Slide-Gitarre

Raut-Oak Fest 2018 @ Riegsee, 2018-06-10

The third and final report from ROF 2018: Am Vormittag wär’s traditionell mit Riegseer Blasmusik und frischen Weißwürscht aus dem Kessel plus zwingend dazugehörigen Brezen und Weißbier in die letzte Raut-Oak-Runde gegangen, unsereins war da noch fern jeglicher urbajuwarischer Kulinarik im heimatlichen Minga zwecks übernächtiger Regeneration zugange, aber wo’s dann wieder ernst wurde, da war ma dann da, wia a Brezen (oder wie der Weber Max), frei nach Gerhard Polt.
Der dritte und letzte Raut-Oak-Tag sollte sich noch einmal zu einem einzigen Flow an schöner bis überwältigender Musik auswachsen, diejenigen, die bei Williams Wetsox mit einer dem Vernehmen nach deplatzierten Jazz-Sängerin und dem österreichischen New-Wave-of-Volksmusik-Duo Kirschhofer zugegen waren, mögen das etwas anders bewerten, aber spätestens mit dem Auftritt der Donkeyhonk Company – dem Regulären nach dem Spontanen vom Vortag – waren erst mal alle Zweifel über tonale Qualitäten des letzten Festivaltags ausgeräumt, und sie sollten sich auch zu keiner Sekunde mehr einstellen, soviel sei bereits verraten.

Wenn eine hiesige Band aus dem weiteren Umland zwingend auf das Line-Up eines Raut-Oak-Fests gehört, dann dürfte das die Donkeyhonk Company sein. Wig Drumbeat, Basser Don Pedro und der Grimassen-schneidende Frontman Lametto suggerierten einmal mehr, dass die Sümpfe Louisianas, Schwarzbrenner-Kaschemmen im Niemandsland der amerikanischen Prärie und die Ausläufer der Appalachen irgendwo im oberbayerischen Delta Wolnzach/Neuburg/Aichach zu suchen sind, das Trio bot wie zu vielen früheren Sternstunden eine feine Auswahl an Alternative Country Folk, Uptempo-Bluegrass und knarzenden Muddy-Roots-Moritaten, in denen Sänger/Gitarrist Lametto in rauen, schneidenden Blues-Howlern seine kritischen und düsteren Gedanken und Geschichten im eigenen bayerischen Dialekt fernab jeglicher Neue-Volksmusik-Peinlichkeiten neben Roots-geerdeten Tom-Waits-Covers, alten Folk-Traditionals und eigenem Blues-durchtränkten Americana-Gepolter zum Vortrag brachte.
Der Donkey ließ beschwingt seine Hufe klappern zum stampfenden Honkrock der drei oberbayerischen Outlaws, und wenn er nicht irgendwann zum Bocken angefangen hat, dann steppt er da noch heute irgendwo zwischen den weidenden Rindviechern im Riegsee-Umland durch die Gegend.
Die grandiose Coverversion „Abend in der Stadt“, im Original von der ostdeutschen Polit-Band AufBruch, haben sie leider wieder nicht gespielt, die Herren Musikanten, da kannst hinreden wie an eine kranke Kuh oder in dem Fall einen störrischen Esel, aber es sei unumwunden zugegeben: die Nummer hätte in diesem Raw-Blues-Kontext beim ROF auch nicht reingepasst…

