Sendlinger Mordweihnacht

Sendling – Wo man leben könnte

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Mein ehemaliger Nachbar, der Dokumentar-Filmer und Vorstand des Vereins ‚Kunst in Sendling‘ Reinhold Rühl hat einen wunderschönen, höchst sehenswerten Dokumentarfilm über mein Münchner Viertel Sendling gedreht, von dem viele alteingesessene Einwohner behaupten, der vier U-Bahn-Stationen vom Marienplatz entfernte ehemalige, wesentlich ältere Vorort wäre nicht mehr München, so, wie beispielsweise viele Bewohner von Stadtamhof auf der nördlichen Seite der „Steinernen Brücke“ behaupten, sie wären keine Regensburger.

Die Gentrifizierung des Viertels ist eines der großen Themen des Films, exemplarisch dargestellt am Kampf um den letzten, von Investoren bedrohten Biergarten im Viertel, am Verschwinden des letzten Kunstschmieds Christian Heinecker, der seine Schmiede inzwischen im Landkreis Fürstenfeldbruck betreibt, und an der neuen Nutzung des Stemmerhofs, des letzten Bauernhofs in City-Nähe, der noch bis zur Betriebsaufgabe 1992 quasi mitten in der Stadt Milchwirtschaft betrieb – heute ein Zentrum für Szene-Lokale und Bioläden.

Sendlinger Schmied 169 (1)

Der Historie wird selbstredend gebührend Rechnung getragen, war Sendling im Jahre 1705 mit der Sendlinger Mordweihnacht doch der Schauplatz der ersten europäischen Revolution, der alljährlich an Heiligabend durch einen Fackelzug der Oberländer Gebirgsschützen gedacht wird.
Die in München seltenen, in unserer Stadt nur auf privatem Grund erlaubten Stolpersteine erinnern an ehemalige, im „Dritten Reich“ ermordete jüdische Mitbürger, ihre Verlegung vor dem ehemaligen Kaufhaus Gutmann ist ebenso Thema des Films wie die Erinnerung an Resi Huber, nach der seit 2012 ein eigener Platz in der Nachbarschaft benannt ist, eine Gedenktafel zu Ehren der Widerstandskämpferin scheitert bisher jedoch am Veto der Stadt, da die 2000 verstorbene Nazi-Gegnerin überzeugte Kommunistin war.

Die Neugestaltung des „hässlichsten Platzes Sendlings“, des Harras, kommt in der hervorragenden Dokumentation ebenso zur Sprache wie das rauhe Alltagsleben in der Münchner Großmarkthalle, das Paradies aller Münchner Nackerten, der nahen „Flaucher“ an der Isar ebenso wie das älteste Straßenfest Münchens, das alljährlich in meiner Straße im Sommer stattfindende Daiserstraßen-Fest.

Strassenfest

Von den im Film zu Wort kommenden Zeitzeugen schließt der Zuschauer vor allem die 92-jährige Elisabeth Reichhardt ins Herz, sie lebte in Sendling zeitlebens in der Wohnung, in der sie geboren wurde, die hellwache Rentnerin konnte in ihrer humorigen Art viel zur Alltagsgeschichte des Viertels beitragen. Der Film ist ihrem Andenken gewidmet, 2014 ist Elisabeth Reichardt gestorben und hat somit die Uraufführung dieser dokumentarischen Meisterleistung leider nicht mehr erleben dürfen.

Luftbild Sendlinger Kirche 169

Der Film zeigt den Stadtteil auch aus einer völlig neuen Perspektive: Eine Kameradrohne fliegt über Häuserzeilen und Isarbrücken, zeigt beeindruckende Luftaufnahmen und enthüllt Strukturen dieses urbanen Mikrokosmos.

Die Filmmusik hat meine Nachbarin Michaela Dietl beigesteuert, die schönen Bilder werden mit stimmungsvoller Musik der renommierten Akkordeon-Virtuosin unterlegt. Auch Erwin Rehling, mein Mitkombattant bei „Münchner Künstler bekennen Farbe“ gegen die Flüchtlings-Not, kommt durch eine kurze Sequenz seines Auftritts in der ‚Sendlinger Kulturschmiede‚ mit seinem Spiel auf dem selbst entworfenen Stein-Xylophon zu musikalischen Ehren.    

