The National

Reingehört (362): Micah P. Hinson, The National

Micah P. Hinson – Presents The Holy Strangers (2017, Full Time Hobby)

Eine „Modern Folk Opera“ vom texanischen Songwriter-Wunderknaben Micah P. Hinson, schau an. Muss man nicht lange um den heißen Brei reden: tendenziell etwas unausgegorenes Zeug, weit davon entfernt, zum „S.F. Sorrow“, „Tommy“ oder „Quadrophenia“ der Folk-/Americana-Welt zu avancieren, und auch etliche Grade von vorausgegangenen Perlen des jungen Musikanten wie die wunderschöne, ergreifende Songsammlung „Micah P. Hinson And The Red Empire Orchestra“ aus dem Jahr 2008 oder der gelungene 2010er-Wurf „Micah P. Hinson And The Pioneer Saboteurs“ entfernt.
Einzelne Songs im gefangen nehmenden, Herz-anrührenden Hinson-Modus finden sich auch hier, das Kind ist sicher nicht komplett im Brunnen abgetaucht, die schwer Richtung Resignation kippende Ballade „Oh, Spaceman“ etwa, der an alte Cowboy-Haudegen gemahnende, bewusst simpel gestrickte Country-Schunkler „Lover’s Lane“ oder das an frühere Micah-Wunderwerke erinnernde, selige „The Great Void“ im herrlich lakonischen, verschlafenen, kurz vorm depressiven Jammern Halt machenden, für Hinson typischen Sangesvortrag. Dazwischen darf man sich notgedrungen anfreunden mit latent belanglosen, plätschernden Prärie-Instrumental-Soundtracks, gespenstischen Neoklassik-Einschüben, der elendslangen, pseudo-kryptischen, Bibel-verbrämten Spoken-Word-Tirade „Micah Book One“ und einer Adventssingen-Version der Kirchen-Hymne „Kumbaya/Come By Here“ (mit letzterer klappt das Anbandeln noch bei Weitem am Besten).
Die Oper erzählt die Geschichte einer Familie in Zeiten des Krieges, von der Wiege bis zur Bahre, das Leben in seiner großartigen wie erschütternden, erhebenden wie traurigen Vielfalt – was soll man sagen, gewichtiges Thema in semi-gelungener Umsetzung. Wie heißt es immer so schön nach einem unbefriedigenden Unentschieden auf dem Bolz-Platz: Da wäre mehr drin gewesen.
(*** ½ – ****)

The National – Sleep Well Beast (2017, 4AD)

Das Hamburger Wochenblatt „Die Zeit“ hat vor einigen Wochen zum neuen Album von Berninger und Co geschrieben: „Für ihre Anhänger wirkt ein Song von The National mittlerweile in etwa so wie eine Fernsehansprache Angela Merkels auf deutsche Wähler: Sobald die vertraute Stimme erklingt, beruhigt sich ihr Herzschlag. Egal, was der Inhalt der Worte ist, meinen sie plötzlich wieder zu wissen: Alles wird gut.“ Bei derart bemühten Parallelen in der Konsens-Presse hätte man gewarnt sein müssen, bei der daraus abgeleiteten Schlussfolgerung gleich noch viel mehr. Dabei hinkt der Vergleich noch nicht mal richtig, er zieht nur die falschen Schlüsse: Ideenlos, ohne vernünftiges Konzept und ohne richtungsweisenden Gestaltungswillen, im Verwalten des Status Quo verhaftet, exakt wie die Regierungspolitik von Frau Bundeskanzlerin, genau so gestaltet sich auch das neue Album der Combo aus Ohio: nix Neues und das Althergebrachte dann auch noch schal und urfad aufbereitet, im Gitarren-Intro von „Day I Die“ wähnt man sich kurzfristig erschrocken dann auch noch in einer Scheibe dieser U2-Spakos verirrt, nur um im Nachgang festzustellen, dass sich der Rest dieses unerfreulichen Auswurfs auch nicht genehmer gestaltet. Vorbei die Zeiten, in denen die Band mit Alben wie „Boxer“ oder „Alligator“ zu gefallen wusste, auf Nimmerwiedersehen Dachauer Rathausplatz, Grüß Gott Stadion-Rock.
Die endgültige Kapitulation vor dem Mainstream, der Schritt der Hinwendung zum belanglosen Gefälligkeits-Geplänkel ist mit „Sleep Well Beast“ nun vollumfänglich vollzogen, nicht weiter verwunderlich in Zeiten, in denen vermehrt zu gelten scheint: Indie ist die neue Massenkompatibilität. Reiht sich ein in Radio-taugliche Dauerbeschallungs-Non-Events, wie sie dieser Tage auch von notorisch völlig überbewerteten Kapellen etwa vom Schlage dieser unsäglichen Langweiler The War On Drugs feilgeboten wird.
Man sollte demnächst genauer hinhören, wenn beim Zeitunglesen die Alarmglocken schrillen, könnte unter anderem perspektivisch vor Zeit-verschwendendem Sondermüll-Abhören schützen.
(**)

