The Shadow Cowboy

Raut-Oak Fest 2017 @ Riegsee, 2017-07-21

Das ein oder andere konnte, anderes musste man sich sparen zwecks Rundum-glücklich-Paket in Sachen Live-Musik-Konsum am vergangenen Freitag: Die Präsenz im altehrwürdigen Städtischen Stadion an der Grünwalder Straße in München im Rahmen der Rückkehr des Fußballs nach 12-jähriger Abstinenz etwa, gerne hätte man die Tore gegen Burghausen und die sensationelle Stimmung beim Löwen-Heimsieg im ausverkauften Haus genossen, aber wenn Ostern und Weihnachten auf einen Tag fallen, kann eben auch nur Ostern oder Weihnachten gefeiert werden, den aufziehenden Regen und die Blitze in nächster Umgebung zum Festival-Start im schönen Alpenvorland hätte man sich indes getrost sparen können, die Fahrt zum Muddy Roots Europe nach Belgien vor ein paar Wochen konnte man sich in diesem Jahr auch ohne schlechtes Gewissen stecken, denn etliche herausragende Hochkaräter der Szene hat Veranstalter Christian Steidl in der 2017er-Auflage zum jährlichen Raut-Oak Fest an den Riegsee in der Nähe von Murnau zur dreitägigen Open-Air-Beschallung vor atemberaubender Bergkulisse geladen, dahingehend tat die weite Fahrt ins ferne Westflandern heuer weiß Gott nicht Not.

Den Reigen am Freitagnachmittag eröffnete kein Geringer als the beloved Reverend Deadeye aus Denver/Colorado, allein die Tatsache, dass ein Musiker dieses Kalibers als Opener auftrat, zeugte von der herausragenden Qualität des diesjährigen Festival-Line-Ups. Vom Vorband-Status ist der Wanderprediger und – gerüchteweise – ehemalige Snakehandler weit entfernt, das hat er bereits hinlänglich etliche Male eindrucksvoll unter Beweis gestellt, und so hat The Good Reverend sich nicht lange mit seinen intensiven Uptempo-Nummern aufgehalten, um den Anheizer für die kommenden Artisten zu geben. Mit Resonator-Gitarre und verzerrten Sangeseinlagen ließ er den Konzertmarathon-Kick-Off gemächlich, für seine Verhältnisse geradezu entspannt angehen und widmete sich zuforderst den getrageneren Titeln seines Repertoires, Desert-Blues-Balladen wie „Annalee“, „Coldest Heart“ oder das immer wieder herzerweichend schöne, schwerste Ergriffenheit garantierende „Her Heart Belongs To The Wind“ entfalteten auch am hellichten Tag fernab der Clubs und Whiskey Barns ihre erhabene Kraft und stimmten würdevoll ein auf viele weitere konzertante Highlights, die da in den nächsten Stunden und Tagen noch folgen sollten.

The Shady Greys aus Amsterdam gaben in Duo-Besetzung beherzten Garagen-Trash-Blues zum Besten, wer beim Auftritt die Augen schloss, hatte hinsichtlich der verblüffenden stimmlichen Verwandtschaft Neo-Bluesrock-Ikone Jack White vor dem inneren Auge als heiligen Geist flimmern, für weitere derartige Vergleiche hatte die musikalische Handschrift der jungen Niederländer aber dann doch genügend eigenen Charakter, um sich kaum groß bei derlei Referenzen aufhalten zu müssen – nicht zuletzt wegen der außergewöhnlichen Rhythmusarbeit der jungen Perkussionistin Catherine Coutoux, die im flotten Anschlag mit einem Cajón und etwas Fußstampfen leistet, wofür andere ein ganzes Schlagzeug benötigen. In der Bandbio findet sich der Hinweis auf den Lo-Fi-Approach der Band, der Sound der Band mag zwar schmutzig und roh im Blues-Gewand klingen, aber dafür ist Gitarrist Marcus Hayes bereits eine Spur zu weit befähigt auf den sechs Saiten, als dass mit diesem Understatement kokettiert werden müsste. Feine Aufführung für Freunde der krachigen Stromgitarre.

