Sendling

Konzert-Vormerker: The Almost Boheme

Der Münchner Indie-Songwriter k.ill aka The Almost Boheme stellt nächsten Samstag zusammen mit der Sängerin Patricia Schmid in der Sendlinger Bergschmiede sein neues, höchst hörenswertes Neofolk-/Indie-Pop-/LoFi-Balladen-Album „Consecrations“ vor, die pressfrische blaue Vinyl-Ausgabe wird es bei der Gelegenheit am Merch dann auch zu erwerben geben.
Und ich selber stelle bei der Gelegenheit ein sehr altes und ein paar sehr neue Gemälde aus, das bereichert zwar höchstwahrscheinlich den konzertanten Vortrag nicht, macht ihn hoffentlich aber auch nicht schlechter…

The Almost Boheme – 2. Dezember 2017, Bergschmiede, München-Sendling, Pfeuferstraße 38, 20.00 Uhr.

Reingehört (355): The Almost Boheme

The Almost Boheme – Consecrations (2017, Der Präsident Geht Fremd)

My very good friend k.ill hat nach Monaten des Feilens, Mit-sich-Ringens, Neu- und Umarrangierens den Weg aus dem Studio raus gefunden und veröffentlicht dieser Tage den von Fans, Groupies, Friends and Neighbours sehnlichst erwarteten zweiten Longplayer in Nachfolge zum Debütwerk aus dem Jahr 2013.
Der Münchner Songwriter trägt auf „Consecrations“ seine beseelten, bereits bei zahlreichen LiveAuftritten in der Vergangenheit bewährten Neofolk- und LoFi-Indie-Pop-Kleinode in geerdeter Entspanntheit vor, mit einem Schuss Melancholie dem dahinschwindenden Sommer und vergangenen Zeiten nachspürend, in abgeklärter Nonchalance und gebührender Distanz das sinnentleerte Leben von „Mrs. Farmlife“ bedauernd, nachdenklich und mit Empathie das Dilemma des „Girl From Palestine“ reflektierend, in den latent beschwingteren Werken mit einem charakteristischen, charmanten Augenzwinkern, bar jeglicher Arroganz den ganzen Grattlern und Britschen in seinen aus dem Leben gegriffenen Kurzgeschichten signalisierend, dass er sie in ihrem Agieren und in ihrem Bemühen völlig durchschaut hat.
Das bereits auf dem Almost-Boheme-Erstwerk „Loss. man, woman, men & women“ enthaltene „Veneer Of Love“ erstrahlt im neuen Glanz, der Münchner Songwriter brilliert in der aktuellen „Hill“-Version als Alternative-Country-Crooner und verbeugt sich gekonnt wie würdig vor hochgeschätzten, altgedienten Genre-Vertretern vom Schlage Kris Kristofferson oder Willie Nelson, eine Handvoll weitere Songs vom 2013er-Debüt bekommen ebenfalls einen neuen, frischen Anstrich, warum auch nicht, selbst ein Lowell George hat sich auf dem Little-Feat-Debüt und dem „Sailin‘ Shoes“-Nachfolgewerk die Freiheit genommen, seine Trucker-Hymne „Willin'“ in zwei alternativen Versionen zu präsentieren, der alte Teufel Fritz hätte hierzu vermutlich völlig richtig angemerkt: „Wenn’s der Wahrheitsfindung dient…“
Das konzertant bereits des öfteren zu Gehör getragene, handverlesene Fremdwerk ergänzt die wunderbare Songsammlung formvollendet, „Dirty Old Town“ aus der Feder des nordenglischen Labour-Aktivisten, Folk-Songwriters und Dichters Ewan MacColl geht als abgespeckte und sich auf das Wesentliche konzentrierende Standard-Version im Geiste der Pogues durch und wird bei jedem erneuten Durchlauf und mit jedem Pint oder 4cl-Hochprozenter besser, beim Lynyrd-Skynyrd-Klassiker „Simple Man“ hingegen geht die Reise weit fort vom hergebrachten 70er-Southern-Blues-Rock, hin zur erhabenen, eindringlichen Pastorale.
Die durch Talent und Stimmvolumen zu Janis-Joplin-hafter Wucht befähigte Sendlinger Ausnahmesängerin Patricia Schmid nimmt sich im Duett-Gesang und in den Background-Vocals bewusst zurück und harmoniert damit umso stimmiger mit der entspannt-entschleunigten Balladen-Klangwelt und der sonor-grummeligen, inzwischen weit mehr an Leonard Cohen als an Lou Reed gemahnenden Sangeskunst k.ills, so auch der sporadisch beigesteuerte filigrane Bass von Produzent Christian Höck und die dezenten Besen und Rhythmen von Session-Drummer David Junior, der in der Vergangenheit bereits die Trommelstöcke für Größen wie Rod Stewart oder den englischen Indie-Folker John Smith schwang.
„Consecrations“: 13 großartige Meditationen in Moll über das Leben, die Liebe und das Cruisen mit der neuen Karre durch die wilden Nächte von Paris. Eine Platte wie ein guter Freund, so wie Musikant k.ill himself für einige, die das Glück haben, ihm bei den Streifzügen durch die Münchner Nacht über den Weg zu laufen…
„Consecrations“ erscheint am kommenden Freitag beim Münchner Label Der Präsident Geht Fremd und ist ab November auch als Sonderpressung im blauen Vinyl zu haben.
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Cold Institution + Rue Morgue @ Stattpark OLGA, München, 2017-08-12

