Synth-Pop

Soundtrack des Tages (208): Große Freiheit

Was aus der Nostalgie-Abteilung, nach dem Motto „Früher war alles besser, die Musik mutiger und wir selbst wilder & vor allem jünger“: Die Combo Große Freiheit wurde Anfang der Achtziger von den Hamburger Musikern Martin Georg Grunwaldt und Michael Wentzel gegründet, 1982 veröffentlichte das ZickZack-Label von Alfred Hilsberg ihre beiden Maxis/EPs „Piroschka“ und „Die Moschusfunktion“. Begriffe wie DIY oder LoFi geisterten zu jener Zeit noch nicht durch die Musikpresse, die Band bewegte sich auf diesem Level in einem Spannungsfeld zwischen experimentellem NDW-Elektro-Pop und Synthie-New-Wave. Auf „Die Moschusfunktion“ glänzt vor allem das Stück „Expressomaschine“, eine wunderbar gelungene und in der Form bis heute unerreichte Coverversion mit surrealem Text im Geiste des Elektro-Punk, das Original „Auf der Espresso-Maschine“ stammt vom Liedermacher, Rechtsanwalt und Alt-Kommunisten Franz Josef Degenhardt und findet sich auf seiner 1965er-LP „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“.
Von Große Freiheit war’s das dann auch schon mehr oder weniger mit Erwähnenswertem aus der Pop-Historie. Martin Grunwaldt trat in den späten Achtzigern mit dem Bassisten Johann Bley als Duo auf, neben zahlreichen Fernseh-Shows unter anderem im Vorprogramm der Red Hot Chili Peppers. Im Nachgang veröffentlichte Grunwaldt zwei Solo-Alben, das bis dato aktuellste erschien im Jahr 2001.

Toc + Bosch @ Maj Musical Monday #88, Glockenbachwerkstatt, München, 2018-09-17

Trotz weiterhin tropischer Temperaturen meldet sich auch die Veranstaltungsreihe Maj Musial Monday aus der Sommerpause zurück, die von den Münchner Musikern Josip Pavlov und Chaspa Chaspo organisierte Do-It-Yourself-Serie für Indie-, Post-, Experimental-, Noise-Rock, Artverwandtes und Multimedia-Installationen präsentierte am vergangenen Montag im Saal der Glockenbachwerkstatt ein deutsch-französisches Doppelpack, das ein denkbar weites Feld an experimenteller Musik absteckte.

Den Auftakt des Abends bespielte ein junges Münchner Duo namens Bosch, über die Musiker ist kaum Informatives im Netz zu finden, die facebook-Seite der Formation lässt immerhin folgendes verlauten: „Bosch sind zwei Menschen, Gitarre, Synthesizer, Looper, Drummaschine, Bohrmaschine und eine Gießkanne“. Die Blech-Gießkanne wurde Sound-begleitend sporadisch mit Schlagwerk und einer Bohrmaschine (schwer vermutlich aus dem Hause Bosch) malträtiert und musste so für erratische Neubauten-für-Arme-Attacken herhalten, im Wesentlichen ergingen sich die beiden jungen Klangtüftler in einer Electronica-Spielart des Kraut-Rock, der für die klanglichen Schönheiten des Elektro-Pop und die Monotonie des Industrial jederzeit eine offene Flanke bot. Geloopte, überlagernd geschichtete Sequenzen, der stoische, Bass-lastige Anschlag des Drum-Computers im immergleichen Beat und prächtige Synthie-Melodien fügten sich zu einem abstrakten, angenehmen Klangbild, das seine willkommene Erweiterung in den begleitenden, gelegentlichen Shoegazer-Gesängen und Riffs des Gitarristen erfuhr, der Saiten-Anschlag bereichernd zwischen lärmendem Indie-Rock, Schuhglotzer-Verspieltheit und fließenden, griffigen Postrock-Phrasierungen. Eine zu weiten Teilen abstrakte Video-Installation im Großbild-Format verstärkte die Klang-Effekte des synthetischen Elektronik-Space, der sich quasi als Neu! in neu gerierte, gepaart mit einer Verneigung vor den Kraut/Synth-Pop-Pionieren von Kraftwerk, wobei die beiden jungen Münchner das Spannungslevel beim Ambient-verwandten Verloren-gehen in der gefühlten Endlos-Schleife etwas länger oben zu halten wussten als die berühmten Monotonie-Pioniere aus Düsseldorf mit ihren repetitiven Klangskulpturen.
Ohren-schmeichelnder, das Zappeln fördernder, gefälliger Elektro-Flow. Und irgendwann klappt das auch mit der Integration der Bohrmaschine ins Gesamt-Klangbild.

