlehnung an Generationen-übergreifende Balkan-Folklore und uralte Südost-europäische Volksweisen auf den geloopten Beat der Synthie-Maschinen, auf pochende Trance-Drones und abstrakte Industrial- und Techno-Elemente treffen. Der Künstler selbst merkt zu seinem Ansatz der konzeptionellen Verbindung aus Vergangenheit und Zukunft, aus jahrhundertealten Volksmusik-Traditionen und futuristischer Electronica-Anreicherung an: „Es ist eine Live-Performance, die Geschichten von bewaldeten Bergketten und wilden Flüssen erzählt. Ein musikalisches Crossover von Melodien, Beats, Gedanken, einer Ästhetik, die von Arbeit, der Fremde, der Heimat und von dem Dazwischen berichtet. Es ist die Musik, die uns hält, die uns die Vielfalt der Welt zeigt; geschrieben, um uns zu fangen, um unsere Seelen zu retten“. Ob die ein oder andere Seele an diesem Abend ihre Rettung erfuhr, bleibt bis auf weiteres ungeklärt, Schaden dürfte an dieser in den Bann ziehenden, höchst erbaulichen Klang-Kollage sicher niemand genommen haben. Über eine geglückte oder misslungene deutsche Einheit streiten bis heute Historiker und Politiker in diesem Land, die gelungene Verschmelzung von Alt und Neu in Sachen experimentelle Balkan-Folk-Electronica ließ am vergangenen Donnerstag-Abend hingegen keine zwei Meinungen zu. In dieser oder ähnlicher Form darf Asmir Šabić in Zukunft gerne jede seiner anberaumten Veranstaltungen eröffnen.

Hinsichtlich hypnotischer Wirkung des Sounds wusste der Hauptact der Veranstaltung für die folgenden fünfzig Minuten die Dosierung nochmals um ein Vielfaches zu steigern. Der englische Multimedia-Künstler Richard Knox ist derzeit auf Konzertreise zur Promotion des neuen Albums „For Burdened And Bright Light“ in unseren Breitengraden unterwegs, der Longplayer seines Kollektivs A-Sun Amissa erschien im vergangenen Monat als Co-Produktion des belgischen Labels Consouling Sounds und Knox‘ eigener Indie-Firma Gizeh Records. Der in zahlreichen weiteren Formationen engagierte Multiinstrumentalist arbeitete in der Vergangenheit bereits mit so profilierten Postrock- und Experimental-Musikern wie der bezaubernden Jo Quail oder Oiseaux-Tempete-Mastermind Frédéric D. Oberland zusammen, auf der aktuellen Tournee wird er von seiner Partnerin Claire Knox begleitet. Das Duo entwarf zu den bewegten Schwarz-Weiß-Bildern vom archaischen, immerwährenden Wogen der Meeres-Gezeiten, von Impressionen aus dem Regenwald-Unterholz und von urzeitlichen Höhlen-Lagerfeuern ein dunkel fließendes, Text-freies Klang-Mäandern, das der Eindringlichkeit der wunderschönen Filmbilder einen bedrohlichen, ins Geheimnisvolle driftenden, bedeutungsschwangeren Unterton verlieh und seine Sog-artige Wirkung zur meditativen Kontemplation entfaltete. Knox selbst entlockte den Maschinen-Gerätschaften finstere, experimentelle Doom-, Kraut- und Electronica-Drones, wob handgemachte Klangfarben mit seinen klar angeschlagenen Gitarrenriffs ein und verfeinerte den Sound mit Samplings von analogen Tapes, die er im Verlauf der schwärenden, raumgreifenden und in den Bann ziehenden Symphonie mehrfach von Hand im Kassetten-Deck austauschte. Das tiefe Brummen der atmosphärischen Düsternis verstärkte Claire Knox mit Bogen-bestrichenen E-Bass-Saiten und gespenstischen, durch den Verzerrer abstrahierten, vokalen Lautmalereien. Die Dimension dieser improvisierten Komposition dehnte sie bisweilen mit Hilfe melancholischer Klarinetten-Phrasierungen in Richtung Free- und Dark-Jazz, in dem Kontext fast ein versöhnliches Element zur Minderung der tonalen Schwermut, wie die gegen Ende des Konzerts eingewobenen, pointierten, wenigen Dur-Töne in den Gitarren-Melodien.
Mit dieser intensiven Klang-Erfahrung zwischen abgründiger Schwere und entrückter Schönheit zeigten Richard und Claire Knox im minimalisitischen Duett, dass der Postrock von A-Sun Amissa keine stilistischen Grenzen kennt: wo die herkömmlichen Bands des Genres kaum den Blick über die Soundwände der E-Gitarren-Crescendi wagen oder – im schlimmsten Fall – irgendwann daran zerschellen mögen, sind diese Kreativitäts-einengenden Barrieren für die Klangreisen des Kollektivs aus Manchester keine Limitierung und kaum mehr als eine Spielart unter vielen.

