Schottland

Howie Reeve + 4Shades @ Café Schau Ma Moi, München, 2018-10-30

Gepflegtes Indie-Doppelpack am vergangenen Dienstag im Café Schau Ma Moi, dem Giesinger Wohnzimmer, Treff der alternativen „Löwen“-Fanszene und vermutlich kleinsten Münchner Konzertsaal im ehemaligen Bahnwärter-Häusl an der Tegernseer Landstraße: Den Auftakt des popmusikalischen Abends bespielten die Lokalmatadoren der 4Shades, die ihre Schatten dem eindeutigen Bandnamen zum Trotz auch zu dieser Veranstaltung – wie stets – zu dritt warfen, Clubzwei-Konzertveranstalter Ivi Vukelic an Gesang und halbakustischer Gitarre, Echokammer-Labelchef und Grexits/Weißes-Pferd-Musikant Albert Pöschl an den elektrischen sechs Saiten und Domhans-Drummer Martin Rühle schepperten, folk-rockten und schrammten sich in Trio-Besetzung durch ihren entspannten, unaufgeregten 45-Minuten-Set aus feinen, ansprechend melodischen Songwriter-/Indie-Pop-Perlen, flotten Surf-Rock-Instrumentals und die sporadischen Ausflüge in atmosphärische Desert-Gefilde, Alternative-Country-Reminiszenzen und ein inwendiges Grundverständnis für die beschwingte Psychedelic der Pop-historisch relevanten Spät-Sixties.
Die 4Shades sind stilistisch schwer zu greifen, kaum auf eine einzige Attraktion des alternativen Indie-Zirkus festzulegen, völlig anders als der nicht an die Wand zu nagelnde Joghurt dabei jedoch kaum beliebig und keineswegs austauschbar. Der Gesang vom hochgeschätzten Clubzwei-Organisator Ivi Vukelic wurde andernorts mit einer „sexy Ü40-Knabenstimme“ charakterisiert, vielleicht ist es auch nur die individuelle Interpretation von reduziertem, minimalistischem Soft Soul, wer mag das schon abschließend definieren?
Die 4Shades bewegen sich in einem weitläufigen Feld, innerhalb weit gesteckter Grenzen zwischen großen, ergreifenden Songwriter-Harmonien, grob die Ecke Go-Betweens/Robert Forster als Hausnummer, beseeltem Cosmic-American-Folkrock-Flow und verhallt scheppernder Pulp-Fiction-Beschallung a la Dick Dale, sie sind sowas wie die wandelnde, in Praxis umgesetzte Pop-Lexika-Theorie, und damit bei weitem mehr als die Summe der Erfahrungen, Fertigkeiten und kompositorischen Ideen ihrer einzelnen Protagonisten.
Geschmeidiges Alternative-Entertainment, notgedrungen auf engstem Raum ohne große Show-Elemente, dafür mit umso mehr musikalischer Substanz und Finesse, und zu der speziellen Gelegenheit der weitaus weniger sperrige Part des konzertanten Doppels.