Was kann es an einem lauschigen, Sonnen-beschienenen Sonntag-Nachmittag Schöneres geben als den wunderbaren, weitläufig ausgedehnten, seltsamen wie faszinierenden Bigband-Sound von G.Rag Y Los Hermanos Patchekos als Begleitmusik zum entspannten Nichtstun und verträumten Blick-schweifen-lassen über das herrliche Riegseer Voralpen-Panorama?
Mit Bandleader Andreas Staebler als einem unserer profiliertesten, beständigsten, in zahlreichen Formationen federführend mitmischenden Münchner Musikanten und seiner mit zahlreichen versierten und bestens ausgebildeten Instrumentalist_Innen besetzten Hermanos-Patchekos-Truppe ist man hinsichtlich beseelter Hank-Williams-Melancholie, beschwingter Polka mit unüberhörbarem Karibik- und Cajun-Einschlag, scheppernder Texas Bohemia, immer leicht ins Schräge kippendem Funeral-Band-Gebläse und groovendem Swamp Blues noch nie fehl gegangen, vergangenen Sonntag solle es sich keinen Deut anders fügen.
Wo sonst findet sich eine Kapelle, die eine Nummer wie „Rags And Bones“ der kanadischen Hardcore-Punk-Combo NoMeansNo derart gekonnt und unangestrengt als ausgedehntes, schwer groovendes 70er-Soul/Funk-Brodeln einkocht, sie damit in ihre ureigene Klangwelt übersetzt und vom ursprünglichen Jazzcore der Wright-Brüder nicht mal mehr das abgenagte Gerippe übrig lässt?
Daneben ergingen sich die satten Bläsersätze im Verbund mit allerlei Percussion, Melodik und anderweitig Spannungs-beförderndem wie ultra-entspanntem und wunderschönem Geschrammel schwer vermutlich im Material des demnächst angezeigten neuen Tonträgers „How Sweet The Sound“ (Gutfeeling Records, 22. Juni), es wird wohl ein höchst hörenswerter werden, den ersten konzertanten Eindrücken nach zu urteilen.
Rhythmisch begleitet wurden die Hermanos Patchekos von Special Guest Delaney Davidson, die Bigband intonierte die Nummer „Five Bucks“ des neuseeländischen Songwriters als voluminöse Coverversion, zu der Davidson selbst mit zum Mikro griff und süffisant anmerkte, für in selber wär’s ja nun alles andere als ein Fremdwerk.
Ein exzellenter ROF-Auftritt von Kapellmeister Staebler und den Seinen, der demnächst an anderer Stelle beim Gutfeeling Festival im Münchner Feierwerk am 22. Juni nebst weiteren G.RagInkarnationen und anderen ortsansässigen Exzellenzen wie The Grexits, 4Shades oder der wunderbaren Hochzeitskapelle seine Wiederholung finden wird.

Nicht minder bereichernd zu einem entspannten Sommertag spielten Pelo Mono aus Andalusien auf, Guadalupe-Plata-Gitarrist Pedro de Dios als Bankräuber mit der grünen Maske und Drummer Antonio Pelomono als Gorilla verkleidet swingten mit feinem Instrumental-Surf-Blues, der jedem Tarantino-Streifen als alternativer Soundtrack gut zu Gesicht stehen würde. Das Schöne am gedehnten wie verhallten Grooven der beiden Spanier ist der Umstand, dass sich diese extrem relaxte Nummer nicht stilistisch eindeutig an die Wand nageln lässt, hier ein psychedelischer Grundton, dort Anleihen bei Country und Rhythm & Blues in einem gespenstischen, diffusen Trance-Flow, mit dem sich die Gesang-freien Perlen auch als passende tonale Untermalung für schräges B-Movie-Horror-Trash-Fiction-Zeug aufdrängen – ein stimmiges Gebräu, in dem nichts beliebig wirkt und zu dem es sich extremst tiefenentspannt mitgrooven und abhängen lässt, und wenn dann zur Abwechslung beim Raut Oak auch noch das Wetter der gleichen Meinung ist und die entsprechende Beleuchtung zum gedehnten Desert/Surf-Sound liefert, kann einem mindestens für die Stunde der genehmen Beschallung das irdische Schlamassel am Allerwertesten vorbeigehen…

Als einer der großen Namen für das ROF 2018 wäre für den Sonntag kein Geringerer als „The Dirty Old One Man Band“ Scott H. Biram geplant gewesen, der texanische Primitive-Blues/Punk/Country-Songwriter musste bedauerlicherweise bereits vor Wochen seine Europa-Tour abblasen, mit unserem liebsten Schlangenbeschwörer Brennt Burkhart aka Reverend Deadeye fand sich ein mehr als würdiger Ersatzmann zum Heimleuchten des Festival-Volkes auf den rechten Pfad des Gott-gefälligen Lebenswandels, den der Blues-Preacher mit seiner unzählige Male bespielten Resonator-Gitarre in vehementen Soul-Shakern wie der Garagen-/Gospel-Blues-Perle „Drunk On Jesus“ oder dem knarzenden „Train Medley“ voranschritt. Nach intensivem, tief im Blues verwurzelten Solo-Vortrag als Wanderprediger der alten Schule schaltete der Reverend in Begleitung seiner Lebensgefährtin Nicotine Sue einen Gang zurück, im Duett-Gesang und gemeinsamen Gitarrenanschlag zelebrierte das Paar die gepflegte Kunst des geerdeten Country Blues/Folk fern der vehementen Eindringlichkeit diverser in der Vergangenheit erlebter Deadeye-Solo-Auftritte oder den intensiven Erweckungspredigten mit Drummer Brother Al Hebert.
Einziger Wermutstropfen: Der Reverend stimmte keine seiner wunderschönen, Herz-anrührenden Balladen an, keine „Anna Lee“, kein „Coldest Heart“, und auch nicht das schmerzlich vermisste „Her Heart Belongs To The Wind“, die Tränen der beseelten Ergriffenheit ersetzte ein leichtes Bedauern – on the other hand: besagtes Liedgut gab es bereits beim letztjährigen ROF-Gig des Wanderpredigers zu hören, und so ist es doch auch ein löbliches Unterfangen, dass ein Künstler nicht jedesmal den gleichen Zopf spielt.

