Songwriter

Konzert-Vormerker: Steve Wynn & Chris Cacavas

Legenden des amerikanischen Alternative Rock im Doppelpack am kommenden Sonntag im Münchner Unter Deck: Der Live-Club im Herzen der Innenstadt präsentiert den Duo-Auftritt von Steve Wynn und Chris Cacavas als letzten Deutschland-Gig im Rahmen der laufenden Europa-Tournee der seit Jahren befreundeten Musiker.

Die beiden Songwriter waren mit ihren Veröffentlichungen ab den Achtzigern stilbildend für die Entwicklungen im Indie-, Folk- und Desert-Rock. Steve Wynn prägte mit seinen Bands The Dream Syndicate und Danny & Dusty wie kaum ein anderer die Spielart des psychedelischen Paisley Underground, der im Folgenden den Sound von allseits bekannten Formationen wie R.E.M., den Bangles oder das Songwriting der neuseeländischen Gitarren-Combos aus der Dunedin-Szene maßgeblich beeinflusste. Daneben veröffentlichte er zahlreiche Solo-Aufnahmen, formierte die kurzlebige Indie-Supergroup Gutterball und das sporadisch mit Konzept-Alben aufwartende Baseball Project. Chris Cacavas wird seit Jahrzehnten für die Veröffentlichungen und Shows mit der Combo Junkyard Love und sein Engagement bei den Tucson/Arizona-Institutionen Green On Red und Giant Sand geschätzt.

Wer bereits in den vergangenen Days Of Wine And Roses Auftritten der beiden US-Indie-Größen beiwohnen durfte, weiß, was am kommenden Sonntagabend zu erwarten ist: Eine Auswahl an exzellentem, zeitlosem Songmaterial aus einem reichhaltigen Œuvre, vorgetragen von zwei herausragenden wie hoch sympathischen Musikern, garniert mit der ein oder anderen humorigen Anekdote aus dem prallen Leben im Auftrag des Rock and Roll.

Steve Wynn & Chris Cacavas
Unter Deck, Oberanger 26, München
1. Dezember 2019, 20.30 Uhr.

frameless23: Tomoko Sauvage, David Allred, Markus Muench @ Einstein Kultur, München, 2019-10-15

Letzte Runde vor der Winterpause in 2019 der Münchner frameless-Reihe für experimentelle Musik und Medien-Kunst im digitalen Zeitalter am vergangenen Dienstag-Abend in den Kellergewölben des Einstein Kultur: Die 23. Ausgabe wartete mit zwei Konzerten auf, die in Konzeption und musikalischer Ausdrucksform nicht unterschiedlicher hätten ausfallen können.

Im ersten Teil präsentierte die französisch-japanische Klangforscherin Tomoko Sauvage ihre „Aquarian Audio“-Exerzitien mit höchst unkonventionellem Instrumentarium. Die Künstlerin setzt sich in ihren Arbeiten seit längerem mit dem Element Wasser auseinander. In ihrer esoterischen Performance am vergangenen Dienstag arbeitete sie mit befüllten Porzellan- und Glas-Schüsseln, in denen sie mit Ton-Abnehmern, Mikrofonen, Feedback-verzerrenden Gerätschaften und angeschlossenen Synthies das Umrühren und Schöpfen im nassen Element, die Tropfen, das Wogen der erzeugten Wellen und das Schaben mit Steinen am Boden der Wasser-Schüsseln in abstrakte Klang-Gebilde, Glocken- und Gong-ähnliche Einzel-Töne, extrem reduzierte Ambient-Meditationen und metallenes Pochen in Anlehnung an simple Industrial-Drones übersetzte.
Die Virtuosität der Musikerin offenbarte sich in homöopathischen Dosen, damit war in diesem vierzig-minütigen Flow an digital bearbeitetem Natursound wenig Varianz oder gar Vielfalt geboten. Experimenteller Ambient an der Grenze zum klanglichen Stillstand, in dem der kontemplative Ansatz mehr und mehr zur Einschlaf-Hilfe verkam. Ein spannender Offset an technischem Equipment und eine individuelle, bis dahin nicht gehörte Herangehensweise zum Erzeugen von Tönen, mit äußerst dürftigem Output. Ambient geht woanders weitaus spannender, zur Not auch mit althergebrachtem Geräte-Schrauben erzeugt, da braucht’s nicht literweise Wasser, in dem jedes Flossen-Zucken eines Goldfischs für mehr Aufregung gesorgt hätte als dieses urfade Geplätscher…