Die zweite dreiviertel Stunde des Abends im Schau Ma Moi gehörte dem Schotten Howie Reeve, der Songwriter aus Glasgow, der in vergangenen Zeiten bereits mit seinem Folk-Landsmann Alasdair Roberts und dem ehemaligen Minutemen-/fIREHOSE-/Stooges-Basser Mike Watt zusammenarbeitete, ist ein fleißig durch Europa tourender Solist, der als DIY-Entertainer mit britischem Humor und unverstellten, konkreten Ansagen den direkten Draht zum Publikum sucht und die Hörerschaft weit aus der Komfort-Zone lockt, mit seinen eigenwilligen, hybriden, lustigen wie nachdenklichen Kleinoden in einem Crossover aus avantgardistischem Free-Folk und lärmendem Akustik-Postpunk.
Reeves Vokalvortrag ähnelt in seiner expressiven Art weit mehr dem Erzählen von kurzen Geschichten, Impressionen und Gedichte-Rezitationen im Rahmen eines spontanen Poetry Slam als konventionellem Liedersingen, der außergewöhnliche Barde wechselt erratisch Tempo und Lautmalerei seiner Sprechgesänge, dabei begleitet er sich selbst gleichsam unvermittelt in Extreme verfallend am Akustik-Bass mit filigranem Anschlag, schrammelnden Lagerfeuer-Akkorden, experimentellen Saiten-Übungen und brachialem, nachschwingendem Dröhnen der E-Saite. Zu diesem Spiel in losgelöster Form, als Ausloten der Möglichkeiten des Instruments, mit sprunghaften Tempi-Wechseln, zuweilen atonalen Exzessen und dem Bass-Anschlag fernab jeglicher Harmonie-Lehre mögen sich Assoziationen an Free Jazz, Canterbury-Progressive, American Primitive Guitar und an die Exerzitien verwandter Freigeister-Kollegen wie Eugene Chadbourne, Daniel Johnston oder Fred Frith durch die Gehörgänge und Hirnwindungen verirren, das dürfte für ausgewählte Momente seine Richtigkeit haben, und doch gelingt es Howie Reeve permanent, den britischen Akustik-Folk als Grundtenor ins Zentrum seines Schaffens zu stellen, freilich in einer reichlich weirden und angeschrägten LoFi-/Outsider-Ausgestaltung inklusive dissonantem Punk-Appeal.
Für eine kurze, deutsch besungene Dada-Nummer über Feuerwehr-Einsätze und die Liebe wechselte Howie Reeve ans Daumenklavier, eine launige Bereicherung des Solo-Programms, wie die spontanen Aktionen des lokalen Part-Time-Roadies Anton, der mit Handreichungen des Instrumentariums wie beim Trockenlegen der winzigen 3-Quadratmeter-Bühnen-Nische nach zwischenzeitlich auftretendem Wasserschaden glänzte und sich damit die verdienten Dankesworte und Song-Widmungen des schottischen Musikanten abholte, ein Leichtes für einen verkappten Profi wie den Anton, der im fernen Chicago bereits mit dem Bass des großen Willie Dixon hantierte… ;-)))
Die Songauswahl zu jedem Konzert legt Howie Reeve während des Gigs spontan fest, auch dahingehend großes One-Man-Improvisationstheater, damit bereitete es dem Schotten keine Probleme, zum Ende die ein oder andere zusätzliche, vom Auditorium gewünschte Experimental-Miniatur als Extra draufzupacken, trotz seiner sich zusehends verschlimmernden Erkältung in ungebremster Spiellaune und mit Lust am Feixen mit dem Publikum. Absolut unkonventioneller, grundsympathischer Typ, mit kleinem Equipment und einem Riesen-Koffer an überbordenden Ideen im Gepäck unterwegs, ein Unikat sondergleichen. Und im Verbund mit den Local Heroes von den 4Shades der Garant für ein ohne Abstriche einnehmendes Kontrastprogramm. Der Abend muss erst noch kommen, an dem man nach mittelprächtigem oder gar schlechtem Konzert-Entertainment aus dem Giesinger Wohnzimmer stolpert…

Die Tourplanung von Howie Reeve für die nächsten Tage und Wochen wird vom Musiker selbst wie folgt annonciert – vielleicht sollte der Anton aus seiner lokal begrenzten, sporadischen Tourbegleiter-Beschäftigung doch ins Vollzeit-Management wechseln zwecks konkreterer Kommunikation – jeweilige Veranstaltungsorte sind in dem Fall dann wohl der lokalen (Tages)presse zu entnehmen:

„Ok, here’s the next tour: Germany, Italy, Belgium, Holland. It would be so nice to fill those hmmmmms in…“

01.11.Berlin
02.11.hmmmmm…
03.11.Leipzig
04.11.Dresden
05.11.Travel…
06.11.Ferrara
07.11.Venice
08.11.Feltre
09.11.Porcen
10.11.Finale Emilia
11.11.Finale Emilia
12.11.Travel…
13.11.hmmmmm…
14.11.Hamburg
15.11.Kassel
16.11.Düsseldorf
17.11.Leiden
18.11.hmmmmm…
19.11.Brussels
20.11.Deux-AcrenSchau
21.11.Dordrecht
22.11.hmmmmm…
23.11.Rotterdam
24.11.Amsterdam

