The Folk Singer

Raut-Oak Fest 2018 @ Riegsee, 2018-06-10

The third and final report from ROF 2018: Am Vormittag wär’s traditionell mit Riegseer Blasmusik und frischen Weißwürscht aus dem Kessel plus zwingend dazugehörigen Brezen und Weißbier in die letzte Raut-Oak-Runde gegangen, unsereins war da noch fern jeglicher urbajuwarischer Kulinarik im heimatlichen Minga zwecks übernächtiger Regeneration zugange, aber wo’s dann wieder ernst wurde, da war ma dann da, wia a Brezen (oder wie der Weber Max), frei nach Gerhard Polt.
Der dritte und letzte Raut-Oak-Tag sollte sich noch einmal zu einem einzigen Flow an schöner bis überwältigender Musik auswachsen, diejenigen, die bei Williams Wetsox mit einer dem Vernehmen nach deplatzierten Jazz-Sängerin und dem österreichischen New-Wave-of-Volksmusik-Duo Kirschhofer zugegen waren, mögen das etwas anders bewerten, aber spätestens mit dem Auftritt der Donkeyhonk Company – dem Regulären nach dem Spontanen vom Vortag – waren erst mal alle Zweifel über tonale Qualitäten des letzten Festivaltags ausgeräumt, und sie sollten sich auch zu keiner Sekunde mehr einstellen, soviel sei bereits verraten.

Wenn eine hiesige Band aus dem weiteren Umland zwingend auf das Line-Up eines Raut-Oak-Fests gehört, dann dürfte das die Donkeyhonk Company sein. Wig Drumbeat, Basser Don Pedro und der Grimassen-schneidende Frontman Lametto suggerierten einmal mehr, dass die Sümpfe Louisianas, Schwarzbrenner-Kaschemmen im Niemandsland der amerikanischen Prärie und die Ausläufer der Appalachen irgendwo im oberbayerischen Delta Wolnzach/Neuburg/Aichach zu suchen sind, das Trio bot wie zu vielen früheren Sternstunden eine feine Auswahl an Alternative Country Folk, Uptempo-Bluegrass und knarzenden Muddy-Roots-Moritaten, in denen Sänger/Gitarrist Lametto in rauen, schneidenden Blues-Howlern seine kritischen und düsteren Gedanken und Geschichten im eigenen bayerischen Dialekt fernab jeglicher Neue-Volksmusik-Peinlichkeiten neben Roots-geerdeten Tom-Waits-Covers, alten Folk-Traditionals und eigenem Blues-durchtränkten Americana-Gepolter zum Vortrag brachte.
Der Donkey ließ beschwingt seine Hufe klappern zum stampfenden Honkrock der drei oberbayerischen Outlaws, und wenn er nicht irgendwann zum Bocken angefangen hat, dann steppt er da noch heute irgendwo zwischen den weidenden Rindviechern im Riegsee-Umland durch die Gegend.
Die grandiose Coverversion „Abend in der Stadt“, im Original von der ostdeutschen Polit-Band AufBruch, haben sie leider wieder nicht gespielt, die Herren Musikanten, da kannst hinreden wie an eine kranke Kuh oder in dem Fall einen störrischen Esel, aber es sei unumwunden zugegeben: die Nummer hätte in diesem Raw-Blues-Kontext beim ROF auch nicht reingepasst…

Was kann es an einem lauschigen, Sonnen-beschienenen Sonntag-Nachmittag Schöneres geben als den wunderbaren, weitläufig ausgedehnten, seltsamen wie faszinierenden Bigband-Sound von G.Rag Y Los Hermanos Patchekos als Begleitmusik zum entspannten Nichtstun und verträumten Blick-schweifen-lassen über das herrliche Riegseer Voralpen-Panorama?
Mit Bandleader Andreas Staebler als einem unserer profiliertesten, beständigsten, in zahlreichen Formationen federführend mitmischenden Münchner Musikanten und seiner mit zahlreichen versierten und bestens ausgebildeten Instrumentalist_Innen besetzten Hermanos-Patchekos-Truppe ist man hinsichtlich beseelter Hank-Williams-Melancholie, beschwingter Polka mit unüberhörbarem Karibik- und Cajun-Einschlag, scheppernder Texas Bohemia, immer leicht ins Schräge kippendem Funeral-Band-Gebläse und groovendem Swamp Blues noch nie fehl gegangen, vergangenen Sonntag solle es sich keinen Deut anders fügen.
Wo sonst findet sich eine Kapelle, die eine Nummer wie „Rags And Bones“ der kanadischen Hardcore-Punk-Combo NoMeansNo derart gekonnt und unangestrengt als ausgedehntes, schwer groovendes 70er-Soul/Funk-Brodeln einkocht, sie damit in ihre ureigene Klangwelt übersetzt und vom ursprünglichen Jazzcore der Wright-Brüder nicht mal mehr das abgenagte Gerippe übrig lässt?
Daneben ergingen sich die satten Bläsersätze im Verbund mit allerlei Percussion, Melodik und anderweitig Spannungs-beförderndem wie ultra-entspanntem und wunderschönem Geschrammel schwer vermutlich im Material des demnächst angezeigten neuen Tonträgers „How Sweet The Sound“ (Gutfeeling Records, 22. Juni), es wird wohl ein höchst hörenswerter werden, den ersten konzertanten Eindrücken nach zu urteilen.
Rhythmisch begleitet wurden die Hermanos Patchekos von Special Guest Delaney Davidson, die Bigband intonierte die Nummer „Five Bucks“ des neuseeländischen Songwriters als voluminöse Coverversion, zu der Davidson selbst mit zum Mikro griff und süffisant anmerkte, für in selber wär’s ja nun alles andere als ein Fremdwerk.
Ein exzellenter ROF-Auftritt von Kapellmeister Staebler und den Seinen, der demnächst an anderer Stelle beim Gutfeeling Festival im Münchner Feierwerk am 22. Juni nebst weiteren G.RagInkarnationen und anderen ortsansässigen Exzellenzen wie The Grexits, 4Shades oder der wunderbaren Hochzeitskapelle seine Wiederholung finden wird.

