Southern Gothic

Reingehört (469): David Eugene Edwards & Alexander Hacke

David Eugene Edwards & Alexander Hacke – Risha (2018, Glitterhouse Records)

16-Horsepower- und Wovenhand-Schamanismus, mit anderen Mitteln umgesetzt, oder: indianische Geisterbeschwörungen treffen auf Berliner Avantgarde-Kunst. Man kennt und schätzt sich seit gemeinsamen Beiträgen zur Musik des Stummfilms „The Glasshouse“ von Danielle de Picciotto, zur bis dato letzten Reinkarnation der australischen Düster-Neoblues-Combo Crime And The City Solution und den Arbeiten zum Abmischen des 2012er Wovenhand-Albums „The Laughing Stalk“, jetzt hat sich erstmals die Gelegenheit zu einer gemeinsamen Kooperation/Duo-Arbeit für David Eugene Edwards und Alexander Hacke ergeben.
Der Wovenhand/ex-16HP-Wanderprediger und der Einstürzende-Neubauten-Noise-Experimentator lassen auf „Risha“ (arabisch für „Feder“) organische und digitale Klangwelten aufeinander einwirken und in einem erstaunlich harmonischen, über die Maßen gelungenen, gegenseitigen Befruchten gedeihen. Der von welchen Geistern auch immer getriebene Southern-Gothic-Preacher Edwards entführt wie bereits so oft in der Vergangenheit geschehen in karge, Wind-durchwehte, alttestamentarische Wüstenlandschaften, in denen seine gespenstischen, manisch schwadronierten Beschwörungsformeln um so nachhaltiger ihre hypnotische, intensiv einwirkende Kraft entfalten, im Prinzip treibt er hier nichts anderes als auf den meisten Tonträgern und jüngsten Konzerten seiner Stammcombo auch, deren Nummern sich mit den Jahren mehr und mehr in einer betörenden Wucht steigerten und auf der aktuellen Duett-Arbeit das Level auf dem Niveau des letzten Wovenhand-Tonträgers „Star Treatment“ konservieren, hier eben alternativ zu schneidenden Gitarrenriffs und donnernden Trommeln durch massives Electronica-/Post-Industrial-Sampling, atmosphärische Ambient-Downtempo-Bässe, Synthie-Drones und treibende, artifizielle Rhythmik aus der programmierten Beatbox von Alexander Hacke angereichert. Der Neubauten-Berserker, Zerstörer gängiger Sound-Entwürfe und Angreifer tradierter Hörgewohnheiten zeigt sich auf der Duett-Premiere erstaunlich wenig im lärmenden Chaos verhaftet, gibt vielmehr einen schöpfenden, erschaffenden Gott an den Reglern und Geräte-Schraubknöpfen und fügt sich so durch seine abstrakten Klangmalereien mit kaum wahrnehmbaren tonalen Reibungsverlusten wunderbar passend in das Edwards’sche Crossover aus Desert Blues, Alternative Country, Native American Geistertanz-Folk und düster-religiöser Gospel-Psychedelic, die der gerne mit indianischer Mystik und biblischer Symbolik hantierende Songwriter aus Denver/Colorado auf „Risha“ dem Titel entsprechend um arabische Sound-Elemente, Klampfen auf der persischen Langhals-Laute Saz und der Bouzouki, nahöstliche Folk-Zitate und orientalische Taktgebung erweitert, schwergewichtige Klangdramatik fernab jeglicher Folk-Pop-Beschwingtheit bleibt selbstredend obligatorisch.
Der Soundtrack für die heftigen Sommergewitter. Thunder and Lightning, und Sintflut sowieso…
(*****)

Die große Kraft des Manitou meets the Spirit of Electronica, konzertant im Spätherbst zu folgenden Gelegenheiten:

20.10.Berlin – Lido
26.10.Amsterdam – Paradiso
29.10.Brussels – Orangerie
30.10.Paris – La Maroquinerie
27.10.Köln – Stadtgarten
28.10.Nijmegen – Doornroosje
01.11. – München – Strom
02.11.Zürich – Bogen F
08.11. – Wien – Flex

