Tedeschi Trucks Band

Soundtrack des Tages (165): Tedeschi Trucks Band

Nachschlag zum Soul-Freitag: Die Tedeschi Trucks Band bringt dieser Tage ihren zweiten offiziellen Konzertmitschnitt auf den Markt, auf „Live From The Fox Oakland“ (Concord Records) findet sich unter anderem auch diese wunderbare Verbeugung vor dem großen Leonard Cohen:

Reingehört (123)

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Tedeschi Trucks Band – Let Me Get By (2016, Concord / Universal)
Wo die Holzveranda in den Sümpfen Floridas zum Sehnsuchts-Ort wird: die Band um das Ehepaar Susan Tedeschi / Derek Trucks nutzte die Pausen ihrer ausgedehnten Konzertreisen im vergangenen Jahr zu Jam-artigen Übungsabenden im Familien-eigenen Swamp Raga Studio, Resultat ist das dritte unter diesem Bandnamen eingespielte Studioalbum, die Southern-Big-Band wurde hier von Tim Lefebvre am Bass begleitet, kürzlich ist er auch bei Bowie’s finalem Werk ‚Blackstar‘ in Erscheinung getreten.
Southern Blues-Rock, Soul, indische Klassik und afrikanische Polyrhythmik bilden den Rahmen für Susan Tedeschis Soul-Sangeskunst und das begnadete Saitenspiel Derek Trucks‘, der hier zum wiederholten Male unterstreicht, warum er derzeit unbestritten zur Gitarristen-Weltklasse gezählt wird.
Geerdet, entspannt, berauschend im freien Improvisations-Groove, das Album verfügt über alle maßgeblichen Eigenschaften, die in diesem Genre spätestens seit dem ‚At Fillmore East‘-Meilenstein der Allman Brothers Band aus dem Jahr 1971 (Capricorn) als Bezugsgrößen gelten.
(**** ½)

Tedeschi Trucks Band live at Mountain Jam X, Hunter/New York, 2014-06-07 @ nyctaper.com

Sierra Hull – Weighted Mind (2016, Rounder)
Die amerikanische Mandolinen-Virtuosin Sierra Hull hat bereits 2002 im Alter von 10 Jahren ihr erstes, eigenvertriebenes Album veröffentlicht, seit 2008 ist sie beim in Nashville/Tennessee beheimateten Roots-Spezialisten Rounder unter Vertrag, ‚Weighted Mind‘ ist ihre dritte Veröffentlichung für das Indie-Label, das von Béla Fleck produzierte und von Alison Krauss Gaststar-bereicherte Album bietet zwölf Perlen aus dem Bereich Bluegrass, Newgrass und Folk, die sich auf musikalisch-handwerklich hohem Niveau bewegen, klar strukturiert und – wohl bewusst – spärlich instrumentiert sind und so die spielerische Brillanz der jungen Mandolinen-Pickerin ideal zur Geltung bringen, die mit ihrem wunderschönen, engelsgleichen Gesang einhergeht. Thematisch dreht sich in den Songs dieses Unplugged-Albums vieles um Verlust, Verwirrung, allerlei Sorgen und Sehnsüchte, um was es im Bluegrass halt gerne mal geht… herzergreifende Americana ohne Fehl und Tadel.
(****)

Tedeschi Trucks Band + Henrik Freischlader Trio @ Circus Krone, München, 2015-11-11

Pünktlichst um 20.00 Uhr gingen im altehrwürdigen Münchner Krone-Bau die Lichter aus, und bevor die Jacksonville-Blues-Bigband den Saal groovte, spielte das Henrik Freischlader Trio das gut gefüllte Circus-Rund in Stimmung. Gitarren- und Gesangsstil des Kölners Wuppertalers Freischlader sind unüberhörbar an Größen wie Stevie Ray Vaughan, Hendrix, Buddy Guy oder Chris Whitley geschult und damit war das Bluesrock-Trio an dem Abend selbstredend am richtigen Ort, mit handwerklich gut gemachtem, Stromgitarren-dominiertem Versatz aus Blues und Soul und einer präzise-virtuos arbeitenden Rhythmus-Sektion stieß die Band beim Publikum auf offene Ohren und erntete den verdienten Applaus.
Der mit Joe Bonamassa befreundete Henrik Freischlader und seine Mitmusiker haben seit 2006 bereits neun Alben veröffentlicht, das Repertoire des Mittwochabends bestand hauptsächlich aus dem im nächsten Jahr erscheinenden neuen Tonträger.
(****)