Reingelesen (78): Alan Parks – Blutiger Januar

„I never have the bloody Hammer“
(Roky Erickson, Bloody Hammer)

Alan Parks – Blutiger Januar (2018, Heyne Hardcore)

Auftakt zu einer Krimi-Reihe mit einem abgewrackten Detective Inspector als Hauptdarsteller und seinen Verbindungen zur Unterwelt als zentrales Thema, dazu Polizei-Korruption und permanent schlechtes Wetter in der schottischen Großstadt als Rahmen für die Handlung, wem würde da nicht Ian Rankin und seine mit über zwanzig Teilen inzwischen recht umfangreiche Roman-Serie über den Edinburgher Cop John Rebus in den Sinn kommen?
Kaum jemandem, der sich die Lektüre des Debütromans „Blutiger Januar“ von Alan Parks zu Gemüte führt, soviel dürfte feststehen. Wo es bei Rankin in den Dialogen gerne mal humorig wird und das Hinterzimmer wie auch der Tresen im Vorraum der Oxford Bar zum heimelig-gemütlichen Verweilen einladen, präsentiert Parks im tristen, kalten Winter im heruntergekommenen Glasgow des Jahres 1973 die ungeschliffene Härte des Lebens in Edinburghs großer hässlicher Schwester, für literarische Parallelen mag da allenfalls das düstere und trostlose „Red Riding Quartett“ von David Peace herhalten, und selbst dieser Vergleich hinkt, wo Peace gerne vage bleibt, mit Sprache experimentiert und vieles der Interpretation und Phantasie der Leser überlässt, bleibt bei Parks auf Dauer wenig unverschleiert, er schreibt direkt, schnörkellos und unverblümt und tritt der Leserschaft damit direkt frontal in die Magengrube.

„They all say, someday soon, my sins will all be forgiven“
(Warren Zevon, The Indifference Of Heaven)

Detective Harry McCoy als schottischer Zwilling der Clint-Eastwood-Filmfigur Dirty Harry, Anfang Dreißig, bereits schwer vom Leben gebeutelt, ist einer dieser typischen Anti-Helden des modernen Romans, eine komplexe Figur, die das Gute will und doch mindestens bis zu den Knöcheln im eigenen Morast der charakterlichen Defizite und mittelschweren kriminellen Verstrickungen steckt, zugange im Polizei-Büro wie in fragwürdigen Etablissements und dunklen Ecken der maroden Stadt am River Clyde. Der junge Polizist hat in seinem noch kurzen Leben bereits Einiges hinter sich: Misshandlungen von katholischen Priestern im Erziehungsheim, eine gescheiterte Beziehung inklusive plötzlichen Kindstodes des gemeinsamen Sohnes, wobei sich zusehends im Verlauf der Geschichte der Verdacht aufdrängt, dass das Paar aufgrund eines rauschhaften, exzessiven Lebenswandels am Ableben des Kindes mindestens eine Teilschuld trifft; aktuell zur Zeit der geschilderten Ereignisse schleppt McCoy ein veritables Alkohol- und Drogen-Problem als den berühmten Affen auf dem Buckel mit, sein halbwegs noch stattfindendes Sexualleben funktioniert nur mit Prostituierten, dazu on top seine dubiosen Verbindungen zu einem ehemaligen Schulfreund und Leidensgenossen aus dem Kinderheim, der mittlerweile eine große Nummer im Glasgower Drogen- und Mädchen-Handel ist.

