Southern Rock

Raut-Oak Fest 2019 @ Riegsee, 2019-06-30

Letzte Runde in freier Wildbahn am Riegsee zum 3. Raut-Oak-Festivaltag: Der Sonntag des „Underground Music Fest“ im Murnauer Hinterland eröffnete traditionell mit deftigem bayerischem Frühstück, zu dem die Weißwürscht viel zu schnell ausverkauft waren, für die Hunger-Darbenden mochte vermutlich auch die lokale Blues-Combo Williams Wetsox im Folgenden wenig Trost spenden. Das Kulturforum klinkte sich nach heimischer Erholungspause zum Auftritt der Maness Brothers wieder ein ins bunte Treiben, die beiden Brüdern David und Jake genießen mit ihrem „Heavy Blues Rock from St. Louis/Missouri“ einen exzellenter Ruf bei Fans und befreundeten Musiker-Kollegen wie den bereits am Vortag in höchsten Tönen lobenden Left Lane Cruiser. Wie die Combo von Joe Evans IV treten die Maness-Brüder im klassischen Duo-Outfit mit Drums und Gitarre an, der Sound der Band ist schwer vom Blues-Rock der guten alten Southern-Schule infiziert und besticht mit zentnerschwerem Swamp-Doom und drängendem Rock’n’Roll-Drive. Die intensiv einwirkenden Prediger entfesselten mit ihrem manisch treibenden, psychedelisch funkelnden Deep-Blues-Monolithen einen ureigenen Southern-Gothic-Sog und zeigten gegen Ende im zurückgenommenen Tempo, dass auch bekannte Balladen-Nummern von Siebziger-Jahre-Größen wie den Allmans oder Lynyrd Skynyrd bei ihrer musikalischen Prägung eine Rolle gespielt haben. Engagierter Auftritt vom Hardblues-Nachwuchs unter verschärften Hitze-Bedingungen, der sich in der Form im ROF-Line-Up förmlich aufdrängt.

Wesentlich entspannter ging es Margaret Garrett vom Garagen-Duo Mr. Airplane Man in ihrer „SoLow“-Show an. Ohne Drummerin Tara schrammelte die Musikerin aus Boston auf der Halbakustischen entschleunigte Desert-Blues-Meditationen zwischen Improvisation, Ambient und Drone, in hypnotischer Endlos-Schleife mit diffus-gespenstischem, dräuendem Unterton. Dem LoFi-Stil ihres Gitarrensounds mit Hang zum monotonen Leiern blieb Margaret Garrett auch im Gesang treu, ein entrücktes, völlig unaufgeregtes Vortragen, das kaum Variationen zwischen den einzelnen Nummern erkennen ließ. Zum Runterfahren der Betriebsamkeit in der sonntäglichen Sommerhitze taugte der Tranquilizer-Akustik-Flow perfekt, und wenn dann wie angekündigt im kommenden Jahr die Trommlerin mit an Bord ist, nimmt der Airplane Man auch wieder mehr Schwung zur Unterhaltung des Konzertvolks auf.

Das Festival blieb mit dem Auftritt von Pelo Mono im gedehnten und tiefenentspannten Modus, wie am ROF-Sonntag im Jahr zuvor beglückten die beiden Vermummten aus Andalusien die Zuhörer mit instrumentalem Midtempo-Crossover aus fieberndem Desert-Blues, lässigem Surf-Swing und experimentellem Drone-Ausbruch aus der Geräte-Manipulation. Guadalupe-Plata-Gitarrist Pedro de Dios ließ in der grünen Bankräuber-Maskierung bei seinem ersten Auftritt des Festival-Tages in bewährter Manier die Gitarre hallen, gespenstisch flimmernd und psychedelisch im Trance-Flow, zwischen schrägen Country-Holzhütten, Freak-Shows und Horror-Kinos im „Transylvania Country“ umher lichternd und improvisierend, von Gorilla Antonio Pelomono an den Drums stoisch-monoton zum nimmermüden Wandern zwischen den fremden und seltsamen Welten angetrieben. Hypnose und Halluzination gehen auch spannend, das haben Pelo Mono mit ihrem ROF-2019-Gig unter der sengenden Sonne der Sierra Riegsee erneut bewiesen.