Ab dem frühen Abend bis in die fortgeschrittenen Stunden gehörte die Bühne den Raut-Oak-Dauergästen, diesen Reigen eröffneten Sarah Kirkpatrick und Jamie Fleming vom Duo catl. aus Toronto, das auch im richtigen Leben eingespielte Paar rockte die Wiese wie erwartet mit trashigem Uptemo-Rock’n’Roll, quasi in einem Heimspiel vor guten Freunden wurden aus der halbakustischen Gretsch die Blues-verwandten, schmutzigen Uptempo-Riffs herausgejault und die Standtrommel mit stoischen Beats bearbeitet, die zu der Zeit bereits zahlreich anwesende Besucher-Schar dankte die mitreißende Bühnenpräsenz und den intensivst-enthusiastischen Vortrag mit gefälligem Mitwippen am einen und ausgelassenem Tanzbein-Schwingen am anderen Emotionsskala-Ende. An der Stelle sei auch ausdrücklich die Empfehlung für die exzellente catl.-Scheibe „This Shakin‘ House“ ausgesprochen, neben den anderen auch sehr gelungenen Tonträgern der Band zuforderst derjenige, der zur Vor- und Nachbereitung eines Konzerts des Duos der ideale ist, live kommt der Stoff, kaum überraschend, noch einen Zacken schärfer, roher, im Tempo angezogen.

Alte Bekannte im Folgenden auch mit den Vagoos aus Rosenheim, die Mixtur der Oberbayern aus Punk, Garagen-Trash, Wüsten-Blues und – zunehmend vermehrt – einem gehörigen Schuss nostalgischer Sixties-Psychedelic hat sich im letzten Jahr in eine grundsolide, extrem hörenswerte Richtung weiterentwickelt, vor der internationalen Musikerzunft muss sich das Quartett in der Form wahrlich nicht verstecken, den guten Eindruck, den die Band bereits beim Raut-Oak-Warmup im Frühjahr in der Münchner Garage Deluxe hinterließ, konnte sie am Freitag unter freiem Himmel voll untermauern. Immer wieder gern genommen und schwerst vermutlich auch beim nächstjährigen Raut Oak mit von der Partie, der Trip von Rosenheim an den Riegsee ist ja keine Weltreise…

Für den Höhepunkt des ersten Festival-Tages sorgte, wie sollte es anderes sein, der mit nichts und niemandem zu vergleichende James Leg, dem Tasten-Gott des Uptempo-Punk-Trash-Blues gelang auf der handgemachten Raut-Oak-Stage wie erwartet und hier bereits mehrfach bezeugt in Rekordzeit die Metamorphose vom freundlichen, umgänglichen, ausgesucht höflichen Mr. John Wesley Myers aus Tennessee in das von Sekunde eins an ungestüme Bühnen-Tier, angetrieben von Drummer Mathieu Gazeau brachte Leg die Fender-Rhodes-Tasten zum Glühen, für die Zuhörer war einmal mehr nicht auszumachen, ob die pure, rohe Energie der Songs oder das Bühnengebaren des Meisters hinsichtlich nicht mehr zu steigernder Intensität die Nase leicht vorne hatte. Das Werk aus Legs eigener Feder beeindruckt sowieso schwerst, die Verneigung vor dem großen Link Wray mittels „Fire And Brimstone“ ließ nicht nur die alten Indianer vor Verzückung mit der Zunge schnalzen, und bei der genialen, vor Vehemenz geradezu berstenden Interpretation der Cure-Nummer „A Forest“ waren sie wiederholte Male greifbar, diese magischen Momente bei Konzerten des Orgel-Blues-Berserkers, in denen zu der Gelegenheit niemanden verwundert gewesen wäre, wenn der Platz schwebend in Richtung Outer Space abgehoben hätte.
Ian Fraser Kilmister meets Tom Waits meets Johann Sebastian Bach, und damit hat man nicht mal annähernd Genie und Wahnsinn des begnadeten Herrn Myers erfasst. Alleine für diesen Auftritt war die Reise an den Riegsee eine mit nichts aufzuwiegende Erfahrung, alleine schon dafür tausend Dank an Raut-Oak-Mastermind Christian Steidl.