Nicht minder bereichernd zu einem entspannten Sommertag spielten Pelo Mono aus Andalusien auf, Guadalupe-Plata-Gitarrist Pedro de Dios als Bankräuber mit der grünen Maske und Drummer Antonio Pelomono als Gorilla verkleidet swingten mit feinem Instrumental-Surf-Blues, der jedem Tarantino-Streifen als alternativer Soundtrack gut zu Gesicht stehen würde. Das Schöne am gedehnten wie verhallten Grooven der beiden Spanier ist der Umstand, dass sich diese extrem relaxte Nummer nicht stilistisch eindeutig an die Wand nageln lässt, hier ein psychedelischer Grundton, dort Anleihen bei Country und Rhythm & Blues in einem gespenstischen, diffusen Trance-Flow, mit dem sich die Gesang-freien Perlen auch als passende tonale Untermalung für schräges B-Movie-Horror-Trash-Fiction-Zeug aufdrängen – ein stimmiges Gebräu, in dem nichts beliebig wirkt und zu dem es sich extremst tiefenentspannt mitgrooven und abhängen lässt, und wenn dann zur Abwechslung beim Raut Oak auch noch das Wetter der gleichen Meinung ist und die entsprechende Beleuchtung zum gedehnten Desert/Surf-Sound liefert, kann einem mindestens für die Stunde der genehmen Beschallung das irdische Schlamassel am Allerwertesten vorbeigehen…

Als einer der großen Namen für das ROF 2018 wäre für den Sonntag kein Geringerer als „The Dirty Old One Man Band“ Scott H. Biram geplant gewesen, der texanische Primitive-Blues/Punk/Country-Songwriter musste bedauerlicherweise bereits vor Wochen seine Europa-Tour abblasen, mit unserem liebsten Schlangenbeschwörer Brennt Burkhart aka Reverend Deadeye fand sich ein mehr als würdiger Ersatzmann zum Heimleuchten des Festival-Volkes auf den rechten Pfad des Gott-gefälligen Lebenswandels, den der Blues-Preacher mit seiner unzählige Male bespielten Resonator-Gitarre in vehementen Soul-Shakern wie der Garagen-/Gospel-Blues-Perle „Drunk On Jesus“ oder dem knarzenden „Train Medley“ voranschritt. Nach intensivem, tief im Blues verwurzelten Solo-Vortrag als Wanderprediger der alten Schule schaltete der Reverend in Begleitung seiner Lebensgefährtin Nicotine Sue einen Gang zurück, im Duett-Gesang und gemeinsamen Gitarrenanschlag zelebrierte das Paar die gepflegte Kunst des geerdeten Country Blues/Folk fern der vehementen Eindringlichkeit diverser in der Vergangenheit erlebter Deadeye-Solo-Auftritte oder den intensiven Erweckungspredigten mit Drummer Brother Al Hebert.
Einziger Wermutstropfen: Der Reverend stimmte keine seiner wunderschönen, Herz-anrührenden Balladen an, keine „Anna Lee“, kein „Coldest Heart“, und auch nicht das schmerzlich vermisste „Her Heart Belongs To The Wind“, die Tränen der beseelten Ergriffenheit ersetzte ein leichtes Bedauern – on the other hand: besagtes Liedgut gab es bereits beim letztjährigen ROF-Gig des Wanderpredigers zu hören, und so ist es doch auch ein löbliches Unterfangen, dass ein Künstler nicht jedesmal den gleichen Zopf spielt.

It’s only rock ’n‘ roll but I like it: The Hooten Hallers aus Columbia/Missouri rockten ein letztes Mal die Bühnenbretter der ROF-Stage, bevor es an die große, beschließende Krönungsmesse des Festivals ging, in dem Fall Gottlob vor weitaus mehr Publikum als im Sommer 2015 in der Münchner Kranhalle, wo sich seinerzeit zum exzellenten Dreierpack der Hallers zusammen mit den beiden One-Man-Band-Koryphäen Joe Buck Yourself und Viva Le Vox gerade mal beschämende 20 Hanseln hinverirrten. Mit dem Liedgut des aktuellen, vor einigen Monaten veröffentlichten, selbstbetitelten Tonträgers im Gepäck spielten Kellie Everett am Bass-Saxofon, Stand-Schlagzeuger Andy Rehm und Gitarrist John Randall einmal mehr groß auf in Sachen schmissiger Fifties-Rock’n’Roll, der die Pforten zur gepflegten Tanzveranstaltung im Gemeindesaal links liegen lässt und sich statt dessen in der Trash-Blues-Garage ein Bier aufmacht und sodann genüsslichst austobt. „One of the best live Rock & Roll bands around today“ lässt die Band-Homepage über die konzertanten Qualitäten des Trios verlauten, kann man getrost ohne Abstriche so unterschreiben – was die Band am vergangenen Sonntagabend zu bester Sendezeit an gepflegtem Entertainment und schmissigen Songs in grundsympathischer Manier zum Besten gab, war einmal mehr aller Ehren wert. Müssig zu erwähnen, dass die von John Randall mit allem herauspressbaren Herzblut im rohen Grollen vorgetragenen, beseelten Rocker und ein paar Balladen-Heartbreak-Schmachtfetzen vor allem durch das geerdete Getröte von Kellie Everett ihren individuellen, satten Soul-Groove verpasst bekamen. Heavy groovy Footstomp auf und noch weit mehr vor der Bühne, to kill the last Grashalm standing…