Vorfreude pur in den vorangegangenen Tagen und Wochen zum Konzert des aktuell in London ansässigen US-Trios Lonesome Shack: Der schwedische One-Man-Band-Kracher Bror Gunnar Jannson ehrt die Band mittlerweile mit einem gleichnamigen Song, und das völlig zu recht, in den vergangenen Jahren gab es reichlich Anlass zum Lobpreisen der Formation um Sänger und Gitarist Ben Todd – ein exzellenter Solo-Auftritt im Geiste des Country- und Delta-Blues beim Raut Oak 2017, ein überwältigender Trance-Blues-Flow in voller Band-Besetzung im Vorjahr, vor wenigen Monaten die Veröffentlichung des neuen, grandiosen Albums „Desert Dreams“ beim Alive-Naturalsound-Label. Das Material des aktuellen Tonträgers sollte auch den Großteil des Sets vom Sonntag liefern, Meister-Gitarrist Ben Todd als klagender Erzähler und seine hervorragend eingespielte Rhythmus-Sektion Luke Bergman und Kristian Garrard begaben sich auf Wanderschaft durch die kargen amerikanischen wie afrikanischen Wüsten-Landschaften, mit ihrem unverwechselbaren, hypnotisch-mystischen Desert-Flow-Crossover aus uraltem US-Post-War-Blues, der ureigenen Schöpfung des „Haunted Boogie“ und den artverwandten Spielarten der nordafrikanischen Tuareg-Musiker. Die Band nahm wie erwartet neben handwerklichem Können und inspiriertem wie hochkonzentriertem Vortrag einmal mehr mit ihrem bescheidenen und freundlichen Wesen ein, ein angenehmer und willkommener Kontrast zum Blues-Rabauken der musizierenden Kollegen-Schar. Lonesome Shack live: Das Rundum-Glücklich-Paket für den entspannten Sonntag-Nachmittag auf der Raut-Oak-Wiese, für eine Stunde ohne die alltäglichen Sorgen im Kreuz, von der Band mittels Blues-Trance in andere Sphären entführt, so war die Vorstellung zum Konzert der drei sympathischen Musikanten aus Seattle, und so sollte es auch kommen. „I wish we could take this moment and freeze it, to come back again and again and again“ haben David Thomas und seine Experimental-Punk-Institution Pere Ubu in einem ihrer Songs in den Achtzigern zum Besten gegeben – in diesem Sinne…

Wo Pelo Mono am Start sind, sind Guadalupe Plata nicht weit, und so durfte Gitarrist Pedro de Dios knapp zwei Stunden nach seinem ersten Gig am Sonntag mit seiner Stammformation gleich nochmal in den Ring – und in dem Fall auch sein nölendes, sich tief in die Gehörgänge und Nervenstränge bohrendes Wolfs-Heulen und Klage-Lamentieren anstimmen. Große Abweichungen zum Vorjahres-Gig gibt es nicht zu vermelden, das wäre bei den beinharten Fans der Band vermutlich auch nicht auf viel Gegenliebe gestoßen. Das Trio spielte sich in den erwarteten Trance-Rausch, in den umwägbaren Tiefen ihres rohen, halluzinierend nachhallenden Delta-Blues-Flows, mit exzessivem Bottleneck-Slide, stoischem Rhythmus-Swing der Trommeln und den selbst zusammengezimmerten Bass-Gerätschaften. Andalusia goes Swampland, mitten in Oberbayern.

