Slowcore

Emma Ruth Rundle + Jaye Jayle @ Milla, München, 2018-10-21

Nach außen gekehrte Seelen-Pein und Weiden am eigenen Weltschmerz, in klangvollen Tönen, am vergangenen Sonntagabend, im Doppelpack auf der Bühne des Münchner Milla. Wenige Lokalitäten dürften sich für derartige dunkel schimmernde Inszenierungen in der Stadt besser eignen als das Schlauch-artige Kellergewölbe im ehemals künstlichen, unterirdischen Flussbett des Glockenbachviertel-Clubs.

Das US-Quartett Jaye Jayle durfte den Boden bereiten und das Publikum mental einstimmen für den Auftritt der Königin der Nacht Emma Ruth Rundle, die Combo aus deren Plattenfirmen-Stall Sargent House formiert sich um Bandleader Evan Patterson, der daneben seit über einer Dekade bei der Indie-/Noise-Band Young Widows aus Louisville/Kentucky engagiert ist, zusammen mit dem Dark-Ambient-/Americana-Outfit Jaye Jayle erging sich der tätowierte Bär am Tag des Herrn in finsterem Neo- und Desert-Blues, verhallter, gespenstischer Southern-Gothic-Morbidität und schwerem Electronica-Drone in schwärzestem Moll.
Nachklingende, spartanische Gitarren-Akkorde, Kraut-rockende Synthie-/Keyboard-Nebel, das Gebetsmühlen-artige Psalmodieren beschwörender Mantren und ein stoisches Bass-Treiben lieferten im abgeklärt-illusionslosen Einklang den möglichen Soundtrack für kommende cineastische David-Lynch-Albträume, den Emma Ruth in ihrem Kraftwort-strotzenden Lobpreisen im Nachgang als „fuckin‘ awesome“ charakterisieren sollte. „Fuckin‘ Mark Lanegan“ hätte es wohl weitaus besser getroffen, im musikalischen Selbstverständnis des Quartetts fand sich vieles, was so oder annähernd ähnlich aus zahlreichen Solo- und Gutter-Twins-Arbeiten oder Duke-Garwood-Kollaborationen des großen Grüblers, sinisteren Schweigers und ex-Screaming-Trees-Grungers aus Seattle bekannt sein dürfte, in vergangenen Tagen ausgereifter und formvollendeter, in jüngster Zeit zu großen Teilen aber auch weitaus belangloser, und so mag es durchaus Sinn machen, wenn eine junge Band wie Jaye Jayle die Fackel des psychedelischen Crossovers aus umnachtetem, halluzinierendem Blues, Folk und Indie-Postpunk-Kraut weiter trägt, eine Fackel, die selbstredend nicht allzu hell leuchtet in einsamen, staubigen Wüsten, kalten Asphalt-Dschungeln und den dunklen Seelen-Kammern der eigenen Gemütszustände.
Nachdem die Uhr dann tatsächlich eine Vortragsdauer von annähernd vierzig Minuten anzeigte, die überraschend kurzweilig verstrichen, wird’s mit der Klangkunst des bärtigen Schwergewichts Patterson und seiner drei Begleiter durchaus was auf sich haben. Unheimliches Prärie-Amerika, tiefsinnig vertont, intensiv dräuend auf die Bühnenbretter gestellt – auch wenn’s nichts grundlegend Neues unter der Wüsten-Sonne oder dem Finsterwald-Mond war: trotzdem gern genommen.

