Slowcore

Emma Ruth Rundle + Jaye Jayle @ Milla, München, 2018-10-21

Nach außen gekehrte Seelen-Pein und Weiden am eigenen Weltschmerz, in klangvollen Tönen, am vergangenen Sonntagabend, im Doppelpack auf der Bühne des Münchner Milla. Wenige Lokalitäten dürften sich für derartige dunkel schimmernde Inszenierungen in der Stadt besser eignen als das Schlauch-artige Kellergewölbe im ehemals künstlichen, unterirdischen Flussbett des Glockenbachviertel-Clubs.

Das US-Quartett Jaye Jayle durfte den Boden bereiten und das Publikum mental einstimmen für den Auftritt der Königin der Nacht Emma Ruth Rundle, die Combo aus deren Plattenfirmen-Stall Sargent House formiert sich um Bandleader Evan Patterson, der daneben seit über einer Dekade bei der Indie-/Noise-Band Young Widows aus Louisville/Kentucky engagiert ist, zusammen mit dem Dark-Ambient-/Americana-Outfit Jaye Jayle erging sich der tätowierte Bär am Tag des Herrn in finsterem Neo- und Desert-Blues, verhallter, gespenstischer Southern-Gothic-Morbidität und schwerem Electronica-Drone in schwärzestem Moll.
Nachklingende, spartanische Gitarren-Akkorde, Kraut-rockende Synthie-/Keyboard-Nebel, das Gebetsmühlen-artige Psalmodieren beschwörender Mantren und ein stoisches Bass-Treiben lieferten im abgeklärt-illusionslosen Einklang den möglichen Soundtrack für kommende cineastische David-Lynch-Albträume, den Emma Ruth in ihrem Kraftwort-strotzenden Lobpreisen im Nachgang als „fuckin‘ awesome“ charakterisieren sollte. „Fuckin‘ Mark Lanegan“ hätte es wohl weitaus besser getroffen, im musikalischen Selbstverständnis des Quartetts fand sich vieles, was so oder annähernd ähnlich aus zahlreichen Solo- und Gutter-Twins-Arbeiten oder Duke-Garwood-Kollaborationen des großen Grüblers, sinisteren Schweigers und ex-Screaming-Trees-Grungers aus Seattle bekannt sein dürfte, in vergangenen Tagen ausgereifter und formvollendeter, in jüngster Zeit zu großen Teilen aber auch weitaus belangloser, und so mag es durchaus Sinn machen, wenn eine junge Band wie Jaye Jayle die Fackel des psychedelischen Crossovers aus umnachtetem, halluzinierendem Blues, Folk und Indie-Postpunk-Kraut weiter trägt, eine Fackel, die selbstredend nicht allzu hell leuchtet in einsamen, staubigen Wüsten, kalten Asphalt-Dschungeln und den dunklen Seelen-Kammern der eigenen Gemütszustände.
Nachdem die Uhr dann tatsächlich eine Vortragsdauer von annähernd vierzig Minuten anzeigte, die überraschend kurzweilig verstrichen, wird’s mit der Klangkunst des bärtigen Schwergewichts Patterson und seiner drei Begleiter durchaus was auf sich haben. Unheimliches Prärie-Amerika, tiefsinnig vertont, intensiv dräuend auf die Bühnenbretter gestellt – auch wenn’s nichts grundlegend Neues unter der Wüsten-Sonne oder dem Finsterwald-Mond war: trotzdem gern genommen.