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Raut-Oak Fest 2018 @ Riegsee, 2018-06-08

This is how we do things in the country: Drei Tage Muddy Roots, Raw Underground & Deep Blues in the Spirit of Chris Johnson nebst einer Handvoll artverwandter stilistischer Vertreter links und rechts von der einzig wahren Ur-Suppe: Das lang herbeigesehnte Raut-Oak-Wochenende im schönen Murnauer Voralpen-Land, endlich war es da: 3 Tage Open-Air-Rundum-Glücklich-Vollbedienung vor herrlichstem Bergpanorama im Grünen der sanften Hügellandschaft hinter der 1200-Seelen-Gemeinde Riegsee und dem gleichnamigen Gewässer aus der Würmeiszeit, mit einer handverlesenen und kaum mehr zu toppenden Musikanten-Schar aufwartend, organisiert und präsentiert from the one and only Christian Steidl, Son of Riegsee, Father of AWay Concerts, Holy Ghost of So-stellt-man-das-rundum-grandioseste-Open-Air-Festival-zwischen-Auer-Mühlbach-und-Mississippi-auf-die-Füsse.

Der Start konnte nicht besser gelingen, bei herrlichem Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen unterstrichen Christian Berghoff und Sebastian Haas einmal mehr mit ihrem Duo Pretty Lightning, dass der psychedelische Desert Blues auch im Saarland seine Kakteen-Blüten treibt und sich zu einem berauschenden Mescal-Gebräu destilieren lässt. Verzerrte Gitarren und ein harter Rhythmus-Anschlag verdichten sich bei Pretty Lightning zu diffus lichternder, gespenstischer Drone-Blues-Mystik und einem ureigenen, Spannungs-geladenenen Delta-Flow, der neben den experimentellen Halluzinationen die uralte Blues-Tradition nicht zu kurz kommen lässt. Der Soundtrack für die Schamanen-Beschwörung zu mitternächtlicher Stunde am Lagerfeuer am Rande der Wüste, am helllichten Tag im üppigen oberbayerischen Grün, und damit ungewollt irgendwelche Wettergötter oder andere bösen Geister wachgerufen und/oder geschmäht, denn dann kamen sie, die Unwetterwolken, so offensichtlich unausweichlich zu der Gelegenheit wie der noch anstehende jährliche Raut-Oak-Auftritt vom großartigen James Leg. Nimmt man den furiosen Sound-Orkan des ehemaligen Black-Diamond-Heavies-Musikers immer wieder gerne mit Kusshand, hätte man auf das aufziehende Gewitter am Freitagnachmittag wie auf alle anderen Sintfluten bei den vorangegangenen Riegsee-Festivals getrost verzichten können. Der Anglizismus vom „Showstopper“ dürfte selten treffender gewesen sein, heftigste Hagelschauer, Windböen, Dauerregen, Sturzbäche und überflutetes Geläuf brachten den Festival-Betrieb für die nächsten vier Stunden völlig zum Erliegen, Bühne und Beschallungs-Anlage wurden schwer in Mitleidenschaft gezogen, zwischenzeitlich musste mit komplettem Abbruch der Konzerte des verbleibenden Freitags-Programms gerechnet werden.

Viele helfende Hände brachten die Nummer nach etlichen Reparatur- und Entwässerungs-Aktionen dann doch wieder in trockene Tücher, das US-Trio Shotgun Sawyer aus Auburn/California konnte mit Verspätung den abrupt abgebrochenen Soundcheck fortsetzen, sodann das durchweichte Publikum mit ihrem lärmenden Uptempo-Blues beglücken und Howlin‘ Wolf mit dem Led Zeppelin fliegen lassen – roher und intensiver Krach-Blues, der ab und an etwas verschämt in Richtung Hippie-Psychedelic spechtete wie im Großen und Ganzen mit einer soliden Hart-und-Heftig-Show nichts anbrennen ließ, wenn auch der ein oder andere kritische Zeitgenosse mit wenig schmeichelhaften Vergleichen wie „Lynyrd Skynyrd auf Metal“ ums Eck kam, die jungen Westcoast-Burschen konnten es nicht jedem recht machen, auch unsereins sollte noch ein paar Gelegenheiten zum Naserümpfen finden, wie sich sogleich zeigen wird.