Evan Patterson und der stoische Jaye-Jayle-Basser Todd Cook durften im Hauptteil des Abends weiter mit ihrer Präsenz glänzen, beide waren bereits bei der Entstehung und Einspielung des jüngst erschienenen Albums „On Dark Horses“ von Emma Ruth Rundle involviert und somit bestens vertraut mit dem Material, das die zierliche Schöne aus Los Angeles an diesem Abend im gut gefüllten Milla komplett zur Promotion der neuen Arbeiten präsentierte. Nach kalifornischer Sonne klingt die eindringliche und schwermütig-beseelte Songwriter-Kunst von Emma Ruth Rundle nach wie vor nicht, weit mehr nach diffusem Zwielicht in finsteren Schluchten des Death Valley oder nach Beschwörung dämonischer Manson-Family- und anderer unguter Geister in den Canyons des Westcoast-Molochs, dabei sind es vor allem die eigenen Befindlichkeiten, die Rundle mit ihren Songs in ihren dunklen, schmerzenden und beklemmenden Zuständen ergründet.
Weit weniger im Dark Folk verhaftet als bei ihrem München-Debüt vor gut zwei Jahren im Vorprogramm von David Eugene Edwards und seinem Wovenhand-Schamanismus, ohne Violine und ohne akustische Gitarre, mit klassischer Band-Besetzung die hohe Schule der elektrischen Gitarre pflegend, errichteten Emma Rundle und ihre Begleiter mit vehementen Sound-Schichten die Therapie-Räumlichkeiten für die Reflexion der Seelenzustände, des aufgewühlten Innenlebens und der heimsuchenden Plagegeister.
Dunkle Slowcore-Balladen und heftig lärmendes Doom- und Psychedelic-Rocken on the dark side of the Postpunk moon gaben die Orchestrierung für das lamentierende Lautklagen der charismatischen Sängerin, das in ihrem leidenden Flehen und Drängen pathetisch des Öfteren zu überdehnen drohte, mit ihrer angenehmen Dream-Pop-Stimmlage in bester Shoegazer-Seligkeit nichtsdestotrotz in morbider Schönheit glänzend den Weg ins Herz und Gemüt der Hörerschaft fand.
Das Auskosten des Kummers und die atmosphärische, verletzliche Melancholie sind zentrale Elemente nahezu jedes ERR-Songs und riskieren damit die einzelnen Nummern zur beliebigen Austauschbarkeit zu verdammen, die junge Kalifornierin umschifft diese scharfkantige Klippe geschickt mit Variationen im interpretierenden Vortrag durch entrücktes Hinhauchen in filigraner Manier wie drängendem, ungeduldigem, verlangendem Fordern an der Grenze zum verzweifelten Schrei in der heftigen Ausprägung, die Band folgt ihr in Steigerung der Dramaturgie mit Postrock-verhaftetem An- und Abschwellen der von lärmenden Gitarren gefluteten Klangwellen, Emma Ruth Rundle erinnert sich im Rahmen der laufenden Tour offensichtlich ihrer eigenen Postmetal-/Experimental-Wurzeln mit den US-Bands Red Sparowes, Marriages und Nocturnes.
Mit knapp über einer Stunde war das Konzert nicht allzu opulent anberaumt, neben „On Dark Horses“ als Gesamtwerk gab es eine Handvoll Songs vom Vorgänger-Album „Marked For Death“, mancher Gast hätte sich zu der Gelegenheit wohl noch die ein oder andere Song-Dreingabe erwartet, zumal der solistische Abschluss mit eigener, puristischer Drone-/Noise-Gitarren-Begleitung zum finalen Seelen-Strip „Shadows Of My Name“ das künstlerische Level nochmals zu steigern wusste und Lust auf mehr von diesen minimalistischen, schnörkellosen Lebensbeichten machte – andererseits war im Wesentlichen alles gesagt zur Befindlichkeit der Emma Ruth Rundle und die stilistischen Möglichkeiten im Rahmen ihrer musikalischen wie emotionalen Selbstfindung ausgereizt, insofern: Schluss machen, wenn die Seele am schmerzlich-schönsten brennt…

Hierzulande sind Emma Ruth Rundle und Jaye Jayle noch zu folgenden Gelegenheiten im Rahmen ihrer ausgedehnten Europa-Tournee zu sehen: Heute Abend im Berliner Bi Nuu; morgen, am 24. Oktober, im Hafenklang Hamburg.