It’s only rock ’n‘ roll but I like it: The Hooten Hallers aus Columbia/Missouri rockten ein letztes Mal die Bühnenbretter der ROF-Stage, bevor es an die große, beschließende Krönungsmesse des Festivals ging, in dem Fall Gottlob vor weitaus mehr Publikum als im Sommer 2015 in der Münchner Kranhalle, wo sich seinerzeit zum exzellenten Dreierpack der Hallers zusammen mit den beiden One-Man-Band-Koryphäen Joe Buck Yourself und Viva Le Vox gerade mal beschämende 20 Hanseln hinverirrten. Mit dem Liedgut des aktuellen, vor einigen Monaten veröffentlichten, selbstbetitelten Tonträgers im Gepäck spielten Kellie Everett am Bass-Saxofon, Stand-Schlagzeuger Andy Rehm und Gitarrist John Randall einmal mehr groß auf in Sachen schmissiger Fifties-Rock’n’Roll, der die Pforten zur gepflegten Tanzveranstaltung im Gemeindesaal links liegen lässt und sich statt dessen in der Trash-Blues-Garage ein Bier aufmacht und sodann genüsslichst austobt. „One of the best live Rock & Roll bands around today“ lässt die Band-Homepage über die konzertanten Qualitäten des Trios verlauten, kann man getrost ohne Abstriche so unterschreiben – was die Band am vergangenen Sonntagabend zu bester Sendezeit an gepflegtem Entertainment und schmissigen Songs in grundsympathischer Manier zum Besten gab, war einmal mehr aller Ehren wert. Müssig zu erwähnen, dass die von John Randall mit allem herauspressbaren Herzblut im rohen Grollen vorgetragenen, beseelten Rocker und ein paar Balladen-Heartbreak-Schmachtfetzen vor allem durch das geerdete Getröte von Kellie Everett ihren individuellen, satten Soul-Groove verpasst bekamen. Heavy groovy Footstomp auf und noch weit mehr vor der Bühne, to kill the last Grashalm standing…