We welcome you home: Niemand hätte das große ROF-Finale schöner bespielen können als der großartige Konrad Wert aka Possessed By Paul James, einer der schlichtweg aufrichtigsten, intensivsten und begnadetsten Musiker, Geschichtenerzähler und Alleinunterhalter in der weiten Welt der akustischen Folk-Musik. Denjenigen, die mit dem Schaffen des amerikanischen Muddy-Roots-Veterans und Social Workers seit Jahren vertraut sind, muss man das nicht weiter erläutern. Und jene, die bisher mit dem grandiosen Underground-Folk des Barden nicht in Berührung kamen, dürften bereits beim Soundcheck geahnt haben, was da auf sie zukommen mochte, schon beim Instrumente-Stimmen und Tonanlage-Ausloten legte Konrad Wert Energie und Entertainer-Qualitäten sondergleichen an den Tag, die viele Musikanten-Kollegen in ihren regulären Sets nicht auch nur annähernd zu erreichen vermögen.
Nochmalige Steigerung sodann in allen Belangen beim Vortrag seiner Minimal-Folk-artigen Instrumental-Fiddle-Drones, ein wildes wie wunderschön fließendes Uptempo-Geigen, das sein Pedant fand im berauschten Banjo-Spiel des Musikers, im entrückten A-Cappella-Gospel wie in seinen eindringlichst vorgetragenen Folk-Songs über religiöse Erfahrungen und irdische Beziehungen.
Ein Konzert von Possessed By Paul James ist religiöses Erweckungs-Erlebnis wie praktische Lebenshilfe, spirituelle Erfahrung und Handbuch für die Achterbahn des Lebens, der vor schierer Energie berstende Vortrag des charismatischen One-Man-Band-Intensiv-Musikers bringt emotionale, inwendige Resonanzräume zum Schwingen, löst los von dieser Welt und lässt in seinen ergreifendsten Momenten über dem Boden schweben, dargereicht in einer Form, die selbst dem am Weitesten vom Glauben Abgefallenen das Urvertrauen in die amerikanische Folk-Musik zurückgibt.
In der Welt des Konrad Wert ist alles ungeschminkt aus dem Leben gegriffen, harmonische Melodien, ruppigste Verwerfungen, Schmutz, Leid, Streit, Freude, das Geschrei Deiner Feinde, Versöhnung, Tod und Wiederauferstehung.
Die wahrhaftige Underground-Volksmusik des Suchenden und Getriebenen aus Florida kann Einstellungen und Ansichten verändern, neue Denkanstöße geben, vielleicht sogar nachhaltig und dauerhaft. Mindestens für ein paar Tage nach einem PBPJ-Live-Orkan betrachtet man die Mitmenschen wohlwollender und rückt die wirklich relevanten Dinge des Lebens fernab von irdischem Flitter und Tand in den Fokus der Reflexion. Was kann man von einem Konzert, das in dem Fall weit über die Grenzen des herkömmlichen Musik-Entertainments hinausgeht, mehr erwarten? Resolve all my demons…
Einmal mehr in diesem Zusammenhang schwerst ans Herz gelegt sei im Nachgang der exzellente, semi-dokumentarische Film „The Folk Singer – A Tale Of Men, Music & America“ von Independent-Filmemacher M.A. Littler – der im Übrigen höchstselbst die drei Festival-Tage vor Ort war, great to meet you, El Commandante!

Wenn’s am Schönsten ist, soll man aufhören, die Nummer hat beim Raut-Oak Fest 2018 funktioniert wie selten sonst wo. Auch wenn sich eine nicht zu unterdrückende Wehmut über das Ende eines lange herbeigesehnten großartigen Musik-Wochenendes und über das Abschiednehmen für eine ganze Weile von vielen Freunden und Bekannten einstellte, es konnte nach einem derartigen Auftritt nichts mehr kommen, was da noch einen draufzusetzen vermochte.

Immerwährender und herzlicher Dank an Veranstalter Christian Steidl und seine vielen helfenden Hände beim Aufbau, Catering, Organisieren, Stemmen gegen die Widrigkeiten der Witterung, very special thanks an Jay Linhardt für einmal mehr fantastischen Sound, an Mark „Eisi“ Icedigger für charmanteste Anmoderationen, und schlichtweg an alle, die da waren, anregend kommuniziert, wunderbarst musiziert und aufmerksam zugehört haben.

Diejenigen, die nicht dabei waren, dürfen sich jetzt dranmachen, ihre dritten Zähne aus Ober- und Unterkiefer zu fieseln und sich sodann damit selbst in den Allerwertesten beißen – denjenigen Gesegneten aber, die es erleben durften, wird es noch viele Monde lang Tränen des Glücks in die Augen treiben, wenn sie in Erinnerungen an dieses feine, familiäre, mit Sachverstand und Brennen für die Musik zusammengestellte Festival schwelgen, und sie werden in vielen in der Zukunft liegenden Jahren noch ihren Enkelkindern davon erzählen.

Raut Oak 2019: Die 2018er-Ausgabe wird kaum mehr zu toppen sein (andererseits: das stand bereits hier vor einem Jahr zum 2017er-Aufgalopp zu lesen, insofern: dem sehen wir völlig entspannt und zuversichtlich entgegen), aber selbst wenn es im nächsten Jahr auch nur annähernd so gut wird wie heuer, wird es immer noch absolut grandios sein. Versprochen. Auch wenn es (wieder) geschliffene Handbeile schiffen sollte. Insofern Vorfreude pur auf 2019 – so Gott & Christian Steidl & der Grundstückseigner vom Open-Air-Gelände wollen: we’ll meet again!

Soundtrack des Tages (200): Possessed By Paul James

Foto Possessed By Paul James © by Sebastian Weidenbach

Ich weiß nicht, ob Ihr es wusstet (oder es hier geflissentlich das ein oder andere Mal überlesen habt): in acht Wochen steigt die 2018er-Ausgabe des unvergleichlich grandiosen Raut Oak Festivals am unvergleichlich schönen Riegsee vor unvergleichlich überwältigender Alpen-Bergkulisse mit – Ihr ahnt es – unvergleichlich exzellentem Line-Up aus der internationalen Deep-Blues-, Muddy-Roots-, One-Man-Band-, Garagen-Trash- und Punk-Blues-Szene.

Mit von der Partie: der großartige, um nicht zu sagen unvergleichliche Konrad Wert aka Possessed By Paul James. Slowboat-Underground-Filmemacher M.A. Littler hat mit „The Folk Singer. A Tale of Men, Music & America“ vor einigen Jahren einen abendfüllenden wie sehenswerten Dokumentarfilm über ihn gedreht, der Muddy-Roots-Veteran aus Florida ist einer der wahrhaftigsten Vertreter des amerikanischen Folk-Underground, ein Getriebener und Suchender, der die Musik als kraftvolle und Kraft spendende Ausdrucksform und Ventil benötigt wie die Luft zum Atmen, fernab von gängigen Trends und hippen Mainstream-Folk-Revivals. Und ein begnadeter wie intensiver Alleinunterhalter, wie er ganz gewiss auch auf dem diesjährigen Raut Oak Fest unter Beweis stellen wird.

