Scout Niblett

Scout Niblett @ Glockenbachwerkstatt, München, 2016-04-03

Scout Niblett Glockenbachwerkstatt München 2016-04-03 --- DSC01357

2013 wollte die Gitarren-Amp im Münchner Strom ums Verrecken nicht zu brummen aufhören, Emma Louise aka Scout Niblett gab damals nach einer Stunde entnervt auf und ließ es gut sein mit der Promotion ihres seinerzeit aktuell veröffentlichten Wunderwerks ‚It’s Up To Emma‘ (Drag City), die Technik mochte einfach nicht mitspielen an jenem Abend, dieses Mal hat bis auf das in den ruhigen Passagen vernehmbare, unterschwellig nervige Rauschen der Klimaanlage im ratzeputz-restlos ausverkauften Glockenbachwerkstatts-Saal aber ansonsten alles gepasst beim maximalst beseelten Vortrag der Musikerin aus Nottingham/England.
Wo bei der letzten Tour noch ein Trommler begleitend zur Seite stand oder vielmehr saß, bestritt Scout Niblett am Sonntag alleine, sich selbst mit E-Gitarre begleitend den konzertanten Abend auf engstem Raum, die sowieso schon winzige Bühne der „Glocke“ wurde nochmals hälftig reduziert, um noch einigen mehr Konzertgängern Platz zu bieten.
Diese durften dem Durchschreiten emotionaler Extrem-Zustände in der auf nahezu zu Song-Skeletten reduzierten Musik der britischen Künstlerin beiwohnen, der spartanisch arrangierte, artifizielle, Niblett-spezifische Desert-Blues glich einer seelischen Reinigung, wie man sie in der Intensität gewiss nur alle heiligen Zeiten erleben darf.
Eingeleitet und zum guten Ende gebracht wurde der Vortrag durch instrumentale Gitarren-Übungen, die sich an die spanische Klassik im Bereich Rodrigo/Segovia anlehnte, darin eingerahmt zelebrierte die junge Frau ihre in Töne gegossenen Gemütszustände, die vor allem auch im Gesang eindringlich variierten zwischen Hoffen und Bangen, Verzweiflung und dem Darben an der seelischen Pein verflossener Beziehungen und innerer Unruhe-Zustände, ein musikalisches Gesamtkunstwerk, das durch unvermittelte, brachiale Noise-Gitarren-Attacken durchpflügt wurde und auch dadurch hinsichtlich präsentiertem, fühlbar/erfahrbar gemachtem Schmerz den offenen Wunden in den Bildern eines Francis Bacon glich. Die Hörer drohten sich wiederholt in kargen, düsteren Klanglandschaften zu verlieren, oft war der unterschwellige Humor Nibletts in der Konversation mit dem Publikum vonnöten, um das Publikum in sichere Gefilde zurückzuführen.
Wer beim erschütternd-ergreifenden Vortrag des Konzerthöhepunkts „Kiss“ – das die Songwriterin zusammen mit Will Oldham für ihr 2007er-Album ‚This Fool Can Die Now‘ (Too Pure) einspielte – nicht innerlich bebte vor Rührung, der- oder diejenigen dürfte auf dieser Welt für alles Menschliche für alle Zeiten verloren sein.
Eine denkwürdige Aufführung, die in die Annalen des Konzertjahres 2016 eingehen wird. Once again: Tausend Dank an den Clubzwei für die Veranstaltung eines weiteren großartigen Konzertabends.
(***** – ***** ½)

Reingehört (12)

DSC_0152
 
Total Control – Typical System (2014, Iron Lung Records)
Post-Punk + 80er-New-Wave aus Australien. Alte Bowie-/Joy-Divison-/Psychedelic-Furs-Schule. Ohne deren charismatischem Gesang. Trotzdem passabel.
(*** ½)

The Phantom Band – Strange Friend (2014, Chemikal Underground)
Aus Glasgow kommt nix Schlechtes. Schottischer Indie-Rock der angenehmen Sorte, mit dezenten Kraut- und Elektronik-Beimischungen.
(****)

Regina Spektor – Live In London (2010, Sire)
Ohrwurmartiger Indie-/Piano-Pop der russisch-stämmigen Songwriterin. Wem Tori Amos oder Ben Folds zu konventionell sind, der greife hier beherzt zu.
(****)

Scout Niblett – The Calcination Of Scout Niblett (2010, Drag City)
Wie auch ihr hochgelobtes 2013er-Werk ‘It’s Up To Emma’ ein intensiver Zornausbruch, angereichert mit sprödem, minimalistischem Wehklagen und punktuellen Brachial-Anwandlungen.
(**** ½)