VLMV @ Maj Musical Monday #89, Glockenbachwerkstatt, München, 2018-10-15

Freundinnen und Freunde des gepflegten Postrock-Entertainments hatten am vergangenen Montagabend die Qual der Wahl, zur Auswahl standen vierfach geballte Vollbedienung der lauteren Gangart des Genres im Import/Export mit den amerikanischen Postmetallern von Shy,Low und den bajuwarischen Vertretern Pictures From Nadira, Noise Raid und MarrowVoltage, oder alternativ das entspanntere Driften in die konzertante Woche, im Rahmen der 89. Ausgabe des Maj Musical Monday in der Münchner Glockenbachwerkstatt mit dem Londoner Duo VLMV (früher/sprich „Alma“) – da war Grübeln angesagt ob des momentan voll bepackten Münchner Konzert-Kalenders, Letzteres sollte es sein, da Zweiteilen unmöglich, der faire Münzwurf in dem Fall auch nicht weiterhalf und im Zweifel der inneren Stimme stets Gehör zu schenken ist.
„An Almost Silent Life“ betitelte die nordenglische Indie-Formation Dakota Suite um Weltschmerz-Verinnerlicher Chris Hooson ihr 2012er Glitterhouse-Album, ein Motto, das sich auch für das Münchner VLMV-Konzert mit einem Set größtenteils aus den Nummern des im vergangenen Frühjahr erschienenen Longplayers „Stranded, Not Lost“ und die weitern veröffentlichten Arbeiten der Formation als thematischer Aufhänger anbieten würde, im stilistischen Ansatz sind die beiden jungen Soundkünstler Pete Lambrou und Ciaran Morahan mit ihrem nach innen gekehrten musikalischen Grundverständnis sowieso kaum weiter als in Steinwurf-Distanz von der Slowcore-Band aus Leeds entfernt. Wo sich Hooson und Co im völlig entschleunigten Songwriter-Indierock weiden, zelebrieren die beiden Londoner eine Postrock- und Dark-Ambient-affinere Spielart der leisen Töne, nicht zuletzt wohl in prägender Anlehnung an den eigenen Background, neben ihrem separaten Duo-Projekt sind beide Musiker bei der südenglischen Instrumental-Postrock-Band Codes In The Clouds engagiert. Gemeinsam entwerfen Lambrou und Morahan mittels wunderbar eleganter, reiner und einschmeichelnder Moll-Gitarren-Töne, getragener, gesampelter Violinen- und Piano-Neoklassik und live geloopter Melodien-Bögen anrührende und in ihrer nahezu unfassbaren Schönheit fast schon schmerzhafte Songs und erhabene Soundlandschaften. An der Grenze zur Zerbrechlichkeit besingt Gitarrist Pete Lambrou mit filigranem, leisem Intonieren die Downtempo-Shoegazer-Preziosen, die Duett-Partner Ciaran Morahan durch experimentelles Bespielen der Gitarre mit einem Drum-Stick als Geigenbogen- und Bottleneck-Ersatz, dem Effekte-generierenden Einsatz der Pedals und Bedienen der elektronischen Gerätschaften zu großartig erhebenden, atmosphärischen Hymnen und Song-Epen verdichtet. VLMV liefern mit ihrer introvertierten Melancholie, dem dezent nachhallenden, zu der Gelegenheit exzellent abgemischten Kammermusik-Sound und dem nachdenklichen, meditativen, zu Teilen in andere Welten entrückten Grundton ihrer Songs die musikalische Untermalung für Nebel-verhangene Herbsttage, für die innere Einkehr und den tönenden Rückzugsraum im hektischen Treiben unserer Zeit, schade eigentlich, dass dieser Sonnen-durchflutete Jahrhundertsommer scheints kein Ende nehmen will… Aber wie heißt es immer prophetisch in einer Blockbuster-TV-Serie: „Winter is coming“, und damit wird auch die Zeit für diese leise tönende Klang-Wunderwelt kommen.
Postrock muss nicht ausschließlich mit auftürmenden Gitarrenwänden und wuchtigem Getrommel durch das Tor stürmen, im An- und Abschwellen der Intensität reicht mitunter auch der leise Teil, ohne der innewohnenden Dramatik Abbruch zu tun, VLMV haben das am Montagabend mehr als eindrucksvoll in der gebührenden Ernsthaftigkeit mit ihrem verletzlichen Kompositionen unter Beweis gestellt. Ganz ohne Gelärme ging’s aber dann auch beim Londoner Duo nicht über die Bühne, ihre traumwandlerisch schwebenden Slowcore-Perlen ließen die beiden Musiker durch Geräte-schraubende Verzerrung der geloopten Samplings in einem diffusen Drone-Fadeout final verrauschen.
Das Bauchgefühl täusche sich nicht mit seinem Rat zum Besuch der MMM-Oktober-Ausgabe in der „Glocke“, einziger Wermutstropfen zu dieser beseelten Veranstaltung war der schwache Besucherzuspruch, die ätherische konzertante Schönheit der beiden Briten hätte soviel mehr an zugewandtem Zulauf verdient, die eingangs erwähnte Parallel-Veranstaltung zog da wohl etliches an interessiertem Publikum in den anderen Saal.