Possessed By Paul James wird mit seinem Auftritt am Sonntag, den 10. Juni, ab 21.00 Uhr das dreitägige Raut Oak Fest beschließen, Tags zuvor spielt er zusammen mit dem auch sehr sehens- und hörenswerten Delaney Davidson in der Münchner Polka Bar – aber zu der Zeit sind eh alle, die was auf sich und ihr Verständnis von Musik und Festival-Kultur halten, am Riegsee…

„Wo Du nicht tot vom Baum hängen willst…“

Das KULTURFORUM-Interview mit dem Fotografen und CD-Herausgeber Sebastian Weidenbach aka The Shadow Cowboy über seinen 2014 bei Trikont erschienenen Sampler ‚Strange & Dangerous Times‘, über die dort vorgestellte „New American Roots“-Musik, seine Zusammenarbeit mit dem Filmemacher Marc A. Littler, Fotoprojekte, ausgedehnte Reisen und die dunklen Seiten Amerikas.

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Sebastian, ich würde gerne den Sampler als Einstieg nehmen, wo kam die Idee her? War das ein Trikont-Auftrag oder war das von Dir Eigeninitiative, Motto ‚Ich mach das und such mir dann ein Label‘?

Sebastian: Die Idee hatte ich 2009 bei meiner ersten Reise durch den Mittleren Westen, da war ich auf dem ‚Deep Blues Festival‘ in Minneapolis, dort hab ich gemerkt, es gibt so viele gute Bands, von denen hier keiner eine Ahnung hat, irgendwie kam dann die Idee, ich würde gern einen Sampler dazu machen, ich hab dann einige für mich selber und für Freunde zusammengestellt, irgendwann kam dann der Gedanke, es wär super, das mal auf einem Label herauszubringen, um einfach mehr Leuten diese Musik zu präsentieren. Das Genre ist ja sehr unterrepräsentiert, man sieht es ja auch oft auf Konzerten, da kommen dann 30 Leute, weil’s keiner kennt. Wenn die Leute die Bands nicht kennen, dann gehen sie auch nicht hin.

Bist Du dann auf Trikont zugegangen oder hast nach einem Label Ausschau gehalten, bei dem Du dachtest, das könnte da passen? Trikont ist ja in München irgendwo das klassische Sampler-Label für eher etwas abseitigere Themen, insofern passt die CD da ja gut hin.

Sebastian: Ich hatte totales Glück, ich kenn jemanden, der selber Musiker ist und mit seiner ersten Band schon bei Trikont war, in den 80er Jahren, den kenn ich schon seit 25 Jahren, der macht auch viele Projekte, der hat z.B. die Gesamtausgabe von Karl Valentin bei Trikont rausgebracht, der Andi Koll, und dem hab ich das irgendwann mal erzählt, der hat das dann für eine super Idee gehalten und dem Achim (Anm.: Achim Bergmann, Geschäftsführer des Münchner Trikont-Labels) mal vorgeschlagen, er meinte, grundsätzlich ist es so, dass Trikont nur Sachen macht, die ihnen selber auch gefallen. Da geht es jetzt nicht in erster Linie um den kommerziellen Erfolg, in erster Linie ist die Idee wichtig. Als ich dann meinen ersten Termin mit Trikont hatte und im Vorfeld ein paar Fotos zusammenstellte und ein paar Songs auf eine CD brannte, musste ich keine große Überzeugungsarbeit mehr leisten, es ging dann eigentlich nur noch um das „Wie„.

Ich vermute, die haben Dir dann relative Freiheit bei der Umsetzung gelassen, zumindest würde ich das aus dem fertigen Produkt herauslesen. Für mich sieht es wie ein stimmiges Gesamtkonzept aus. Die zusammengetragene Musik ist das eine, aber da sind ja auch noch Deine tollen Fotos im Booklet und die Hintergrund-Info zum Thema im Text vom Begleitheft, die den Bezug zur amerikanischen Musikgeschichte generell herstellt, das kommt alles von Dir?

Sebastian: Nein, die Musik, die Bilder und die Grafik kommen von mir, und die Idee dahinter, das so zusammenzustellen, ich bin kein Mann des großen geschriebenen Wortes, ich hab das große Glück, dass ich mit Marc Littler befreundet bin, wir haben uns da auch immer gegenseitig geholfen, er hat zu dem Thema ja auch einen Film gemacht, ‚Hard Soil‘, in dem sehr viele Protagonisten vorkommen, die auch auf meinem Sampler drauf sind. Das ist allerdings alles unabhängig voneinander entstanden, der hat mir jedenfalls geholfen, den Text zu schreiben. Wir haben uns mal getroffen und so eine Art Briefing gemacht, aber er hat es letztendlich ausformuliert. Trikont hat dann alles so genommen, wie ich das vorgeschlagen habe, Songauswahl, Reihenfolge usw, ich hab da absolute Freiheit gehabt.

Kanntest Du die Filme da schon vom Marc Littler, waren die da schon fertig? ‚Folk Singer‘ glaub ich schon, oder?

Sebastian: ‚Folk Singer‘, genau, da haben wir uns kennengelernt, über MySpace, da hat man damals zum Thema auf der Plattform viele gute Sachen gefunden. So hab ich den Marc Littler dann auch entdeckt, über den Trailer vom ‚Folk Singer‘, in dem die Hauptfigur der Konrad Wert aka Possessed By Paul James ist, der auch auf meinem Sampler vertreten ist. Der Trailer hat mich dann so angesprochen, dass ich mit ihm in Kontakt getreten bin.
Der hat dann auch einen Film über Voodoo Rhythm Records gemacht, das Label, auf dem auch der Delaney (Anm.: Delaney Davidson) drauf ist, die hatten mal sehr große Schwierigkeiten in der Schweiz, mit der Schweizer GEMA, auf einmal musste der 40.000 Schweizer Franken nachzahlen, und da haben dann alle möglichen Leute in dem Umfeld Veranstaltungen gemacht und Geld gesammelt, da war dann unter anderem der Marc Littler in Frankfurt, ich bin da dann hingefahren und da haben wir uns kennengelernt, seitdem sind wir befreundet und unterstützen uns gegenseitig. Ich hab ihm dann auch für das ‚Hard Soil‘-Plakat Fotos zur Verfügung gestellt und er hat mir dann im Gegenzug bei meinem Taxt für das CD-Booklet geholfen.