„This is Avalanche Party and nobody comes from where we come from“ – nach dem Raut-Oak-Auftritt der Engländer drängt sich die Vermutung auf, dass der Menschheit nicht allzu viel verlustig geht, wenn von der Sorte nicht mehr unterwegs sind. Ruppig-melodischer Brachial-Garagen-Rock’n’Roll/Blues im 70er-UK-Punk-Modus kredenzt, inklusive einem zur Dekade passenden, gehörig überdehnt-extrovertiertem Gepose, das die musikalische Substanz – sofern vorhanden – in die zweite Reihe drängte. Leidlich gefälliges Offensiv-Geschepper, das in der Form wenig bis nichts Neues zu bieten hatte und den Funken nicht zum Überspringen brachte, vielleicht wär’s mit ein paar Bieren mehr im Gesicht zur besten Showtime geschmeidiger reingelaufen. Zu der Gelegenheit schmerzte es wenig, dass der vorangegangene heftige Regenguss den Zeitplan straffte und für die ursprünglich nachmittags angesetzten Gigs die Konzertdauer auf eine halbe Stunde eindampfte, das abtanzende und abfeiernde Publikum vor der Bühne hat’s gleichwohl zweifellos anders empfunden, und so soll es auch sein – Hauptsache, Ihr habt Spaß! ;-))

Nach den jungen Briten wären die Landsmänner vom Garagen-Blues/Psychedlic/Punk-Duo Green Fuzz geplant gewesen, Gitarrist/Sänger Timothy Oxnard (ex-High Plane Drifters/Magick Godmothers/The Approved) hat alternativ vor ein paar Wochen das Trio The Oilbirds formiert und ist ersatzweise mit dieser Combo zum Raut Oak angetanzt, den Platz in der Garage füllte die jüngst aus der Taufe gehobene Band nicht minder einnehmend, der stoisch monoton treibende Trommelanschlag von Sophie Gatehouse, der Bass vom mindestens optisch aus der Zeit gefallenen Glam-Rocker Michael Cooper-Gers und Oxnards rauer Gesang wie trashiger Saitenanschlag formten sich zu zupackendem Blues-Psych-Punk, der zu gefallen wusste, seine ganze Pracht aber vermutlich noch weit mehr mit einem frischen Pint in der Hand zu vorgerückter Stunde im verrauchten Pub (verrauchte Pubs gibt’s nicht mehr, I know) entfaltet hätte.

Die drei Ladies von L.A. Witch aus – genau – Los Angeles hatten zu Beginn ihres Gigs mit der Technik zu kämpfen, der Gesang von Sade Sanchez wurde von ihrer eigenen, wunderschön verhallten Gitarre verdeckt, nach etlichen Nummern waren die Regler dann für ein rundum zufriedenstellendes Klangbild justiert und das Trio konnte ihren Versuch, mit dem Sex-Appeal von Susanna Hoffs und der unterschwelligen Erotik von Hope Sandoval den guten alten Gun Club in einer Kaschemme irgendwo in Downtown L.A. nach ein paar harten Drinks zu umgarnen, endlich vollumfänglich ausleben. Psychedelischer, atmosphärisch-dunkler Prärie-Blues-Punk auf Valium mit femininer Note, nachdem es hintenraus endlich funkte zwischen Bangles-Schönheit und Ramblin‘ Jeffrey Lee, war’s der kurz anberaumten Gig-Dauer geschuldet leider schon wieder vorbei mit den weiblichen Reizen und dem Wüsten-Spuk, und so müssen wir die Verifizierung oder Verwerfung dieses ganzen Presse-gestreuten Lynch/Manson-Family/City-Of-Broken-Dreams/Lost-Angels-Blablas auf ein andermal vertagen.