Evan Patterson und der stoische Jaye-Jayle-Basser Todd Cook durften im Hauptteil des Abends weiter mit ihrer Präsenz glänzen, beide waren bereits bei der Entstehung und Einspielung des jüngst erschienenen Albums „On Dark Horses“ von Emma Ruth Rundle involviert und somit bestens vertraut mit dem Material, das die zierliche Schöne aus Los Angeles an diesem Abend im gut gefüllten Milla komplett zur Promotion der neuen Arbeiten präsentierte. Nach kalifornischer Sonne klingt die eindringliche und schwermütig-beseelte Songwriter-Kunst von Emma Ruth Rundle nach wie vor nicht, weit mehr nach diffusem Zwielicht in finsteren Schluchten des Death Valley oder nach Beschwörung dämonischer Manson-Family- und anderer unguter Geister in den Canyons des Westcoast-Molochs, dabei sind es vor allem die eigenen Befindlichkeiten, die Rundle mit ihren Songs in ihren dunklen, schmerzenden und beklemmenden Zuständen ergründet.
Weit weniger im Dark Folk verhaftet als bei ihrem München-Debüt vor gut zwei Jahren im Vorprogramm von David Eugene Edwards und seinem Wovenhand-Schamanismus, ohne Violine und ohne akustische Gitarre, mit klassischer Band-Besetzung die hohe Schule der elektrischen Gitarre pflegend, errichteten Emma Rundle und ihre Begleiter mit vehementen Sound-Schichten die Therapie-Räumlichkeiten für die Reflexion der Seelenzustände, des aufgewühlten Innenlebens und der heimsuchenden Plagegeister.
Dunkle Slowcore-Balladen und heftig lärmendes Doom- und Psychedelic-Rocken on the dark side of the Postpunk moon gaben die Orchestrierung für das lamentierende Lautklagen der charismatischen Sängerin, das in ihrem leidenden Flehen und Drängen pathetisch des Öfteren zu überdehnen drohte, mit ihrer angenehmen Dream-Pop-Stimmlage in bester Shoegazer-Seligkeit nichtsdestotrotz in morbider Schönheit glänzend den Weg ins Herz und Gemüt der Hörerschaft fand.
Das Auskosten des Kummers und die atmosphärische, verletzliche Melancholie sind zentrale Elemente nahezu jedes ERR-Songs und riskieren damit die einzelnen Nummern zur beliebigen Austauschbarkeit zu verdammen, die junge Kalifornierin umschifft diese scharfkantige Klippe geschickt mit Variationen im interpretierenden Vortrag durch entrücktes Hinhauchen in filigraner Manier wie drängendem, ungeduldigem, verlangendem Fordern an der Grenze zum verzweifelten Schrei in der heftigen Ausprägung, die Band folgt ihr in Steigerung der Dramaturgie mit Postrock-verhaftetem An- und Abschwellen der von lärmenden Gitarren gefluteten Klangwellen, Emma Ruth Rundle erinnert sich im Rahmen der laufenden Tour offensichtlich ihrer eigenen Postmetal-/Experimental-Wurzeln mit den US-Bands Red Sparowes, Marriages und Nocturnes.
Mit knapp über einer Stunde war das Konzert nicht allzu opulent anberaumt, neben „On Dark Horses“ als Gesamtwerk gab es eine Handvoll Songs vom Vorgänger-Album „Marked For Death“, mancher Gast hätte sich zu der Gelegenheit wohl noch die ein oder andere Song-Dreingabe erwartet, zumal der solistische Abschluss mit eigener, puristischer Drone-/Noise-Gitarren-Begleitung zum finalen Seelen-Strip „Shadows Of My Name“ das künstlerische Level nochmals zu steigern wusste und Lust auf mehr von diesen minimalistischen, schnörkellosen Lebensbeichten machte – andererseits war im Wesentlichen alles gesagt zur Befindlichkeit der Emma Ruth Rundle und die stilistischen Möglichkeiten im Rahmen ihrer musikalischen wie emotionalen Selbstfindung ausgereizt, insofern: Schluss machen, wenn die Seele am schmerzlich-schönsten brennt…

Hierzulande sind Emma Ruth Rundle und Jaye Jayle noch zu folgenden Gelegenheiten im Rahmen ihrer ausgedehnten Europa-Tournee zu sehen: Heute Abend im Berliner Bi Nuu; morgen, am 24. Oktober, im Hafenklang Hamburg.