„Blutiger Januar“ steigt unvermittelt ins Geschehen ein mit einem Besuch des Cops im Gefängnis, zu dem ihn ein Informant vor einem Mord an einer jungen Frau warnt, die dann auch prompt auf offener Straße vor den Augen der Öffentlichkeit exekutiert wird, mit unmittelbar nachfolgendem Selbstmord des Killers. Die Ermittlungen führen den Detective und seinen noch relativ unbedarften Adlatus aus der Provinz in die Etablissements und Villen der schottischen Upper Class und Industriellen, zu gekauften Politikern, willfährigen Polizeipräsidenten und gestrandeten Strichern, Prostituierten und Junkies am unteren Ende einer Nahrungskette, die das Menschenmaterial in einer korrupten Gesellschaft für die dummen Streiche der Reichen liefert – zähe Ermittlungen in einer bizarren Welt von SM-Sexorgien, Aleister-Crowley-Satanismus und geisteskranken Exzessen, Ermittlungen, zu denen McCoy nicht wenige Knüppel zwischen die Beine geworfen bekommt von all jenen, die mit ihm aus früheren Zeiten noch eine Rechnung offen haben. Parks zeichnet damit das Bild eines fragilen sozialen Geflechts, das für alle Schichten die eindeutige Schwarz-Weiß-Schablone ins Leere laufen lässt.

Die Reihe um Cop McCoy könnte ein großer Wurf vom Format der historischen „L.A. Quartet“– oder „Underworld USA“-Serien von Hardboiled-Großmeister James Ellroy über politische und Polizei-Korruption, die dunklen Seiten der Wirtschaft und der Macht im 20. Jahrhundert werden, der Auftakt bringt alles mit, was einen rasant zu lesenden und gut erzählten, harten Krimi-Stoff auszeichnen: Lakonische Dialoge, eine stimmige Handlung, schwergewichtige Themen, ungeschönte Schilderungen von Gewalt, authentische Schauplätze mit dem entsprechenden Lokalkolorit, im Gesellschafts-historischen Kontext dabei völlig Nostalgie-befreit und in der Darstellung von Wut, Leid und Schmerz ohne falsche Sentimentalitäten. Der Fußball wird für einen Glasgow-Roman erstaunlich rudimentär thematisiert, irgendwo eine knappe Anmerkung zu Partick Thistle, das war’s dann auch schon, andererseits wird im Rahmen der Ermittlungen in der Befragung eines Priesters mehr als deutlich, dass einem vom Glauben abgefallenen ex-Katholiken wie McCoy diese ewige Celtic/Rangers-Fehde zwischen unionistischen Protestanten und den Nachfahren irischer Auswanderer am Allerwertesten vorbeigeht. Dafür darf sich die Pop-affine Leserschaft über einen kurzen Auftritt des Glam-Heroen David Bowie freuen, thematisch ins Bild passend als bleicher, ausgemergelter Ziggy-Stardust-Junkie. Kritik ist kaum angebracht an diesem als Kriminalroman konzipierten Sittengemälde, allenfalls der Jungbrunnen-hafte, rasante Heilungsprozess des wiederholt gewaltsam attackierten Cops geht zielstrebig völlig an der Realität vorbei, dieses postwendende Wiedereingreifen ins Geschehen nach kurz zuvor erlittenen Stich-/Schuss-Verletzungen und Mobilitäts-einschränkenden Knochenfrakturen hat bereits in seiner fragwürdigen James-Bond-Manier in den ansonsten sehr lesenswerten Jo-Nesbø-Romanen über den norwegischen „Dirty Harry“ Hole das ein oder andere Stirnrunzeln bei der Lektüre hervorgerufen.

Alan Parks wurde 1963 geboren und wuchs in der Nähe von Glasgow auf. Dort studierte er an der Universität Philosophie, nach dem Studium zog er nach London und arbeitete im Musikbusiness bei London Records und Warner als Creative Director. Er betreute unter anderem Bands wie New Order und The Streets.
„Blutiger Januar“ ist sein Debüt-Roman. „February’s Son“ als zweiter Teil der Harry-McCoy-Reihe erscheint Anfang 2019 in Großbritannien.

Alan Parks liest am 14. Oktober im Rahmen des Münchner Krimifestivals in der Polka Bar aus seinem Werk, Pariser Straße 38, Eingang Gravelottestraße, 20.00 Uhr.