Die von den Münchner Musikern Josip Pavlov und Chaspa Chaspo aus dem Umfeld der Postrock-Band Majmoon organisierte Do-It-Yourself-Serie Maj Musical Monday für Indie-, Post-, Experimental-, Noise-Rock, Artverwandtes und Multimedia-Installationen präsentiert am 19. November in der 90. Auflage der Reihe die US-amerikanische Minimal-/Artrock-Formation Facs mit ehemaligen Bandmitgliedern der Chicagoer Alternative-Combo Disappears sowie das Münchner Post-Dub/Postrock-Duo WhåZho aus dem hiesigen Gutfeeling-Stall, Glockenbachwerkstatt, Blumenstraße 7, München, 21.00 Uhr.

Reingehört (474): Sandro Perri

„One of the most singular producers in contemporary music.“
(Boomkat)

Sandro Perri – In Another Life (2018, Constellation Records)

Da steht demnächst was Feines ins Haus: Das neue Album vom Kanadier Sandro Perri, man of many talents. Bis dato sind bereits zahlreiche Veröffentlichungen des Musikers und Produzenten aus Toronto unter eigenem Namen wie Pseudonymen (Polmo Polpo, Glissandro 70, Off World) zu vermelden, von Postrock über Ambient-Experimente bis Folk ist eine breit gefächerte stilistische Auswahl im Angebot. Einige Jahre bei den wunderbaren Great Lake Swimmers indie-folkloristisch mitmusiziert, gemeinsame Arbeiten mit Stephen Malkmus und vielen anderen Alternative/Experimental-Experten, die Bühne mit Koryphäen wie Philip Glass, Michael Hurley, Tortoise und Destroyer geteilt, diese Vita lässt sich sehen.
Zum Einstieg in den neuen Tonträger klotzt Perri ordentlich und zelebriert das Hauptwerk genüsslich im Geiste des slow food: der über 24 Minuten lange Titeltrack „In Another Life“, ein leicht nervöses Zucken des sequentiellen Synthies im wunderschönen, minimalistischen Indiepop/Ambient-Rahmen, zu dem der Musiker seine tiefenentspannten, trägen, immer wiederkehrenden Lyrik-Loops singt, ein steter, langer und ruhiger Fluss als Mantra-artige Zeitlupen-Electronica-Inszenierung, die mit weniger Talent gesegnet wohl nach einigen Umdrehungen zu einschläfernder Monotonie führen würde, in dieser Form aber nie enden möge – ein Song wie Sonnen-durchflutete, entspannte und im Tagesrhythmus völlig entschleunigte Ferien, in denen niemand nach Anderem verlangt. Der US-amerikanische Folk-Singer David Munyon hat in seiner Nummer „Surfin“ einst die schöne Textzeile „I hope this summer vacation never ends“ untergebracht, Sandro Perri selbst nennt die Arbeitsmethodik zum neuen Album „an experiment in infinite songwriting“, und so wäre der Song über die Mehrdeutigkeit unrealisierter Utopien wohl der Soundtrack dieses Jahrhundert-Sommers schlechthin geworden, wäre er denn bereits offiziell veröffentlicht, aber auch im Frühherbst wird er noch unvermindert seinen magischen Zauber entfalten, ohne jeden Zweifel. Immerhin knapp 6 Minuten dieses exzellenten Indie-Electronica-Pop-Kleinods gibt es bereits jetzt als Exzerpt über diverse Streaming-Dienste zu erkunden, guckst und hörst Du unten.
Seite Zwei des Tonträgers ist ähnlich konzipiert, die vergleichsweise kürzeren drei Teile von „Everybody’s Paris“ sind Variationen zu einem Thema, die sich zu einem weiteren, zwanzig-minütigen Flow auswachsen, den Gesang zu Part 1 steuert Perri selbst bei und übergibt das Mikrophon dann im weiteren Verlauf des Song-Zyklus an André Ethier von der kanadischen Indierock-Band The Deadly Snakes, der seinerseits den Staffel-Stab final zum Destroyer/New-Pornographers-Sänger Dan Bejar reicht zwecks Ausfüllen des popmusikalischen Lückentextes, stilsicher arrangiert als Slow-Down-Hybrid im Spannungsfeld der neoklassischen Minimal Music, der artifiziellen Bar-Jazz-Croonerei und leichtfüßig-flockiger, abstrakter Ambient-Atmosphäre.
Sommer-Melancholiker, Leben-Entschleuniger, Harmonie-Süchtige, aufmerksame FreundInnen des gepflegten, intelligenten, einnehmenden, essenziellen Indiepop-Experiments, watch out: „In Another Life“ von Multitalent Sandro Perri erscheint am 14. September beim kanadischen Indie-Label Constellation Records.
(***** – ***** ½)