Werbeanzeigen

VLMV @ Maj Musical Monday #89, Glockenbachwerkstatt, München, 2018-10-15

Freundinnen und Freunde des gepflegten Postrock-Entertainments hatten am vergangenen Montagabend die Qual der Wahl, zur Auswahl standen vierfach geballte Vollbedienung der lauteren Gangart des Genres im Import/Export mit den amerikanischen Postmetallern von Shy,Low und den bajuwarischen Vertretern Pictures From Nadira, Noise Raid und MarrowVoltage, oder alternativ das entspanntere Driften in die konzertante Woche, im Rahmen der 89. Ausgabe des Maj Musical Monday in der Münchner Glockenbachwerkstatt mit dem Londoner Duo VLMV (früher/sprich „Alma“) – da war Grübeln angesagt ob des momentan voll bepackten Münchner Konzert-Kalenders, Letzteres sollte es sein, da Zweiteilen unmöglich, der faire Münzwurf in dem Fall auch nicht weiterhalf und im Zweifel der inneren Stimme stets Gehör zu schenken ist.
„An Almost Silent Life“ betitelte die nordenglische Indie-Formation Dakota Suite um Weltschmerz-Verinnerlicher Chris Hooson ihr 2012er Glitterhouse-Album, ein Motto, das sich auch für das Münchner VLMV-Konzert mit einem Set größtenteils aus den Nummern des im vergangenen Frühjahr erschienenen Longplayers „Stranded, Not Lost“ und die weitern veröffentlichten Arbeiten der Formation als thematischer Aufhänger anbieten würde, im stilistischen Ansatz sind die beiden jungen Soundkünstler Pete Lambrou und Ciaran Morahan mit ihrem nach innen gekehrten musikalischen Grundverständnis sowieso kaum weiter als in Steinwurf-Distanz von der Slowcore-Band aus Leeds entfernt. Wo sich Hooson und Co im völlig entschleunigten Songwriter-Indierock weiden, zelebrieren die beiden Londoner eine Postrock- und Dark-Ambient-affinere Spielart der leisen Töne, nicht zuletzt wohl in prägender Anlehnung an den eigenen Background, neben ihrem separaten Duo-Projekt sind beide Musiker bei der südenglischen Instrumental-Postrock-Band Codes In The Clouds engagiert. Gemeinsam entwerfen Lambrou und Morahan mittels wunderbar eleganter, reiner und einschmeichelnder Moll-Gitarren-Töne, getragener, gesampelter Violinen- und Piano-Neoklassik und live geloopter Melodien-Bögen anrührende und in ihrer nahezu unfassbaren Schönheit fast schon schmerzhafte Songs und erhabene Soundlandschaften. An der Grenze zur Zerbrechlichkeit besingt Gitarrist Pete Lambrou mit filigranem, leisem Intonieren die Downtempo-Shoegazer-Preziosen, die Duett-Partner Ciaran Morahan durch experimentelles Bespielen der Gitarre mit einem Drum-Stick als Geigenbogen- und Bottleneck-Ersatz, dem Effekte-generierenden Einsatz der Pedals und Bedienen der elektronischen Gerätschaften zu großartig erhebenden, atmosphärischen Hymnen und Song-Epen verdichtet. VLMV liefern mit ihrer introvertierten Melancholie, dem dezent nachhallenden, zu der Gelegenheit exzellent abgemischten Kammermusik-Sound und dem nachdenklichen, meditativen, zu Teilen in andere Welten entrückten Grundton ihrer Songs die musikalische Untermalung für Nebel-verhangene Herbsttage, für die innere Einkehr und den tönenden Rückzugsraum im hektischen Treiben unserer Zeit, schade eigentlich, dass dieser Sonnen-durchflutete Jahrhundertsommer scheints kein Ende nehmen will… Aber wie heißt es immer prophetisch in einer Blockbuster-TV-Serie: „Winter is coming“, und damit wird auch die Zeit für diese leise tönende Klang-Wunderwelt kommen.
Postrock muss nicht ausschließlich mit auftürmenden Gitarrenwänden und wuchtigem Getrommel durch das Tor stürmen, im An- und Abschwellen der Intensität reicht mitunter auch der leise Teil, ohne der innewohnenden Dramatik Abbruch zu tun, VLMV haben das am Montagabend mehr als eindrucksvoll in der gebührenden Ernsthaftigkeit mit ihrem verletzlichen Kompositionen unter Beweis gestellt. Ganz ohne Gelärme ging’s aber dann auch beim Londoner Duo nicht über die Bühne, ihre traumwandlerisch schwebenden Slowcore-Perlen ließen die beiden Musiker durch Geräte-schraubende Verzerrung der geloopten Samplings in einem diffusen Drone-Fadeout final verrauschen.
Das Bauchgefühl täusche sich nicht mit seinem Rat zum Besuch der MMM-Oktober-Ausgabe in der „Glocke“, einziger Wermutstropfen zu dieser beseelten Veranstaltung war der schwache Besucherzuspruch, die ätherische konzertante Schönheit der beiden Briten hätte soviel mehr an zugewandtem Zulauf verdient, die eingangs erwähnte Parallel-Veranstaltung zog da wohl etliches an interessiertem Publikum in den anderen Saal.

