SST

Reingehört (378): Hüsker Dü

„On many levels Hüsker Dü never let anyone catch their breath. The band’s songs were unbroken walls of speed and noise; in concert they played number after number without any breaks in between; they recorded new albums just as the previous one was coming out. The band was in a headlong rush toward a lofty peak, and it was hard not to get swept up in the quest.“
Michael Azerrad, Our Band Could Be Your Life, Scenes From The American Indie Underground 1981 – 1991, Chapter 5, Hüsker Dü)

Hüsker Dü – Savage Young Dü (2017, Numero Group)

Das verfrühte Weihnachts-Paket für alle Hüsker-Dü-Fans oder „Ground Zero“ einer der vermutlich weltbesten, begnadetsten, wegweisendsten Combos ever – die verpönten Achtziger haben sie hinsichtlich Beschallung in jedem Fall maßgebend mitgerettet: 69 ordentlichst restaurierte Songs aus dem Band-Fundus aus der Frühphase der 80er-Indie-/Hardcore-Heroen ab den ersten Auftritten Ende der Siebziger im heimatlichen Minneapolis, jugendliche Verzweiflung und Wut in 69 Überschall-Miniaturen gegossen, der weitaus größte Teil der Titel bis dato unveröffentlicht, inklusive einem neuen Mix der ersten Studio-LP „Everything Falls Apart“, alternativen und bei Weitem besser klingenden Konzert-Mitschnitten zur Setlist des Live-Debüts „Land Speed Record“, zahlreichen weiteren Proberaum-, Session- und Konzert-Aufnahmen, einer Coverversion des Ramones-/Richard-Hell-Klassikers „Chinese Rocks“ und mit „Don’t Have A Life“, „M.T.C.“ und „Let’s Go Die“ die wenigen Kompositionen von Bassist und Kaiser-Wilhelm-Bartträger Greg Norton, der nach dem Band-Split 1988 und einem weiteren kurzen Engagement bei der weithin unbekannten Combo Grey Area für viele Jahre auf Musik überhaupt keine Lust mehr hatte und stattdessen zusammen mit seiner Frau erfolgreich ein Speise-Restaurant betrieb. Für geschätzte 99% des Hüsker-Dü-Songwritings zeichneten Gitarrist/Sänger Bob Mould und Drummer/Sänger Grant Hart in paritätischer Manier verantwortlich, bei den Hardcore-Lennon-McCartney-Tondichtungen rückte der melodischere Indie-/Byrds-Folk-/Noise-Pop-Ansatz Harts mit den Jahren immer mehr in den Vordergrund, für Hüsker-Novizen sei zum Einstieg das letzte SST-Album „Flip Your Wig“ (1985) oder das Warner-Debüt „Candy Apple Grey“ aus dem folgenden Jahr empfohlen, bei entsprechend offenen Ohren wird die Sucht sowieso schnell nach mehr Stoff verlangen, das Material der hier besprochenen Sammlung ist für’s Erste weit mehr tauglich für die beinharten, altgedienten Hüsker-Junkies, die ansonsten eh schon alles von der Band und den nachfolgenden Solo-Alben der Musiker im Schrank stehen haben.
Die in späteren Jahren zur Formvollendung entwickelte, geniale Mixtur aus Speed-Punk, Psychedelic, übersteuertem Indie-Rock und einer überwältigenden, wunderschönen, Erfurchts-gebietenden Pop-Melodien-Vielfalt zwischen Folk-Rock und Best-Of-Beatles lässt sich immerhin in der in Kleinstauflage veröffentlichten 1982er-Single „In A Free Land“ oder dem frühen Band-Klassiker „Diane“ erahnen, die allermeisten Werke sind wie nicht anders zu erwarten im gehetzten Uptempo-US-Hardcore in der Gangart der ersten offiziellen Aufnahmen des Trios ab 1982 gestrickt, nach dem in den Achtzigern und bis heute herausragenden Songwriting von Perlen aus der späteren SST-Phase oder den finalen Warner-Alben sucht man hier weitestgehend vergeblich, Freunden des Ami-Speedcore wird dieser Umstand herzlich egal sein.
Greg Norton ist seit einiger Zeit wieder in der Indie-Szene aktiv, 2016 ist er als Bassist bei der Combo Porcupine eingestiegen. Bob Mould war nach dem Hüsker-Dü-Split einige Jahre beim Major-Label Virgin Records unter Vertrag, wo er 1989 sein Solo-Debüt „Workbook“ veröffentlichte, seither hat er unter eigenem Namen und mit dem Trio Sugar eine ganze Ladung an hörenswerten Alben auf den Markt gebracht, zuletzt „Patch The Sky“ im vergangenen Jahr. Zusammen mit dem Autoren und Musik-Journalisten Michael Azerrad hat Mould 2011 seine lesenswerte Biografie „See a Little Light“ publiziert.
Grant Hart hat nach Auflösung der Stammband exzellente Solo-Alben wie „Intolerance“, „Hot Wax“ oder „The Argument“ und Arbeiten mit seiner Band Nova Mob veröffentlicht, die vom Indie-Publikum sträflichst vernachlässigt wurden. Im vergangenen September ist er viel zu früh auf die letzte Reise gegangen.
Der Monolith „Savage Young Dü“ kommt als 3-CD-/4-LP-Box am 10. November, mit beigelegtem Buch über die Band-Historie, mit unveröffentlichten Fotos, „Flyerography“ & „Sessionography“. Ein Teil des Weihnachtsgeldes ist somit schon verplant, alles andere makes no sense at all
(*****)

