Steve Shelley

Reingehört (308): Thurston Moore, The Afghan Whigs

Thurston Moore – Rock N Roll Consciousness (2017, Ecstatic Peace / Caroline Records)

5 lange aus der altbewährten Sonic-Youth-Schule. Thurston Moore schrammelt sich zu Beginn des fast 12-minütigen Openers „Exalted“ für seine Verhältnisse gefällig in Früh-Feelies-Manier hinein in seine über Jahrzehnte bewährte Spielart des Indie-, Alternative- und Experimental-Rock, um für den Rest der gut 40 Minuten dann dort zu landen, wo ihn die altgediente Hörerschaft seit jeher am liebsten sieht/hört: wandernd im versierten, abgeklärten, psychedelisch funkelnden Gitarren-Noise und Postpunk-No-Wave, das charakteristische Musizieren geprägt in jungen Jahren vom Minimal-Gitarren-Avantgardisten Glenn Branca und gemeinsam weiterentwickelt mit ex-SY-Bandkollege Lee Ranaldo, die Moll-lastigen, elegant dahinfließenden Klangschichten und dezenten Feedback-Verzerrungen nur sporadisch durch diese für ihn typischen, cool-unemotionalen Gesangspassagen ergänzend.
Bedingt durch die langen Laufzeiten der einzelnen Stücke drängen sich Vergleiche zur nahezu spirituellen Eleganz von Werken wie „Teen Age Riot“ oder „Total Trash“ vom Sonic-Youth-Meilenstein „Daydream Nation“ auf, Thurston Moore tritt erneut den Beweis an, dass kontemplatives, meditatives Versenken mittels krachig gespielter Stromgitarre keine unmögliche Übung sein muss. James Sedwards als zweiter Gitarrist, My-Bloddy-Valentine-Bassistin Debbie Googe und ex-Sonic-Youth-Drummer Steve Shelley assistieren formvollendet wie beim letzten „The Best Day“-Album und der 2014er-Konzertreise, dahingehend darf man in der Besetzung auf ein weiteres intensives Gitarren-Hochamt am 30. Juni im Münchner Strom hoffen.
(**** ½ – *****)

The Afghan Whigs – In Spades (2017, Sub Pop)

Mit der unsäglichen Eröffnungsnummer „Birdland“ unternimmt Herr Dulli den verkrampft-linkischen Versuch, das Erbe des verstorbenen Prinzen Rogers Nelson mit brachialer Überdrehtheit anzutreten, der in die Schockstarre treibenden, artifiziell verzerrten, ungenießbaren Electro-Soul-Nummer folgt Gottlob im weiteren Verlauf Qualitäts-steigernd der von den Whigs erwartetete, bewährte, Beton-harte Alternative-Rock-Grunge, der sich gerne und wie bei der anderen Dulli-Combo The Twilight Singers wiederholt vernommen in der schweißtreibenden Schwere des R&B- und Sixties-Soul-Grooves sowie den Bläsersätzen einer gediegenen Horn-Sektion als belebenden Beigaben bedient, den eine Spur zu oft in Indie-Stereotypen und im allzu bekanntem Gitarren-Mainstream verweilenden Songs steht dies mehr als gut zu Gesicht. Greg Dulli setzt sich in beschwörendem Lamentieren und mit intensiver Eindringlichkeit mit der Sterblichkeit, gescheiterten Beziehungen und den Abgründen der Drogensucht auseinander, unterm Strich eine passable Arbeit, die hinsichtlich Songmaterial leider nur sporadisch an alte Perlen der Band heranreicht, im Verbund mit bewährten Hauern etwa von den „Gentlemen“-, „Black Love“– oder „1965“-Alben sollten die neuen Nummern am 8. August in der Münchner Backstage-Halle allemal für einen gepflegten Krach-Abend herhalten.
(****)

Reingehört (280): Sun Kil Moon

KULTURFORUM Portugal II www.gerhardemmerkunst.wordpress.com 31

Sun Kil Moon – Common As Light And Love Are Red Valleys Of Blood (2017, Rough Trade)

Hinsichtlich Fleiß und Inspiration ist Mark Kozelek dieser Tage schwer zu toppen, mit seinem Indie-Rock-/-Folk-Betrieb Sun Kil Moon hat er im vergangenen Jahr zusammen mit dem Godflesh-Industrial-Metal-Pionier Justin Broadrick aka Jesu eine herausragende, weit über das Musikjahr 2016 hinausstrahlende Postmetal-/Free-Folk-Kollaboration unter das Volk gebracht, nebenher war er mit geschätzten Musikern wie Minnie Driver und Will Oldham beim Einspielen seiner Lieblingslieder aus fremder Feder für die Sammlung „Sings Favorites“ zugange, im noch jungen Jahr 2017 hat er mit „Common As Light…“ bereits wieder ein gewichtiges Werk im Doppelalbum-Format am Start, in sechzehn langen bis sehr langen Arbeiten lässt Kozelek sein persönliches Jahr 2016 Revue passieren, in einem Spoken-Word-artigen, Stakkato-haften Redefluss unter HipHop-Einfluss erzählt er in seinem charakteristischen, ab und an gefährlich ins Lamentieren abkippenden Sprechgesang seine in Songs gegossenen autobiographischen Short Stories und gibt seine persönlichen Eindrücke wieder von Reisen und Tournee-Aufenthalten wie in „God Bless Ohio“ oder „I Love Portugal“ (wer nicht?), Reflexionen über eigene Befindlichkeiten, als er die Nachrichten vom Ableben geschätzter Helden wie Muhammad Ali oder David Bowie vernahm, Gedanken zum Jarmusch-Film „Stranger Than Paradise“ oder zum mysteriösen Verschwinden und Tod der kanadisch-chinesischen Studentin Elisa Lam in einem Hotel in Los Angeles im Jahr 2013. „Lone Star“ handelt in einem vor der Wahl geschriebenen Text vom aktuellen US-Fake-Präsidenten, Kozelek hat den Finger am Puls der Zeit, wie ihm auch Songwriter-Kollege Conor Oberst jüngst in einem Interview attestierte.
In den improvisierten Aufnahmesessions musikalisch begleitet wurde Kozelek auf diesem in den Lyrics ausufernden, individuell geprägten Trip vom ehemaligen Sonic-Youth-Drummer Steve Shelley, der das Werk in einem entspannten Flow in einer Art Post-Indierock im Geiste von Tortoise mit frei fließenden, an beschwingten Jazz angelehnten Drums und unaufdringlichen, nichtsdestotrotz schwer und treibend einwirkenden Dub-Bässen über die volle Distanz trägt, der spartanisch wirkende, zurückgenommene Alternative-Triphop wird nur durch sporadische Ausreißer wie den zum Titel passenden Motown-Soul-Funk in „Seventies TV Show Theme Song“ ergänzt.
Einiges über zwei Stunden Laufzeit des Tonträger-Großwerks nötigen Respekt und Konzentration beim Hören ab, wie bei vorab hinsichtlich Filmdauer furchteinflössenden cineastischen Überlänge-Produktionen vom Kaliber „Manchester By The Sea“ oder „Toni Erdmann“ sind die Bedenken letztlich hinfällige, zu keiner Minute kommt im Rahmen dieses gehaltvollen, formvollendeten Entertainments Leerlauf oder gar Langeweile auf.
(*****)