Weitaus fordernder für die Hörerschaft präsentierte sich die Improvisationskunst der drei französischen Klang-Forscher des Jazzcore-Projekts Toc aus der flandrischen Hauts-de-France-Hauptstadt Lille. „Das sind Gefühle, wo man schwer beschreiben kann“ hat der Klinsi einst grammatikalisch holprig zum Besten gegeben, gleiches gilt für die frei fließende und agierende Hardcore-Spielart des Avantgarde-Jazz von Fender-Rhodes-Keyboarder Jérémie Ternoy, Drummer Peter Orins und Gitarrist Ivann Cruz, die wohl vor allem darum als Jazz bezeichnet wird, weil sich nahe liegend nichts anderes als Entsprechung aufdrängt im eingangs völlig von Strukturen losgelösten Musizieren des Trios, dabei offenbarte der Vortrag im weiteren Verlauf so vieles mehr an stilistischen Finessen von intensiven Noise-Attacken über hypnotischen Kraut- und Psychedelic-Flow bis hin zu harten Progressive- und Post-Rock-Anwandlungen.
Die Formation startete, wie eine Freejazz-Formation gemäß bösen Zungen immer startet: Jeder spielt, was er lustig ist und was ihm spontan in den Sinn kommt, Hauptsache, es fügt sich nicht passend in den Vortrag der Mitmusiker. Parallelwelten-/Autisten-Lärm, sozusagen: Jeder lebt in seiner eigenen Welt, aber meine ist die Richtige. Aus der Kakophonie aus hypernervösem, stakkato-artigem High-Speed-Getrommel, erratischen, völlig unkonventionellen und unmelodischen Gitarrenriffs und organischem, Blues-lastigem Drone-Georgel schälte sich im Fluss eine erkennbare Struktur aus hartem, hochkomplexem, mitunter schwer Kraut-rockendem Canterbury-/Psychedelic-Prog-Jazz, der sich immer wieder in abstakte Drones verlor und improvisiert zu neuer Struktur mutierte, Tempi-wechselnd von intensivstem High-Speed-Gelichter in völliger Verdichtung der einzelnen instrumentalen Fertigkeiten bis hin zu Zeitlupen-artiger Entschleunigung und einhergehendem Frieden nach dem Klang-Gewitter.
Assoziationen drängten sich auf an einen Fender-Rhodes-Berserker vom Schlage eines James Leg, der mit dröhnendem, phasenweise durch den Verzerrer gejagten Tastenanschlag und mit Unterstützung einer freigeistigen Begleitband versucht, eine eigene, bisher nie dagewesene, endlose Version des Acid-/Cosmic-Improvisations-Klassikers „Dark Star“ der Grateful Dead zu kreieren und dabei unversehens in eine fremde, irrlichternd-explodierende Sound-Galaxie katapultiert wird, in dem der Geist des Avantgarde-Großmeisters Herman Poole Blount und sein Sun Ra Arkestra federführend das Zepter schwingen.
Konzerte der Formation Toc sind nicht alltägliche Intensivst-Klang-Konfrontationen, ernsthafte Auseinandersetzungen mit den Möglichkeiten von tonalen wie atonalen Ausdrucksformen und nicht zuletzt wohl auch aufgrund der frei fließenden Form und des einhergehenden, ausgeprägt experimentellen Improvisations-Charakters zu jedem Live-Termin absolut singuläre Events, der Titel „Will Never Play These Songs Again“ des im Februar erschienenen, sechsten Albums der Band dürfte nicht von ungefähr kommen. Bands wie Toc sind die Würze in jedem Konzert-Jahr, den Organisatoren der Reihe Maj Musical Monday sei einmal mehr Dank für die Präsentation derartiger handverlesener Perlen.

Die Ausgabe #89 des Maj Musical Monday ist für 15. Oktober in der Münchner Glockenbachwerkstatt terminiert, zu der Gelegenheit mit einem Auftritt des britischen Postrock/Neoklassik-Duos VLMV (pronounced „Alma“).