Mit Guadalupe Plata alte und gern gesehene Raut-Oak-Veteranen aus dem andalusischen Úbeda: Das Trio mit dem selbstgebauten Bass-Instrumentarium brachte den zähen Delta-Blues im steten Trance-Fluss zum Swingen. Mit hypnotischem Bottleneck-Sliden auf der Halbakustischen, steter, versierter Rhythmus-Arbeit und dem für die Band urtypisch charakteristischen, mit viel Hall vernebelten Spanier-Gejaule versetzten die iberischen Blues-Männer das Publikum in sanft wogende Glückseligkeit und sorgten so für ein erstes dickes Ausrufe-Zeichen im Festival-Line-Up. Tausende an Meilen von Clarksdale or elsewhere outside the Mississippi Delta entfernt spüren Guadalupe Plata wie nur wenige Europäer dem Geist der rohen, unbehandelten Blues-Energie der alten Tage nach und packen das Erbe in ein zeitloses Gewand, allein dafür eine Handvoll Robert-Johnson-Heiligenbilder zur Belobigung. Die Band war in der vergangenen Freitag-Nacht im Flow und musste in ihrer Spielfreude weit nach Mitternacht von Sound-Guru Jay Linhardt händeringend und flehend zum finalen Abgesang genötigt werden, man mag sich nicht ausmalen, was ohne nachmittäglicher Sintflut noch angestanden wäre an beherztem Blues-Groove aus südeuropäischen Gefilden mit entsprechender Zeit zum tonalen Auleben, hintenraus.

Da im fernen Russland demnächst die mediale Großereignis-Nummer angezeigt ist, bei der jeweils 22 Deppen vier Wochen lang einem Ball hinterherrennen, sei der Vergleich erlaubt: In Fußball-Ultra-Kreisen würde man den Frust mit einem beherzten „Wenn das Bayern-Blut auf die Kutte spritzt, ist alles wieder gut, ist alles wieder gut!“ wegwischen, spätestens mit dem grandiosen Raut-Oak-Auftritt von Slim Cessna’s Auto Club war der Unwetter-Spuk vom Nachmittag vergessen, wenn auch notgedrungen nicht mehr als eine gute Dreiviertelstunde blieben für Slim, Munly Munly und Co, um ihre Visionen von großartigem Bühnen-Entertainment, der Christianisierung des amerikanischen Hinterlands, so-called Alternative Country, Erweckungs-Predigten für ein Gott-gefälliges Leben und ihre morbiden Geschichten über Suff, Gewalt und kaputte Beziehungen im Geiste Faulkners und Pollocks mit dem Volk zu teilen. Dem knappen Zeitrahmen geschuldet hielt sich die Southern-Gothic-Institution aus Denver/Colorado nicht lange mit Vorgeplänkel und präliminarem Heranführen der Errettungs-würdigen Seelen an den Kern der Wahrheit auf und begann umgehend mit Taufe, Handauflegen und Seelen-Einsammeln mittels apokalyptischem Country Folk Gospel in intensivster Show auf und vor der Bühne in Interaktion mit der schwerst animierten und hingebungsvoll betenden Kirchengemeinde. Maximalst-Rampensau-Absolution im Geiste Roger Williams‘ und aller dahingeschiedenen Country- und Hillbilly-Heiligen. Die rasante Gangart an der frischen Luft zauberte selbst einem Munly Munly sowas wie einen Hauch von Farbe ins Gesicht, durchaus ein selten erlebter Umstand, Denver-Sound-Pionier Jay gleicht ansonsten kreidebleich dem sprichwörtlichen Tod von Altötting in seiner Duett-Darbietung mit Sanges-Partner Slim.
Gab es früher und gibt es – wie beim jüngsten Raut-Oak Fest erlebt – nachweislich auch noch heute, die Gelegenheiten, zu denen man Slim, Munly, Rebecca Vera, Lord Dwight Pentacost und die begleitenden Laienprediger mindestens unter Vollbedienungs-Entertainment-Aspekten schlichtweg für die beste Live-Band ever dieser und anderer Welten durchgehen lässt, Friday Very Late Night am Hügel unter der Eiche vorm Wettersteingebirge war ganz sicher so einer, und damit war das Schicksal der tatsächlich sehr guten, bereits im Vorjahr schwerst überzeugenden Psychedelic-Griechen von Screaming Dead Balloons besiegelt, keine Band dieser Welt kann nach einer derart überwältigenden Slim-Cessna-Show bestehen, in Sachen undankbarer Job haben die Hellenen dahingehend die sprichwörtliche A-Karte gezogen, zumal der Großteil der Festival-GängerInnen im Zweifel zu weit vorgerückter Stunde der Kräfte-regenerierenden Horizontalen den Vorzug gab.