Low + Daniel Blumberg @ Ampere, München, 2018-06-25

Intensives Indie-Doppelpack mit zwei Emotional-Weltmeistern zum Wochen-Start im gut gefüllten Münchner Ampere, einmal solo, einmal in klassischer Trio-Besetzung: Bevor Alan Sparhawk und die Seinen die Bühne des Muffathallen-Clubs bespielten, bot der Londoner Kunst-Zeichner, Songwriter und ex-Yuck-Musiker Daniel Blumberg ein komplexes halbstündiges Eröffnungsprogramm und erntete damit alles andere als ungeteilte Zustimmung für seine Tondichtungen, die sich konzeptionell phasenweise wie Dylan-does-Metal-Machine-Music gerierten. Der junge Engländer startete relativ konventionell mit wunderschöner Singstimme, die sich irgendwo im ausgeprägten Tenor zwischen Musikanten-Kollegen wie Neil Young, Doug Martsch oder Sid Hillman (kennt den noch wer?) verorten lässt, und die in leidender Verfassung im tonalen Seelen-Strip die innere Zerrissenheit und Seelenpein des von diversen Dämonen heimgesuchten Künstlers nach außen zu kehren trachtete, begleitet von Folk-konformem Bluesharp-Gebläse und gefälligem Saiten-Anschlag in Moll, den Blumberg als tragfähiges Grundgerüst loopte für seine sporadisch eingeworfenen, extravaganten, keinen Noten oder gängigen Riffs/Akkorden mehr folgenden Gitarren-Experimente – erratische Fingerübungen, die das klassische Indie-Folk-Gerüst mittels No Wave und avantgardistischer Freiform-Improvisation zerhackten und bereits das Eröffnungsstück „Madder“ zu einer Vortragsdauer von über zwanzig Minuten dehnten. Die beiden weiteren Stücke – eines davon das sich in immer gleichen und endlos erscheinenden Vokal-Schleifen ergehende „Minus“, dem Titelsong seines jüngst bei Mute Records erschienenen Debüt-Albums unter eigenem Namen – kamen in deutlich gängigerem Song-Format auf den Punkt – oder für den ein oder anderen Zuhörer eben auch nicht, das gefangen nehmende, emotional anrührende Vortragen des britischen Musikers hatte für so manchen zu wenig an sich entwickelnden Geschichten und kompositorischem Fortgang zu bieten, ließ man sich jedoch ein auf das Trance-artige Gebetsmühlen-Lamentieren, gab es nicht zu knapp an bereichernden Entdeckungen in diesem angeschrägten Spannungsfeld zwischen karger, einnehmender, entschleunigter Folk-Melodik, individuellem LoFi/DIY-Ethos und nervöser Outsider-Weirdness.
Der Großteil der Zuhörerschaft wusste das experimentelle Anti-Folk-Klagen durchaus zu schätzen und so gab’s den langanhaltenden, verdienten Applaus, in dem bei so manchem durchaus der Wunsch nach Zugabe mitschwang.

