Schottland

Reingehört (351): Mogwai

„This felt political, this record. We were in America just after Trump was voted in. Upstate New York, in the sticks. I think that making art is in itself a political act. You’re choosing to do something to make the world a better place. If that’s not a political act, what is? I remember watching Trump’s first press conference, after he won. And he was just talking absolute bollocks. I remember thinking, ‚What is fucking wrong with people?‘ Not even just the fact that he is intellectually incapable, but morally he’s a piece of shit.“
(Stuart Braithwaite)

Mogwai – Every Country’s Sun (2017, Rock Action / Temporary Residence Limited)

Hinsichtlich seiner Obsession für belangloses Shoegazer-Plätscher-Gedöns durfte sich Mogwai-Vorturner Stuart Braithwaite im vergangenen Jahr mit der „Supergroup“ (naja…) Minor Victories austoben, beim Mutterschiff ist Gottlob wieder Schluss mit Lustig, sprich Indie-Mainstream und Rumspakulieren – auf „Every Country’s Sun“, dem neunten regulären Mogwai-Studioalbum präsentiert sich die schottische Postrock-Institution von ihrer ernstzunehmendsten Schokoladen-Seite.
„Coolverine“ ist der für die Band typische Opener im entspannten Flow, garniert mit stoischem Beat, die im Verlauf um eine Tonart tiefer gelegte Rhythmik und eine stetige, dezente Druckerhöhung reichen in diesem Kleinod völlig, um die Spannung bis zum Ende des Stücks aufrecht zu erhalten. „Party In the Dark“ durchbricht – bekanntlich selten bei Mogwai – den reinen Instrumental-Ansatz und wartet mit hymnischem Wohlklang-Sangesvortrag auf, von der Band selbst als „head-spinning disco dream“ bezeichnet, gibt Leute, die wollen hier New Order oder die Flaming Lips raushören, mag sein, dass sich Braithwaite bei Minor Victories doch etwas den Geschmack verdorben hat. Vom weitaus größten Teil des Tonträgers gibt es indes nur Löbliches zu vermelden, fein ziselierte Ambient-Kompositionen voll entrückter Schön- und Reinheit, die das Gesamtwerk in einer schimmernden, facettenreichen Vielfalt erstrahlen lassen, exzellenter Space-/Kraut- und Electronica-Fluss, aus dem sich urplötzlich wie im ausgedehnt zelebrierten, artifiziellen Minimalismus-Vorspiel von „Don’t Believe The Fife“ die Postrock-typischen Intensiv-Gitarrenwände in überwältigender Anmut auftürmen, um in die ausufernde Wucht von „Battered At The Scramble“ und „Old Poisons“ überzuleiten, zwei rauschhaften Klangbildern, die eindrucksvoll belegen, dass die Mannen aus Glasgow auch beherzt, zupackend und sich ansatzweise im Gitarren-/Garagen-Trash verlierend zu rocken verstehen, ein minutenlanger Brachial-Orkan, wie man ihn von Mogwai lange nicht mehr serviert bekam, die Erhaben- und Getragenheit des finalen Titelstücks markiert hierzu gleichermaßen die höchst willkommene Ruhe nach dem Sturm und den mehr als würdigen Schlusspunkt für eine der bis dato herausragendsten Produktionen des Jahres.
Auf „Every Country’s Sun“ bündelt die Band in optimaler Effizienz ihre Kräfte, besinnt sich auf ihre Stärken hinsichtlich hymnischer Euphorie wie tranceartiger tonaler Grenzerfahrung und lebt diese in mehr als nur beeindruckender Manier in ihrer stilistischen Vielfalt aus. Die bezwingendste und inspirierteste Mogwai-Scheibe mindestens seit dem grandiosen Wurf „The Hawk Is Howling“ aus dem Jahr 2008 und ein weiterer Riesen-Sack Zement, der das Fundament für die Vormachtstellung der Schotten im europäischen Postrock einmal mehr untermauert.
„Every Country’s Sun“ wird ab 1. September zum heimischen Delektieren feilgeboten, von der vermutlich nochmals um einige Grade gesteigerten Intensität der neuen Klangepen im konzertanten Vortrag kann man sich unter anderem am 3. November im Münchner Backstage-Werk überzeugen. Weitere Konzerttermine: hier. Be there or be wrong.
(***** – ***** ½)

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Reingehört (318): Sonic Jesus, Flowers Must Die, The Inward Circles

Sonic Jesus – Grace (2017, Fuzz Club Records)

Post-Punk-Projekt des italienischen Multiinstrumentalisten Tiziano Veronese, das im Retro-Sumpf irgendwo auf halbem Weg zwischen Joy-Division-, Editors- und Human-League-Reminiszenzen im Gleichklang-Treibsand zu versinken droht, Rettung und Anker bieten vor allem der over the top gelungene Opener „I’m In Grace“ im Gewand einer hymnischen Dark-Wave-Ballade und das aus der tonalen Monotonie und latenten Belanglosigkeit herausragende Zwischenhoch „September 9th“, der überwiegende Rest taumelt zwischen hypnotischem Industrial-Noise, dunkler Psychedelic und schöner Melodik, welche der Indie-Kaschemmen-gestählten Konsumentenschar aus den musikalischen Gattungen des Schuhe-Glotzens und der Neuen-Welle-Düster-Dramatik vergangener Jahrzehnte hinlänglich bekannt sein dürften.
(*** ½ – ****)