The Son of a Preacherman formerly known as John Wesley Myers, der mittlerweile kultisch verehrte James Leg, nicht mehr wegzudenkender Lifetime-Attendee beim Raut Oak, bereits zum fünften Mal zum Festival geladen: Erstmals am helllichten Tag mit seinem schweren Orgel-Dröhnen auf der Bühne, konnte das funktionieren mit diesem finster röhrenden Dark-Blues, mit einem Sound, der förmlich nach dunklen Kaschemmen und verrauchten Club-Kellern schreit? Es konnte, selbstredend. Der Mann ist mit seinem regelmäßigen Ausbruch an schierer Energie und seiner überbordenden Spielfreude als geborener Live-Entertainer längst über jeden Zweifel erhaben und könnte vermutlich selbst noch das scheintoteste Priester-Seminar zum Abrocken bringen. An dieser Stelle wie den altgedienten Raut-Oak-Besuchern im Besonderen noch Neues über die Qualitäten des Lonely Wolf aus Rock City/Tennessee zu erzählen macht ungefähr so viel Sinn wie eine Schlachtplatte für Vegetarier. Wie zu allen Gelegenheiten zuvor brachte der grollende Tasten-Berseker am Fender Rhodes zusammen mit dem energisch anschlagenden Drummer Marlon Saquet die Hügellandschaft unter der Eiche von der ersten Sekunde an zum Beben und entfesselte trotz weiterhin bester Wetterprognosen doch noch den obligatorischen Raut-Oak-Orkan im Murnauer Land, zu dem bei dieser schweißtreibenden Angelegenheit dann letztendlich doch wieder fast alle nass waren. Alte Gassenhauer im vehementen Heavy-Punk-Blues, ein paar entspanntere, bekannte Boogie-Grooves zur Kühlung der Gemüter und eine Handvoll neue Nummern in einer guten Stunde intensiver Vollbedienung inklusive obligatorischer „A Forest“-Zugabe unterstrichen einmal mehr, dass der ehemalige Kirchenmusiker in Sachen schier berstender, explodierender Energie, sich verausgabender Bühnenpräsenz und singulärer Weiterentwicklung des Blues nach wie vor zu den großartigsten Live-Acts dieses Planeten zu zählen ist.

Großes Entertainment fernab jeglicher bierernster Blues-Schwere zum Finale mit Reverend Peyton’s Big Damn Band aus Bean Blossom/Indiana – „You are the survivors“ rief ROF-Moderator Jay Linhardt dem verbleibenden Rest des Auditoriums zu. Viele, vor allem von Weitem angereiste Besucher waren bereits auf dem Heimweg, die bis zum Schluss Ausharrenden sollten noch einmal reichhaltig belohnt werden mit einer fulminanten Präsentation, zu der Slide-Gitarrist Josh „The Reverend“ Peyton, seine Waschbrett-spielende und -anzündende Frau Breezy aka „The Miss Elizabeth of Country Blues“ und Drummer Max Senteney alle Register ihrer Straßen-erprobten, durch permanentes Touren bewährten Bühnenshow zogen. Der „High Energy Country Blues“ des Trios verfing wie zu früheren Gelegenheiten sofort beim euphorisch mitgehenden Publikum, Interaktions-Nummern wurden bereitwillig durch Mitsingen und Klatschen begleitet, das ausgelassene Treiben rettete einstweilen über den Umstand des nahen Festival-Endes hinweg. Mit den drei Performern standen gestandene Profis auf der Bühne, die jede Party zu schmeißen wissen, neben humorigen Ansagen und feixenden Grimassen glänzte die Band vor allem durch exzellentes Bespielen der Instrumente, allen voran selbstredend der Reverend selbst mit seiner herausragenden Gitarren-Kunst, in technischer Brillanz, die nie zu seelenloser Protzerei verkam, im Slide-Flow wie als versierter Picker. Die altvorderen, legendären Delta- und Country-Blues-Männer versteht Peyton kenntnisreich zu zitieren, der Mann ist nicht nur Gaudi-Bursch, er ist darüber hinaus ein versierter Feldforscher zu alten Blues-Mythen und Bewahrer der Erinnerung an die von der Geschichte sträflich vergessenen Musiker. Der Spaß-Faktor war auch im Zugaben-Block groß geschrieben, und so ging ein rundum gelungenes Raut-Oak Fest 2019 fröhlich beschwingt am Sonntag-Abend in die Annalen ein, wenn auch so manchem aufgrund der viel zu schnell vergangenen drei Tage etwas wehmütig und schwer ums Herz wurde, aber das gehört selbstredend zwingend zum Deep Blues wie das Amen in der Kirche.

