Steve Earle

Reingehört (176)

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Shawn Colvin & Steve Earle – Colvin & Earle (2016, Concord Music / Universal Records)
Der Alternative-Country-/Roots-Altmeister Steve Earle und die Folk-Musikantin Shawn Colvin haben sich zwecks Kollaboration zusammengetan und ein launig-beschwingtes Country-Folk-Album mit punktuell bereichernden Honky-Tonk-Blues-Ausflügen eingespielt.
Die beiden seit den Früh-Siebzigern aktiven Songwriter harmonieren im Duettgesang, der kritische Geist und politische Aktivist Earle und die Grammy-Gewinnerin Colvin brillieren in etlichen Coverversion, im Stones-Klassikers „Ruby Tuesday“, der in der Country-Version jegliches hymnische Pathos des Originals vermissen lässt, was dem alten Schmachtfetzten gut zu Gesicht steht, in der Emmylou-Harris-Nummer „Raise The Dead“, „You Were On My Mind“, im Original ein Schlager der kalifornischen Sixties-Folk-Band We Five und einer Blues-lastigen Neueinspielung des Nashville-Teens-Stücks „Tabacco Road“, das seinerzeit in der 14-minütigen Eric-Burdon-Interpretation im Jahr 1970 zum Hit wurde.
In den sechs Eigenkompositionen gelingt es dem Duo mal mehr, mal weniger, den jeweiligen Stücken einen individuellen Stempel aufzudrücken, mitunter klingt das wiederholt austauschbar und gleichförmig vor sich hin leiernd, speziell bei früheren Steve-Earle-Tonträgern kam da schon mal mehr Freude auf.
Produziert von Americana-Songwriter-Urgestein Buddy Miller, was die punktuell aufkommende Eintönigkeit beim Abhören dieses Tonträgers erklären mag, Millers eigene Arbeiten waren in der Vergangenheit vor diesen Anwandlungen auch nicht immer gefeit.
(*** ½ – ****)

Reingehört (118)

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V.A. – Joy Of Living: A Tribute To Ewan MacColl (2015, Cooking Vinyl)
Zum Anlass des hundertsten Geburtstags des Meisters hat das Londoner Indie-Label Cooking Vinyl im vergangenen Herbst eine wunderbare Coverversionen-/Song-Sammlung mit großartigem schottischen Folk aus der Feder des Songwriters, Theaterschauspielers, Poeten, Kommunisten und Labour-Aktivisten Ewan MacColl veröffentlicht.
MacColl engagierte sich unter anderem für atomare Abrüstung und im hier vor kurzem thematisierten britischen Bergarbeiterstreik in den Jahren 1984 bis 1985 auf Seiten der National Union of Mineworkers. Seit 1932 führte der britische Geheimdienst MI5 eine Akte über MacColl  – „a communist with very extreme views who needed special attention„.
Der Reigen der Gratulanten erstreckt sich von den üblichen Verdächtigen bis zu dem geneigten Folk-Hörer weniger bekannten oder gar überraschenden Interpreten. Die derzeit wohl zur Speerspitze der Vortragskünstler traditionellen britischen Liedguts zu zählenden nordenglischen Unthanks-Schwestern dürfen nicht fehlen, und auch die Präsenz des geistesverwandten Polit-Barden und Aktivisten Billy Bragg wird wenig überraschen, zumal Ewan MacColls viel zu früh verstorbene Tochter Kirsty im Dezember 1984 ihrerseits mit der Interpretation des Billy-Bragg-Klassikers „A New England“ einen Top-Ten-Hit in den UK-Charts landete, bekannt wurde sie vor allem als Duett-Partnerin von Shane MacGowan in dem Pogues-Hit „Fairytale Of New York“.
Ex-Pulp-Frontmann Jarvis Cocker treibt „The Battle Is Done With“ in Richtung Tindersticks und auch bei der Interpretation von „Sweet Thames, Flow Softly“ durch das Wainwright-Geschwisterpaar Martha und Rufus kommt der Schmalz nicht zu kurz, politisch hart am Wind segelnd dagegen die „Companeros“-Version des IRA-Sympathisanten Christy Moore über die kubanische Revolution („Courage was their armour as they fought at Fidel’s side with Che Guevara“). Dazwischen bekanntere Interpreten und Bands wie der Carthy/Waterson-Clan, Damien Dempsey, Paul Buchanan (The Blue Nile), der irische Songwriter Paul Brady, der englische Indie-Rocker David Gray oder die Alternative-Folker vom Bombay Bicycle Club und unbekanntere Interpreten, bei denen zuforderst der englische Folk-Musiker Seth Lakeman mit seiner grandiosen Fassung von „The Shoals Of Herring“ hervorzuheben ist.
Das vor allem durch die Version der Pogues auf ihrem Album ‚Rum Sodomy & The Lash‘ (1985, Stiff) populär gewordene „Dirty Old Town“ darf der Alternative-Country-Held Steve Earle zum Besten geben, in Anlehnung an dessen berühmt-berüchtigten Spruch in Bezug auf Bob Dylan/Townes Van Zandt behaupte ich hier frech, dass mein alter Freund k.ill von The Almost Boheme die Nummer weitaus besser drauf hat, „…and I’ll stand on Steve Earle’s coffee table in my cowboy boots and say that.” Abgesehen davon, dass ich gar keine cowboy boots besitze, wird es höchste Zeit, dass die hierzu lange angekündigte Single das Licht der Welt erblickt und diese Behauptung untermauert.
(**** ½ – *****)