Flowers Must Die – Kompost (2017, Rocket Recordings)

Psychedelic-Space-Out und inspiriertes Abhotten mit sechs munteren MusikantInnen aus Linköping/Schweden. Schweres, hart rockendes, treibendes Endlos-Instrumental-Mantra zum Abdriften ins Klangfarben-Nirvana, exzellenter, stoischer Kraut-Flow, der jeweils mit den Gesangspassagen von Lisa Ekelund im Stil von 70er-Jahre-Soul-Hits urplötzlich in Tanzboden-tauglichen, wuchtigen P-Funk-Groove umschwenkt, da wird Grenzen-öffnend an einer Prog-Disco gezimmert, in der sich eine Freak-Out-Ausgabe von Donna Summer mit den Nachfahren von Iron Butterfly und Hawkwind zum gepflegten Zappeln trifft, und das gelingt trotz kurz aufflackerndem Befremden beim sporadischen Auftauchen aus dem gedehnten Acid-Rock-Ausbruch auch ausnehmend gut.
(**** ½ – *****)

The Inward Circles – And Right Lines Limit And Close All Bodies (2017, Corbel Stone Press)

Der Schotte Richard Skelton entwickelt mithilfe abstrakter, nahezu statischer Ambient-Drones und unterschwelliger, feinst ziselierter Minimal-Taktgebung einen unausweichlichen, faszinierenden Sog, mehr hypnotische Gefangennahme mittels monoton-reduzierter Klangsprache ist schwer vorstellbar. Düstere Synthesizer-Ton-Skelette, Samples und transformierte Sound-Effekte, die Verwendung und Bearbeitung diverser Saiten-Instrumente im völlig entschleunigten Dark-/Neo-Folk-Ansatz und Industrial-Trance mit Hang zum weißen Rauschen in Anlehnung an die nordenglischen Experimental-Pioniere von Throbbing Gristle und ihre ersten, jegliche Struktur vermissen lassenden Klangwellen in den Siebzigern fügen sich zu einem latent verstörenden wie faszinierenden Klangbild, bei dem sich die geneigte Hörerschaft vor allem wundert, dass sie diese im Kern atonalen, archaisch anmutenden Soundlandschaften nach kurzer Zeit nicht mehr verlassen will.
(**** ½)

Reingehört (315): Fatalists, Yagow

Fatalists – Wayward Navigation (2017, Bandcamp)

Die Herrschaften vom schottischen Trio Fatalists haben ihre eindringlichen Agnostiker-Hymnen für ihr drittes Album unter dem Dachgebälk einer Kirche in Edinburgh eingespielt, die Band lässt keine Zweifel hinsichtlich geschliffener Härte im Vortrag aufkommen, klirrend-schneidende Gitarren im Geiste des Postpunk, mutiges Ausprobieren im Psychedelischen und der verschleppte Rhythmus des Noise Rock stecken den Rahmen ab für den grimmig-eindringlichen Gesang und die Einsichten über Freud und Leid des Daseins – die neun Stücke nehmen es in ihren besten Momenten mit der ins Hirn fräsenden Eindringlichkeit von Mission Of Burma und der Kompromisslosigkeit der Frühwerke der Gang Of Four auf. Celtic FC, Single Malt, Rankin, Oxford Bar, Arab Strap, Mogwai, Schottland hat immer einen Stein im Brett, die Fatalists und ihre Vision des Alternative Rock sind ein Grund mehr für zugewandtes Wohlwollen in Richtung Caledonia.
„Wayward Navigation“ erscheint am 20. Mai bei Bandcamp.
(**** ½ – *****)

Yagow – Yagow (2017, Crazysane Records)

Bewusstseinserweiternde Drogen im Vinyl- und CD-Format: Yagow aus Saarbrücken schießt die Hörerschaft von der heimischen Wiedergabegeräte-Abschussrampe in die unendlichen Weiten des Kosmos, dorthin, wo Captain Kirk und Meister Yoda im Weltenraum die verbotenen Substanzen kreisen und den Herrgott einen guten Mann sein lassen, das saarländische Trio nimmt tiefenentspannt für sich ein mit entrückter, schwerer Psychedelic-Seeligkeit und melodischem Sternenglanz im Shoegazer-Format, mit Space-Drones und verhalltem Stoner Rock, die wie durch Nebel und Watte gefilterten, geisterhaften Sanges-Passagen tun ihr Übriges zum tonalen Weg-Beamen in andere Sphären. „Turn on, tune in, drop out“ zum Tummeln in den finsteren Ecken der Sonnensysteme oder so ähnlich…
Das Yagow-Debüt erscheint am 16. Juni beim Berliner Label Crazysane Records.
(**** ½ – *****)