circus krone - henrik freischlader trio 2015-11-11

Der Blues und Soul wirkte bei Freischlader und seinen beiden Begleitern reduziert und auf das Wesentliche konzentriert, ganz anders verhält es sich bei Konzerten der Tedeschi Trucks Band, die mit 12-köpfiger Besetzung antrat und ein dementsprechend wuchtig-opulentes Soundspektrum bei der Aufführung ihrer Blues-, Soul-, Jazz- und R&B-Mixturen präsentierte.
Susan Tedeschi glänzte vor allem wie erwartet in ihrer Rolle als kraftvolle Soul-Sängerin, und ihr Gatte Derek Trucks ist aufgrund seiner imposanten Vita als ehemaliger Gitarrist der legendären Allman Brothers Band, Chef seiner eigenen Combo und aufgrund der Begebenheit, dass er bereits als Dreizehnjähriger als Mitmusikant bei Blueslegende Buddy Guy akzeptiert wurde, sowieso über jeden Zweifel erhaben. Orgel, Bass, zwei Schlagzeuger und jeweils drei Bläser bzw. Background-Sänger rahmten Gesang und Gitarrenspiel des Ehepaars in einem prallen Soundgebilde ein, dass dem ein oder anderen Zuhörer an manchen Stellen des Guten ein Zuviel an Klangeindrücken war, wiederholt wurden Rufe laut, Trucks solle in kleiner Besetzung oder Solo vortragen.
Tatsächlich erschien der Herrgott immer dann im Saal, wenn der Weltklasse-Gitarrist zu seinen grandiosen Soli ansetzen konnte, vergleichbare technische Brillanz und ein unverwechselbares, beseeltes Spiel habe ich bisher konzertant in der Güte nur beim kalifornischen Gitarren-Guru David Lindley erleben dürfen, wiederholte Male zelebrierte Trucks nahezu meditativ-transzendente Gitarrenläufe, die in ihrer Virtuosität und ihrer Klang-Reinheit vermehrt an Ragas des indischen Sitar-Meisters Ravi Shankar gemahnten.
Man täte dem Bigband-Ensemble allerdings unrecht, würde man ihre Leistungen kleinreden, Perlen wie „Midnight In Harlem“, „Made Up Mind“ oder die in der Zugabe präsentierte, einzig wahre „With A Little Help From My Friends“-Interpretation im Stil der Joe-Cocker-Version hinterließen in der Full-Band-Fassung einen glänzenden Eindruck, allerdings wurde der Box-Tops-Klassiker „The Letter“ hinsichtlich Opulenz und Arrangement tatsächlich überreizt, wenn ein Werk aus Alex Chilton’s Standard-Programm nicht mehr zündet, dann hackt’s tatsächlich…
Zum Ende des Sets fand das Begehr der Nörgler Gehör, Chor und Gebläse verschwanden von der Bühne und die Band offenbarte in der reduzierten, Gitarren-dominierten Inkarnation Improvisations-Qualitäten von nahezu Grateful-Dead-artigem Ausmaß.
Nach vollen zwei Stunden war mit dem bereits erwähnten „Mad Dogs And Englishman“/Cocker-Zitat die Messe gelesen und mit dem Woodstock-Klassiker des rumfuchtelnden („spasmodic body movement“) Blues-Kreischers aus Sheffield sollte der Abend auch für die kritischen Geister ein versöhnliches Ende genommen haben.
(**** 1/2 – *****)