We welcome you home: Niemand hätte das große ROF-Finale schöner bespielen können als der großartige Konrad Wert aka Possessed By Paul James, einer der schlichtweg aufrichtigsten, intensivsten und begnadetsten Musiker, Geschichtenerzähler und Alleinunterhalter in der weiten Welt der akustischen Folk-Musik. Denjenigen, die mit dem Schaffen des amerikanischen Muddy-Roots-Veterans und Social Workers seit Jahren vertraut sind, muss man das nicht weiter erläutern. Und jene, die bisher mit dem grandiosen Underground-Folk des Barden nicht in Berührung kamen, dürften bereits beim Soundcheck geahnt haben, was da auf sie zukommen mochte, schon beim Instrumente-Stimmen und Tonanlage-Ausloten legte Konrad Wert Energie und Entertainer-Qualitäten sondergleichen an den Tag, die viele Musikanten-Kollegen in ihren regulären Sets nicht auch nur annähernd zu erreichen vermögen.
Nochmalige Steigerung sodann in allen Belangen beim Vortrag seiner Minimal-Folk-artigen Instrumental-Fiddle-Drones, ein wildes wie wunderschön fließendes Uptempo-Geigen, das sein Pedant fand im berauschten Banjo-Spiel des Musikers, im entrückten A-Cappella-Gospel wie in seinen eindringlichst vorgetragenen Folk-Songs über religiöse Erfahrungen und irdische Beziehungen.
Ein Konzert von Possessed By Paul James ist religiöses Erweckungs-Erlebnis wie praktische Lebenshilfe, spirituelle Erfahrung und Handbuch für die Achterbahn des Lebens, der vor schierer Energie berstende Vortrag des charismatischen One-Man-Band-Intensiv-Musikers bringt emotionale, inwendige Resonanzräume zum Schwingen, löst los von dieser Welt und lässt in seinen ergreifendsten Momenten über dem Boden schweben, dargereicht in einer Form, die selbst dem am Weitesten vom Glauben Abgefallenen das Urvertrauen in die amerikanische Folk-Musik zurückgibt.
In der Welt des Konrad Wert ist alles ungeschminkt aus dem Leben gegriffen, harmonische Melodien, ruppigste Verwerfungen, Schmutz, Leid, Streit, Freude, das Geschrei Deiner Feinde, Versöhnung, Tod und Wiederauferstehung.
Die wahrhaftige Underground-Volksmusik des Suchenden und Getriebenen aus Florida kann Einstellungen und Ansichten verändern, neue Denkanstöße geben, vielleicht sogar nachhaltig und dauerhaft. Mindestens für ein paar Tage nach einem PBPJ-Live-Orkan betrachtet man die Mitmenschen wohlwollender und rückt die wirklich relevanten Dinge des Lebens fernab von irdischem Flitter und Tand in den Fokus der Reflexion. Was kann man von einem Konzert, das in dem Fall weit über die Grenzen des herkömmlichen Musik-Entertainments hinausgeht, mehr erwarten? Resolve all my demons…
Einmal mehr in diesem Zusammenhang schwerst ans Herz gelegt sei im Nachgang der exzellente, semi-dokumentarische Film „The Folk Singer – A Tale Of Men, Music & America“ von Independent-Filmemacher M.A. Littler – der im Übrigen höchstselbst die drei Festival-Tage vor Ort war, great to meet you, El Commandante!

Wenn’s am Schönsten ist, soll man aufhören, die Nummer hat beim Raut-Oak Fest 2018 funktioniert wie selten sonst wo. Auch wenn sich eine nicht zu unterdrückende Wehmut über das Ende eines lange herbeigesehnten großartigen Musik-Wochenendes und über das Abschiednehmen für eine ganze Weile von vielen Freunden und Bekannten einstellte, es konnte nach einem derartigen Auftritt nichts mehr kommen, was da noch einen draufzusetzen vermochte.

Immerwährender und herzlicher Dank an Veranstalter Christian Steidl und seine vielen helfenden Hände beim Aufbau, Catering, Organisieren, Stemmen gegen die Widrigkeiten der Witterung, very special thanks an Jay Linhardt für einmal mehr fantastischen Sound, an Mark „Eisi“ Icedigger für charmanteste Anmoderationen, und schlichtweg an alle, die da waren, anregend kommuniziert, wunderbarst musiziert und aufmerksam zugehört haben.

Diejenigen, die nicht dabei waren, dürfen sich jetzt dranmachen, ihre dritten Zähne aus Ober- und Unterkiefer zu fieseln und sich sodann damit selbst in den Allerwertesten beißen – denjenigen Gesegneten aber, die es erleben durften, wird es noch viele Monde lang Tränen des Glücks in die Augen treiben, wenn sie in Erinnerungen an dieses feine, familiäre, mit Sachverstand und Brennen für die Musik zusammengestellte Festival schwelgen, und sie werden in vielen in der Zukunft liegenden Jahren noch ihren Enkelkindern davon erzählen.

Raut Oak 2019: Die 2018er-Ausgabe wird kaum mehr zu toppen sein (andererseits: das stand bereits hier vor einem Jahr zum 2017er-Aufgalopp zu lesen, insofern: dem sehen wir völlig entspannt und zuversichtlich entgegen), aber selbst wenn es im nächsten Jahr auch nur annähernd so gut wird wie heuer, wird es immer noch absolut grandios sein. Versprochen. Auch wenn es (wieder) geschliffene Handbeile schiffen sollte. Insofern Vorfreude pur auf 2019 – so Gott & Christian Steidl & der Grundstückseigner vom Open-Air-Gelände wollen: we’ll meet again!