Reingehört (39)

San-Francisco
 
Ty Segall Band – Live In San Francisco (2015, Drag City)
Stimmungsvolle, Schwere-70er-Jahre-Gitarren-/Trash-Live-Scheibe des „Hardest Working Man in Garage Rock“. Einerseits schwer den Punk-Odem der frühen Jahre atmend, auf der anderen Seite mit ausladendem, überbordendem, enthusiastischen Gitarrenspiel den Stooges und MC5 huldigend, entfacht der Kalifornier Segall und seine Band ein klasse Live-Feuerwerk, welches auch nach mehrmaligen Hören nichts an seiner sprudelnden Energie verliert. Das Songmaterial speisst sich schwerpunktmäßig aus den Stücken der 2012er-Platte „Slaughterhouse“ (In The Red Records). Schweißtreibend, mutig, unbehandelt & großartig.
(*****)


 
Steve Earle & The Dukes – Terraplane (2015, New West Records)
Der Alternative-Country-/Roots-Rock-Großmeister aus Texas mit einer für seine Verhältnisse ungewöhnlich Blues-lastigen neuen Scheibe: Siebziger-Stones-Rock, Green On Red, Beefheart-Blues-Harp, Akustik-Blues a la Lightnin‘ Hopkins und Anklänge an die letzten, großartigen Dylan-Werke (nein, natürlich nicht dieses Sinatra-Gedudel!) – alles da, was das Herz begehrt in dieser Sparte. Der Blues ist für Earle „the commonest of human experience, perhaps the only thing that we all truly share“ und auf dieser Platte beweisen er und seine glänzend eingespielt Band The Dukes, dass sie ihn haben. Angenehme Überraschung.
(****)


 
Samba Touré– Gandadiko (2015, Glitterbeat / Glitterhouse)
„Vibrant Music from Africa and beyond“ ist das Motto der Glitterhouse-Tocher Glitterbeat unter der Führung von Walkabout Chris Eckman. Der von Ali Farka Touré großgezogene Samba Touré aus Mali veröffentlicht auf dem Label aus dem nordrhein-westfälischen Beverungen bereits seinen zweiten Longplayer, der ein intensives, groovendes und treibendes Spektrum von sehr traditionellem bis zu von westlicher Rockmusik beeinflusstem Desert Blues bietet. Diese Platte führt eindringlich vor Augen, wo der Rock ’n‘ Roll ursprünglich herkommt.
(****)


 
Sleater-Kinney – No Cities To Love (2015, Sub Pop)
Ich weiß, die Kritiken waren überschwänglich, und auf die Gefahr hin, dass ich mir jetzt viele Widerworte einhandle: So erfreulich die Wiedervereinigung der drei Ladies Brownstein, Tucker und Weiss grundsätzlich ist, so wenig versetzt mich die neue Sleater-Kinney-Scheibe in Enthusiasmus. Mit „Dig Me Out“ haben sie 1997 ihr Gitarren-Post-Punk-Meisterwerk in die Pop-Landschaft gestellt und diese neue Platte kann dem Klanguniversum der Band meiner bescheidenen Meinung nach wenig Wesentliches hinzufügen. Sicher generell solide Gitarrenkost, aber bei mir springt der Funke kaum über. Schade.
(***)