Alan Sparhawk hat uns beim letztjährigen Raut-Oak-Fest mit seinem Seitenprojekt The Black-Eyed Snakes ordentlich Feuer unter dem Allerwertesten mit intensivstem Blues-/Trash-/Garagen-Rock gegeben, für dieses Jahr stand die kurze Konzertreise im alten Europa mit Gattin/Drummerin Mimi Parker, Basser Steve Garrington und somit seiner Stammformation Low auf dem Programm, dankenswerter Weise verschlug es das Trio aus der Dylan-Heimat Duluth/Minnesota nach arbeitsfreiem Sonntag – das Paar Sparhawk/Parker praktiziert bekanntlich den Mormonen-Glauben des Latter Day Saint Movements – in das bereits für die Band bestens vertraute Münchner Ampere nebst nur zwei weiteren bundesrepublikanischen Terminen in Duisburg und Dresden (am 8. und 9. Oktober dann nochmal zwei weitere Konzerte in Leipzig bzw. Berlin, bei der Gelegenheit den Ortsansässigen schwerst ans Herz gelegt).
Sparhawk und Co. hatten das Material des im September erscheinenden neuen Low-Tonträgers „Double Negative“ im Gepäck, die bereits vorab über diverse Streaming-Dienste bereitgestellten drei Titel „Quorum“, „Fly“ und „Dance And Fire“ waren neben einer Handvoll weiterer noch unveröffentlichter Arbeiten in den Live-Versionen weitaus weniger von Trance-hafter Indie-Electronica durchwirkt, dadurch aber umso zupackender und intensiver, wesentlich direkter auf den Punkt gebracht und als griffige Songs konzipiert, wie so viele der an diesem Abend präsentierten Nummern von „No Comprende“ über „Holy Ghost“ bis „Silver Rider“ auch, die bei Low in der Tonkonserve gerne und oft im völlig tiefenentspannten Slowcore, Shoegaze-Dream-Pop und Ambient-Indie an der Grenze zum völlig entrückten Stillstand mäandern, im konzertanten Gewand jedoch mit schrofferem Saiten-Anschlag auf der Danelectro-Gitarre mit permanentem Hang zum latenten Krachen, Nach-Hallen und drohendem Überdehnen in dissonantes Feedback, Pedal-Verzerrungen des virtuosen Bass-Spiels und stoischem Rudimentär-Trommeln ohne Hi-Hat weitaus mehr Drive, Intensität und rundum beglückende Indie-Rock-Magie verbreiteten.
Low boten neben den zu erwartenden, Tempo-reduzierten, von Vokal-Harmonien durchwehten Songperlen, minimalistisch arrangierten Wund- und Wehklage-Balladen und beseelten, hymnischen Indie-Pop-Elegien in geradezu gespenstischer, traumwandlerischer, sakraler Versunkenheit wiederholt eingestreute und dominierende, schwerst bereichernde Vehemenz-Exerzitien in Richtung emotionaler Noise-Ausbruch, introvertiertes wie gleichsam kraftvoll zupackendes Postrocken und einer gehaltvollen, euphorischen Indie/Alternative-Spielart, wie sie heutzutage viel zu selten von den Club-Bühnen dieser Welt schallt, gefangen nehmend und zeitlos wie der Downbeat-Surf-Pop vom Frühwerk „Sea“, das die Band als Westcoast-Ausgabe der ewigen Kult-Helden von Velvet Underground an kalifornischen Gestaden auftreten lässt.
Zum Auftakt des Zugabenblocks spielte das Publikum den Musikern zurufend Wunschkonzert, „(That’s How You Sing) Amazing Grace“ vom 2002er-Album „Trust“ machte das Rennen, das verzückte Konzertgänger-Volk trällerte Text-sicher und beseelt mit, frenetischer Applaus Ehrensache.
Der Merchandising-Stand hielt als Give-Away-Souvenir für jeden Gast ein schwarzes Pappe-Stück zum Bewerben des kommenden Tonträgers parat, ausgestattet mit zwei großen Löchern zum Durchschauen lässt sich das gute Teil beim nächsten Banküberfall wie in der Prunksitzung der kommenden Faschings-Saison Identitäts-verschleiernd einsetzen, nette Idee, mal was anderes nebst herkömmlichem CDs- und T-Shirts-Heimschleppen nach dem Konzert…
Wo immer sich die Gelegenheit ergibt: do yourself a favour, gehen Sie auf ein Low-Konzert, seien Sie glücklich, genießen Sie die Musik und vergessen Sie für 90 Minuten den Fußball-Video-Beweis, den unsäglichen Wahlkampf im schönen Bayernland, die Diktatur in der Türkei und den ganzen anderen Scheißdreck.

