Space Rock

G.Rag/Zelig Implosion Deluxxe @ Café Schau Ma Moi, München, 2018-02-08

„No Wave Tanzabend Dans Le Ordnungszelle Schau Ma Moi“ hat der Flyer mit dem Zeppelin die Sause vom vergangenen Donnerstagabend im schönen Giesing angekündigt. Dort, an der Tegernseer Landstraße, wo München bisher noch nicht zu Tode gentrifiziert wurde, das Sechzgerstadion nicht weit und das Trikont-Label in unmittelbarer Nachbarschaft gelegen, wo jede Kneipe fest in „Löwen“-Hand ist und man den Namen des ungeliebten Protz-Lokalrivalen allenfalls mit angewiderter Miene ausspricht, dort findet sich in einem ehemaligen Trambahnhäusl das charmante Café Schau Ma Moi, Bar, Kneipe, Biergarten, überlaufener Hotspot der alternativen Szene nach jedem 1860-Kick und darüber hinaus zwar nicht Münchens prächtigster, so doch schwer vermutlich kleinster Konzertsaal.
Für den Donnerstagabend hat sich der weithin unter dem Namen G.Rag bekannte und geschätzte Kapellmeister Andreas Staebler angekündigt, selbstredend mit kleinem Band-Format, mit den Hermanos Patchekos oder den Landlergschwistern wäre in dem Laden kaum Platz für das Publikum geblieben, und so gab’s einmal mehr mit entsprechender Begleitung von Mikel „Mr. Zelig“ Jack und Fritz „Prof. Deluxxe“ Fritzmann die geballte No-Wave-Pracht anstelle ausladender Blaskapellen-Beschallung auf die Ohren.
Schneidig-satter Stromgitarren-Drive und ab und an verzerrte Sangeskunst vom Meister selbst, Electronica-/Keyboard-Klangwellen, von Professor Fritzmann dem Moog Deluxxe und diversen Rumschraub-Geräten entlockt, und ein straightes Rhythmus-Geben auf dem rudimentären Drum-Kit inklusive diverser Blechtöpfe und Autoreifen-Felgen, mit dem Mr. Zelig erneut eindrücklich unter Beweis stellte, dass es kein High-Tech-Equipment für beseeltes Musizieren braucht, umgesetzt auf knapp vier Quadratmetern, auf denen neben Musikern, Instrumenten und Drinks auch Amps, Verstärker, Lautsprecher, Kabel und der ganze andere technische Kram Platz finden mussten, so läuft konzertantes Improvisieren im Schau Ma Moi auf engstem Raum, der für die zahlreich erschienenen Gäste dementsprechend auch nicht opulenter bemessen war. Der Stimmung tat’s keinen Abbruch, ganz im Gegenteil, das Café mutierte zur „Muggelbude“ im Dittsche-Kontext und das Volk delektierte sich am schmissigen Postpunk, an den erhebenden Ausflügen in Drone-, Noise-, Kraut- und Space-Rock-Sphären, am Widerhall der längst vergangenen Aufbruchjahre der deutschen Punk/Postpunk/NDW-Ära, die damals zumindest in der Frühphase viel versprach und das allermeiste auch hielt, so wie G.Rag und seine Mitmusikanten als Münchner No-Wave-Institution mit ihrem herzerwärmenden und intelligenten Vortrag in dieser kalten Winternacht eben auch.
Der No-Blues „Komm“ im Zugaben-Block entfaltete gar eine hypnotisch-mäandernde Wucht, wie man sie aus der Vergangenheit nur von den erschöpfenden Lärm-Exerzitien eines Michael Gira mit seinen Swans kennt, derart respektabler Vergleich will erst mal verdient werden, Hut ab.
Und das mit dem Tanzabend, das hätte auch was werden können, zur ein oder anderen flotten Nummer hat man durchaus ein Zucken im Gebein verspürt, allein, für ausladendes Rumpogen, da hat schlichtweg der Platz gefehlt, in der Ordnungszelle – aber mit entsprechendem Gehopse wär der Laden sowieso umgehend zur Unordungszelle verkommen…
(*****)

G.Rag/Zelig Implosion Deluxxe demnächst live und in Farbe zu folgenden Gelegenheiten:

16.03.Hradec Králové/Tschechien – Kraft – mit Ippio Payo
17.03.Sulzbach-Rosenberg – JUZ Hängematte
05.05.München – Import/Export – mit Tom Wu und Anton Kaun

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Reingehört (420): Bardo Pond

Bardo Pond – Volume 8 (2018, Fire Records)