A-Sun Amissa sind in den kommenden Tagen noch zu folgenden Gelegenheiten live zu sehen, highly recommended:

08.10.Dresden – Zentralwerk
09.10.Hamburg – FSK-HH
10.10.Rotterdam – WORM
11.10.Gent – Herberg Macharius
12.10.Diepenheim – HANS Festival
05.12.Sheffield – Record Junkee – w/ Hundred Year Old Man & E-L-R

Reingehört (550): Erlend Apneseth Trio with Frode Haltli

Erlend Apneseth Trio with Frode Haltli – Salika, Molika (2019, Hubro)

Streng genommen kann man die Produkte der norwegischen Plattenfirma Hubro alle unbesehen einkaufen, ähnlich große Qualitätsdichte und einen anhaltend hohen Spannungsfaktor in den Publikationen findet man tatsächlich nur bei wenigen Marktteilnehmern des Tonträger-veröffentlichenden Gewerbes. Das skandinavische Label mit der namensgebenden Eule im Logo und der sicheren Hand für unkonventionelle Hörerlebnisse aus den Segmenten des Barriere-freien Experimental-Jazz, des grenzüberschreitenden Folk und der hohen Improvisations-Kunst genügt seit Jahren den anspruchsvollsten Erwartungen der interessierten Hörerschaft. Das neue Album „Salika, Molika“ des Erlend Apneseth Trio tanzt da nicht aus der Reihe und verspricht reiche Belohnung für offene Ohren.
Dem jungen Geiger Apneseth eilt in seiner norwegischen Heimat der Ruf als Meister der Hardanger Fiddle voraus, das Instrument ist der klassischen Violine nicht unähnlich, hat aber acht oder wahlweise neun statt vier Saiten zum Bespielen aufgespannt. Begleitet von seinen Trio-Mitmusikern Stephan Meidell an Gitarre, Zither und diverser Electronica-Gerätschaft und Øyvind Hegg-Lunde an den Trommeln kollaboriert Erlend Apneseth auf dem aktuellen Werk mit dem Akkordeon-Spieler Frode Haltli, einem renommierten Grenzgänger zwischen zeitgenössischer Klassik, Folk und Jazz im weitesten Sinne. Die beiden Instrumental-Virtuosen harmonieren als versierte Gestalter tonaler Kollagen in Kammermusik-ähnlichen Arrangements, die das Alte, Traditionelle der norwegischen Volksmusik einbinden und transformieren auf ihrer Suche nach neuen musikalischen Ausdrucksformen. Das Neue tönt hier als improvisierter, Trance-artiger Minimal-Folk, der ein frei treibendes, entspanntes Worldbeat-Crossover als tragfähigen konzeptionellen Unterbau verwendet und digitale Zutaten wie Samplings, überlagernde Drones, Triphop-Beats und analoge Elemente aus osteuropäischen und bretonischen Volksweisen, der zeitgenössischen Klassik und reduzierten Minimal Music einfließen lässt. Das Handgemachte dominiert den Mix aus organischem, geerdetem Sound und synthetisch angereicherter Durchdringung, zu keiner Zeit überfrachtet und völlig geschmeidig wogt das Schiff im Ozean der Klänge zwischen nüchterner Melancholie und schelmischer Experimental-Freude. In drei Nummern finden sich Vokal-Samplings lokaler norwegischer Volksmusiker, die den Songs mit diesen gesungenen oder gesprochenen Archiv-Aufnahmen neben der charakteristischen instrumentalen Dichte des gesamten Tonträgers ein luftiges, dadaistisches Element angedeihen lassen.
Auf dem seit Mai erhältlichen Album „Salika, Molika“ gestalten zwei ausgewiesene Könner ihrer instrumentalen Profession in segensreiche Symbiose eine fundierte Vision von gelungenem, völlig Kitsch- und Pathos-freiem Folk-Experiment, mit dem Gütesiegel des Uhus versehen.
(*****)