Thanks For The Water, Thanks For The Wine
Thanks For Showing Me A Real Good Time
(The Beasts Of Bourbon, Thanks)

Alright, ROF-2019-Schlussakkord, Thänx & Praises galore: Ein großes Dankeschön an den famosen Festival-Veranstalter Christian Steidlthe one and only – und all seinen freiwilligen Helfern hinterm Tresen, an der Technik, beim Auf- und Abbau, sonstwo: für exzellente und reibungslose Organisation, ein herausragendes, stimmiges, mit Verstand und Herzblut für die Sache zusammengestelltes Konzert-Programm, und nicht zuletzt für jahrelanges Durchhaltevermögen – erstmals ausverkauft, so muss es sein beim schönsten Open Air der Welt.
Dickes Lob an Götz Schulte-Coerne für perfekten Sound und Jay Linhardt für charmantes Anmoderieren und vermutlich vieles mehr im Hintergrund der Organisation.
Gepriesen sei der Wettergott: endlich ein Regen- und Sturm-freies Raut Oak, was gibt es Schöneres? Gelobt seien selbstredend alle Musikerinnen und Musiker, die unter verschärften Hitze-Bedingungen nicht weniger als alles gaben.
Tausend Dank an alle Freunde und Bekannten aus Nah und Fern, die vor Ort waren und sich anständig aufgeführt haben, aufmerksam den Konzerten beiwohnten und angeregt diskutierten, im Besonderen Annette, Xaver, Anton und Klaus für Begleitung, Lift, Nachtasyl für den Junior & last not least the legendary Tiki-Bar out of the Almost Boheme Mobile. Very special thanks an Kai K. für das herzerhebende Sechzig-Amateure-Shirt, you are the man!
Ob’s nochmal eine Steigerung gab zu den Vorjahren? Wer weiß, schlechter war’s ganz sicher nicht, dafür stand allein schon ein international besetztes, exzellentes Line-Up, das keine Wünsche offen ließ. Und über die paar Kasperlköpfe, die das gute Benehmen zwischenzeitlich scheint’s im Riegsee versenkten, breiten wir den Mantel des Schweigens – dafür ist die Vorfreude auf #ROF2020 bereits schon wieder viel zu groß, als dass da noch Platz fürs Nach-Tarocken wäre.
That’s it, Folks, for now – Trinkt mäßig, aber regelmäßig, und bleibt gesund, auf dass sich wieder alle versammeln, nächstes Jahr im Sommer, auf der Wiese unter der Eiche vor dem Gebirge…

