The Magnetic Fields

Reingehört (289): David Bazan, The Magnetic Fields, Rolling Blackouts Coastal Fever

Gerhard Emmer München Kulturforum

David Bazan – Care (2017, David Bazan)

Hat was riskiert, die Meinungen hinsichtlich Qualität des Resultats werden vermutlich weit auseinander gehen: Seattle-Indie-Rocker und ex-Pedro-The-Lion-Mastermind David Bazan garniert seine nachweislich ausgeprägten Songwriter-Fertigkeiten auf dem neuen Solo-Werk mit einer geballten Ladung an 80er-Synthie- und Keyboard-Sounds inklusive der für diese Dekade typischen Rhythmus-Maschine, selbst in Form dieser abseitigen LoFi-Beschallung schimmert in jedem Werk die große Tondicht-Kunst des nachdenklichen Musikers durch, auch wenn eine stramme Strom-Gitarre oder gepflegtes Musizieren auf der Wanderklampfe den meisten Balladen-haften, emotionalen Softcore-Songs über das Familienleben als Ehemann und Kindsvater weitaus besser zu Gesicht gestanden hätten.
Wem das zu sehr überreizt im Sinne billig-abgeschmackten Elektro-Indie-Pops aus vergangenen Zeiten erscheint, für den gibt es nach wie vor die Umsetzung der reinen Lehre in Form des reichhaltigen Bazan-Backkatalogs.
(**** – **** ½)

The Magnetic Fields – 50 Song Memoir (2017, Nonesuch)

Stephin Merrit mag’s gern opulent, hat er ja bereits 1999 mit seinem allerorts hochgelobten 69-teiligen Liebeslieder-Zyklus „69 Love Songs“ (Merge Records) hinreichend und eindrucksvoll unter Beweis gestellt, jetzt hat der Kopf und Songschreiber der Magnetic Fields ein Konzeptalbum über die ersten 50 Jahre seines Lebens veröffentlicht, für jedes volle Lebensjahr ab 1966 einen Song. Die Nummer läuft in einem Rutsch auf brauchbarem Niveau gut durch und weiß in ihrer Gesamtheit als Konzeptalbum zu gefallen, ohne die großen qualitativen musikalischen Ausreißer nach oben oder unten, Multiinstumentalist Merrit spielt wie gehabt den Großteil der Instrumente von der Ukulele über das Piano und allem Möglichem anderem an Geräusche-erzeugenden Gerätschaften bis hin zur Kuhglocke selbst und kreiert seinen ureigenen Klang-Kosmos aus eingängigem, lieblichem Kammer-, Folk- und Indie-Pop, den man in der ein oder anderen Form auch auf allen Magnetic-Fields-Vorgängeralben findet, dabei die Geschichten erzählend über seine seltsame Kindheit, die Liebhaber seiner Mutter, das schaurig-schöne Leben in New York City und wie es wäre, John Foxx von Ultravox zu sein…
„69 Love Songs“ darf man nicht als Maßstab für diesen zweiten Großwurf in der Bandgeschichte ansetzen, grandiose, berückende, herausragende Indie-Pop-Songperlen vom Format „All My Little Words“, „Washington, D.C.“, „I Don’t Want To Get Over You“ oder das unfassbar gute Duett „Papa Was A Rodeo“ über homoerotische Trucker-Phantasien wie seinerzeit bei den Liebesliedern wird man hier vergebens suchen. Schade eigentlich. Trotzdem: Solide Arbeit, wenn auch mit beschleunigter Abkühlung der Vorfreude-Euphorie.
Inklusive schönem Booklet mit vielen Fotos, einem ausgedehnten Stephin-Merrit-Interview mit dem Schriftsteller und ehemaligen Magnetic-Fields-Mitmusiker Daniel Handler und handschriftlichen Notizen zu jedem Song.
„It’s mostly love and music, so don’t dig for much of a storyline. And if things get mellower as 50 looms, that’s life“.
(****)

Rolling Blackouts Coastal Fever – Talk Tight (2016, Sub Pop)
Rolling Blackouts Coastal Fever – The French Press (2017, Sub Pop)

Indie-Rock-Combo aus dem australischen Melbourne, die von der Fachpresse als neuestes Borstenvieh durchs Alternative-Dorf getrieben wird. Sollen über begnadete Songwriter-Fertigkeiten im Geiste der Go-Betweens verfügen, das sollte man indes als altgedienter Verehrer der Forster/McLennan-Combo aufgrund des präsentierten Materials der beiden EPs dann doch nicht allzu ernst nehmen, die überbordende Euphorie der Strokes drängt sich als Referenz auf, die Melodien der neuseeländischen Flying-Nun-Bands und das in feine Indie-Pop-Songs gegossene Gitarrengeschrammel der Blue Aeroplanes, man merkt schon, alles schon mal da gewesen, und im Bezug auf Rolling Blackouts Coastal Fever: alles schon mal grandioser, hinsichtlich großér Pop-Momente ergreifender, in den Melodien ausgereifter, im Songwriting zupackender oder ganz einfach auf den Punkt gebracht: bereits alles schon mal besser dagewesen.
Bands wie diese hinterlassen beim Abhören im Jahr 2017 einen faden Nachgeschmack und sind nicht unmaßgeblich dafür verantwortlich, dass der neue, aktuelle Indie-Rock mehr und mehr zur austauschbaren Nummer verkommt.
(***)