Speed-Punk

Oozing Wound + Ghold @ Kafe Kult, München, 2019-04-13

Ordentliche Breitseite für die Freunde der härteren Beschallung am vergangenen Samstag-Abend im Münchner Kafe Kult: Zu vorgerückter Stunde wartete die ehemalige Kulturstation Oberföhring im Doppelpack mit zwei ausgewiesenen Vertretern des Metal-Underground auf. Die erste Halbzeit bestürmte die Band Ghold aus dem Londoner Stadtteil Brixton mit ihrer Interpretation zur musikalischen Untermalung des Weltuntergangs. Ursprünglich als Duo von Bassist Alex Wilson und Drummer Paul Antony gegründet und mit Alben wie der 2015er-Veröffentlichung „Of Ruin“ mit wuchtigen Sound-Monolithen im experimentellen Doom- und Postmetal-Bereich fern jeglicher griffigen Formate unterwegs, sind Ghold mit Gitarrist Oliver Martin mittlerweile zum Trio angewachsen und zelebrieren ihre schwere Kost auf aktuelleren Tonträgern wie im konzertanten Vortrag im halbwegs konventionellen Song-Format.
Die Band entfaltete einen hypnotischen Sog mit ihrem harten, zähen Sludge-, Doom- und Progressive-Mahlstrom im Mid- und Down-Tempo, eine gründlich arbeitende Knochenmühle aus vereintem Bass- und Gitarren-Dröhnen, durchzogen von mitschwingenden, finsteren Dissonanzen, unterschwellig lärmenden Feedbacks und der unnachgiebigen Wucht der Trommel. Da mochte das Abtauchen in die Ur-Suppe des Doom von Black Sabbath und das Einreihen in die repetitiven Slow-Motion-Schleifen aus der Sludge-Schule der Melvins mitschwingen, doch in die Plagiatsfalle gehen Ghold damit nicht, das experimentelle Metal-Crossover entwickelte durch massive psychedelische Prog- und Drone-Beigaben ein individuelles, finster dräuendes Sprachengewirr, aus dem sich unvermittelt zuweilen selbst Stimmen aus vertrautem Desert-Blues und Krautrock-Trance vernehmen ließen. Die schwärende, zäh fließende Noise-Schinderei schwang sich mittels mehrstimmigem, vereintem Gesang bisweilen gar zu erhebender Hymnik auf, nur um im nächsten Moment wieder im finster brodelnden, schwarzen Loch zu versinken, in einem Chaos an drückender, mentaler Schwermut und lärmender, irrlichternder Raserei.
Ghold zwingen mit ihrem dräuenden wie bebenden Sound zur inneren Einkehr und geben vor allem ein exzellentes Beispiel dafür, dass im Metal das hochspannende Experiment seinen Platz gefunden hat und damit zwar keine bunten, immerhin aber dunkel schimmernde bis tiefschwarze Landschaften zum Blühen bringt.