Feine Sache, ist ja auch ein interessanter Filmemacher.

Sebastian: Auf jeden Fall!

Wie sind Deine Planungen in Richtung CD-Release? Soll beispielsweise ein zweiter Sampler kommen?

Sebastian: Ja, würde wir gerne machen. Wir müssen nur schauen wie wir den zweiten Sampler finanziert bekommen.

Du hättest Dir sicher bei der ersten Ausgabe mehr kommerziellen Erfolg versprochen?

Sebastian: Nicht unbedingt für mich selber, ich krieg zwar für jede verkaufte CD ein wenig Geld, aber das ist marginal. Mir ging’s vor allem darum, zum einen diese Musik zu puschen, und zum anderen hab ich das bezüglich der Fotos auch irgendwie als Plattform für meine Kunst gesehen. Die Leute, die den Sampler haben oder kennen, mögen ihn alle sehr gern…

… absolut, kann ich bestätigen…

Sebastian: …es sind nur leider zu wenige…

… dann hoffen wir mal, wenn der zweite kommt und dass ihm mehr Erfolg beschieden ist. Lass uns zum zweiten Thema unseres Gesprächs überschwenken: Deine zum Teil ausgedehnten Reisen in die USA. Soweit ich das verstanden habe, hast Du die Bands vom Sampler dort auch persönlich kennengelernt.

Sebastian: Viele hab ich auf den Reisen kennengelernt, zum Teil aber auch in München bei Konzerten. Reverend Deadeye hab ich zum Beispiel 2009 in München kennengelernt, bei einem
Konzert im Substanz, bei dem glaub ich 10 Zuschauer anwesend waren…

…typisches Substanz-Konzert…

Sebastian: …der hat mich dann wieder eingeladen auf ein Festival, auf der Reise war ich dann auf zwei Festivals, in Denver auf dem ‚ONE‘-Festival, ein kleines Festival, wo nur One-Man-Band-Leute gespielt haben, da hat der Delaney gespielt, der Tom VandenAvond, Reverend Deadeye, der Beat-Man. Und dann war ich noch auf dem ‚Deep Blues Festival‘ in Minneapolis. Viele persönliche Kontakte kamen dann über die Fotografiererei, ich hab die Leute vorher angeschrieben und gefragt, ob ich Bilder machen kann, da haben sich dann Freundschaften entwickelt, wir waren jetzt gerade wieder bei Scott McDougall in Portland, der war auch mal fünf Tage hier in München, da hat er dann das Augustiner Bier zu schätzen gelernt… (Gelächter)

… der hat wahrscheinlich heute noch Kopfweh…

Sebastian: …mittlerweile trinkt er nicht mehr…

… gut, ist hinsichtlich Augustiner-Bier wahrscheinlich auch schlauer… (Gelächter) … zurück zu Deinen Reisen – was in den Littler-Filmen latent immer mitschwingt, ist zum einen die Darstellung einer relativ prekären Lebenssituation dieser Musiker und zum anderen so eine Art religiöse Verwurzelung, in welcher Art auch immer, kannst du das bestätigen von Deinen Reisen?

Sebastian: Das ist auch der Grund, warum viele gerne hierher kommen. Auch wenn sie hier bei einem Gig nicht richtig viel Geld verdienen, ist es meistens mehr als drüben, dazu kommen diese wahnsinnigen Entfernungen, du musst von einem Gig zum nächsten schon mal 600 km zurücklegen, da muss erst mal der Sprit verdient werden. Den Musikern geht es nicht anders als Amerika allgemein. Es gibt einfach wahnsinnig viele Leute, denen es finanziell relativ schlecht geht. Du bist da auch relativ schnell durch das Raster gefallen, die meisten Musiker, die auf meinem Sampler drauf sind, haben keine Krankenversicherung oder irgendwas in die Richtung. Ich glaube, das hat auch was mit der Intensität der Musik zu tun, warum die Songs dieser Bands immer anders klingen, weil sie mehr zu erzählen haben, ist jetzt wahrscheinlich blöd gesagt, aber um den Blues zu spielen, musst du ihn fühlen. So wie die unterwegs sind, das hat schon eine Härte, glaub ich, dann kommt noch die Musik dazu, mit der sie aufgewachsen sind, teilweise haben die auch von zu Hause aus im religiösen Kontext musiziert, das spielt schon bei vielen eine Rolle, beim Reverend Deadeye war der Vater z.B. Prediger, der ist in einem sehr religiösen Umfeld aufgewachsen, er ist selber auch ein sehr spiritueller Mensch, aber jetzt nicht im klassischen Sinn, nicht so christlich-Hardcore.
Die Familie vom Scott McDougall missionieren alle, sie waren auch schon als Missionare in Afrika, der ist ein sehr religiöser Mensch. Als wir angekommen sind, war er gerade bei einer Bibel-Stunde.
Das spielt schon eine Rolle, die Religiosität, ganz anders, als wir das hier mittlerweile kennen. Bei uns hat sich das schon stark verändert, die christliche Religion hat in den Staaten schon
eine Intensität und Ausprägung, wie ich sie selbst aus dem katholisch geprägten Bayern nicht kenne. Ob die Musiker jetzt alle so religiös sind, ist die Frage, aber sie kommen auf alle Fälle aus
dem Background, sind so geprägt und aufgewachsen.

Sie reflektieren es jedenfalls in ihren Songs…

Sebastian: …das spielt auf alle Fälle dort eine größere Rolle, als man es hier kennt. Ich kenne hier kaum Leute in meinem Umfeld, die so stark religiös geprägt sind.