Reingehört (548): Alexander Tucker

“With this album I wanted to join together separate key influences that have affected my work, from science fiction and cosmic horror comics, film and literature to minimalist, drone and dream music composition. My aim was to weave these elements into repetitious cycles that guide the listener into worlds both uncanny and familiar”.
(Alexander Tucker)

Alexander Tucker – Guild Of The Asbestos Weaver (2019, Thrill Jockey Records)

A man of many talents: Der Multiinstrumentalist Alexander Tucker aus dem englischen Kent ist in der weiten Welt der freigeistigen und unkonventionellen Musik bisher gut rumgekommen. Solistischer Freak-Folk, lärmender Hardcore-Punk mit diversen Bands in jungen Jahren, experimenteller Drone-Metal in Kollaboration mit dem Sunn-O)))-Musiker Stephen O’Malley, schöner Electronica-Pop im Verbund mit Landsmann Daniel O’Sullivan beim gemeinsamen Duo Grumbling Fur, um ein paar Eckdaten in die Runde zu werfen. Daneben etliche Solo-Arbeiten seit Anfang der 2000er. Die aktuellste steht mit „Guild Of The Asbestos Weaver“ demnächst zur Veröffentlichung an, der Titel stammt aus dem Science-Fiction-Klassiker „Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury. Die Vorliebe für Zukunftsvisionen und kosmischen Soundflow offenbart Tucker mit seiner Maschinenmusik in erhebender Pracht, in spartanischen Industrial-Beats und analog eingefangenen Cello-Samples, mit geloopten Chören und ineinander fließenden Space-Pop-Layern. Wo in visionären SciFi- und Horror-Szenarien so manche technische Gerätschaft aus dem Ruder läuft und im schlimmsten Fall die Herrschaft übernimmt, erweist sich Alexander Tucker als wahrer Meister der Regler, Samples und analogen wie synthetischen Sound-Quellen. Ihm gelingt dabei das Kunststück, einen minimalistischen Ansatz maximalst gefällig wie psychedelisch betörend zur opulenten Ausdehnung zu bringen, muss dem guten Mann auch erst mal wer nachmachen. Vorgemacht hat’s in jedem Fall schon mal einer in ähnlicher Form, es gibt auf dem neuen Album von Alexander Tucker nicht eben wenige Momente, die wie eine Jahrzehnte später entworfene Anmerkung/Fortschreibung zum Ambient- und Kunst-Pop-Großwurf „Another Green World“ von Brian Eno daherkommen oder der Cluster-Kooperation des Multimedia-Allrounders mit den deutschen Soundpioieren Moebius und Roedelius neue Aspekte abgewinnen, und das liegt nicht ausschließlich an Tuckers artverwandten, etwas dünnen und leiernden Gesängen. Wie dem großen britischen Landsmann gelingt ihm der Entwurf dichter, ausgedehnt mäandernder Soundflows, die trotz gefälligem Wohlklang eine Atmosphäre von geheimnisvoller Schemenhaftigkeit transportieren. Der Mann weiß, wie man seine Drones und abstrakten Soundscapes in den hypnotischen Flow einflechtet und damit einem vordergründigen Pop-Appeal den unterschwelligen, nichtsdestotrotz lange nachhallenden experimentellen Tiefgang verpasst.
Den frei fließenden Erzählungen und Gedanken-Strömen zu den breitflächig ausgedehnten, repetitiven Klangmustern liegt nach Aussage des Künstlers das „Dreamweapon“-Konzept des Avantgarde-Komponisten Angus MacLise zugrunde, Alexander Tucker versteht den Original-Drummer der Velvet Underground im esoterischen Sinn, dass Träume und unterschiedliche Bewusstseins- und Erkenntnis-Zustände im persönlichen Kampf gegen die gesellschaftlichen und politischen Unbilden zu nutzen sind – wir singen und träumen uns Frau von der Leyen, den Clown im Weißen Haus oder den Brexit einfach weg, wenn’s nur so einfach wäre. Solange das nicht ohne Nebenwirkungen klappt, kann man sich die Welt immerhin mit den fünf neuen Electronica-Perlen von „Guild Of The Asbestos Weaver“ erträglicher gestalten, das Album erscheint am 23. August beim Chicagoer Indie-Label Thrill Jockey Records.
(*****)

