The Rural Alberta Advantage

The Rural Alberta Advantage + Yukon Blonde @ Hansa39, München, 2018-03-05

Kanadisches Doppelpack zum konzertanten Wochenstart am vergangenen Montag-Abend in der Hansa39-Halle des Münchner Feierwerks: Lake-Ontario-Hauptact plus Westküsten-Vorband, mit ungleich verteilten Sympathie-Werten, hilft alles nichts:

Irgendwo in der Ortschaft Kelowna in British Columbia/Kanada, 4 Autostunden östlich von Vancouver gelegen, muss es eine Handvoll ehemaliger Erziehungsberechtiger geben, die die heimische Plattensammlung mit diesem ganzen synthetischen Achtziger-Jahre-Pop-Müll vollgestellt haben, Duran Duran, Spandau Ballet, to name a few, der ganze Rotz eben, der für den schlechten musikalischen Ruf dieser Dekade verantwortlich zeichnet, unverantwortlicher Weise haben diese Damen und Herren Mütter und Väter den tonalen Auswurf vor Heranwachsen und Adoleszenz der eigenen Brut nicht im Wertstoffhof entsorgt oder zum anderweitigen Gehörgänge-Verseuchen bei Ebay verschnalzt, shame on you, unknown parents. Insofern kam es, wie es kommen musste, die Jugend entdeckte die Giftabteilung im elterlichen Tonträger-Schrank und ruinierte sich via 80er-Geschmacklosigkeiten nachhaltig prägend das eigene Gespür für Musik, damit nicht genug des Übels, Mädel und Buben mussten im Nachgang auch noch eine Combo namens Alphababy gründen, die sich 2009 in Yukon Blonde umbenannte und in Reminiszenz an die unsäglichen Achtziger Jahre die Erinnerung wachhält an synthetisches Keyboard-Gedudel, leidlich gefälliges funky Gitarren-Pop-Geschrammel, simpelst gestrickte Refrains und nichtssagendes Songwriting. Anlehnungen an die ein oder andere abgeschmackte Beatles- und Prince-Phrasierung machen die Nummer nicht besser, aber immerhin hatte die Keyboarderin schöne Beine, wie der Anton so treffend anmerkte. Einen Fünfer in die Chauvi-Kasse, verbunden mit der Feststellung, dass sich die Band auch dahingehend passend in den 1980ern verortete, als dass es sich seinerzeit um ein Jahrzehnt handelte, in dem man sich beim Konzert-Besuch in den weitaus meisten Fällen glücklich schätzen konnte, die Gleichmut-antestende Tortur einer Vorband nach einer knappen halben Stunde ohne größere bleibende seelische Schäden überstanden zu haben…
(** – ** ½)

Welcome back Amy Cole: Weitaus mehr Wohlwollen war dann angezeigt beim stürmischen Auftritt der hochgeschätzten Rural Alberta Advantage, bereits die Rolle rückwärts hinsichtlich neuer alter Keyboarderinnen-Besetzung ließ erstmals freudig aufseufzen, zur Einspielung der aktuellen, im letzten Herbst veröffentlichten feinen Songsammlung „The Wild“ ersetzte Robin Hatch die im September 2016 ausgestiegene Amy Cole, pünktlich zur derzeit laufenden RAA-Europatournee ist die fesche Amy zurück an Bord, und das tat der Stimmung gewiss keinen Abbruch, die quirlige Schönheit heizte vom Start weg ein mit ihrem unnachahmlichen, barfüßigen Gehopse über die gesamte Bühnenlänge, mit hochmelodischem Keyboard-Georgel und Trommeleinlagen, den Mitmusikanten in nichts nachstehend, Bandleader Nils Edenloff legte sein gesamtes Herzblut in den emotionalen Sanges-/Wandergitarren-Vortrag, getrieben von den virtuosen, gerne und oft auch im Uptempo-Bereich anschlagenden Drums von Schlagwerker Paul Banwatt.
Das Trio hatte mit seinem energetischen Indie-Folk-Rock den zu der Zeit dann gut gefüllten Saal von Minute eins an fest im Griff und ließ die zu Teilen ausgelassen tanzenden, mitsingenden und -klatschenden Fans für die nächsten knapp neunzig Minuten nicht mehr von der Angel, der in guter Erinnerung gebliebene letzte Münchner RAA-Auftritt vom Dezember 2014 im mittlerweile längst dahingeschiedenen Atomic Café erfuhr hinsichtlich Intensität und Charme in den flotten Gassenhauern wie im ausdrucksstarken, einfühlsamen Anstimmen ausgewählter Indie-Songwriter-Balladen aus dem Band-Fundus am Montagabend eine weitere Steigerung. Die Liedgut-Auswahl speiste sich überraschend schwerpunktmäßig aus dem Material des exzellenten Longplayer-Band-Debüts „Hometowns“ aus dem Jahr 2008, back to the roots, vom neuen Album blieben etliche Perlen wie „Wild Grin“ oder „Letting Go“ leider ausgespart, an der über die gesamte Konzertlänge überzeugenden Qualität der Setlist kratzte das nicht, alleine der durch das Hansa39 stürmende „Tornado ’87“ war in seiner Speed-Version an drängender Vehemenz kaum vorstellbar zu überbieten.
The RAA unterstrichen einmal mehr eindrücklichst, dass es für einen grandiosen Konzert-Abend unterm Strich nicht viel braucht, Keyboard, Gitarre, Drums, ein engagierter Gesang und entsprechender Arbeits-Ethos im unverstellten Bühnengebaren, Brennen für die eigenen Songs und ein paar ehrlich gemeinte Ansagen und Dankesworte an die Fan-Basis, fertig ist die Laube.
Ein Auftritt, ergreifend und beseelt wie ein guter John-Irving-Roman, Herz-anrührend, Stimmungs-hebend, euphorisierend wie ein Hymne auf alles Gute, Wahre und Schöne im Leben, für gut 90 Minuten die Schattenseiten der Makro- und Mikro-Welten vergessen lassend, nur wenige Bands wie The Rural Alberta Advantage sind dieser Tage zu derartigem Wunderwerk befähigt, Kanadas Vorzeige-Liveband – nebst einigen hochgeschätzten Postrock-Acts – par excellence, der Montagabend im Feierwerk hat davon beredt Zeugnis abgelegt, womit der über die Maßen sympathischen Band ein langanhaltender, lange in der überwältigenden Form nicht mehr gehörter, herzlicher Applaus wie aufrichtige Worte des Dankes und des Respekts nach Konzertende am Merch gewiss waren, verbunden mit dem mit Nils Edenloff ausgetauschten gegenseitigen Wunsch für die hoffentlich nicht allzu ferne Zukunft, sich irgendwann wieder für eine dritte Runde über den Weg zu laufen…
(***** ½ – ******)

