Taylor Swift

Reingehört (86)

REINGEHÖRT 2015_09_24_25

Ryan Adams – 1989 (2015, Sony)
Der Verdacht war nicht ganz unbegründet, dass er jetzt komplett durchdreht. Ryan Adams covert mit ‚1989‘ Stück für Stück das gleichnamige Vorjahres-Albums der Grammy-bepreisten Country-Pop-Madonna Taylor Swift.
Von den Originalen kenne ich kaum Titel, soweit ich das beurteilen kann, entfernt sich Adams von den Swift-Interpretationen angenehmst-weitestmöglich,  laut eigener Aussage wollte er das Werk im Stil der englischen Proto-Brit-Pop-Combo The Smiths gestalten, das scheint bei vielen Songs tatsächlich ansatzweise gelungen zu sein.
Fakt ist, Ryan Adams liefert im Vergleich zum zwiespältigen, selbstbenamsten Vorgängeralbum (2014, Pax AM) dankenswerter Weise wieder eindeutig positiveres Material ab, hinsichtlich Schmalz in der Singstimme ist er auf dem neuen Output auf der Höhe wie lange nicht mehr, mit „Out Of The Woods“ und „How You Get The Girl“ enthalten die Swift-Covers zwei grandios-gute Balladen zum Niederknien, es ist schwer vorstellbar, dass diese Schmachtfetzen im Original auch nur ansatzweise diese Intensität erreichen.
Manches mäandert – wohl dem originalen Songmaterial geschuldet – gefährlich am Rande des Mainstreams entlang, funktioniert aber durch die Adams’sche Bearbeitung erstaunlich gut auch für geschulten Ohren der Alternative-Country-Anhängerschaft.
Es darf sich gepflegt entspannt werden, der gute Ryan wusste offensichtlich sehr genau, was er beim Einspielen dieser atmosphärisch dichten Songsammlung trieb, die Zwangsjacke verbleibt bis auf Weiteres im Schrank.
Ryan Adams: “Badass tunes, Taylor. We’re sandblasting them, and they’re holding steady.”
Taylor Swift: “Ryan’s music helped shape my songwriting, this is surreal and dreamlike.”
Na dann. Die britischen Alt-Metaller Judas Priest haben einst aus nahezu unerträglichem Joan-Baez-Geheul einen großartigen Song gezaubert, warum soll also der olle Ryan nicht…
(****)

Lou Barlow – Brace The Wave (2015, Domino Records)
Den Kameraden muss man zumindest den geneigten Indie-HörerInnen kaum mehr vorstellen: Louis Knox Barlow aus Dayton/Ohio, neben J Mascis Gründungsmitglied und im Hauptberuf Bass-Gitarrist der Grunge-Institution Dinosaur Jr, des weiteren Initiator der Combos Sebadoh, Sentridoh und The Folk Implosion, macht das, was er seit circa einem Vierteljahrhundert immer macht, wenn das Mutterschiff im Hafen ruht: er nimmt spartanische, reduzierte, „stripped-to-the-bone“ LoFi-Folk-Miniaturen in der eigenen Butze auf, Tape-Tasten-Klicken inklusive, sein Gespür für von allem unnötigen Zierrat befreiten Melodien ist unvermindert präsent, und so darf sich der Hörer an neun neuen Kleinoden aus der Feder Barlows erfreuen, die verletzlich, roh, fragil und auf das Wesentliche reduziert arrangiert sind, meist nur mit akustischer Gitarre begleitet vorgetragen werden und neben vielen weiteren zumeist gelungenen Anläufen mit „Pulse“ den formvollendetsten, wunderbar nachdenklich-getragenen Song in ihren Reihen wissen.
(****)