Sunny Red

Brian Lopez & Gabriel Sullivan @ Sunny Red, München, 2015-12-16

Bei der Frage, ob man sich am vergangenen Mittwoch-Abend das vorhersehbare Pokal-Gewürge der Münchner ‚Löwen‘ oder doch lieber gepflegtes Tex-Mex-Crooner-Songwriting einverleiben sollte, fiel die Wahl nicht weiter schwer.
Das Antanzen bei den beiden Giant-Sand-Teilzeitkräften Brian Lopez und Gabriel Sullivan aus Tucson/Arizona war umso mehr die richtige Entscheidung, da es zum einen für die Gurkentruppe von der Grünwalder Straße hinsichtlich sportlicher Leistung inzwischen nicht mal mehr für einen biederen Haufen wie den VfL Bochum im Achtelfinale des DFB-Pokals reicht und zum anderen im Feierwerk-Keller tatsächlich jede Frau und jeder Mann gefragt war, sage und schreibe 12 (!!!) Eintritt zahlende Menschen haben sich zum Liederabend in das Sunny Red verlaufen, man kommt nicht umhin, sich einmal mehr für das Münchner Konzertpublikum abgrundtief zu schämen, zumal das Programm der beiden Sänger/Gitarristen nicht weniger als allerfeinst zu bezeichnen war.
Lopez und Sullivan nahmen die widrigen Umstände mit Humor, gestalteten die Show zu einem intimen Liederabend und beglückten die wenigen Anwesenden mit exzellentem, vom Flamenco und mexikanischer Mariachi-Volksmusik geprägtem Gitarrenspiel, zumeist die akustische Variante, und einfühlsam-beseeltem Gesang, hier vermehrt Wohlklang von Seiten Lopez‘, dort ausgeprägt-grollender Bariton im Vortrag von Gabriel Sullivan, Brian Lopez beschreibt den eigenen Stil im Übrigen wie folgt: „Retro-psychedelischer Kammerpop mit etwas Klapperschlange“… ;-)))
Der charakteristische, staubtrockene Wüsten-Alternative-Country, in den die beiden jungen Männer ihre Geschichten einbetten, wurde bereichert durch fremdes Liedgut wie einer intensiven Version der Springsteen-Nummer „The Ghost Of Tom Joad“, „Between The Bars“ von Elliott Smith und dem als finalen Rausschmeißer in Tom-Waits-Manier vorgetragenen Hank-Williams-Klassiker „Ramblin‘ Man“.
Einen unkonventionell-charmanten Ausklang nahm der Abend an der Theke des Sunny Red, Brian Lopez stellte vor den anstehenden Zugaben die Frage: „Encore or a Beer together at the Bar?“, worauf der schüchterne Vorschlag „Maybe both?“ aus dem Off mit einem beherzten „Let’s do this!“ beantwortet wurde, eine Runde Getränke war schnell bestellt und so gaben die beiden Südstaatler die letzten Lieder ihres Sets in trauter Runde am Tresen zum Besten und hauten so in absolut origineller Manier den Deckel drauf auf das Kulturforums-Konzertjahr 2015.
Als frommer Wunsch für’s neue Jahr sei eine verdientermaßen weitaus größere Besucherzahl genannt, sollten sich die Herren Lopez und Sullivan nochmal für ein Gastspiel in unsere Breitengrade verirren, für die eingangs erwähnten Münchner ‚Löwen‘ indes hilft vermutlich selbst ein Stoßgebet nicht mehr…
(**** ½ – *****)

Nasmyth, Waves, Colaris @ Sunny Red, München, 2015-07-19

Für das Grummeln über das Ende vom Wochenende blieb am Sonntagabend weder Zeit noch Raum, luden doch die Lokalmatadore Nasmyth und Waves zum Postrock-Hochamt in das Sunny Red im Feierwerk-Gelände und präsentierten bei der Gelegenheit als dritte Combo im Bunde ihre Brüder im Geiste von Colaris aus dem pfälzischen Pirmasens.