Drummer Mathieu Gazeau konnte nach seiner James-Leg-Begleitung unmittelbar auf der Bühne bleiben und im Nachgang zum Sound-Orkan den konzertanten Tagesausklang mit seiner Stammformation Mars Red Sky bespielen, das Trio aus Bordeaux tauchte ein in die schwergewichtige Welt des psychedelischen Stoner-Rock, selbst für gestandene Kraut- und Postrocker und Freunde des Doom-Metal offenbarten sich immer wieder Momente des Erkennens, nach dem erschütternden und alle Sinne fordernden Leg-Auftritt die ideale Beschallung zum Runterkommen am Lagerfeuer. Die Band selbst nennt ihre Einflüsse in einem weiten Feld von Robert Wyatt – hier vor allem der hohe, Falsett-artige Gesang – über Nick Drake bis hin zu Black Sabbath, eine spannende, betörende Mixtur, die der Formation Auftritte bei namhaften Festivals wie Tourneen mit Größen wie Dinosaur Jr oder Killing Joke einbrachte und sicher ein konzentrierteres Hinhören wert gewesen wäre, aber wenn einen der Leg plättet, dann macht er das gründlich…

(Fortsetzung folgt)

„Wo Du nicht tot vom Baum hängen willst…“

Das KULTURFORUM-Interview mit dem Fotografen und CD-Herausgeber Sebastian Weidenbach aka The Shadow Cowboy über seinen 2014 bei Trikont erschienenen Sampler ‚Strange & Dangerous Times‘, über die dort vorgestellte „New American Roots“-Musik, seine Zusammenarbeit mit dem Filmemacher Marc A. Littler, Fotoprojekte, ausgedehnte Reisen und die dunklen Seiten Amerikas.

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Sebastian, ich würde gerne den Sampler als Einstieg nehmen, wo kam die Idee her? War das ein Trikont-Auftrag oder war das von Dir Eigeninitiative, Motto ‚Ich mach das und such mir dann ein Label‘?

Sebastian: Die Idee hatte ich 2009 bei meiner ersten Reise durch den Mittleren Westen, da war ich auf dem ‚Deep Blues Festival‘ in Minneapolis, dort hab ich gemerkt, es gibt so viele gute Bands, von denen hier keiner eine Ahnung hat, irgendwie kam dann die Idee, ich würde gern einen Sampler dazu machen, ich hab dann einige für mich selber und für Freunde zusammengestellt, irgendwann kam dann der Gedanke, es wär super, das mal auf einem Label herauszubringen, um einfach mehr Leuten diese Musik zu präsentieren. Das Genre ist ja sehr unterrepräsentiert, man sieht es ja auch oft auf Konzerten, da kommen dann 30 Leute, weil’s keiner kennt. Wenn die Leute die Bands nicht kennen, dann gehen sie auch nicht hin.

Bist Du dann auf Trikont zugegangen oder hast nach einem Label Ausschau gehalten, bei dem Du dachtest, das könnte da passen? Trikont ist ja in München irgendwo das klassische Sampler-Label für eher etwas abseitigere Themen, insofern passt die CD da ja gut hin.

Sebastian: Ich hatte totales Glück, ich kenn jemanden, der selber Musiker ist und mit seiner ersten Band schon bei Trikont war, in den 80er Jahren, den kenn ich schon seit 25 Jahren, der macht auch viele Projekte, der hat z.B. die Gesamtausgabe von Karl Valentin bei Trikont rausgebracht, der Andi Koll, und dem hab ich das irgendwann mal erzählt, der hat das dann für eine super Idee gehalten und dem Achim (Anm.: Achim Bergmann, Geschäftsführer des Münchner Trikont-Labels) mal vorgeschlagen, er meinte, grundsätzlich ist es so, dass Trikont nur Sachen macht, die ihnen selber auch gefallen. Da geht es jetzt nicht in erster Linie um den kommerziellen Erfolg, in erster Linie ist die Idee wichtig. Als ich dann meinen ersten Termin mit Trikont hatte und im Vorfeld ein paar Fotos zusammenstellte und ein paar Songs auf eine CD brannte, musste ich keine große Überzeugungsarbeit mehr leisten, es ging dann eigentlich nur noch um das „Wie„.