Kontrapunkt zur experimentellen Aufführung von Tomoko Sauvage setzte der Amerikaner David Allred aus Portland/Oregon im zweiten Teil der Veranstaltung mit klassischem Songwriting und reduziertem, minimalistischem Neo-Folk. Eingangs zwei Gitarren-begleitete Songs, bevor der junge Musiker zum Klavier-Vortrag an den großen Flügel wechselte, eine der Nummern eine gelungene Cover-Version von „True Love Will Find You In The End“ aus der Feder von Daniel Johnston, dem manisch-depressiven, vor kurzem viel zu früh in die ewigen Jagdgründe eingegangenen Großmeister des LoFi-Indie. Wo das Original windschief und schräg sein großes Pop-Potential zu verbergen sucht, ist die Allred-Interpretation dagegen feine Songwriter-Folk-Kunst in geradezu konventioneller Ausgestaltung, das ist grundlegend nichts Neues bei Johnston-Bearbeitungen, bei zahlreichen Perlen an Liedgut-Interpretationen aus der Feder der Outsider-Kultfigur von Teenage Fanclub über Hugo Race bis Yo La Tengo verhält sich das keinen Deut anderes.
Allreds eigene Songs sind erhabene, unaufgeregte Auseinandersetzungen mit den Veränderungen des Lebens, den existentiellen Unausweichlichkeiten, mit dem plötzlichen Verschwinden vertrauter Personen, die wahlweise vielleicht irgendwann wieder völlig unerwartet auftauchen werden oder mit der Zeit dem völligen Vergessen anheimfallen. Die zur Melancholie, mitunter zur Schwermut neigenden, klar strukturierten wie eindringlichen Klavier-Kompositionen mögen von Eindrücken aus einer früheren Tätigkeit des Musikers als Altenpfleger geprägt sein, gleichwohl ist David Allred keiner, der den Weltschmerz und die Unausweichlichkeit der letzten Dinge als Dünger zum Blühen der tiefschwarzen Blumen seiner Gemütslage einsetzt. Zur Veröffentlichung seines aktuellsten, mit Landsmann Peter Broderick eingespielten Werks im vergangenen Sommer merkt er an: „In ‚The Cell‘ geht es darum, die Dunkelheit in unserem individuellen Leben als strategische Methode anzuerkennen, um ein tieferes Verständnis dafür zu erlangen, wie wir uns in einer extrem dissonanten Welt mit Optimismus, Harmonie und Licht fortbewegen können.“ Anker dafür hat er auch im konzertanten Vortrag mit seinen kurzweiligen, tiefgründigen wie anrührenden Kurzgeschichten gegeben, mit nüchternem, in der Stimmlage wenig variierenden Sangesvortrag im Song-Format und ausgewählten, getragenen Klavier-Instrumentals, die im Tasten-Anschlag mitunter an die Werke von George Winston, Mark Kozelek oder Randy Newman erinnern. David Allreds Kunst ist in ihrer Ernsthaftigkeit alles andere als heiter, dabei doch trotz schwergewichtiger Thematik von einer nicht zu greifenden, luftigen Entrücktheit durchdrungen und somit bestens geeignet, dem Unausweichlichen die Schärfe zu nehmen. Klare, erhellende, minimalistische Kompositions-Strukturen gegen die Herbst- und Winter-Depression, so soll es sein.

Die Medienkunst im Nebenraum des Konzert-Gewölbes installierte an diesem Abend der Münchner Klangforscher Markus Muench. Sein Sound-Sampling lunar_ zum 50-jährigen Jubiläum der ersten Mondlandung verwendete zahlreiche Original-Aufnahmen aus Interviews mit den Astronauten, verzerrte Dialoge aus dem Funk-Verkehr, Hintergrund-Geräusche und viele weitere Aufzeichnungen aus dem NASA-Archiv. Die Field-Recordings aus den Tiefen des Alls wurden mit filmischen Zeit-Dokumenten wie verwackelten Bildern von der Mond-Oberfläche unterlegt. Im Rahmen von frameless23 wurde erstmals die komplette Installation gezeigt.

Robert Forster @ Hansa39, München, 2019-05-09

Denn Länder, in denen man sorglos gelebt / verlässt man ohne Betrüben
Doch das Land, mit dem wir gehofft und gebebt / das werden wir ewig, ewig lieben
(Hanns Eisler)

A sort of homecoming oder: Helden-Gedenktag am vergangenen Donnerstag-Abend im Münchner Feierwerk. Die australische Indie-Legende Robert Forster war mit neuer Band zur Präsentation des aktuellen Albums „Inferno“ inklusive eingehender Würdigung der eigenen musikalischen Vergangenheit in der Stadt zu Gast, die altgediente Gefolgschaft dankte es gebührend mit einem ausverkauften Hansa39-Saal.