Gun Outfit @ Unter Deck, München, 2018-02-26

Der entspannte Start in die Woche am vergangenen Montagabend, von der stets verehrten Münchner Konzertagentur Clubzwei auf die Spur gebracht: Wenn es draußen bei zweistelligen Minus-Graden schneit, eist und windet, kommt im heimeligen Münchner Innenstadt-Club Unter Deck die Sonne Kaliforniens gerade recht daher, in Form des ureigenen Downtempo-/Slowcore-Westcoast-Rocks der L.A.-Formation Gun Outfit, die bereits im Vorjahr mit dem Album „Out Of Range“ unsere Herzen wärmte und das Gemüt erhellte, gleichwohl dem Umstand gewahr werdend, dass auch im Sound der Wahl-Kalifornier nicht alles eitel Sonnenschein ist und die Nebel-verschleierte und Wolken-verhangene Stimmung aus der ursprünglichen Heimat im Bundesstaat Washington herüberweht und weiter seinen Platz findet.
Zu intelligent, vielschichtig und doppelbödig ist der vordergründig luftige Gitarren-Flow des Quintetts, als dass der herkömmliche Westküsten-Softrock zum passenden Vergleich taugen würde – Cosmic American Music oder „Western Expanse Music“, wie die Combo selbst ihre Tonkunst benennt, im besten Sinne des Wortes, Alternative Country und Folk-Rock im Geiste der Byrds und der Dead in die Jetztzeit verfrachtet, staubtrockener, sandiger Desert-Sound und eine ergreifende Melancholie in den Indie-Balladen, von musizierender Versiertheit der Band dominiert, in der sich Sängerin/Gitarristin Carrie Keith mit ihrem Duett-Partner Dylan Sharp im Sangesvortrag und in der launigen Anmoderation die Bälle zuschmeißt, Basser Adam Payne, Drummer Daniel Swire und nicht zuletzt Multiinstrumentalist und Rauschebart David Harris an diversen Saiten-Instrumenten kongenial begleiten wie im Verbund eine feine, unterschwellige, dauerhaft präsente Psychedelic-Note und souveräne Entspanntheit im Vortrag präsentieren, wie man sie bis dahin nur von geschätzten Könnern wie Steve Gunn, Yo La Tengo oder den Feelies kannte.
Einen erhebenden wie würdigen Schlusspunkt setzte die Band nach einer guten Stunde kredenztem Eigenmaterial vornehmlich aus dem aktuellen Werk mit der Psychedelic-/Indie-Rock-Version der J.J.-Cale-Nummer „Downtown L.A.“, wie uns bereits seinerzeit der große Schweiger aus Oklahoma auf seinem 1982er-Album „Grasshopper“ glaubhaft versicherte, ist diese Gegend der City of Angels „a depressing place“, ein Moloch mit unzähligen Schattenseiten, und so war dann der Übergang nach Konzertende von der gewärmten Stube des Unter Deck hinaus in die frostige Münchner Winternacht hinsichtlich mentalem Umschwenken ein abgefedertes und thematisch halbwegs Vorbereitetes in Richtung unwirtliche Realitäten…
Gun Outfit unterstrichen einmal mehr im Nachspüren der Prärie-Geister und im musikalischen Durchstreifen der kalifornischen Canyons  – wie im vergangenen Jahr artverwandt etwa auch die Brüder Kenny und Hayden Miles vom Americana-Duo Wayne Graham – warum Jeff Tweedy und die Seinen trotz wesentlich üppigerer finanzieller und technischer Möglichkeiten in der Sparte immer mehr ins Hintertreffen geraten hinsichtlich Songwriting, Kreativität und schlauen Ideen, vielleicht sollten sie beizeiten einen „Grasshopper“-Grundkurs durchexerzieren, auch Wayne Graham haben sich seinerzeit mit „Drifters Wife“ dahingehend beim alten Cale bedient und das in letzter Zeit arg anödende Wilco-Zeug schnell vergessen gemacht – zeichnet sich da etwa ein Trend ab?
(*****)

Gun Outfit spielen heute im Hamburger Hafenklang, die restlichen Termine der Europa-Tournee wären die folgenden:

01. MärzAarhus – Tape
02. MärzKopenhagen – Stengade
03. MärzBerlin – Schokoladen