Philip Bradatsch @ Tollwood, München, 2018-11-28

Wohlig-wärmender Americana-Sound für Herz und Gemüt bei frostigen Außentemperaturen, von Trikont Recording Artist Philip Bradatsch und seiner Band beim Winter-Tollwood präsentiert, am vergangenen Mittwoch-Spätnachmittag. Die alternative Weihnachtsmarkt-Zeltstadt an der Münchner Theresienwiese war in vergangenen Zeiten nicht unbedingt der place to be, wenn’s um anregendes konzertantes Entertainment ging, dahingehend hat sich auch in der 2018er-Ausgabe nicht allzu viel geändert, umso schöner, dass mit Bradatsch – und der Donkeyhonk Company am 17. Dezember – zwei sehens- und hörenswerte Ausnahme-Acts auf dem heurigen Programm-Zettel des „Hexenkessel“-Zelts zu finden sind, wenn auch die Anstoß-Zeit mit 16.30 Uhr eine gewöhnungsbedürftige bleibt und vermutlich den ein oder anderen Interessenten vom Besuch zwecks anderweitiger Verpflichtungen abhält.
Den Musikern war’s offensichtlich einerlei, das Quartett war vom Start weg bereits zur Nachmittags-Matinee auf Betriebstemperatur beim gelungenen Opener mit dem finster dräuenden Desert-Rocker „Shadowland“, mit dem sich vorneweg andeutete, dass Philip Bradatsch zu der Gelegenheit bestens aufgelegt war hinsichtlich Fingerfertigkeit am Griffbrett seines Instruments und damit eine verbindliche Dringlichkeit in seiner Interpretation von süffigen, satten Southern-Rock-Ergüssen und den ausladenden, schwerst beseelten und inspirierten Gitarren-Soli im klassischen Folk-Rock-Geist an den Tag legte. Eingebettet in das begleitende Sound-Gerüst seiner grundsolide arbeitenden Band widmete sich der vielbeschäftigte Roots-Musiker aus dem Allgäu vor allem dem Material seiner jüngst beim Münchner Trikont-Label erschienenen Song-Sammlung „Ghost On A String“, in gedehnten, opulenten Versionen, die den exzellenten Studio-Einspielungen im Live-Vortrag noch ein gehöriges Maß an Intensität hinzuzufügen wussten. Wo der Tonträger bereits in feinster Americana-Songwriter-Kunst ohne Abstriche zu überzeugen weiß, ist die konzertante Umsetzung der Werke schlichtweg grandios, die Band nutzte am Mittwoch-Nachmittag das komfortable Zeitfenster zur gründlichen wie massiv abrockenden Ausformulierung ihrer aktuellen Nummern.
Im kurzen Intermezzo erinnerte sich Bradatsch solistisch seiner Bluegrass-/Country-Folk-Wurzeln und begleitete sich an der Wandergitarre zu seelenvollen Balladen in der Titelnummer seines Debüt-Albums „When I’m Cruel“ und dem dort enthaltenen Paradestück „This Time Around“, trotz reduzierter Instrumentierung gelingt es dem Musiker völlig unangestrengt, die Songs dank seiner ausgewiesenen Fähigkeiten als Gitarren-Virtuose vollmundig und fern jeglichen herkömmlichen folkloristischen Lagerfeuer-Geschrammels zum Vortrag zu bringen.
Die flockige, wunderbar leichtfüßig dahingleitende Folk-Psychedelic in „Supernova“ konnte das Konzert-Publikum nicht verstören, wie es Bradatsch in einer seiner lakonischen Song-Ankündigungen als Absicht formulierte, eine schwer für sich einnehmende Free-Flow-Nummer, die zu gefallen wusste, wie auch einmal mehr seine deutsche Bearbeitung des Dylan-Frühwerks „The Lonesome Death Of Hattie Carroll“, hier ist Philip Bradatsch ganz Protestsänger im ureigenen Sinn, „Der einsame Tod des Ben Ahmad“ ist aufgrund der herrschenden Abschiebe-Praktiken von Asyl-Suchenden, die ein schändlicherweise immer noch in seinem Amt sitzender, untragbarer Bundesinnenminister zu verantworten hat, von einer aktuellen Brisanz, die der Songwriter in seiner Eindringlichkeit ungefiltert zu vermitteln weiß. Song des Jahres, keine Frage, und das mit einer Nummer, die bis dato noch nicht offiziell auf Tonträger erschienen ist.
Um irgendwelche Vergleiche mit Dylan, Old Neil Young oder anderen Granden des US-amerikanischen Folk- und Country-Rock muss sich Bradatsch nicht mehr kümmern, die hat er alle unüberhörbar irgendwann im Laufe des dahinschwindenden Jahres irgendwo auf einem imaginären Highway mit zügiger Überholung links liegen gelassen, und der bessere Sänger war er im Zweifel sowieso schon immer.
Sollte sich mal zufällig die Gelegenheit ergeben, kann man sich ja wie einst Steve Earle auf den Kaffeetisch vom Literaturnobelpreis-Bob stellen und der Welt verkünden, dass man da einen weitaus talentierteren Songwriter als den alten Nöler aus Duluth/Minnesota kennt.