Die zweite Stunde der Gehörgänge-malträtierenden Veranstaltung gehörte Oozing Wound mit ihrer Trash-Variante des Krach-Musizierens. Die Band aus Chicago war zur Promotion ihres jüngst erschienenen Albums „High Anxiety“ für etliche Veranstaltungen im alten Europa unterwegs, der Gig im Kafe Kult sollte der letzte Termin vor der Rückreise ins heimische Illinois sein – eine überaus passender Tour-Abschluss in der Oberföhringer Lokalität, die wie Oozing Wound selbst auf der anderen Seite des großen Teichs der selbstverwalteten linken DIY-Szene im Punk-, Metal- und Underground-Umfeld entstammt.
In ihrem Trash-Gepolter, im typischen, Tempo-befeuerten Rumpeln in die vorderste Frontlinie, macht sich die Band schwarzhumorig über die Auswüchse und Selbstzerstörung-Tendenzen der modernen Welt lustig, glaubt man den kolportierten Pressetexten und der Erinnerung an das Songmaterial der diversen Alben – in den vorgetragenen Lyrics am Samstag-Abend war davon kaum bis nichts an Inhalten im lärmenden Gemenge vernehmbar. Wo in der Studioaufnahme die Abmisch-Technik noch ein gedämpftes Element und ein grollendes Fauchen im aggressiven Gesangsvortrag von Gitarrist Zack Weil mitschwingen lässt, brechen auf der Bühne bei ihm alle Dämme in Richtung hysterisches Kreischen – die sickernde Wunde des Bandnamens sifft und eitert scheint’s nicht nur munter vor sich hin, sie dürfte auch gehörig schmerzen, wie die strapazierten Nerven der Zuhörerschaft nach einer erduldeten Weile dieses überdrehten Geschreis.
Zum Speed-Punk-verwandten Marodieren im Überschall-Stakkato und zur exzessiv ausgelebten Schrei-Therapie genehmigte sich die Band wie dem Publikum bisweilen Tempo-reduzierte, psychedelische Doom-Drones als Auszeit zum Sammeln und Innehalten. Zwischen den Stücken wartete das Trio mit ausgedehnten, atonalen Experimental-Noise-Interludien auf, jeglicher Struktur beraubt, irgendwo zwischen Industrial-Ausgeburt, minimalistischem weißen Rauschen und allen denkbaren Rückkopplungen und Feedback-Wallungen dazwischen. Wobei nicht offensichtlich war, ob das von Bassist Kevin Cribbin, der zu diesen Gelegenheiten Chef im Ring war, tatsächlich so angedacht war, der Mann mit dem schwer dröhnenden Saiten-Anschlag und der imposanten Sammlung an Pedal-Effektgeräten hatte eingangs erkennbar Schwierigkeiten mit einer störrischen Technik, mag sein, dass das ein oder andere experimentelle Pfeifen und Brummen weit mehr den Tücken des Equipments als dem Klang-forschenden Genius geschuldet war.
Oozing Wound präsentieren im Konzert eine noch weitaus rohere, Trash-Tempo-gesteigerte Version ihrer brachialen Tonträger-Konserven, das Publikum nickte dazu anerkennend mit und war dezent enttäuscht, dass nichts mehr an Zugabe zu diesem imposanten Rundumschlag rauszuholen war.

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Reingehört (378): Hüsker Dü

„On many levels Hüsker Dü never let anyone catch their breath. The band’s songs were unbroken walls of speed and noise; in concert they played number after number without any breaks in between; they recorded new albums just as the previous one was coming out. The band was in a headlong rush toward a lofty peak, and it was hard not to get swept up in the quest.“
Michael Azerrad, Our Band Could Be Your Life, Scenes From The American Indie Underground 1981 – 1991, Chapter 5, Hüsker Dü)

Hüsker Dü – Savage Young Dü (2017, Numero Group)

