Sleater-Kinney

Reingehört (273): Sleater-Kinney, Mick Harvey

KULTURFORUM Grab Serge Gainsbourg Cimetière Montparnasse Paris (2)

Mick Harvey – Intoxicated Women (2017, Mute)

1995 hat der langjährige Nick-Cave- und PJ-Harvey-Weggefährte mit „Intoxicated Man“ erstmals der Songschreiber-Kunst des Franzosen Serge Gainsbourg Tribut gezollt, 1997 fand die Obsession mit „Pink Elephants“ ihre Fortsetzung, im vergangenen Jahr folgte Teil 3 mit „Delirium Tremens“, in der 2017er-Ausgabe vergiftet Mick Harvey die Frauen und bringt mit „Intoxicated Women“ eine Sammlung an Liedgut, die der Pariser Chansonnier für Vertreterinnen des schönen Geschlechts wie Juliette Greco, Brigitte Bardot oder Jane Birkin komponierte, folgerichtig illuster ist die Ansammlung an Sängerinnen, die dem australischen Multiinstrumentalisten als Duett-Partnerinnen auf dem neuen Album zur Hand gehen.
Der unvermeidliche Kopulations-Soundtrack „Je T’aime…Moi Non Plus“ kommt als „Ich Liebe Dich…Ich Dich Auch Nicht“ in deutscher Version zum Einstieg, die Berliner Glitterhouse-Chanteuse Andrea Schroeder gibt mit ihrem beigesteuerten Gestöhne die Rolle der Porno-Synchronisations-Queen, ist man mit dieser unsäglichen, totgerittenen Peep-Show-Nummer durch, geht’s auf dem Longplayer um einiges anspruchsvoller über die weitere Distanz, Harvey und seine Duett-Begleiterinnen wie Channthy Kak vom Cambodian Space Project, Xanthe Waite von der australischen Band Terry und die Jazz-Musikerin Sophia Brous betten das Potpourri aus fröhlichem Songwriter-Pop, bedeutungsschwangerem Bar-Blues und verraucht-verruchten Chansons in verschwurbelt-angestaubte Plüsch-Kitsch- und Sixties-Atmosphäre mit viel Congas, Georgel und Gitarren-Hall, stimmlich hätte den männlichen Gesangspart ein Nick Cave in vielen Passagen selbstredend weitaus voluminös-morbider bedient, ansonsten gibt es nicht viel auszusetzen an der Sammlung, außer dass mit Gainsbourg-Aufwasch Nummer Vier mit Verneigung vor dem französischen Schwerenöter jetzt langsam auch mal gut ist…
(**** – **** ½)

Sleater-Kinney – Live In Paris (2017, Sub Pop)

Die Ladies Tucker, Brownstein und Weiss outen sich nicht gerade als variantenreiche Kreativbolzen auf ihrem ersten Live-Album, auf dem im März 2015 konzertant in der Franzosen-Metropole mitgeschnittenen Werk der drei Riot Grrrls dominiert die Monotonie des limitierten Gitarrenspiels und des permanent im gleichen Tempo nach vorne polternden Beats, „I Wanna Be Your Joey Ramone“ als Ansage vom „Call The Doctor“-Album mag zwar als nettes Namedropping durchgehen, zieht aber hinsichtlich musikalischer Referenz an die großen New Yorker Brüder in dem Fall null, Joey und die Seinen hatten mit einer schnellen, harten Punk- und einer entspannteren Pop-Nummer wenigstens zwei Varianten des Rotzlöffel-Geschrammels im Musterkatalog, Sleater-Kinney kriegen selbst diese überschaubare Vielfalt in ihren dreizehn Live-Versionen nicht hin, ab dem gefühlt dreihundertachtundzwanzigsten Kiekser im Vortrag der Sangeskünste von Frau Tucker und Frau Brownstein während der ersten fünf Minuten des Tonträgers beginnt der Kampf gegen das große Gähnen, und der sich zusehends verkrampfende Zeigefinger verspürt verstärkten Drang und Streben in Richtung Vorspul-Taste. Klassischer Fall von „Rum ums Eck“…
(** ½ – ***)

Reingehört (39)

San-Francisco
 
Ty Segall Band – Live In San Francisco (2015, Drag City)
Stimmungsvolle, Schwere-70er-Jahre-Gitarren-/Trash-Live-Scheibe des „Hardest Working Man in Garage Rock“. Einerseits schwer den Punk-Odem der frühen Jahre atmend, auf der anderen Seite mit ausladendem, überbordendem, enthusiastischen Gitarrenspiel den Stooges und MC5 huldigend, entfacht der Kalifornier Segall und seine Band ein klasse Live-Feuerwerk, welches auch nach mehrmaligen Hören nichts an seiner sprudelnden Energie verliert. Das Songmaterial speisst sich schwerpunktmäßig aus den Stücken der 2012er-Platte „Slaughterhouse“ (In The Red Records). Schweißtreibend, mutig, unbehandelt & großartig.
(*****)


 
Steve Earle & The Dukes – Terraplane (2015, New West Records)
Der Alternative-Country-/Roots-Rock-Großmeister aus Texas mit einer für seine Verhältnisse ungewöhnlich Blues-lastigen neuen Scheibe: Siebziger-Stones-Rock, Green On Red, Beefheart-Blues-Harp, Akustik-Blues a la Lightnin‘ Hopkins und Anklänge an die letzten, großartigen Dylan-Werke (nein, natürlich nicht dieses Sinatra-Gedudel!) – alles da, was das Herz begehrt in dieser Sparte. Der Blues ist für Earle „the commonest of human experience, perhaps the only thing that we all truly share“ und auf dieser Platte beweisen er und seine glänzend eingespielt Band The Dukes, dass sie ihn haben. Angenehme Überraschung.
(****)


 
Samba Touré– Gandadiko (2015, Glitterbeat / Glitterhouse)
„Vibrant Music from Africa and beyond“ ist das Motto der Glitterhouse-Tocher Glitterbeat unter der Führung von Walkabout Chris Eckman. Der von Ali Farka Touré großgezogene Samba Touré aus Mali veröffentlicht auf dem Label aus dem nordrhein-westfälischen Beverungen bereits seinen zweiten Longplayer, der ein intensives, groovendes und treibendes Spektrum von sehr traditionellem bis zu von westlicher Rockmusik beeinflusstem Desert Blues bietet. Diese Platte führt eindringlich vor Augen, wo der Rock ’n‘ Roll ursprünglich herkommt.
(****)


 
Sleater-Kinney – No Cities To Love (2015, Sub Pop)
Ich weiß, die Kritiken waren überschwänglich, und auf die Gefahr hin, dass ich mir jetzt viele Widerworte einhandle: So erfreulich die Wiedervereinigung der drei Ladies Brownstein, Tucker und Weiss grundsätzlich ist, so wenig versetzt mich die neue Sleater-Kinney-Scheibe in Enthusiasmus. Mit „Dig Me Out“ haben sie 1997 ihr Gitarren-Post-Punk-Meisterwerk in die Pop-Landschaft gestellt und diese neue Platte kann dem Klanguniversum der Band meiner bescheidenen Meinung nach wenig Wesentliches hinzufügen. Sicher generell solide Gitarrenkost, aber bei mir springt der Funke kaum über. Schade.
(***)