Raut-Oak Fest 2018-06-09 / Tag 2 – coming soon…

Reingelesen (74): Donald Ray Pollock – Die himmlische Tafel

„After Appomattox they were on the loosing side
So no amnesty was granted
And as outlaws they did ride
They rode against the railroads,
And they rode against the banks
And they rode against the governor
Never did they ask for a word of thanks“
(Warren Zevon, Frank and Jesse James)

Donald Ray Pollock – Die himmlische Tafel (2018, Heyne Hardcore)

Bereits mit den ersten Sätzen in Donald Ray Pollocks zweitem Roman „Die himmlische Tafel“ wird klar: Gemütlich wird’s sicher nicht in dieser Geschichte, und hinsichtlich erbaulicher, schöngeistiger Literatur wäre man bei vielen anderen Autoren als Leser_In gewiss weitaus besser aufgehoben, diejenigen jedoch, die sich vor einigen Jahren an „Das Handwerk des Teufels“ labten, dem Roman-Debüt des Autors, einem von psychopatischen Serienkillern, religiösen Fanatikern und korrupten Polizisten bevölkerten Southern-Gothic-Death-Metal-Grosswurf in Buchform, diejenigen werden auch am Zweitwerk des spätberufenen Krimi-Schreibers aus Ross County/Ohio ihre helle – oder vielmehr finstere – Freude haben.

„Von da ab, und das ist nun schon fast vierzehn Jahre her, hat er des Nachts seinen Kopf auf diesen Sack gebettet; er sollte ihn auch daran erinnern, dass nichts in diesem weltlichen Leben gewiss ist, nur der Tod.“
(Donald Ray Pollock, Die himmlische Tafel, Kapitel 3)

Die himmlische Tafel, das ist das mit Leckereien bestückte Buffet, an dem sich die geschundene Kreatur nach entbehrungsreichen Jahren und finalem Ableben endlich satt essen darf, und es ist das Sinnbild der Erlösung und anvisierte Ziel des bitterarmen Pachtfarmers Pearl Jewett und seiner drei Söhne Cane, Cob und Chimney, die in Georgia im Jahr des Herrn 1917 buchstäblich von der Hand in den Mund leben und der Laune eines Leute-schindenden Großgrundbesitzers ausgeliefert sind. Prekäre Verhältnisse, die andernorts zur selben Zeit eine bolschewistische Revolution auslösten, in den Südstaaten der US of A hingegen nach einer individuellen Outlaw-Nummer drängen, in einem Land, dessen Geschichte und Kultur im jungen 20. Jahrhundert geprägt ist vom noch nicht lange zurückliegenden Sezessions-Krieg, von Rassismus, Selbstjustiz und dem Recht des Stärkeren, in dem die individuellen Probleme bis zum heutigen Tag nicht zuletzt dank entsprechender Gesetzgebung und verfassungsmäßig garantierter Rechte bisweilen mit der Schnellfeuerwaffe im Anschlag geklärt werden, und das zum Zeitpunkt der Geschichte kurz vor dem Eintritt in den ersten Weltkrieg steht, wenn auch kaum einer der Roman-Protagonisten weiß, wo genau dieses ominöse Deutschland eigentlich sein soll, nicht zuletzt davon wird im weiteren Verlauf der Geschichte ausführlich die Rede sein.
Nachdem der Altvordere völlig ausgezehrt das Zeitliche segnet, befreien sich die jungen Jewett-Hinterwäldler aus der kargen Lohnsklaverei, plündern und morden sich mittels gestohlener Waffen und Pferde durch Feudalherren-Farmen, Banken und Laden-Lokale in Richtung kanadische Grenze – „Shoot Your Way To Freedom“, wie Grant Hart, Gott hab ihn selig, vor Jahrzehnten so anarchistisch wunderbar einen seiner Songs betitelte.