Reingehört (524): Lost In Kiev

Lost In Kiev – Persona (2019, Pelagic Records)

Im Mai 2017 vermochten sie im Rahmen des dreitägigen Postrock-Hochamts beim belgischen dunk!Festival mit ihrer Electronica-gestützten Spielart des Genres und vor allem mittels groß angelegter, exzellenter Video-Show bleibenden Eindruck zu hinterlassen, dieser Tage bringen sich die vier Franzosen von Lost In Kiev mit einem neuen Longplayer wieder ins Gespräch. Zweieinhalb Jahre nach der letzten Veröffentlichung „Nuit Noire“ beim dunk!-eigenen Label geben die jungen Musiker aus Paris mit dem aktuellen Werk „Persona“ eine Vorstellung davon ab, wohin die Reise des Postrock in Zukunft gehen kann, böse Zungen würden mit fortschreitender Austauschbarkeit diverser Bands in dem Zusammenhang wohl von ersten ernsthaften Wiederbelebungsversuchen der instrumentalen Indierock-Spielart sprechen.
Lost In Kiev vereinen auf ihren groß angelegten, cineastischen Breitwand-Klangentwürfen ein ganzes Spektrum an Stil-prägenden Elementen des Genre-übergreifenden Progressive- und Post/Core-Sounds. Die handelsüblichen Postrock-Gitarren-Crescendi werden in dem Kontext prominent platziert und entfalten sich damit prächtig. Substanziellen Tiefgang, Fläche und individuelle Ausgestaltung gewinnen die Nummern mit einem Horizont-erweiternden Blick über die altbekannten Gitarren-Soundwände hinweg, mit einem Schweifen hinein in die Sphären des Synthie-Space, in ausgewählte Momente strahlender Krautrock-Glückseligkeit, Lichtjahre zurückliegend, in die zeitlose Supernova aus der „Phaedra“-Ära der deutschen Elektronik-Pioniere von Tangerine Dream und des „Neu!“-Debüts von Michael Rother und Klaus Dinger. Die französischen Musiker erweisen sich in den aktuellen Kompositionen als versierte Experimental-Protagonisten im futuristischen Neo-Prog/Postrock-Crossover, neben den atmosphärischen, Sound-dominierenden Synthesizer-Sequenzen und den markanten Gitarren-Timbres spielt das Quartett mit Drum-Machine-getriebenen New- und Dark-Wave-Zitaten, digitalen Samplings, Loops und der Sog-artigen Wirkung ihres Electronica-Trance-Flows. Der Analog/Synthetik-Hybrid lässt die Stimmungslage in permanenter Unruhe zwischen melancholischer Schwere und euphorischer Losgelöstheit wandern. Wo andere Bands die Spoken-Word-Samples oft völlig zusammenhanglos aus Field Recordings, hochtrabenden Politiker-Reden oder Film-Dialogen entlehnen, produzieren Lost In Kiev ihre digital verfremdeten Monologe und Zwiegespräche zum Durchbrechen der rein instrumentalen Strukturen des Postrock selbst, damit erzählen sie ihre eigenen Geschichten, die von implementierten menschlichen Erinnerungen in Robotern zwecks Überwindung der Vergänglichkeit, rein technischer, Maschinen-gestützter Kriegsführung, Robotern als Lebens- und Liebes-Partnern, künstlicher Intelligenz und anderen zukunftsorientierten, erschreckenden Sci-Fi-Themen handeln.
Summiert man die eingesammelten Pluspunkte nach diesem ergiebigen wie zuweilen Reiz-überflutenden Sound-Trip, kommt man auf nicht eben wenig, was dieses Album von herkömmlicher Instrumental-Durchschnittsware unterscheidet, Lost In Kiev dürften damit auf die drohende (böse Zungen: längst eingetretene) Stagnation im Postrock eine brauchbare Antwort gefunden haben.
„Persona“ erscheint am 26. April beim Berliner Independent-Label Pelagic Records.
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Pontiak + So Low @ Kranhalle, München, 2019-03-17