Maserati + Villages @ Kafe Kult, München, 2017-06-18

Lohnender Sonntagabend-Ausflug nach Oberföhring zum ehemaligen Kulturstation-Gelände, in der lauschigen Alternativ-Chill-Out-Butze Kafe Kult gaben sich zwei versierte Formationen des experimentelleren Indie-Rock ein sommerliches Stelldichein.
Im subkulturell genutzten ehemaligen Lazarett-Gebäude eröffneten bei mehr oder weniger passablem Besuch die drei Musiker der Dresdner Band Villages, das Trio stellte ihr jüngst erschienenes Album „Ill Ages“ vor, indem es sich als Ausbund an überbordender Kreativität präsentierte und mit Nachdruck in einer fast schon irrlichternden Tour de Force im Grenzgang zwischen klassischem Postpunk und Achtziger-Elektro-Pop den richtigen Rhythmus und die passende Melodik suchte und diese oft auch fand. Ein jeweils kurzes Sammeln und Innehalten im Ambient-artigen Flow zwischen den einzelnen Stücken, ansonsten ließen Villages mit harten Beats, flirrenden Gitarren und klirrenden Keyboard-Grooves im Uptempo-Bereich den Geist und die Aufbruchstimmung jener längst vergangenen Jahre der maßgeblich von britischen Combos geprägten New Wave wiederauferstehen, fernab von jeglicher Retro-Romantik gelang gleichwohl das Kunststück der eigenen Handschrift und die Vorwärts-gewandte musikalische Vision. Feiner, vehementer Einstieg in den Konzertabend, beileibe nicht nur für Nostalgiker.
(**** ½ – *****)

Als Headliner des Konzertabends beehrten die Herrschaften von Maserati nach vierjähriger Abstinenz mal wieder die Münchner Postrock-Gemeinde mit ihrer Präsenz, dieses Mal auch wieder in voller Mannschaftsstärke, beim letzten Auftritt 2013 im Orangehouse des Feierwerks musste die Band notgedrungen wegen Virus-Erkrankung auf die Dienste von Bassist Chris McNeill verzichten und die Veranstaltung in ungewohnter Besetzung als Trio bespielen, am Sonntagabend waren alle fit und wohlauf, und so konnte sich die Demonstration der energetischen Klangkunst der Combo aus der R.E.M.-Heimat Athens/Georgia zum ungetrübten Vergnügen gestalten, die Band versteht es nach wie vor wie kaum eine zweite, ihre überwiegend instrumentalen Klangreisen in Richtung Outer Space in perfekt harmonierender Mixtur aus Post-, Kraut-, Psychedelic- und Space-Rock zu präsentieren.
Wo beim letzten Tonträger „Rehumanizer“ hinsichtlich punktuell überreizter Elektronik-Spielereien nicht nur eitel Sonnenschein herrschte, kommt das Quartett im konzertanten Vortrag Gitarren-dominiert im oberen Tempobereich ohne Umschweife auf den Punkt, getrieben vom Schlagwerk-Berserker Mike Albanese knallte die Band ihre druckvoll-wuchtigen Science-Fiction-Soundtracks in die Weiten der Galaxien und glänzte in der Live-Interpretation der jüngsten Werke wie im Vortrag altbewährter Live-Klassiker wie dem berauschenden „Monolith“ eindrücklich.
Warum sich bei einem Maserati-Konzert in München momentan weniger als hundert Besucher einfinden, wird wohl auf ewig eine nicht erklärbare Laune des Schicksals bleiben, eine Combo, die getrost zu den Top Five des amerikanischen Postrock gezählt werden darf, hätte wahrlich größeren Zuspruch verdient, am vergangenen Sonntagabend allemal.
(*****)

Very special thanks an das curt-Team.

Reingehört (276): Moon Duo

KULTURFORUM Leichtmetall @ DigitalAnalgog 2014-10-24 www.gerhardemmerkunst.wordpress.com (11)

Moon Duo – Occult Architecture Vol. 1 (2017, Sacred Bones)

Wooden-Shjips-Gitarrist Ripley Johnson und seine musikalische Partnerin Sanae Yamada lassen es auch auf dem neuen Tonträger des in Portland/Oregon beheimateten Seitenprojekts Moon Duo in Richtung Drone, Space-Rock, Kraut und hypnotisch-treibende Psychedelic ordentlich krachen, in den Themen/Texten inspiriert von Esoterikern und Mystikern wie Manly Palmer Hall und Aleister Crowley ergeht sich das Duo, unterlegt von treibendem Elektrobeat, in Suicide-/Chrome-/Can-beeinflusstem Experimental-/Noise-/Krautrock-Flow, dem genügend Pop-Appeal zum schmerzfreien Hören innewohnt, die sieben zum Teil sehr langen Space-Ausflüge mögen sich ab und an bedingt durch das immergleiche Rhythmusgepolter in einer berechenbaren Monotonie verlieren, halten durch den unkonventionellen, treibenden Flow der Keyboards, die schwer verzerrten Gitarren-Riffs und das wiederholte Schielen in Richtung Synth-Pop die Spannung auf den später im Jahr geplanten zweiten Teil dieser Übung jedoch hinreichend am Kochen.
Soll im Gesamtkonzept mit beiden Ausgaben so ein Yin-/Yang- bzw. Licht-/Dunkelheit-Ding werden, und funktioniert Gottlob hinsichtlich Beschallung auch ohne den mystisch verbrämten Firlefanz.
(**** – **** ½)

Moon Duo Live 2015 Raleigh/North Carolina & Brooklyn/NY @ nyctaper.com