Reingehört (178)

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„Their music touches on ground that most other groups don’t even know exists.“
(Lenny Kaye)

V.A. – Day Of The Dead (2016, 4AD)

Nicht die erste, aber die bis dato spannendste und umfangreichste Benefiz-Grateful-Dead-Tribute-Sammlung: Bereits 1991, noch zu Lebzeiten der Band, haben sich gestandene Musiker wie unter anderem Warren Zevon, David Lindley, Dr. John, Suzanne Vega und Elvis Costello zwecks Regenwald-Support und finanzieller Unterstützung des Rainforest Action Network zum Dead-Covern auf dem Sampler „Deadicated: A Tribute To The Grateful Dead“ (Arista) versammelt und eine Auswahl an Perlen aus dem reichhaltigen Band-Fundus eingespielt, die sich in der Interpretation solide gebärdeten, aber kaum zu weit vom jeweiligen Original abweichten.
Weitaus experimenteller und mutiger geht es zu auf dem opulenten 5-CD-/59-Stücke-Paket „Day Of The Dead“ zur Unterstützung der Red Hot Organization in ihrem Engagement gegen den AIDS-Virus, das von den The-National-Zwillingen Aaron und Bryce Dessner initiiert wurde, bereits vor sieben Jahren haben sie mit dem exzellenten „Dark Was The Night“-Sampler (2009, 4AD) 1,5 Mio. US-Dollar für die Anti-AIDS-Kampagne eingespielt.

Bevor die Verneigung vor Garcia und Co ihre ganze Pracht über weite Strecken der insgesamt mehr als fünfeinhalb Stunden Musik entfalten kann, geht es holprig los mit einer belanglos vor sich hinplätschernden Indie-Pop-Einspielung von „Touch Of Grey“, dem einzigen Top-Ten-Hit der Dead in 30 Jahren Bandgeschichte, dargereicht von The War On Drugs, aber was will man von einer Mehmet-Scholl-Lieblingskapelle schon groß erwarten?
Einige Interpretationen wagen sich zwar auch hier nicht allzu weit weg vom Original, halten aber so ein mehr als passables Niveau. Das einer wie Jim James auch in der Stimmlage den Garcia perfekt gibt, ist nicht weiter verwunderlich, und dass Wilco als eine den Dead im beseelten konzertanten Vortrag nahekommende Band im Verbund mit Urgestein Bob Weir in der Live-Einspielung von „St. Stephen“ zwar wenig individuelle, gleichwohl aber äußerst befriedigende Arbeit abliefern, überrascht auch nicht weiter. Neben Weir ist Bruce Hornsby als ehemaliges Grateful-Dead-Mitglied zu vernehmen, seine Version von „Black Muddy River“ versieht er mit einem unüberhörbaren Irish-Folk-Touch.

Eine bis dato wenig geschätzte Mainstream-Band wie Mumford & Sons schwingt sich in „Friends Of The Devil“ zu ungeahnten Höhen auf, bei entsprechendem Songmaterial ist der Haufen offensichtlich doch zu gebrauchen.
Stephen Malkmus, Ira Kaplan, Kurt Vile, Bonnie ‚Prince‘ Billy mehrfach und gewohnt sehr gut, The Tallest Man On Earth, sie alle haben ihre Hausaufgaben gemacht hinsichtlich Sichtung des American-Cosmic-Music-Katalogs, grundsolide bis hervorragende Qualität ist dahingehend geboten aus der Ecke der bewährten Indie-Größen.

Bei den subjektiven Lieblingsstücken der amerikanischen Jam-Band-Institution hört man selbstredend genauer hin, es überzeugen The Lone Bellow mit einer beschwingten Prärie-Country-Version von „Me And My Uncle“ und im weiteren Verlauf erneut mit „Dire Wolf“, Tal National mit einer Calypso-angelehnten Indie-Pop-Fassung von „Eyes Of The World“, die den Grund-Groove des Stücks schön herausarbeitet, „Brown Eyed Women“ kommt als funky-entspannter Westcoast-Rocker von Hiss Golden Messenger und „Morning Dew“ klingt, als wäre es schon immer ein The-National-Stück gewesen.

Schwer enttäuschend dagegen Alternative-Country-Grande-Dame Lucinda Williams, ihre stinklangweilige Einspielung von „Going Down The Road Feelin‘ Bad“ sorgt in der Tat für schlechte Gefühle und ist in keinster Weise mit ihren inspirierten, früheren Tribute-Beiträgen (v.a. für Mississippi John Hurt und Blind Willie Johnson) zu vergleichen, neben dem nervtötenden Modern-Jazz-Gewichse der „Truckin“-Version von Marijuana Deathsquads und dem verspulten, unwürdigen Elektronik-Gefrickel der Flaming Lips als „Dark Star“-Derivat mit die schlimmste Themen-Verfehlung des Tribute-Albums.