Reingehört (498): Philip Bradatsch

„Trying to make these words fit for the song“
(Philip Bradatsch, Down Down Down)

Philip Bradatsch – Ghost On A String (2018, Trikont)

Der Mann ist in Sachen Live-Präsenz breit aufgestellt, ob beim international besetzten Muddy Roots Europe im fernen Belgien oder beim lokalen Münchner Stadtteil-Fest im schönen Giesing, ob als Frontmann der Allgäuer Indie-Folk-Kapelle The Dinosaur Truckers, als Picker des Bluegrass-Quintetts Munich String Band, als musikalischer Begleiter literarischer Lesungen oder solistisch auf eigene Rechnung, und auch auf seinem aktuellen Longplayer „Ghost On A String“ dehnt der Wahl-Münchner Philip Bradatsch stilistisch den Spagat, ohne im Entferntesten beliebig oder austauschbar zu erscheinen. Beim Solo-Erstwurf „When I’m Cruel“ aus dem Jahr 2015 steckten virtuoser Banjo-Bluegrass und seelenvolle Alternative-Country-Balladen einen stringenten Rahmen ab für die sensibel gepflegte Americana des begnadeten bayerischen Gitarristen, auf dem Folgewerk darf es dann auch zuweilen die Reminiszenz an die Pop-musikalischen Sechziger, eine Prise gewichtiger Heartland-Rock und die Anlehnung an die große amerikanische Songwriter-Tradition sein, fernab der Appalachen, der Lagerfeuer an staubigen Landstraßen und des Bierdunsts der rustikalen Fernfahrer-Kneipen.
Das über sechsminütige Titelstück liefert im Jahr des Herrn 2018 vermutlich mit die dramaturgisch spannendste und musikalisch ergreifendste Mutation vom akustischen Desert-/Alternative-Country hin zu elektrischem Southern-/Folk-Rock inklusive wunderschön singender Gitarren, in einem gleichsam völlig aus der Zeit gefallenen, zeitlosen wie dieser Tage seltenen Gewand, und damit in der aufgezeigten Inbrunst wertvoll wie kaum sonst was in unserer schnelllebigen Ära, inklusive Platten-beschließendem, kurzem Reprise als Crazy-Horse-Verneigung mittels jaulender, entfesselter Strom-Saiten. Wegen solchen Ausnahme-Nummern hat man sich früher die Alben ins Regal gestellt, selbst wenn der Rest der Platte qualitativ weit abfiel – was hier nicht der Fall ist. Schwergewichtige Fuzz-Gitarren hallen und lichtern auch im düsteren Downtempo-„Shadowland“ durch die Klanglandschaft und machen das Archaische, Finstere, unterschwellig drängend Bedrohliche in dieser Schattenwelt nahezu greifbar. Schade, dass David Lynch bis dato kein Faible für fundierte Folkrock-Psychedelic erkennen ließ, hier wäre die entsprechende Beschallung für seine diffus verstörenden, cineastischen Geistertänze zu haben.
„You’re Gonna Be OK“ ist trotz vordergründig ruhigem Fluss nicht zuletzt durch die orchestral wirkende, in Schichten aufgetragene Gitarren- und Orgel-Melodik und das beschwingte Klavierspiel von erstaunlichem Tiefgang und offenbart sich so völlig unaufdringlich, dafür umso nachhaltiger als großer Song.