Charlie Parr @ Vintage Pub, München, 2018-02-12

Der großartige Charlie Parr stand in der Planungsphase vor einigen Monaten auf der Wunschliste der angedachten Musikanten von Impresario Christian Steidl für das kommende Raut Oak Fest im Juni am schönen Riegsee, die Nummer hat sich dann leider wegen überschneidenden Terminen in den heimatlichen Staaten des begnadeten Country-Blues-Gitarristen schnell zerschlagen, dieser Tage dann die zuerst freudige und sogleich schwerst verwirrende Nachricht, dass Charlie Parr im Rahmen der aktuell laufenden Europa-Tournee seine München-Premiere in einer ominösen Lokalität namens Vintage Pub spielen würde, welche das geneigte Konzertgänger-Volk partout nicht zu verorten wusste.
Da selbst in einer in letzter Zeit kaum für positive Schlagzeilen sorgenden Stadt wie dem Isar-Millionendorf ab und an noch Zeichen und Wunder geschehen, die fraglichen Booker kontaktiert wurden, Steidl & Icedigger ein paar Hebel in Bewegung setzten und Käsealm-Betreiber, Autor und DJ Christian Ertl bereits des Öfteren Erhellendes zum Thema andeutete, sind am Ende doch noch alle Interessierten auf der Gästeliste und am Montag-Abend dann am geheimen Ort des Geschehens gelandet, somewhere in Munich, in einem ehemaligen Ladenlokal, dass mit viel Liebe zum Detail und entsprechender Sammlerleidenschaft von Privat-Veranstalter M. zum stilechten, mit diversesten Raritäten aus der Insel-Gastronomie gespickten Irish Pub ausgestaltet wurde, und um das Glück vollumfänglich zu machen, waren ausgewählte Bier-Spezialitäten und das Nippen an der Whiskey-Hausmarke auch noch im zu entrichtenden Obolus enthalten.
Der perfekte Rahmen für einen wunderbaren Abend mit Charlie Parr, der solistisch in drei ausgedehnten Sets in insgesamt gut 2 Stunden die Bandbreite seiner schwerst beeindruckenden, aus der Zeit gefallenen wie zeitlosen Kunst des Bluegrass, des Country Folk, des Akustik-Blues und der ergreifenden Balladen-Tondichtungen präsentierte, eigenkomponierte Song-Perlen wie „HoBo“ oder das Titelstück „Dog“ seines letztjährigen Albums, „Rocky Racoon“ in einer auch für Beatles-Skeptiker verträglichen Version, Zitate, deren Quellen bis in die Dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurückdatieren zu den aufgezeichneten Feldforschungen von Alan Lomax, Verneigungen vor dem großen Huddie „Leadbelly“ Ledbetter und den Piedmont-Blues-Legenden Elizabeth Cotten und Mississippi John Hurt, nicht zu vergessen „Bob Dylan’s Blues“ vom – genau – 2016er-Literaturnobelpreisträger, die Verbindung zum alten Zimmerman-Nöler drängt sich förmlich auf, wenn man wie Parr aus Duluth/Minnesota stammt.
Die stimmige Songauswahl ist ein Teil der Medaille bei einem wie Charlie Parr, darüber hinaus und noch weitaus mehr beeindruckend ist die Perfektion, die der Musiker auf der 12-saitigen Akustik-Gitarre im Picking, im Bottleneck-Slide, im flinken Greifen und filigranen Anschlag demonstrierte, eine Perfektion, die bei so manchem Künstler zu steriler Akrobatik und Angeberei verkommt, bei dem stets latent kauzig und introvertiert wirkenden, bescheidenen wie hochsympathischen Parr in seiner beseelten Ausgestaltung indes nicht einmal den Anflug einer Andeutung in diese Richtung aufkommen lässt.
Man konnte die Uhr danach stellen: immer, wenn man dachte, das hat man so ähnlich schon mal irgendwo im Blues oder Folk gehört, war er da, der besondere Slide-Twang hintenraus, die besondere Finesse, das gewisse Extra, das dem Songmaterial den Edelschliff angedeihen ließ und den versierten und durch unzählige Live-Auftritte erprobten Musiker mit den lebenden Legenden der Slide-Gitarren-Kunst wie etwa Ry Cooder oder David Lindley auf eine Stufe stellt.
Allerspätestens beim Herz-anrührenden, Konzert-beschließenden, unbegleiteten Vokal-Vortrag des Gospel-Traditionals „Ain’t No Grave“ und dem folgenden, lang anhaltenden und dankbaren Applaus im vollbesetzten Geheim-Pub stand ohne Zweifel fest, dass Charlie Parr im Raut-Oak-Lineup 2018 schmerzlich vermisst werden wird – wird anderweitig trotzdem super, versprochen – und die Visionen vom Aufspringen auf fahrende Züge und das Sitzen am Lagerfeuer mit den Hobos, die Geschichten von der Great Depression und dem sich in der eigenen Existenz Verlieren, die Mörder-Balladen und das klagende Blues-Lamentieren woanders herkommen müssen.
Ein Konzertabend, der dank seiner denkwürdigen Americana-Intensität und dargebotenen musikalischen Brillanz noch lange in Erinnerung bleiben wird und der die Vorfreude auf hoffentlich noch viele ähnliche Abende im Hidden-Gig-Modus an geheimem Ort befeuerte.
Gibt so Tage, da bleibt einem einfach nur, der Schöpfung wie selbstredend dem Pfundskerl von einem Veranstalter und nicht zuletzt dem großartigen Musikanten zu danken, dass man dabei sein durfte. Right Time, Right Place, oder wie Martina Schwarzmann immer so schön sagt: Wer Glück hat, kommt…
(***** ½ – ******)