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Man merkt das auch an den Texten, ich glaube, da gibt es momentan eine ganz scharfe Trennlinie in der amerikanischen Folk-Musik, auf der einen Seite diese glattproduzierten Indie-Acts, mir fallen Mumford & Sons oder Fleet Foxes als Beispiele ein, Geschichten, mit denen ich musikalisch wenig bis nichts anfangen kann, und auf der anderen Seite diese ganzen Muddy-Roots-Geschichten, wo eine ganz andere Intensität dahinter steckt, wo man letztendlich auch diese amerikanische Subkultur besser widergespiegelt kriegt und wo diese prekären Lebensumstände besser reflektiert werden, ich war vor kurzem im Amerikahaus in der Seph-Lawless-Ausstellung, der völlig entvölkerte Stadtteile Amerikas fotografierte, völlig abgewrackte und abgefuckte Gegenden und Gebäude, David Simon fällt mir in dem Zusammenhang auch ein, der hat ja auch über die TV-Serie „The Wire“ oder in seinen Büchern thematisiert, dass in den Staaten der Mittelstand total wegbricht…

Sebastian: … wenn Du Amerika nur aus Film, Funk und Fernsehen kennst, hast du einfach ein komplett anderes Bild, das Land ist in so vielen Teilen am Ende, wir waren beim letzten Mal viel in Kalifornien unterwegs, es gibt auf der einen Seite einen so unglaublichen Reichtum, der zur Schau getragen wird, Haus, Auto, mit allem Drum und Dran, und dann gibt es halt diese große Masse an Orten, wo du nicht tot vom Baum hängen willst, diese Trailer-Parks, wo die Leute auf absolutem Low-Level leben, da gibt es extrem viele, eine Masse an Leuten, die einfach richtig zu kämpfen haben. So viele ‚Homeless People‘ wie an der Westcoast habe ich sonst nirgends gesehen, da gibt es Straßenzüge, da steht ein Zelt nach dem anderen, wie in diesen Endzeit-Filmen. Es gilt als reichstes Land der Welt, aber das Land ist teilweise so kaputt…

… ich kenn nur New York besser, weil ich da öfter war, aber selbst da war das mit den Jahren immer mehr zu beobachten, früher habe ich da auf der Straße noch keine Obdachlosen gesehen, beim letzten Mal war es das normale Stadtbild, nachts durchaus auch in besseren Stadtteilen.

Sebastian: Es gibt ja da auch nicht diese Grenze zum Slum, das mischt sich, plötzlich bist du an einer Ecke, da liegen dann die Leute in Pappe eingewickelt, bei uns sind das ja hauptsächlich Männer, dort hast Du ganze Familien, alleinerziehende Mütter mit zwei Kindern, die auf der Straße leben, ohne Essen, ohne Versicherung…

… letztendlich wohl immer noch die Folgen der sogenannten Subprime-Krise, da sind die Leute ihre Behausungen losgeworden und das war’s dann…

Sebastian: … genau, das interessiert dann keinen mehr.

Nochmal zurück zur Musik: Ist euch bei eurem letzten Trip im Sommer durch die Staaten was neues über den Weg gelaufen, was ein Hinhören wert ist?

Sebastian: Getroffen haben wir dahingehend niemanden, aber mit Scott McDougall tausche ich immer Listen aus, die wir uns gegenseitig aufschreiben, ich hab seine noch nicht komplett abgearbeitet, das letzte Mal waren bei ihm ein paar gute Tipps drauf, so Old-School-Sachen,
Don Redman, farbiger Sänger aus den 30er, 40er Jahren, Jazz. mit seiner Bigband, da gibt es ein Stück „Shakin‘ The African“, da weißt du, wo Hiphop herkommt. Ich war mit Scott auch bei Mississippi Records in Portland, ein reiner Blues-Plattenladen, die haben ein eigenes Label und legen auch alte Sachen wieder auf, das war musikalisch sehr interessant.
Ich geh schon gern mal auf ein Festival, aber bei den Reisen geht es mir auch in erster Linie um das Land, die Orte, wir sind da auch kaum auf Hauptstraßen unterwegs, mich interessiert, wo das Leben stattfindet, wir fahren oft Seiten- und Querstraßen, mich interessiert das Vergängliche, da sieht man dann, das Land hat auch schon bessere Zeiten gesehen. Da bietet Amerika viel, das hat für mich auch eine gewisse Ästhetik.

Gutes Stichwort: Fotografie. Du machst hauptsächlich diese Sachen und viele Musiker/Bands. Gibt es noch andere Themen, die Dich in der Fotografie interessieren?

Sebastian: In den letzten 10 Jahren waren es schwerpunktmäßig tatsächlich die Reisen, hauptsächlich USA (12 mal) , Asien (2mal), und die Musik. Was Menschen betrifft, bin ich immer etwas zurückhaltender, wenn ich sie nicht kenne.
Der Musiker an sich ist da eine Ausnahme, der weiß, er steht im Rampenlicht. Ich würde gerne noch mehr Portraits von Leuten machen, da ist aber immer noch der Schritt, auf die Leute zuzugehen, Musiker in anderem Kontext wären ein Thema, bei den Konzertfotos versuche ich, nichts Gestelltes zu machen, immer aus der Aktion heraus, Licht und Motiv müssen immer passen, wenn nicht, dann fotografiere ich es halt nicht. Ich greife nicht ein und stelle nichts, ich würde das schon gern erweitern, aber dann auch mit dem gleichen Ansatz, so dass die Leute sich wohlfühlen. Beim Scott MacDougal hab ich das mal ausprobiert, geschaut, dass er die Kamera gar nicht mehr wahrnimmt, man kennt die Situation ja selbst, wenn ich auf der anderen Seite von der Kamera stehe, weiß ich ja schon selber nicht mehr, wie ich kucken soll.
Ich würde mit meiner Fotografie auch gerne mehr rausgehen, was Ausstellungen betrifft, ich werde demnächst auch meinen Job, mit dem ich bisher mein Geld verdiene, beenden, dann hoffe ich, auch von meiner Fotografie leben zu können. Hinsichtlich Ausstellungen wäre das Amerikahaus natürlich auch ein Thema, ich hab die letzten 10 Jahre zwei Drittel der US-Staaten gesehen, mit der Kamera, ich hab da von vielen Bereichen ein anderes Bild, auch über Leute in Amerika versuche ich, Ausstellungen zu machen, mit Blick auf ihr Land aus der Sicht eines Deutschen…

… ist ein hartes Brot…

Sebastian: … ist ein hartes Brot, auf alle Fälle. Aber ich bin ein Optimist!