Das verfrühte Weihnachts-Paket für alle Hüsker-Dü-Fans oder „Ground Zero“ einer der vermutlich weltbesten, begnadetsten, wegweisendsten Combos ever – die verpönten Achtziger haben sie hinsichtlich Beschallung in jedem Fall maßgebend mitgerettet: 69 ordentlichst restaurierte Songs aus dem Band-Fundus aus der Frühphase der 80er-Indie-/Hardcore-Heroen ab den ersten Auftritten Ende der Siebziger im heimatlichen Minneapolis, jugendliche Verzweiflung und Wut in 69 Überschall-Miniaturen gegossen, der weitaus größte Teil der Titel bis dato unveröffentlicht, inklusive einem neuen Mix der ersten Studio-LP „Everything Falls Apart“, alternativen und bei Weitem besser klingenden Konzert-Mitschnitten zur Setlist des Live-Debüts „Land Speed Record“, zahlreichen weiteren Proberaum-, Session- und Konzert-Aufnahmen, einer Coverversion des Ramones-/Richard-Hell-Klassikers „Chinese Rocks“ und mit „Don’t Have A Life“, „M.T.C.“ und „Let’s Go Die“ die wenigen Kompositionen von Bassist und Kaiser-Wilhelm-Bartträger Greg Norton, der nach dem Band-Split 1988 und einem weiteren kurzen Engagement bei der weithin unbekannten Combo Grey Area für viele Jahre auf Musik überhaupt keine Lust mehr hatte und stattdessen zusammen mit seiner Frau erfolgreich ein Speise-Restaurant betrieb. Für geschätzte 99% des Hüsker-Dü-Songwritings zeichneten Gitarrist/Sänger Bob Mould und Drummer/Sänger Grant Hart in paritätischer Manier verantwortlich, bei den Hardcore-Lennon-McCartney-Tondichtungen rückte der melodischere Indie-/Byrds-Folk-/Noise-Pop-Ansatz Harts mit den Jahren immer mehr in den Vordergrund, für Hüsker-Novizen sei zum Einstieg das letzte SST-Album „Flip Your Wig“ (1985) oder das Warner-Debüt „Candy Apple Grey“ aus dem folgenden Jahr empfohlen, bei entsprechend offenen Ohren wird die Sucht sowieso schnell nach mehr Stoff verlangen, das Material der hier besprochenen Sammlung ist für’s Erste weit mehr tauglich für die beinharten, altgedienten Hüsker-Junkies, die ansonsten eh schon alles von der Band und den nachfolgenden Solo-Alben der Musiker im Schrank stehen haben.
Die in späteren Jahren zur Formvollendung entwickelte, geniale Mixtur aus Speed-Punk, Psychedelic, übersteuertem Indie-Rock und einer überwältigenden, wunderschönen, Erfurchts-gebietenden Pop-Melodien-Vielfalt zwischen Folk-Rock und Best-Of-Beatles lässt sich immerhin in der in Kleinstauflage veröffentlichten 1982er-Single „In A Free Land“ oder dem frühen Band-Klassiker „Diane“ erahnen, die allermeisten Werke sind wie nicht anders zu erwarten im gehetzten Uptempo-US-Hardcore in der Gangart der ersten offiziellen Aufnahmen des Trios ab 1982 gestrickt, nach dem in den Achtzigern und bis heute herausragenden Songwriting von Perlen aus der späteren SST-Phase oder den finalen Warner-Alben sucht man hier weitestgehend vergeblich, Freunden des Ami-Speedcore wird dieser Umstand herzlich egal sein.
Greg Norton ist seit einiger Zeit wieder in der Indie-Szene aktiv, 2016 ist er als Bassist bei der Combo Porcupine eingestiegen. Bob Mould war nach dem Hüsker-Dü-Split einige Jahre beim Major-Label Virgin Records unter Vertrag, wo er 1989 sein Solo-Debüt „Workbook“ veröffentlichte, seither hat er unter eigenem Namen und mit dem Trio Sugar eine ganze Ladung an hörenswerten Alben auf den Markt gebracht, zuletzt „Patch The Sky“ im vergangenen Jahr. Zusammen mit dem Autoren und Musik-Journalisten Michael Azerrad hat Mould 2011 seine lesenswerte Biografie „See a Little Light“ publiziert.
Grant Hart hat nach Auflösung der Stammband exzellente Solo-Alben wie „Intolerance“, „Hot Wax“ oder „The Argument“ und Arbeiten mit seiner Band Nova Mob veröffentlicht, die vom Indie-Publikum sträflichst vernachlässigt wurden. Im vergangenen September ist er viel zu früh auf die letzte Reise gegangen.
Der Monolith „Savage Young Dü“ kommt als 3-CD-/4-LP-Box am 10. November, mit beigelegtem Buch über die Band-Historie, mit unveröffentlichten Fotos, „Flyerography“ & „Sessionography“. Ein Teil des Weihnachtsgeldes ist somit schon verplant, alles andere makes no sense at all
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