Weitere ausgewählte Konzert-Termine der Solo-Auftritte von Charlie Parr in unseren Breitengraden (Gesamter Tour-Plan: hier):

19.02.Zürich – El Lokal
20.02.Fürth – Kofferfabrik
21.02.Berlin – Betlehemskirche
22.02.Norderstedt – Music Star

Reingehört (390): Kostas Bezos And The White Birds

Kostas Bezos And The White Birds – Kostas Bezos And The White Birds (2017, Mississippi Records / Olvido Records)

The Tiki Bar is open: Eine Handvoll Rembetiko-Underground-Experten treffen David Lindley und die Pahinui-Brothers auf ein paar Runden Ouzo zu einer Jam-Session in der griechischen Hafen-Kaschemme – oder: Alexis Sorbas tanzt mit Ry Cooder durch Paris,Texas, so ungefähr: χαβάγιες (Havagies) nennt sich eine heute fast vergessene, von der hawaiianischen Slide-Gitarre beeinflusste Spielart der griechischen Volksmusik, ein Meister des Fachs war der Musiker und politische Cartoonist Kostas Bezos, der in den 1930/40er Jahren mit seinem begnadeten Lap-Steel-Gitarren-Spiel eine musikalische Brücke baute zwischen Ost und West, in seinen Saiten-Anschlag arabische wie pazifische Elemente und einen ureigenen Griechen-Blues einfließen ließ und so zum Vorläufer herausragender Gitarren-Virtuosen wie der oben erwähnten Kalifornier und Hawaiianer wurde.
„Kostas Bezos And The White Birds“ sammelt 32 imposante Beispiele dieser einzigartigen Tondichtungen in historischer Aufnahme-Qualität aus herzzerreisendem Steel-Gitarren-Schmelz, wild-tropischer Orchestrierung, griechischem Mittelmeer-Gepolter und – man höre und staune – sporadischen Jodlern – mehr kosmopolitisches, musikalisches Welt-Umarmen geht kaum.
Kostas Bezos wurde 1905 in der Nähe von Korinth geboren, unter dem Pseudonym A. oder K. Kostis veröffentlichte er reine Rembetiko-Aufnahmen in den dreißiger und vierziger Jahren für Columbia und His Master’s Voice, weniger bekannt waren bis dato seine Hawaii-geprägten Einspielungen. 1943 ist Bezos im jungen Alter von 38 Jahren gestorben.
„Kostas Bezos And The White Birds“ bietet ein breites emotionales Spektrum zwischen ausgelassener Lebensfreude und schwermütiger Hellenen-Melancholie und ist als Ausgrabung mindestens so überraschend, anregend und spannend wie seinerzeit die „Texas Bohemia“-Sampler des Münchner FSK-Musikers, Autors und DJs Thomas Meinecke, die er nach Feldforschungen in den US-Südstaaten über die texanischen, vom bayerisch-böhmischen Vorfahren-Liedgut geprägten Blaskapellen zusammenstellte.
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