„Er liebte es, so lange gegen sie zu sticheln, bis sie etwas Dummes sagten oder nach ihm ausholten, damit er eine Ausrede hatte, sie in die Hintergasse zu zerren und sie durchzuprügeln; viele Jahre lang hatte ihm das genügt.“
(Donald Ray Pollock, Die himmlische Tafel, Kapitel 12)

Auf ihrer Schleifspur der Gewalt begegnen die Jewetts so manchem Zeitgenossen, der entweder selbst vom Schicksal über Gebühr gebeutelt wurde oder in seinen charakterlichen Ausprägungen, Abarten und Obsessionen jeder besseren Freak-Show zur Ehre gereicht hätte, hier überzeichnet Pollock seine Figuren ab und an gehörig über Gebühr, dem Unterhaltungswert der finsteren Moritat tut es indes kaum Abbruch, wenn Serien-killende, psychopathische Gastronomen, professionelle Latrinen-Entleerer, minderjährige Prostituierte, schwule Offiziers-Anwärter oder der Farmer Ellsworth Fiddler als weiterer Hauptdarsteller des Romans den Weg der Bande kreuzen. Für den einfältigen Landwirt und seine Frau, die ihr gesamtes Erspartes an einen Trickbetrüger und den einzigen Sohn vermeintlich an die Armee und tatsächlich an den Alkohol verloren, gerät das Einlassen mit den White-Trash-Amateur-Gangstern unverhofft zum persönlichen Segen, der die prekäre Misere des hart arbeitenden Ehepaaars beendet.
Die großen Experten sind die Jewett-Brüder weder beim Ausrauben noch beim Flucht-Organisieren, jeder der drei frönt weitaus lieber seinen präferierten Gelüsten, der Älteste als einziger des Lesens Befähigter seinem Hang zur Literatur, wobei ihm die Auseinandersetzung mit Shakespeare oder einem Groschenroman einerlei ist, von den beiden Analphabeten-Brüdern der Ältere der Weiberei, der Jüngere der Völlerei, wer weiß schon, ob die Nummer mit der himmlischen Tafel am Ende nicht ein Luftschloss ist, da haut man sich den Wanst bei Gelegenheit schon mal im Diesseits ordentlich voll, vom Rumhuren des anderen Experten ganz zu schweigen.
Der Mensch denkt, Gott lenkt, und so ist es ausgerechnet der Junior mit dem offensichtlich kleinsten Spatzenhirn, der halbwegs unbeschadet aus der Nummer herauskommt und weiter von der Öffentlichkeit unbemerkt sein Dasein fristen darf, für viele andere Hauptdarsteller endet die Geschichte so, wie sie in den Erzählungen bei Pollock gerne endet: mit durchsiebten Eingeweiden, vor dem Henker, mit abgetrennten Gliedmaßen, einsam wie Vince Vaughn im Abgesang der zweiten „True Detective“-Staffel in der Einsamkeit der Prärie vor sich hin verreckend oder publikumswirksam vom Arm des Gesetztes zur Strecke gebracht.
Das harte Leben im Pollock-Roman ist ausweglos und brutal, ein irdisches Jammertal, in dem das Schicksal letztendlich nur fatalistisch angenommen werden kann, weil ein Dagegen-Ankämpfen kaum der Mühe wert ist und letztendlich zu keiner versöhnlichen Auflösung führt.