Ich vermute, die haben Dir dann relative Freiheit bei der Umsetzung gelassen, zumindest würde ich das aus dem fertigen Produkt herauslesen. Für mich sieht es wie ein stimmiges Gesamtkonzept aus. Die zusammengetragene Musik ist das eine, aber da sind ja auch noch Deine tollen Fotos im Booklet und die Hintergrund-Info zum Thema im Text vom Begleitheft, die den Bezug zur amerikanischen Musikgeschichte generell herstellt, das kommt alles von Dir?

Sebastian: Nein, die Musik, die Bilder und die Grafik kommen von mir, und die Idee dahinter, das so zusammenzustellen, ich bin kein Mann des großen geschriebenen Wortes, ich hab das große Glück, dass ich mit Marc Littler befreundet bin, wir haben uns da auch immer gegenseitig geholfen, er hat zu dem Thema ja auch einen Film gemacht, ‚Hard Soil‘, in dem sehr viele Protagonisten vorkommen, die auch auf meinem Sampler drauf sind. Das ist allerdings alles unabhängig voneinander entstanden, der hat mir jedenfalls geholfen, den Text zu schreiben. Wir haben uns mal getroffen und so eine Art Briefing gemacht, aber er hat es letztendlich ausformuliert. Trikont hat dann alles so genommen, wie ich das vorgeschlagen habe, Songauswahl, Reihenfolge usw, ich hab da absolute Freiheit gehabt.

Kanntest Du die Filme da schon vom Marc Littler, waren die da schon fertig? ‚Folk Singer‘ glaub ich schon, oder?

Sebastian: ‚Folk Singer‘, genau, da haben wir uns kennengelernt, über MySpace, da hat man damals zum Thema auf der Plattform viele gute Sachen gefunden. So hab ich den Marc Littler dann auch entdeckt, über den Trailer vom ‚Folk Singer‘, in dem die Hauptfigur der Konrad Wert aka Possessed By Paul James ist, der auch auf meinem Sampler vertreten ist. Der Trailer hat mich dann so angesprochen, dass ich mit ihm in Kontakt getreten bin.
Der hat dann auch einen Film über Voodoo Rhythm Records gemacht, das Label, auf dem auch der Delaney (Anm.: Delaney Davidson) drauf ist, die hatten mal sehr große Schwierigkeiten in der Schweiz, mit der Schweizer GEMA, auf einmal musste der 40.000 Schweizer Franken nachzahlen, und da haben dann alle möglichen Leute in dem Umfeld Veranstaltungen gemacht und Geld gesammelt, da war dann unter anderem der Marc Littler in Frankfurt, ich bin da dann hingefahren und da haben wir uns kennengelernt, seitdem sind wir befreundet und unterstützen uns gegenseitig. Ich hab ihm dann auch für das ‚Hard Soil‘-Plakat Fotos zur Verfügung gestellt und er hat mir dann im Gegenzug bei meinem Taxt für das CD-Booklet geholfen.

Feine Sache, ist ja auch ein interessanter Filmemacher.

Sebastian: Auf jeden Fall!

Wie sind Deine Planungen in Richtung CD-Release? Soll beispielsweise ein zweiter Sampler kommen?

Sebastian: Ja, würde wir gerne machen. Wir müssen nur schauen wie wir den zweiten Sampler finanziert bekommen.

Du hättest Dir sicher bei der ersten Ausgabe mehr kommerziellen Erfolg versprochen?

Sebastian: Nicht unbedingt für mich selber, ich krieg zwar für jede verkaufte CD ein wenig Geld, aber das ist marginal. Mir ging’s vor allem darum, zum einen diese Musik zu puschen, und zum anderen hab ich das bezüglich der Fotos auch irgendwie als Plattform für meine Kunst gesehen. Die Leute, die den Sampler haben oder kennen, mögen ihn alle sehr gern…

… absolut, kann ich bestätigen…

Sebastian: …es sind nur leider zu wenige…

… dann hoffen wir mal, wenn der zweite kommt und dass ihm mehr Erfolg beschieden ist. Lass uns zum zweiten Thema unseres Gesprächs überschwenken: Deine zum Teil ausgedehnten Reisen in die USA. Soweit ich das verstanden habe, hast Du die Bands vom Sampler dort auch persönlich kennengelernt.