Dann bleibt mir nur als Schlusswort, Dir auf alle Fälle viel Glück und Erfolg für Deine Pläne zu wünschen und mich herzlich für das sehr interessante Gespräch zu bedanken!

Alle Fotos Copyright (c) by Sebastian Weidenbach / The Shadow Cowboy

The Shadow Cowboy / Homepage

Reverend Deadeye & Brother Al Hebert @ Unter Deck, München, 2015-09-13

„In the wake of Tom Waits and the slough of bands evoking an old-time spirit, there’s Denver’s Reverend Deadeye, mixing up his own brew of ministry inspired, soul-saving music. One of the things that impresses me most about Reverend Deadeye is that, for all intents and purposes, he’s the real deal.
As a missionary kid, he spent most of his youth mingling with Navajos at tent revivals. His performance is less of an „act“ than it is a natural manifestation of his real-life experiences. Where others are often just recapturing worlds that they learned about in books or their old Nick Cave albums, The Reverend is telling a real story that he (more or less) lived himself. Now that’s something.“

(Marc A. Littler, The Folk Singer Presskit)

„Satan, Your Kingdom Must Come Down“ titelt ein altes amerikanisches Traditional, das unter anderem die Alternative-Country-Pioniere Uncle Tupelo auf ihrem ‚March 16–20, 1992‘-Album verbraten (1992, Rockville Records), The Good Reverend kommt da wesentlich direkter auf den Punkt: „Fuck The Devil“ steht auf dem Preisschild seines Merchandising-Stands, an dem er neben den üblichen CDs und T-Shirts seine aus bemalten Bibel-Seiten bestehende Kunst feilbietet.

Das Religiöse ist ein gewichtiges Thema im Leben und in der Musik des Reverend Deadeye aus Denver/Colorado, der in einer Missionarsfamilie im Navajogebiet aufgewachsen sein soll und der Legende nach in seinem früheren Leben als „Snake-Handler“ bei einer Predigt der Pfingstbewegung eine Schlange packte, die ihm ins Auge biss und so den Bühnennamen des begnadeten Underground-Blues-Musikanten begründete.
Sein Rat und seine Lebensweisheit ist gefragt bei Kollegen der Sanges-Zunft, wie der Dokumentarfilm „The Folk Singer – A Tale Of Men, Music & America“ des deutsch-südafrikanischen Regisseurs Marc A. Littler über den aus Florida stammenden Songwriter Possessed By Paul James eindrucksvoll zeigt, in welchem Reverend Deadeye eine imposante Nebenrolle spielt.

Zum Klang eines uralten Gospel-Soul-Heulers groovte sich der Reverend zu fortgeschrittener Stunde am Sonntagabend auf den Brettern des leider recht spärlich gefüllten ‚Unter Deck‘ für seinen Auftritt ein, beiläufig das Bühnen-Outfit anlegend, und dann ging es von der ersten Sekunde an atemberaubend los mit maximalst-intensivem, verzerrtem Delta-/Hard-/Trance-/Slide-Blues, vorgetragen auf seinem elektrisch verstärkten, offen gestimmten Flohmarkt-Resonator-Guitar-Bastard, zu dem der vom heiligen Geist geschüttelte Musiker seine aus eigenem Erfahrungsschatz gespeisten, von Schuld, Sühne, Gott, dem Teufel und Alkohol thematisch durchtränkten Erweckungspredigten vortrug, die sein Langzeit-Weggefährte Alex ‚Brother Al‘ Hebert am Schlagzeug druckvoll, offensiv und nach vorne treibend trommelnd kongenial begleitete.
Vor allem das extatisch-grandiose Gitarrenspiel Deadeyes hat die Kraft, geistesverwandte Musiker wie die Left-Lane-Cruiser-Schnapsdrossel Fredrick „Joe“ Evans IV auf den abstinenten Pfad der Tugend zurückzuführen und einem Angus Young endgültig die peinliche Schuluniform vom Leib zu treiben.
Der Vortrag des Duos war so unfassbar grandios, es ist kaum in Worte zu fassen, und so kann ich nur jedem halbwegs am Muddy-Roots-Folk-Blues Interessierten wärmstens ans Herz legen, die ausstehenden Termine der Europatournee des Reverend wahrzunehmen, sofern seine Pfade in die Nähe ihres/seines Sündenpfuhls führen.
Zum wiederholten Male Dank an Ivi und sein CLUBZWEI-Team für die Ausrichtung dieser wunderbaren Veranstaltung.
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Reverend Deadeye / Homepage

Reingehört (79)

Bild-001©-S.Weidenbach

„Das wird die nächste Punk-Musik. Und damit auch die neue Folk-Musik.“
(Jayke Orvis)