Zwei Psychedlic-Spielarten in denkbar weit voneinander entfernten Extremen, am vergangenen Sonntagabend in der Kranhalle des Münchner Feierwerk. Irish-Folk-Vollbedienung und das ein oder andere Guinness am Nachmittag bei der großen St. Patick’s Parade der Irish Community in der Innenstadt oder das unwirtliche Regenwetter mögen größerem Besucherandrang im Wege gestanden sein, den auch diese Veranstaltung zweifellos verdient hätte.

Einen Schnaps vorneweg zur Brust genommen, „One for the Road“, quasi, und dann direktemang ohne viel Federlesens hinein ins Vergnügen: Die Brüder Jennings, Van und Lain Carney vom Neo-Pschedelic-Rock-Trio Pontiak aus der Blue-Ridge-Mountain-Gegend Virginias überwältigten ihr Publikum im Familienbetrieb am Sonntagabend zum letzten Termin ihrer Europa-Tournee mit einem entfesselten Set im Sturm, in den die drei bärtigen Zauseln von der amerikanischen Ostküste alles an Gewicht hinein warfen, was an groß auftrumpfender, lärmender Rockmusik seit Urzeiten gut, wahr und schön ist.
Als Power-Trio gab sich die Combo über knapp eineinhalb Stunden ihrer überbordenden Spielfreude hin, die vom Start weg in den Saal brandete und das Volk beherzt mitnicken ließ. Wo auf dem letzten Album „Dialectic Of Ignorance“ (2017, Thrill Jockey Records) die ein oder andere technische Spielerei an Keyboard-Sounds und psychedelisch verschleiernden, entschärfenden Synthetik-Elementen mitschwang, damit den Druck etliche Eichstriche unter der Siedepunkt-Marke kontrollierte, kaprizierte sich die Band bei ihrem München-Gig auf schwere Breitseiten in Sachen laute Strom-Gitarre plus Takt-gebende Dröhnung und ließ damit den berstenden Kessel ein ums andere Mal in entladenden Erschütterungen explodieren, Linderung der blutenden Ohren allenfalls mit einem Anstimmen melancholischer, klagender Psychedelic-Chöre gewährend. Der Wolfs-heulende und Höllenhund-knurrende Sangesbruder Van als Zentrum im Auge des Hurrikans, als permanenter Unruheherd in der heiligen Dreifaltigkeit setzte seinem beinhart angeschlagenen, überbordenden Gitarrenspiel keine Grenzen. Virtuose, gedehnte, jaulende Soli und staubtrockene, schroffe Heavy-Riffs in einem durch Mark und Bein fräsenden Midtempo durchdrangen die pulsierende Rhythmus-Arbeit seiner beiden Brüder, die mit grollendem, kraftvollem Bass und den machtvollen, befeuernden Drums das ihre zum brachialen wie rauschhaften Ausbruch beitrugen.
Zu großen Teilen mag das Pontiak-Donnern unüberhörbar in die Hochzeiten der hart und bleischwer rockenden Siebziger referenzieren, zum zähen wie gründlich erschütternden Malstrom der frühen Black Sabbath, zuweilen zum gewichtigen Proto-Garagenrock der MC5 und Stooges und den ausladenden Gitarren-Exzessen von Crazy Horse – und doch gelingt es der Carney-Verwandtschaft mit dringlicher Stoner-Wucht und einer aus Prog-, Acid- und Indie-Elementen gespeisten, zeitlosen Energie-Quelle, ihren Heavy-Psychedelic-Trip in gegenwärtiger Bodenhaftung zu verankern. Eine gepflegte Desert-Ballade im Zugabenblock, ein, zwei Tempo-zurückgenommene Nummern zum Innehalten, das soll es an gelasseneren Momenten im Pontiak-Vortrag an diesem Abend gewesen sein, der große Brocken war ein finster schimmernder Meteorit an Gitarren-dominierten, konzertanten Roh-Fassungen aus dem Œuvre des Trios.
Die Band bedient sich in der Inspiration ihrer Songs, in ihren bildhaften Beschreibungen zum desolaten Zustand der Welt unter anderem auch bei den Werken des derzeit schwer angesagten norwegischen Literaten Karl Ove Knausgård, dabei scheinen die drei Brüder in ihrem ungestümen Gebaren und ihrer unverstellten Erscheinung inklusive Anti-Frisuren und wallenden Rauschebärten weit mehr direkt dem hemdsärmeligen Personal von Ken Keseys Holzfäller-Epos „Sometimes A Great Notion“ entsprungen zu sein.
Dass die Carney-Brothers als Betreiber der eigenen Pen Druit Brewery der Schädel-spaltenden Münchner Augustiner-Brühe zusprachen, befremdete dann doch ein wenig, aber das soll’s auch schon an Naserümpfen zu diesem weithin schwerst gelungenen Konzertabend gewesen sein. Gegen eine Band, die dergestalt enthemmt aufspielt und nach dem Verhallen der letzten Zugaben-Akkorde direkt den Weg ins Auditorium sucht, um sich bei jedem Anwesenden persönlich per Handschlag für den Besuch zu bedanken, können keine seriösen Einwände geltend gemacht werden.