Der Stattpark OLGA, ein alternatives und selbstverwaltetes Münchner Wohn- und Kulturprojekt, ist nach Gründung in Giesing und Zwischenaufenthalt in der Nähe der Münchner Großmarkthalle mittlerweile auf einem freien Gelände in Obersendling an der Boschetsrieder Straße gelandet, dort wird die Wagenburg voraussichtlich 2018 einem Schulbau weichen und weiterziehen müssen. Zwischen den als Wohnungen, Arbeitsstätten und Kinderhort genutzten Bauwägen findet sich in einer Holzbude untergebracht ein selbstgezimmerter Indie-Club mit Bühne, Bar, Chill-Out-Zone und DJ-Pult, eine Art Miniatur-Ausgabe des Kafe Kult, vom selben charmanten Do-it-Yourself-Geist durchweht wie die Kulturstation im entlegenen Oberföhring – und am vergangenen Samstag mit ähnlich gutem Live-Programm auf der Tagesordnung aufwartend: Mit Cold Institution und Rue Morgue gaben sich zwei junge, aufstrebende Bands aus der Postpunk-Subkultur Helsinkis auf Spendenbasis ein lärmendes Stelldichein im Münchner Süden.

Die fiktive Pariser Rue Morgue geisterte bereits das ein oder andere Mal durch den Kulturbetrieb, 1841 in einer Kurzgeschichte von Horrorliteratur-Urvater Edgar Allan Poe, fast 150 Jahre später als Namensgeber für die Desert-/Indie-Blues-Sammlung auf dem Solo-Debüt des australischen Düster-Barden Hugo Race, jüngst 2015 nun haben sich vier finnische Jungspunde den französischen Straßen- als Bandnamen auserkoren. Mit einem zupackenden Vortrag eröffneten Rue Morgue den intensiven Reigen am Samstagabend, die aufgestaute Wut und Energie herausschreiend, von schneidenden Gitarren und hartem Rhythmus-Anschlag begleitet, mit genügend Rest-Melodik versehen, um sich gut ins Ohr zu fräsen, so gestalteten die Musiker aus Helsinki ihren kurzen wie beherzten Auftritt, der die dunkel funkelnde, ergreifende Faszination des Frühachtziger-Postpunk mit der rohen Frische der Rotzlöffel-Musik der späten Siebziger paarte und mit einem Schuss Gothic-Schwarzkittel-Atmosphäre garnierte, der geeignete Stoff, um alte Säcke mit einem seligen Lächeln auf den Lippen ihrer vergangenen Jugend gedenken zu lassen und gleichsam den nachgeborenen Jahrgängen zu demonstrieren, welch ungebändigte Kraft dem musikalischen Underground einst innewohnte.
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Den zweiten Teil des Abends in der lauschigen Bretterbude bestritten die Helsinki-Ortsnachbarn von Cold Institution, ein gemischtes Doppel mit ausgefallener Instrumentierung, die klassische Stromgitarre wurde beim finnischen Quartett durch einen zweiten Bass ersetzt, dementsprechend durchdringend gestaltete sich die harte Rhythmik im Klangbild der Band. Die vier Suomi-Punks machten wie die befreundete Vorgänger-Combo von Sekunde eins an keine Gefangenen mit der Bühnen-Präsentation ihres kompromisslosen Brachial-Gepolters, nur schade, dass der Pop-artige Mädels-Gesang der Frontfrau derart breiig abgemischt durch die Anlage tönte, die wohlklingenden Sirenen-Klänge markierten in Reminiszenz an die Postpunk-Götter von den Young Marble Giants oder den wunderschön besungenen Schepper-Indie-Perlen der Shop Assistants den spannenden Kontrapunkt zum hart angeschlagenen Spät-/Post-/No-Wave-Punk der erweiterten Rhythmus-Abteilung. Sehr gute Haltungsnoten auch für den Sonic-Youth-artigen Abgang in finaler Feedback-Übersteuerung, da mundete der Absacker in Form eines gepflegten Quartiermeister-Hellen begleitend zum noch jungen Abend gleich doppelt gut, die Bewohner des Stattpark OLGA gestalteten den Pogo-Rausch in Rücksichtnahme auf die anwohnende Nachbarschaft in sozial verträglichem Zeitrahmen. Feine Veranstaltung, alles in allem…
(**** ½ – *****)