V.A. – Strange & Dangerous Times – New American Roots – Real Music For The 21st Century (2014, Trikont)
Wenn das Münchner Indie-Label Trikont eine musikalische Themen-Sammlung veröffentlicht, dann hat die Nummer Hand und Fuß, wie es hier in den Südstaaten so schön heißt, und so gestaltet sich das auch bei der wunderbaren ‚New American Roots‘-Zusammenstellung, die der im bayerischen Ebersberg beheimatete Fotograf und Musik-Liebhaber Sebastian Weidenbach für das Obergiesinger Label zusammenstellte. Weidenbach, von dem auch das grandiose Beitragsfoto stammt, dokumentiert auf dem vorliegenden Sampler die aktuelle, ländliche amerikanische Underground-Folk/-Country-Blues-Szene, wie sie auch M. A. Littler in seinen hervorragenden Dokumentarfilmen ‚The Folk Singer‘ und ‚Hard Soil‘ einfängt.
Der unter dem Pseudonym ‚The Shadow Cowboy‘ arbeitende Fotograf kennt die auf dem Album vertretenen Solisten und Bands mittels zahlreicher USA-Reisen und Foto-Arbeiten bei Tourneen persönlich, das Prädikat „Handverlesen“ in Punkto Songauswahl war selten passender als bei ‚Strange & Dangerous Times‘.
Zur Eröffnung des God/Love/Life/Death-Reigens zeigt Philipp Roebuck mit dem ruppigen Country-Blues-Stampfer „Cupid’s Gun“, wo die Wurzeln liegen im neuen amerikanischen Folk-/Country-/Punk-Underground-Crossover, der hinsichtlich Lyrics die erschütternde amerikanische Wirklichkeit der Arbeiterklasse und der Geringverdiener dokumentiert, welchen neben der Musik nur noch der Griff zur Flasche und der Glaube an den Herrn Halt im harten Leben gibt.
Wir hören scheppernde Banjo-Moritaten der Band My Graveyard Jaw aus New Orleans, entspannten Alternative Country vom Texaner Tom VendenAvond, tiefgründige und schwermütige Balladen von Willy Tea Taylor, Scott McDougall, Graham Lindsey und den Harmed Brothers, James Hunnicutt mit dem atmosphärisch dichten „Dying Healer Waltz“ und mit „The Very Best“ von The Good Thrift Store Outfit eine Countrynummer reinsten Wassers.
Reverend Deadeye, der dieser Tage das alte Europa betourt und am kommenden Sonntag das Münchner ‚Unter Deck‘ beehrt, schenkt uns mit „Drunk On Jesus“ einen harten Dobro-Blues, Konrad Wert aka Possessed By Paul James, dem Regisseur Littler mit ‚The Folk Singer‘ einen ganzen Film widmete, ist mit einer für ihn typischen klagend-fordernden Ballade vertreten und Carry Nation & The Speakeasy begeistern wie zuletzt konzertant mit ihrem ureigenen Brass-Highspeed-Bluegrass, der die Combo hinsichtlich musikalischer Wurzeln weit mehr in Louisiana als im heimischen Kansas verortet.
Einen umfassenderen Überblick über „The Muddy Roots of American Music“ in knapp 66 Minuten wird man schwerlich finden als auf Sebastian Weidenbachs Sampler, der zudem mit einem schönen Booklet aufwartet, in dem der geneigte Musikfreund neben ausgewählten, hervorragenden Fotografien des ‚Shadow Cowboy‘ eine lesenswerte Dokumentation der amerikanischen Folk-Musik von den europäischen Wurzeln über die Plantagen-Songs der Arbeiter und die Forschungs-Exkursionen von Alan Lomax und Harry Smith (Anthology Of American Folk Music) bis hin zu Johnny Cash und Punk findet.
Abgerundet wird das feine Heft mit kurzen Anmerkungen zu den einzelnen Interpreten, Web-Adressen und Quellenangaben zu den jeweiligen Songs, womit der angefixte ‚Muddy-Roots‘-Novize einen abzuarbeitenden Handzettel verpasst bekommt, um im Nachgang die Neuentdeckungen beim Plattenhändler seines Vertrauens zu vertiefen…
(***** ½)

The Dad Horse Experience – Best Of – Seine schönsten Melodien 2008 – 2014 (2015, Sacred Flu Productions)
Spread it like a sacred flu: Um das Warten bis zur Veröffentlichung des angekündigten brandneuen Kellergospel-Wunderwerks ‚Eating Meatballs On A Blood-Stained Mattress In A Huggy Bear Motel‘ am 5. Februar 2016 zu überbrücken, hat unser beloved Bremer Wanderprediger Dad Horse Ottn die eigene musikalische Vergangenheit Revue passieren lassen und uns seine „Greatest Hits“ der letzten Jahre auf Vinyl gepresst.
Einen schönen Einstieg in den DHE-Kosmos bietet die Eröffnungsnummer „Gates Of Heaven“ mit der wunderbaren Textzeile „He is a badass Motherfucker but won’t you pleeeze let him in?“, welche durch die kürzlich erfolgte, skandalöse Ausweisung des Predigers aus den US of A wegen irgendwelchem Steuer-Firlefanz eine bedeutungsschwangere Komponente erhält, im weiteren Verlauf des White-Gospel-Reigens hören wir unter anderem eine exklusive Neueinspielung des Traditionals „The Moonshiner“, ein Ottn-Konzert-Klassiker, der durch die Beteiligung des Bluegrass-Musikers Remco Reed an Schlagwerk und zweiter Stimme zusätzliche Würze erhält.
Der tote Hund vom Highway darf ebenso wenig fehlen wie „Kingdom It Will Come“, die Zier jeder konzertanten Leviten-Leserei des Bremer Reverends, und was wäre eine DHE-Best-Of ohne die beim Publikum allseits beliebte Mitsing-Nummer „Lord Must Fix My Soul“? Nüscht, eben, und drum ist sie drauf aufm Vinyl, das mit der einzigen deutschsprachigen Nummer „Ganz war ich noch nie“ endet, in der Ottn über die eigene Unvollkommenheit sinniert: „Ich hab mir heute ein Bein ausgerissen, ich werde es vermissen, aber ganz war ich eh nie.“
Dirk Geil von Bonn Stomp bringt es in den launigen Liner-Notes zur Kellergospel-Perlen-Sammlung auf den Punkt: „Ich spüre tiefe Dankbarkeit für den Menschen Dad Horse Ottn, wie er mit 40 Jahren erst das Banjo erlernte und den für Tourneen nötigen Führerschein machte, um auf seinen Konzerten fremden Menschen aus aller Welt den sorgsamen Umgang mit ihren Begierden und Ressourcen zu erklären.“
Für schlappe 11 Euro im klassischen Schwarz-Vinyl oder für ein paar Dollar mehr als farbige Ausgabe zu beziehen am gutsortierten Dad-Horse-Experience-Merch oder direkt auf der Heimatseite vom Walking Dad, guckst Du hier.
(*****)