Den Abend eröffnete zuvor im halluzinogenen Kontrast das Ein-Mann-Projekt So Low aus Louisville/Kentucky, hinter dem Pseudonym verbirgt sich der OM-/Watter-Keyboarder Tyler Trotter. Wo Pontiak die hart abrockende Variante der angewandten Psychedelik pflegten, widmete sich der junge Electronica-Soundbastler für eine knappe halbe Stunde der digitalen Ambient- und Space-Variante. Aus eingangs monotonen Sphären-Klängen leitete er seine Kompositionen via gesampelter Cello-Drones im Minimal-Music-Intermezzo in einen ausgedehnten Hauptteil über, der sich an Früh-Siebziger-Spielarten des Krautrock anlehnte, vornehmlich an die ausgedehnten, gefällig und angenehmen ins Ohr gehenden Klangreisen von  Formationen wie Tangerine Dream, Neu! oder Ash Ra Tempel: die deutschen Pioniere des Genres haben augenscheinlich ihre prägenden Einflüsse bei der nächsten und übernächsten Generation auch jenseits des großen Teichs hinterlassen. So Low loopte synthetische, treibende Club-Rhythmen, reicherte mit atmosphärischem Synthie-Trance durch Schrauben an den Knöpfen und Reglern an und streute sporadisch über analoges Musizieren simple Mellotron-Melodien ein. Die Frage, warum er über seinen gesamten Vortrag hinweg eine weiße Fender Stratocaster als überdimensionales Schmuckstück umhängen hatte, beantwortete er mit wenigen, sekunden-kurzen, von den Maschinen nachbehandelten und verfremdeten Riffs, die das Klangbild nur unwesentlich bereicherten und kaum das Risiko eines steifen Halses rechtfertigen.
Höflicher und verdienter Applaus für dieses Ohren-schmeichelnde Intro, das mit energetischem Ambient-Flow nicht geizte und mindestens den Freunden der alten bundesrepublikanischen Instrumental-Electronica das ein oder andere Schmunzeln des Wiedererkennens ins Gesicht zauberte.