Soul Family Tree (12): David Murray, Xero Slingsby & The Works, Universal Congress Of

Black Friday, my dudes, heute mit einem eigenen Beitrag zum Thema „Spielarten des Free Jazz“, und damit ab ins verdiente Wochenende, keep your spirit free and clean…

„Dark Star“ is the highlight, as it usually is on any album that lists it. It’s all quite fun, lively, a bit confusing and – since Jerry was a Jazzhead, too – somewhat fitting for a diversionary listen to the Dead.“
(Captain Willard)

Der Kalifornier David Murray wurde als Saxophonist in seinem Free-Jazz-Ansatz maßgeblich vom Avantgarde-Pionier Albert Ayler beeinflusst, er hat in seiner langen Schaffensphase mit zahlreichen Blues- und Jazz-Größen wie Taj Mahal, Mal Weldron, James Blood Ulmer, Lester Bowie und Olu Dara zusammengearbeitet. 1996 hat er mit seinem Octet die US-amerikanische Jam-Rock-Institution The Grateful Dead mit dem Album „Dark Star: The Music Of The Grateful Dead“ (Astor Place) gewürdigt, der Dead-Gitarrist Bob Weir war partiell auch an den Aufnahmen beteiligt – daraus die Free-Jazz-Version des titelgebenden Space-Rock-Improvisations-Live-Klassikers der Hippie-Kult-Band:

Der 1957 in Yorkshire/UK als Matthew Coe geborene Xero Slingsby startete seine Karriere als Bassist, im Alter von zehn Jahren verletzte er sich schwer an der linken Hand, als Alternative zum therapeutischen Gummiball-Drücken erlernte er das Saitenspiel und verdingte sich in den folgenden Jahren in diversen Heavy-Rock-Bands. Nach einem musikalischen Erweckungserlebnis, ausgelöst durch einen Ornette-Coleman-Tonträger, besorgte er sich ein Alt-Saxophon und wechselte zum Jazz. Nach Lehrjahren in Sachen Free Jazz und Thelonious-Monk-Covern gründete er in den frühen Achtzigern mit dem Bassisten Louis Colan und dem Drummer Gene Velocette das Trio Xero Slingsby & The Works, mit ihrem sogenannten „Jump-Jazz“ war die Formation neben Acts wie Ted Milton’s Blurt und Rip, Rig & Panic eine feste Größe im britischen Punk/Jazz-Crossover. Dem Trio war nur die Produktion zweier Alben vergönnt, „Shove It“ 1985 und das Nachfolgewerk „Up Down“ im Jahr darauf, bereits Mitte der Achtziger ist Xero Slingsby schwer an einem Hirntumor erkrankt, dem er 1988 erlag.

„Es handelt sich um Mißtöne, die einzigartige neue Harmonien hervorbringen, also falsche Töne, die nicht einfach nur falsch bleiben, sondern plötzlich einen neuen Zusammenhang konstruieren, in dem sie richtig sind.“
(Joe Baiza)

Fusion aus Punk-Rock und Jazz gab’s in den Achtziger Jahren auch in the US of A, herausragende Vertreter dieser Spielart waren und sind bis heute Universal Congress Of, die Combo wurde 1986 vom kalifornischen Gitarristen Joe Baiza ins Leben gerufen und von Kritikern mit Free-Jazz-Größen wie Albert Ayler und Ornette Coleman verglichen, der „Mecolodics“-Ansatz der Band war eine Weiterentwicklung der „Harmolodics“-Philosophie Colemans, UCO-Drummer Jason Kahn merkte hierzu an: „Mecolodics ist Harmolodics mit bewussten Fehlern“. Joe Baiza hat sich bereits zuvor mit der SST-Punk-/Hardcore-Kapelle Saccharine Trust einen Namen im Indie-Sektor gemacht und auf Platten von Black Flag, den legendären Minutemen und zusammen mit Henry Rollins und Konsorten auf den beiden ziemlich ungenießbaren October-Faction-Alben mitgewirkt, die Indie-Postille Spex merkte hierzu 1988 an: „Mit October Faction verprellten er und ein paar andere Prominente haufenweise Black-Flag-Fans“.
Hier das Universal-Congress-Of-Stück „Hightime“ vom zweiten SST-Album „Prosperous And Qualified“ aus dem Jahr 1988: