Ted Milton

Blurt + The Grexits @ Import/Export, München, 2016-04-15

BLURT - München - Import-Export - 2016-04-15 ---DSC02099

Nachdem am vergangenen Freitagabend die Münchner Löwen an der Ruhr in der Duisburger „Schauinsland-Reisen-Arena“ (toller Stadion-Name, btw…;-))) den nächsten Sargnagel für den eigenen Untergang sprich Drittliga-Abstieg eingeschlagen haben, war schon mehr als nur musikalische Durchschnittsware vonnöten, um unsere geschundenen Fan-Seelen im Nachgang noch irgendwie aufzurichten.
Nikos Papadopoulos, Albert Pöschl, Josip Pavlov und Daniel Murena haben dahingehend zum Einstieg des Clubzwei-Abends dann schon mal ordentliche Arbeit abgeliefert und das Gemüt dementsprechend erhellt mit dem Gitarren-Geschepper ihrer Formation The Grexits.
Die Combo ist eine Art Münchner Supergroup, deren Bandmitglieder auch noch anderweitig bei renommierten Formationen wie den 4 Shades, Majmoon oder Murena Murena maßgeblich zugange sind, am Freitagabend boten sie krachigen, gut ins Ohr und Tanzbein gehenden No-Wave-Sound, Anlehnungen an den Deutsch-Punk der Pionierjahre, „A Hard Day’s Night“ in einer Half-Japanese-artigen Trash-Version, Jad Fair trifft Lennon/McCartney, sozusagen, irgendwie will das angestaubte Pilzkopf-Gedudel auch in die Neuzeit gerettet werden, die Interpretation war hierzu sicher nicht der verkehrteste Ansatz.
Abgerundet und bereichert wurde das Klangbild durch Gitarren-dominierte Anlehnungen an die griechische Folklore, zusammen mit dem End-70er-Postpunk-/New-Wave-Ansatz der Band ergibt das einen spannenden Stilmix, an dem wir hoffentlich noch viel Freude haben werden.
(**** 1/2)

Als Hauptact dann einer, auf den die Vorfreude groß war, da mit ihm eigentlich hinsichtlich Konzertreise nicht mehr zu rechnen war. Ted Milton, inzwischen auch schon mit 73 Lebensjahren auf dem Buckel, hat mit seiner seit 1979 bestehenden Formation Blurt vor etlichen Jahren bereits den Abschiedstour-Reigen eröffnet, im Jahr darauf war dann nochmal die „Very Last Tour“ angezeigt und das sollte es damals dann auch gewesen sein mit Konzerte-spielen, in der Zwischenzeit hat der weiterhin höchst agile Ted dem Vernehmen nach nochmal für Nachwuchs gesorgt, und da die Family daheim auch was zum Beißen braucht, stand am Freitagabend unverhofft und dankenswerterweise mit dem englischen Trio eine Band auf den Brettern des Import/Export, die ohne Übertreibung zu den Pionieren einer Zeit gezählt werden darf, in der hinsichtlich musikalischer Entwicklung in der Post-Punk-Phase der späten 70er / frühen 80er die Spannung förmlich greifbar war, Bands wie This Heat, The Red Krayola, Pere Ubu, Birthday Party oder eben auch Blurt prägten damals eine wenn auch sehr kurze musikalische Ära, die in der Musikgeschichte so nie mehr dagewesen war, alles schien in diesen Zeiten möglich und machbar, und so hat in jenen Tagen eben auch der ehemalige Marionettenspieler und Saxophonist Ted Milton zusammen mit seinem Bruder Jake und dem Gitarristen Peter Creese kräftig im Zutatentopf gerührt und eine bis heute bestechende Mixtur aus Jazz, Punk und trance-artigen Afro-Rhythmen gezaubert, die nach wie vor ihresgleichen sucht. Die beiden letztgenannten Mitmusikanten sind längst Geschichte, die Gitarre bedient inzwischen seit nahezu 30 Jahren Steve Eagles und sorgt zuverlässig für schneidend-hypnotische Gitarrenriffs und locker aus der Hüfte geschossenen Stakkato-Akkorden, zusammen mit Drummer Dave Aylward spannt er den kongenialen Rahmen für Miltons Spoken-Word-artige, existentialistische Verbal-Attacken, einer Art Punk-Rap des weißen Mannes, und seine für den Blurt-Sound typischen, messerscharfen Free-Jazz-Altsaxophon-Einlagen.
That’s what happens when we leave Europe“ meinte Milton lakonisch, als es Falschgeld-Scheine regnete während seiner Show, wohl auf den möglichen „Brexit“ anspielend, der Geist nach wie vor hellwach wie der Körper fit beim alten Ted, und so war es nicht weiter verwunderlich, dass seine nach wie vor bezwingende Bühnenpräsenz im Zusammenspiel mit seinem exzellenten Begleit-Duo das vollbesetzte Import/Export zu seeligem Grooven und frenetischem Applaudieren animierte.
Blurt: oft gesehen, nie gereut, in der Form stehen in den nächsten Jahren hoffentlich noch ein paar Abschiedstourneen ins Haus…
(*****)

BLURT - München - Import-Export - 2016-04-15 ---DSC02091