Daneben legt Bradatsch auf dem Album Songwriter-Qualitäten auf dem Level von Größen wie Tom Waits oder Randy Newman an den Tag, am augenscheinlichsten bereits im Opener mit der nachdenklichen Piano-Ballade „Down Down Down“, mit dem feinen, zweifellos Güte-steigernden Unterschied, dass der Songwriter aus dem Allgäu anders als die berühmten US-Kollegen im Vortrag nicht mit ruinierter Krächz-Stimme den Bar-Blues krakeelt oder sprechsingend pseudo-intellektuell vor sich hin nuschelt zu seinem Klavierspiel, weit mehr der empathischen, beseelten und wohlklingenden Sangeskunst huldigt, so wie in allen anderen Songperlen des Tonträgers eben auch.
Gab mal eine Zeit, da hat ein fragwürdiger Literaturnobelpreisträger großartige Folkrock-Platten abgeliefert – mit „John Wesley Harding“ mindestens eine – und eine berühmte Combo aus Liverpool neben ihrem zu Teilen völlig überschätzten Material auf einem weißen Album, einem stinklangweiligen Konzept-Werk über einen Pfeffer-Sergeant und diversen anderen Belanglosigkeiten aus dem Mainstream-Kanon des schlechten Geschmacks auch eine Handvoll gepflegte Sixties-Psychedelic-Perlen und höchst selten sogar großes Pop-Songwriting für die Ewigkeit produziert, diese Ansätze rettet Bradatsch nebst vielen eigenen Ideen und Anmerkungen in zeitloser Form in das Hier und Jetzt und drückt ihnen gekonnt und inspiriert in seinen Geschichten über abgehängte Outsider, wärmende Radiatoren, die Liebe und das Leben in einer hoffentlich besseren Zukunft seinen eigenen Stempel auf.
Diese alljährliche Kohle-aus-der-Tasche-zieh-Nummer zum Weihnachtsgeschäft aus dem Hause Beatles und Erben ist einmal mehr eine höchst überflüssige, anstelle der aktuell angeleierten White-Album-Restmüllverwertung reichen die circa eineinhalb Songs mit den Fab-Four-Reminiszenzen auf dem jüngsten Bradatsch-Tonträger völlig aus zum Schwelgen in den Sixties.
Bei weniger versierten Musikern und Songwritern kann diese Bezugnahme auf die Pop- und Folk-Historie durchaus schiefgehen, falsche Herkunft, falsche Dekade, dieses letztendlich sinnlose Authen­ti­zi­täts-Blabla, die ausgetretenen Pfade des Folk und Rock, man kennt diese Einwände und Vorbehalte zur Genüge, speziell hinsichtlich Nicht-Angloamerikanern. Ist aber nicht schiefgegangen, ganz im Gegenteil, Philip Bradatsch zelebriert seine musikalische Prägung und Weiterentwicklung auf „Ghost On A String“ mit seiner ureigenen Roots-Spielart großartig, auf einem der besten Songwriter-Rock-Alben des Jahres, und das bereits seit vergangenem Frühjahr, der Welt dargereicht über das geschätzte Münchner Indie-Label Trikont. Einziger Wermutstropfen: der jüngste Bradatsch-Wurf „Der einsame Tod des Ben Ahmad“, die exzellente, politisch hochaktuelle Interpretation der Dylan-Nummer „The Lonesome Death Of Hattie Carroll“, hat es leider nicht mehr auf das Album geschafft. Aber es ist ja noch nicht aller Tage Abend…
(***** – ***** ½)

Philip Bradatsch ist in den nächsten Wochen und Monaten zu folgenden Gelegenheiten live on stage:

16.11.München – Donisl
23.11.Regensburg – Buchhandlung Dombrowsky
28.11.München – Tollwood – 16.30 Uhr
23.12.Kaufbeuren – Roundhouse
26.12.Raalte – Taveerne Tivoli
28.12.Aachen – The Wild Rover Irish Pub
29.12.Aarschot – Winter Rumble
30.12.Meppel – Clouso
03.01.Herselt – Pallieter Cafe
04.01.Marburg – Q
05.01.Zürich – Gotthard Bar
12.01.Glonn – Schrottgalerie Glonn
24.01.München – Volkstheater
27.02.Schwabmünchen – Buchhandlung Schmid