Lassen wir zum Abschluss Regisseur Reinhold Rühl selbst zu Wort kommen: „Ein Film, der auch in anderen Großstädten gedreht werden könnte. Denn Stadtviertel „wo man leben könnte“ gibt es viele. Die Frage ist nur: Wie lange noch?“

Der Film läuft seit 14. Juni 2015 in ausgewählten Kinos.
Die DVD ist zum Preis von 15 € zzgl. Versand erhältlich bei info@dokumacher.de
Dokumacher Film & Medienproduktion, Thalkirchner Str. 143a, 81371 München
Tel. 089 7255849
www.dokumacher.de

P.S. – Die Knallschote darf natürlich auch nicht fehlen ;-))))))) :

Die Sendlinger Mordweihnacht

In der Gegend meiner unmittelbaren Nachbarschaft fand in der Nacht von Heiligabend auf den 25. Dezember 1705 die blutige Niederschlagung der ersten bayerischen Revolution statt, die unter dem Namen „Sendlinger Mordweihnacht“ in die Geschichtsbücher einging. In der Folge des Spanischen Erbfolgekriegs, der von vielen Historikern als der eigentliche erste Weltkrieg angesehen wird, fiel Bayern 1704 nach der verlorenen Schlacht bei Höchstädt an das Heilige Römische Reich Deutscher Nation und de facto unter die Regentschaft der Krone Habsburgs.
Bayerns Bauern, der sogenannte „vierte Stand“, litt extrem unter Zwangsaushebungen und horrenden Abgaben, was zu Weihnachten 1705 im Marsch aufständischer Oberland-Bauern auf München gipfelte. Dort legten die Revolutionäre nach Verhandlungen mit den kaiserlichen Offizieren in Sendling die Waffen nieder und wurden trotz vorherigem Gewähren von Pardon von den Regierungstruppen brutal niedergemetzelt.

Zahlreiche Straßennamen, Gedenktafeln und Denkmäler erinnern in meiner Nachbarschaft an diese Bluttat, allem voran das Standbild des „Schmied von Kochel“, der der Legende nach als einer der Letzten in der Sendlinger Bauernschlacht fiel und dessen Existenz bzw. Herkunft historisch nie einwandfrei geklärt werden konnte.

Zum Gedenken an das Massaker findet alljährlich in der Heiligen Nacht ein Fackelzug der „Historischen Gruppe Schmied von Kochel“ zum alten Sendlinger Friedhof statt, um der dort bestatteten 204 Opfer der Mordweihnacht zu gedenken. Insgesamt waren im Rahmen der Bauernaufstände zum Jahreswechsel 1705/06 über zehntausend Gefallene auf bayerischer Seite zu beklagen.

Wer sich für eine detaillierte Darstellung der Geschehnisse, vor allem auch im historischen Kontext, interessiert, greife zu dem Buch „1705 – Der bayerische Volksaufstand und die Sendlinger Mordweihnacht“ (1980, Langen-Müller) des Historikers Henric L. Wuermeling, der in der Dokumentation unter anderem die These vertritt, dass der bayerische Volksaufstand 1705/06 aus dem einfachen Grund nicht als erste bekannte Revolution – noch vor der französischen – in die Geschichte einging, weil sie nicht von Erfolg gekrönt war.

Auf dem Gelände des ältesten noch erhaltenen Münchner Zentralfriedhofs, des Alten Südfriedhofs, befand sich ein ungepflegter Grabhügel, unter dem der Überlieferung nach mehr als fünfhundert Tote der Sendlinger Bauernschlacht ihre letzte Ruhestätte fanden. An dieser Stelle wurde auf Anregung des bayerischen Mundartforschers Johann Schmeller im Jahr 1831 ein Denkmal zur Erinnerung an die Opfer errichtet. Es war das erste Münchner Kunstwerk im neugotischen Stil, das Denkmal ist noch heute auf dem seit 1898 aufgelassenen Friedhof im Originalzustand erhalten.

Selbstredend beansprucht die Ortschaft Kochel am See im bayerischen Süden die Herkunft des Schmieds für sich, zu seinem Gedenken wurde am Dorfplatz ebenfalls ein Denkmal errichtet:

Die Sendlinger Mordweihnacht / wikipedia