Nach der Veröffentlichung seines wunderbaren Solo-Werks „The Evangelist“ im Jahr 2008 war in Europa lange Zeit nichts mehr zu vernehmen von Robert Forster, der Songwriter aus Brisbane/Queensland verdingte sich in den folgenden Jahren journalistisch vor allem als Musik-Kritiker bei diversen australischen Magazinen, in jüngster Vergangenheit wie aktuell ist er dankenswerter Weise wieder präsenter in der Öffentlichkeit, mit neuen Aufnahmen, der lesenswerten Autobiografie „Grant & Ich“ über seine Zeit mit den Go-Betweens und dem 2006 verstorbenen Freund und Band-Mitbegründer Grant McLennan, mit einhergehenden Veranstaltungen zur Buch-Präsentation und feinen Solo-Konzerten.
Am Donnerstag dann Robert Forster nach über zehn Jahren wieder im vollen Band-Ornat in München, es sollte ein erinnerungswürdiger Abend werden. Begleitet von einer international besetzten und vor allem exzellent eingespielten Formation – eine grundsolide schwedische Rhythmus-Abteilung, der grandiose Lead-Gitarrist wie der Meister selbst aus Australien, mit Karin Bäumler aus dem bayerischen Regensburg die eigene Ehefrau als Klangbild abrundende Violinistin, so funktioniert Landes- und Kontinente-übergreifende Kooperation. Forster selbst gab als Frontmann wie stets den charmanten, bestens aufgelegten Con­fé­ren­ci­er, die Band zauberte zum Ohrwurm-artigen, ureigenen Indie-Pop- und Folk-Sound des profilierten Songwriters dezente Surf- und Alternative-Country-Zitate, die den Nummern keine neuen Wendungen, aber doch die ein oder andere zusätzliche ungeahnte Nuance angedeihen ließen. Selbst die fünf präsentierten Stücke aus dem eine Spur zu gefällig und austauschbar geratenen aktuellen Album „Inferno“ atmeten im Live-Vortrag einen anderen Geist, bekamen durch den unbehandelten Bühnen-Sound mehr Tiefgang, Ecken, Kanten und einen ansprechenderen Charakter verpasst, zweifelnde Bedenken hinsichtlich des jüngsten Outputs zerstreuten sich damit in Windeseile. Das vorangegangene Werk „Songs To Play“ aus 2015 war mit einer Auswahl auf der Setlist vertreten, daneben die nachdenkliche Ballade „Demon Days“ vom „Evangelist“-Album, sein solistisches Früh-Werk sparte Forster hingegen komplett aus. Dafür gab es zur großen Freude der an den Lippen des Sängers hängenden Getreuen einen pointierten Überblick über die komplette Schaffens-Phase der Go-Betweens, bei flott scheppernden Klassikern wie „Spring Rain“ oder „Man O’Sand To Girl O’Sea“, den emotional schwerst anrührenden Balladen „Finding You“ und „Dive For Your Memory“ oder der herrlich erhabenen Ode an die „Clarke Sisters“ ließ es sich angenehmst in Erinnerungen an große, lange zurückliegende Auftritte und Tonträger-Meilensteine der Indie-Pop-Institution von Down Under schwelgen, die ein oder andere Träne der Freude zerdrücken oder den großen Zeiten der alternativen Szenen in den Achtzigern gedenken, in denen die Australier neben Bands wie den Smiths, Felt, den Television Personalities oder den verehrten neuseeländischen Flying-Nun-Combos die Herzen der Melodie-verliebten Hörerschaft verzauberten.
Mit „Learn To Burn“ gab Forster gegen Ende als semi-scharfer Crooner den anheizenden Bühnen-Entertainer, und bei der heute noch ohne Abstriche schwerst schmissigen Indie-Perle „Don’t Let Him Come Back“ mochte man die Tatsache nicht fassen, dass seit Veröffentlichung des Songs als B-Seite der zweiten Go-Betweens-Single sage und schreibe vierzig Jahre ins Land gegangen sind. Wenn das Prädikat „Zeitlos“ zu vergeben ist, darf nach wie vor so ziemlich jeder jemals aufgenommene Song der australischen Indie-Ikonen unwidersprochen laut „Hier“ schreien.
Dem Münchner Publikum wird gerne und ab und an auch völlig zurecht eine gewisse Reserviertheit in der Reaktion auf großartigste konzertante Darbietungen nachgesagt, nichts davon am Donnerstag bei Forster und Co im Hansa39: Minutenlange, euphorische Dankbarkeit über diesen Auftritt mittels stürmischem Applaus zum Ende hin, und wenn das hiesige Volk mal aus sich herausgeht, dann bleibt es auch draußen aus dem Rahmen der eigenen Beschränkungen, egal ob beim alljährlichen Theresienwiesen-Massenbesäufnis, beim 1860-Aufstieg oder aktuell hier im ausgiebigen Mitsingen und Schunkeln zur finalen Nummer „Surfing Magazines“, zu der Robert Forster spontan im lokalen Bezug auch noch den Eisbach im Englischen Garten ins Spiel brachte.

Erhebende, herzergreifende Indie- und Folk-Rock-Auftritte wie diese völlig unaufgeregte, über jeden Zweifel erhabene 100-Minuten-Show vom vergangenen Donnerstag-Abend sind konzertante Sternstunden, die Songs des Robert Forster sind seit den Tagen der längst vergangenen Jugend, seit mittlerweile einem halben Menschenleben treue Begleiter, unvermindert Labsal für Seele wie Gemüt und musikalischer Anker in stürmischen Zeiten. Heimat in dem Sinn, dass Heimat immer dort ist, wo das Herz weh tut, und nachdem solche heiligen Momente des Sentiments langsam Seltenheitswert bekommen, ist die Deklaration des Werks vom Grandseigneur des australischen Indie-Pops zum immateriellen Weltkulturerbe längst überfällig.