„Obwohl Homer in nahezu jeder Hinsicht unfähig war, hatte er zumindest gelernt, dass das Beste, was ein Politiker tun konnte, um zu überleben, darin bestand, absolut nichts zu tun.“
(Donald Ray Pollock, Die himmlische Tafel, Kapitel 22)

In den Rahmen des klassischen Kriminalromans mögen die 430 Seiten nicht passen, die Geschichte ist weitaus mehr Sozialstudie und Sittenbild, in der der tägliche Kampf ums Überleben, soziale Ausgrenzung und Bildungsmangel, sadistische Gewalt, Totschlag und andere Verbrechen allgegenwärtig sind. Was den harten Broterwerb anbelangt, davon weiß Pollock dank eigener Vita, wovon er spricht. Bevor 2008 sein erster Erzählband „Knockemstiff“ erschien, verdiente sich der Autor jahrzehntelang den Lebensunterhalt als Lastwagenfahrer und Arbeiter in einer Fleischfabrik.
Die nüchterne, illusionslose Sprache, die kaum Hoffnung aufkeimen und diese dann sicher wie das Amen in der Kirche zum Ende sterben lässt, mit der Pollock seine rabenschwarze, düstere Geschichte im „Handwerk des Teufels“ erzählt, diesen Slang lässt der zweite Roman-Wurf weitgehend vermissen, der Autor schlägt hier wiederholt den Sound der Groteske, der Satire und der keineswegs unfreiwilligen Komik an, was der exzellent erzählten, prallen Geschichte hinsichtlich Unterhaltungswert sicher nicht abträglich ist, das Buch aber um ein Alleinstellungsmerkmal beraubt und es in eine Reihe mit den ausgesucht schrägen, schwarzhumorigen, Gewalt-triefenden Trash-Splatter-Spätwestern wie „Das Dickicht“ oder „Kahlschlag“ von Joe R. Lansdale und die historischen, satirischen Antihelden-Romane von T. C. Boyle stellt, selbstredend beileibe nicht die schlechtesten Referenzen für dieses literarische Horror-Panoptikum. Und wer einst bei Paul Newman und Robert Redford im Geiste mitrannte und mit den beiden in ihren Rollen als Butch Cassidy und The Sundance Kid den Gesetzeshütern, Militärs und Kopfgeldjägern zu entfleuchen trachtete, wird an dieser Geschichte sowieso wenig zu bemäkeln haben.

Die amerikanische Originalausgabe ist 2016 unter dem Titel „The Heavenly Table“ beim Verlag Doubleday in New York erschienen. Im selben Jahr wurde auch die gebundene deutsche Erstausgabe in der Münchner Verlagsbuchhandlung Liebeskind publiziert. 2017 zeichneten die Juroren „Die himmlische Tafel“ mit dem ersten Platz des Deutschen Krimi-Preises in der internationalen Kategorie aus.

Donald Ray Pollock wurde 1954 in Knockemstiff/Ross County im US-Bundesstaat Ohio geboren, die Ortschaft, die seiner ersten Kurzgeschichten-Sammlung den Namen gab, ist heute eine entvölkerte Geisterstadt. Im Alter von 45 Jahren reichte Pollock seine erste Short Story bei einer Zeitschrift für englische Literatur an der Ohio State University ein, woraufhin ihn eine Herausgeberin des Blattes zum Studium für kreatives Schreiben an der Hochschule überredete.
Die New York Times veröffentlichte während der US-Präsidentschaftswahl 2008 regelmäßig seine Reportagen zum Wahlkampf in Ohio. Neben dem Deutschen Krimi-Preis wurden seine Arbeiten mit diversen renommierten Literatur-Auszeichnungen in Frankreich und den Vereinigten Staaten geehrt.