Das minutenlange Mäandern und zähe Voranschreiten in den Tiefen des Stoner Rock, das verschlungene Dahindriften in schwer zu ergründenden Psychedelic-, Kraut- und Space-Universen und in der weiten Welt des zentnerschweren Noise und Drone als ausgedehnte Sound-Trips sind einmal mehr die dominierenden Charakteristika des neuen, dieser Tage erscheinenden Longplayers der US-amerikanischen Dropout-Institution Bardo Pond um die Gibbons-Brüder Michael und John, die Band schreibt ihre im Jahr 2000 mit selbst-veröffentlichten Tonträgern gestartete, weitaus mehr von Experiment und Improvisation als ihre regulären Veröffentlichungen geprägte Volume-Serie weiter.
Sich bis in die letzten Hirnwindungen fräsende, dröhnende Endlos-Gitarrenläufe, voluminöse, von Verzerrungen und Feedbacks durchzogene Riffs und eine die Schwere des diffusen Sounds nochmals um etliche Tonnen steigernde Midtempo-Rhythmik durchziehen in vierzig Minuten fünf ausladende, in die Länge gedehnte Exerzitien der Neo-Psychedelia-Experten aus Philadelphia.
Isobel Sollenberger bereichert bedauerlicherweise nur einmal im Album-beschließenden „And I Will“ die ansonsten instrumentalen Trips mit ihrem entrückten, wie aus einer anderen Welt herüberhallenden, Elfen-ähnlichen Gesang, ansonsten trägt sie mit der Querflöte zur gleichsam dunkel-psychedelischen wie euphorisierenden Klangfarben-Explosion bei, das Holzblasinstrument wird im Progressive-Rock-Kontext schwer vermutlich bis ans Ende aller Zeiten ungewollte Erinnerungen an das Gebläse eines Ian Anderson bei seiner bis heute nicht tot zu kriegenden Combo Jethro Tull aufkommen lassen.
Der Soundtrack für den transzendenten Roadmovie ins Nirvana oder zur inneren Einkehr, oder einfach nur ein gelungenes, funkelndes Beispiel dafür, dass die Auswüchse des Shoegazerns nicht zwingend wie sonst oft die Füße im angestarrten Schuhwerk zum gelangweilten Einschlafen bringen müssen…
„Volume 8“ ist seit vergangenen Freitag im gut sortierten Bauchladen des Akustik-Drogenhändlers Ihres Vertrauens zu erwerben.
(**** ½ – *****)

Reingehört (410): Psychic Lemon

Psychic Lemon – Frequency Rhythm Distortion Delay (2018, Tonzonen Records)

Seit vergangenem Freitag am Marktstand des Schallfolien-Händlers Ihres Vertrauens zu erwerben: Das zweite Album der Prog-Rock-Band Psychic Lemon aus der englischen Universitätsstadt Cambridge. Die Musiker haben bereits mit geistesverwandten Kollegen wie Kikagaku Moyo 幾何学模様 und Flowers Must Die getourt und geben ihre Einflüsse selbst mit Progressive-Granden wie Can, Hawkwind, Amon Düül II, dem ehemals in der Nachbarschaft ansässigen Pink-Floyd-Kreativkopf Syd Barrett und der schwedischen Experimental-Fusion-Combo Goat an, weiß Gott nicht die schlechtesten Vorbilder für die Ausgestaltung der eigenen Tonkunst, und damit befindet man sich mental auch schon im Shuttle-Bus zur Abschussrampe in Richtung Outer Space, mit Lichtgeschwindigkeit katapultiert das Trio die fünf ausladenden, schwergewichtigen Psychedelic-Symphonien in den Orbit, hinsichtlich Tempo, Intensität und einen durch minutenlang mäandernde Repetition der Rhythmik und Melodik auf den Weg gebrachten hypnotischen Flow macht das Trio vom Start weg keine Abstriche, im energetischen Sternen-Wandern und fantasievollen Klangforschen werden die Planeten Space-, Kraut-, Progressive- und Post-Rock eingehend erkundet und erschöpfend ausgeleuchtet.
Modernes aus dem Bereich Industrial schwingt im Beat mit wie an Vorzeiten erinnernde, archaische Urvölker-Rhythmik, wummernde Bässe und ein strammer Trommelanschlag befeuern dem Garagen-Rock entlehnte, jaulende Fuzz-Gitarren wie allerlei Gewerk an verzerrenden Reglern, Gitarren-Pedalen, Synthie-Electronica und Klangeffekte-Instrumentarium, die Ingredienzien zu einem satten und üppigen Drop-Out-Soundgebilde verdichtet.
Mit sporadischem Saxophon-Gelichter im Zentrum der tonalen Super-Nova streift die Band gekonnt wie dezent die Galaxie des Siebziger-Prog-Jazzrock und lässt damit kaum etwas unerforscht im weiten Weltenraum der experimentellen Rockmusik, in der sich Psychic Lemon in der Form als leuchtender Fixstern etablieren können und vor allem nicht vor den großen Vorbildern der Blütezeit des Genres in irgendwelchen schwarzen Löchern, auf Wüstenplaneten oder Outer Rims verstecken müssen.
(*****)