Den feinen Instrumental-Abend eröffnete die München-/Augsburg-Postrock-Kooperation Nasmyth, ich vermute größtenteils mit Stücken, die sie für ihre derzeit laufenden Tonträger-Einspielungen verwenden, konzertant funktioniert das Material schon mal formidabel, in mittlerweile schon gewohnt exzellenter Qualität tarierte das Quartett facettenreich das weite Feld zwischen Post- und Progressive Rock aus, ergänzt durch pointierte Metal-Einsprengsel, die dem hypnotisch-intensiven Klangbild der Band die besondere Würze verleihen.
Hinsichtlich musikalischer Bühnenpräsentation ist die lokale Formation längst in Gefilde vorgedrungen, in denen sie die internationale Konkurrenz wie Caspian oder Explosions In The Sky, um nur einige Größen des Genres zu nennen, nicht scheuen braucht. „Bereit für die großen Bühnen des Post-Rock, wenn Sie es sind“, würde Hannibal Lecter an der Stelle wohl sagen… ;-))
Auf die demnächst anstehende CD-Veröffentlichung darf man nach der wunderbaren Live-Präsentation mehr als gespannt sein.
(*****)

Nasmyth / Loft / 2015-04-12
Nasmyth / Glockenbachwerkstatt / 2014-09-28
Nasmyth / Facebook

Den Mittelteil des flotten Post-Rock-Dreiers bestritten Colaris aus Pirmasens, einer 40.000-Seelen-Kleinstadt aus der Südwest-Pfalz, die mir offen gestanden das letzte Mal Mitte bis Ende der siebziger Jahre in Form des damaligen Zweitligisten FK Pirmasens unterkam, der seinerzeit am Ende der Saison 1974/75 in der Aufstiegs-Relegation zur ersten Fußball-Bundesliga an Bayer Uerdingen scheiterte, gegen den meine ‚Löwen‘ in insgesamt sechs Pflichtspielen immerhin auch zweimal den Kürzeren zogen und der heute in den Niederungen der viertklassigen Regionalliga Südwest kickt – unnützes Wissen am Rande, ich gebe es unumwunden zu… ;-))
Alles andere als unterklassig war der Vortrag des Trios aus der Pfalz, das seinen Stil selbst als „Brachialromantik“ bezeichnet, der zupackende Mix aus Progressiv-Psychedelic und Heavy-Rock beeinflussten Instrumental-Gitarrenwänden wusste das Publikum im gut besuchten Sunny Red durchaus zu überzeugen, an der ein oder anderen Stelle geriet der Vortrag, an große Vorbilder wie Russian Circles gemahnend, etwas zu metal-belastet eintönig, aber die Band verfügt über genügend musikalisch-dramaturgisches Potential, um diese Klippe immer wieder gekonnt zu umschiffen.
(**** ½)

Colaris / Bandcamp

Den krönenden Abschluss des Abends lieferte das ortsansässige Post-Rock-Quartett Waves, mittlerweile geformt durch zahlreiche Live-Auftritte, unter anderem im Vorprogramm des vorletzten Münchner Auftritts der besagten Postmetal-Heroen Russian Circles aus Chicago. Die vier jungen Münchner gaben den poetischen Teil des Abends, wo Nasmyth und noch viel mehr Colaris in diesem Rahmen oft zupackend-direkt und mit geschliffener Härte auf den Punkt kommen, entwerfen Waves weite, ausladende Sound-Landschaften, die leidenschaftlichen Gitarren-Kaskaden, druckvoll in Form gebracht von Bass und Schlagzeug, entfalteten am Sonntag zu fortgeschrittener Stunde eine fast meditative Kraft.
Die Stücke wurden in einem einzigen langen Fluss vorgetragen, ohne Pause, mit nahtlosem Übergang, Old Neil Young höre ich an der Stelle seinen „It’s all one Song“-Sermon husten, der hier in keinster Weise greift, waren die herrlichen Instrumental-Epen doch weitaus vielschichtiger und  ausdifferenzierter, mit der uns die Band zur Geisterstunde in die Gewitterwolken-verhangene Münchner Nacht entließ…
(*****)

Erneut bleibt mir nach diesem wunderbaren Abend – gerade in Bezug auf unsere ortsansässigen Vorzeige-Bands – festzustellen: Beim Post-Rock samma guad dabei, in Minga… ;-))

Waves / Glockenbachwerkstatt / 2014-09-28
Waves / Homepage