Die restlichen Europatour-2018-Daten, falls Gelegenheit – do yourself a favour:

08.03.Köln – Gebäude 9
09.03.Amsterdam – Paradiso
12.03.Paris – Le Pop Up du Label
13.03.London – Scala
14.03.Brighton – The Green Door Store
15.03.Leeds – Brudenell Social Club
16.03.Birmingham – The Castle & Falcon
17.03.Edinburgh – The Mash House

Reingehört (370): The Rural Alberta Advantage

„Our music’s pretty honest and it’s who we are as people.“
(Nils Edenloff)

The Rural Alberta Advantage – The Wild (2017, Paper Bag Records / Saddle Creek)

Alles andere als Veröffentlichungs-Weltmeister, das Trio aus Toronto, „The Wild“ ist gerade mal der vierte Longplayer seit Bandgründung von The Rural Alberta Advantage Mitte der Nuller-Jahre, getreu dem Motto „Gut Ding will Weile haben“ wird die jahrelange Warterei dieser Tage endlich reichlich entlohnt, Klasse statt Masse gilt für zehn neue RAA-Songperlen. Die fesche Amy Cole hat 2016 ihren angestammten Platz an den Keyboards und Background Vocals an die fesche Robin Hatch abgetreten, ansonsten hat sich bei den Kanadiern im Wesentlichen nichts geändert, und dafür gab es auch kaum Veranlassung.
Frontmann Nils Edenloff heult wie eh und je zuweilen mit einer Inbrunst, als gäbe es kein Morgen, das Uptempo-Geschrammel auf der Wandergitarre kommt unvermindert zackig im stringenten Anschlag, das antreibende Getrommel im selbigen, die Ausschmückungen in Form von wohligem Melodien-Zauber liefern der fein im Hintergrund orgelnde Keyboard-Sound wie die ergänzenden Harmoniegesänge, fertig ist die Laube.
Die anrührende Indie-Dramatik und der Tanzbein-animierende Drive irgendwo zwischen Speed-Folkrock, gekonntem Balladen-Songwriting und bewusst einfach wie unkompliziert gehaltenem Gitarren-Pop sind mit den Jahren gut gereift und durch sporadisches Touren erprobt wie veredelt worden, mit dem Opener „Beacon Hill“ ist die geneigte Hörerschaft sofort an der Angel, exakt wie das Publikum vom Start weg bei den energetischen Auftritten der Band.
Mit dem furiosen, völlig entfesselten „Wild Grin“ kurz vor Ende des Tonträgers vertreiben The RAA all die belanglosen Mainstream-Grattler, die sich über die letzten Jahre in den heiligen Hallen des Indie-Rock frech breit gemacht haben – wie unser Herr höchstselbst seinerzeit das Geldwechsler- und Händler-Volk bei der Tempelreinigung – circa von Arcade Fire über die 2017er-Bankrotteure The National bis hin zu Adam Granduciel und seinem unsäglichen Krieg gegen die Drogen, „nausg’haut mit der Scheiß-Bürscht’n“, wie ein bayerisches Kabarett-Schwergewicht so brachial wie treffend anmerken würde. Kümmerer, wie sie sind, entlassen die drei Musikanten_Innen die Hörerschaft nicht in derart aufgewühltem Zustand aus der Nummer, mit „Letting Go“ wartet zum Schluss eine herrlich entspannte wie dezent nostalgisch-melancholische Prärie-Ballade, die das Album sanft abgefedert ausklingen lässt.
„The Wild“ erscheint morgen beim Künstler-geführten Label Paper Bag Records in Toronto, beherztes Zugreifen ist dringend ans Herz gelegt.
(*****)