Die von den Münchner Musikern Josip Pavlov und Chaspa Chaspo aus dem Umfeld der Postrock-Band Majmoon organisierte Do-It-Yourself-Serie Maj Musical Monday für Indie-, Post-, Experimental-, Noise-Rock, Artverwandtes und Multimedia-Installationen präsentiert am 19. November in der 90. Auflage der Reihe die US-amerikanische Minimal-/Artrock-Formation Facs mit ehemaligen Bandmitgliedern der Chicagoer Alternative-Combo Disappears sowie das Münchner Post-Dub/Postrock-Duo WhåZho aus dem hiesigen Gutfeeling-Stall, Glockenbachwerkstatt, Blumenstraße 7, München, 21.00 Uhr.

Reingehört (474): Sandro Perri

„One of the most singular producers in contemporary music.“
(Boomkat)

Sandro Perri – In Another Life (2018, Constellation Records)

Da steht demnächst was Feines ins Haus: Das neue Album vom Kanadier Sandro Perri, man of many talents. Bis dato sind bereits zahlreiche Veröffentlichungen des Musikers und Produzenten aus Toronto unter eigenem Namen wie Pseudonymen (Polmo Polpo, Glissandro 70, Off World) zu vermelden, von Postrock über Ambient-Experimente bis Folk ist eine breit gefächerte stilistische Auswahl im Angebot. Einige Jahre bei den wunderbaren Great Lake Swimmers indie-folkloristisch mitmusiziert, gemeinsame Arbeiten mit Stephen Malkmus und vielen anderen Alternative/Experimental-Experten, die Bühne mit Koryphäen wie Philip Glass, Michael Hurley, Tortoise und Destroyer geteilt, diese Vita lässt sich sehen.
Zum Einstieg in den neuen Tonträger klotzt Perri ordentlich und zelebriert das Hauptwerk genüsslich im Geiste des slow food: der über 24 Minuten lange Titeltrack „In Another Life“, ein leicht nervöses Zucken des sequentiellen Synthies im wunderschönen, minimalistischen Indiepop/Ambient-Rahmen, zu dem der Musiker seine tiefenentspannten, trägen, immer wiederkehrenden Lyrik-Loops singt, ein steter, langer und ruhiger Fluss als Mantra-artige Zeitlupen-Electronica-Inszenierung, die mit weniger Talent gesegnet wohl nach einigen Umdrehungen zu einschläfernder Monotonie führen würde, in dieser Form aber nie enden möge – ein Song wie Sonnen-durchflutete, entspannte und im Tagesrhythmus völlig entschleunigte Ferien, in denen niemand nach Anderem verlangt. Der US-amerikanische Folk-Singer David Munyon hat in seiner Nummer „Surfin“ einst die schöne Textzeile „I hope this summer vacation never ends“ untergebracht, Sandro Perri selbst nennt die Arbeitsmethodik zum neuen Album „an experiment in infinite songwriting“, und so wäre der Song über die Mehrdeutigkeit unrealisierter Utopien wohl der Soundtrack dieses Jahrhundert-Sommers schlechthin geworden, wäre er denn bereits offiziell veröffentlicht, aber auch im Frühherbst wird er noch unvermindert seinen magischen Zauber entfalten, ohne jeden Zweifel. Immerhin knapp 6 Minuten dieses exzellenten Indie-Electronica-Pop-Kleinods gibt es bereits jetzt als Exzerpt über diverse Streaming-Dienste zu erkunden, guckst und hörst Du unten.
Seite Zwei des Tonträgers ist ähnlich konzipiert, die vergleichsweise kürzeren drei Teile von „Everybody’s Paris“ sind Variationen zu einem Thema, die sich zu einem weiteren, zwanzig-minütigen Flow auswachsen, den Gesang zu Part 1 steuert Perri selbst bei und übergibt das Mikrophon dann im weiteren Verlauf des Song-Zyklus an André Ethier von der kanadischen Indierock-Band The Deadly Snakes, der seinerseits den Staffel-Stab final zum Destroyer/New-Pornographers-Sänger Dan Bejar reicht zwecks Ausfüllen des popmusikalischen Lückentextes, stilsicher arrangiert als Slow-Down-Hybrid im Spannungsfeld der neoklassischen Minimal Music, der artifiziellen Bar-Jazz-Croonerei und leichtfüßig-flockiger, abstrakter Ambient-Atmosphäre.
Sommer-Melancholiker, Leben-Entschleuniger, Harmonie-Süchtige, aufmerksame FreundInnen des gepflegten, intelligenten, einnehmenden, essenziellen Indiepop-Experiments, watch out: „In Another Life“ von Multitalent Sandro Perri erscheint am 14. September beim kanadischen Indie-Label Constellation Records.
(***** – ***** ½)