Bei der Würdigung des Grateful-Dead-Werks darf das Experimentieren im Geiste des psychedelischen Space-Rock nicht zu kurz kommen, zu dem Thema gibt es jede Menge Erbauliches: „Garcia Counterpoint“ von Bryce Dessner ist bestes Minimal-/Ambient-Theater, Tim Hecker verbeugt sich in „Transitive Refraction Axis For John Oswald“ vor der „Greyfolded“-Klangcollagen-Arbeit des kanadischen Komponisten und Soundtüftlers, Tunde Adebimpe von TV On The Radio lässt es zusammen mit dem ex-Sonic-Youth-Mann Lee Ranaldo in „Playing In The Band“ zuerst traditionell-entspannt angehen, bevor die Musiker in einen beherzten, Gitarren-experimentellen Rausch abdriften, „Estimated Prophet“ in der Version der Rileys ist von ähnlicher Güte und das weirde „Aoxomoxoa“-Stück „What’s Become Of The Baby“ wird von einer Formation namens stargaze als indisch angehauchter Hymnen-Drone im Geiste des Originals inszeniert.

Ansonsten erwähnenswert? Dass die Dead in Hardcore funktionieren, hat Henry Rollins bereits vor Jahren mit „Franklin’s Tower“ bewiesen, die Kanadier von Fucked Up kriegen das mit „Cream Puff War“ in einer Elektro-Trash-Variante ebenfalls gut gebacken.
Bela Fleck erinnert mit seinem modernen Bluegrass-Ausflug in „Help On The Way“ weit mehr an Jerry-Garcia-Nebenpfade, die dieser in seinen Country/Bluegrass/Folk-Ausflügen einst zusammen mit David Grisman und Old And In The Way beschritt.
„Till The Morning Comes“ (Luluc with Xylouris White), „And We Bid You Goodnight“ (Sam Amidon) und „Rosemary“ (Mina Tindle) funktionieren als berührende Folk-Balladen, Kate Stables aka This Is The Kit offenbart dahingehend in „Jack-A-Roe“ Fairport-Convention-Qualitäten und der amerikanische Pianist Vijay Iyer trimmt „King Solomon’s Marbles“ in Richtung frei fließender Jazz-Folk im Geiste George Winstons.
Den würdigen Schlusspunkt der Sammlung setzen The National zusammen mit dem Grateful-Dead-Rhythmus-Gitarristen und Ur-Mitglied Bob Weir in einer „I Know You Rider“-Fassung, wie sie auf jeder anständigen Live-Einspielung der legendären amerikanischen Jam-Band enthalten sein könnte.
Do yourself a favour, ist nebenher auch noch für einen guten Zweck – ein Muss für jeden Deadhead und solche, die es noch werden wollen. Ersetzt selbstredend in keinster Weise diverse, vor allem konzertant eingespielte Ton-Konserven der Dead, ist aber ein grundsolider und äußerst hörenswerter zeitgenössischer Interpretationsansatz zur wundersamen musikalischen Welt von Garcia, Hunter, Weir, Lesh und Co.
(**** ½ – *****)

Reingehört (96)

TheNational-Boxer

EL VY – Return To The Moon (2015, 4AD)
Da hat er ja mächtig danebengehauen, der Herr Berninger von The National, mit seinem Seitenprojekt EL VY, das er zusammen mit einem gewissen Brent Knopf von der mir unbekannten amerikanischen Indie-Rock-Band Ramona Falls aus Portland/Oregon betreibt. Letzterer dürfte verantwortlich zeichnen für die musikalisch völlig belanglose, Rhythmus-getriebene, nichtssagende Indie-Easy-Listening-Unterfütterung des charismatischen Bariton-Genöles vom National-Vorturner, der mit seinem charakteristischen Mix aus Sangeskunst und Spoken Word die Grütze wenigstens vor dem völligen Absaufen bewahren kann.
Das Gedöns erinnert in seinen unangenehmsten Momenten, und das sind derer nicht wenige auf dem Tonträger, an seelenlose, sinnbefreite 70er-Jahre-Disco, banalste Song- und Rhythmus-Strukturen, wie sie kaum zu unterbieten sind, man fragt sich permanent, was den ollen National-Matt da geritten hat, seinen guten Namen und seine Vokal-Kunst für derart lahmen Langweiler-Brei herzugeben.
Brent Knopf hat bereits mit der südafrikanischen Indie-Kapelle Dear Reader zusammengearbeitet und spätestens bei der Info sollten alle Alarmglocken laut zu schrillen beginnen.
Lieber mal wieder ‚Boxer‘ (2007) oder ‚Alligator‘ (2005, beide: Beggars Banquet) oder ‚High Violet‘ (2010, 4AD) von der Berninger-Hausband auflegen, bereitet ungleich mehr Freude…
(* ½ – **)