Sebastian: Viele hab ich auf den Reisen kennengelernt, zum Teil aber auch in München bei Konzerten. Reverend Deadeye hab ich zum Beispiel 2009 in München kennengelernt, bei einem
Konzert im Substanz, bei dem glaub ich 10 Zuschauer anwesend waren…

…typisches Substanz-Konzert…

Sebastian: …der hat mich dann wieder eingeladen auf ein Festival, auf der Reise war ich dann auf zwei Festivals, in Denver auf dem ‚ONE‘-Festival, ein kleines Festival, wo nur One-Man-Band-Leute gespielt haben, da hat der Delaney gespielt, der Tom VandenAvond, Reverend Deadeye, der Beat-Man. Und dann war ich noch auf dem ‚Deep Blues Festival‘ in Minneapolis. Viele persönliche Kontakte kamen dann über die Fotografiererei, ich hab die Leute vorher angeschrieben und gefragt, ob ich Bilder machen kann, da haben sich dann Freundschaften entwickelt, wir waren jetzt gerade wieder bei Scott McDougall in Portland, der war auch mal fünf Tage hier in München, da hat er dann das Augustiner Bier zu schätzen gelernt… (Gelächter)

… der hat wahrscheinlich heute noch Kopfweh…

Sebastian: …mittlerweile trinkt er nicht mehr…

… gut, ist hinsichtlich Augustiner-Bier wahrscheinlich auch schlauer… (Gelächter) … zurück zu Deinen Reisen – was in den Littler-Filmen latent immer mitschwingt, ist zum einen die Darstellung einer relativ prekären Lebenssituation dieser Musiker und zum anderen so eine Art religiöse Verwurzelung, in welcher Art auch immer, kannst du das bestätigen von Deinen Reisen?

Sebastian: Das ist auch der Grund, warum viele gerne hierher kommen. Auch wenn sie hier bei einem Gig nicht richtig viel Geld verdienen, ist es meistens mehr als drüben, dazu kommen diese wahnsinnigen Entfernungen, du musst von einem Gig zum nächsten schon mal 600 km zurücklegen, da muss erst mal der Sprit verdient werden. Den Musikern geht es nicht anders als Amerika allgemein. Es gibt einfach wahnsinnig viele Leute, denen es finanziell relativ schlecht geht. Du bist da auch relativ schnell durch das Raster gefallen, die meisten Musiker, die auf meinem Sampler drauf sind, haben keine Krankenversicherung oder irgendwas in die Richtung. Ich glaube, das hat auch was mit der Intensität der Musik zu tun, warum die Songs dieser Bands immer anders klingen, weil sie mehr zu erzählen haben, ist jetzt wahrscheinlich blöd gesagt, aber um den Blues zu spielen, musst du ihn fühlen. So wie die unterwegs sind, das hat schon eine Härte, glaub ich, dann kommt noch die Musik dazu, mit der sie aufgewachsen sind, teilweise haben die auch von zu Hause aus im religiösen Kontext musiziert, das spielt schon bei vielen eine Rolle, beim Reverend Deadeye war der Vater z.B. Prediger, der ist in einem sehr religiösen Umfeld aufgewachsen, er ist selber auch ein sehr spiritueller Mensch, aber jetzt nicht im klassischen Sinn, nicht so christlich-Hardcore.
Die Familie vom Scott McDougall missionieren alle, sie waren auch schon als Missionare in Afrika, der ist ein sehr religiöser Mensch. Als wir angekommen sind, war er gerade bei einer Bibel-Stunde.
Das spielt schon eine Rolle, die Religiosität, ganz anders, als wir das hier mittlerweile kennen. Bei uns hat sich das schon stark verändert, die christliche Religion hat in den Staaten schon
eine Intensität und Ausprägung, wie ich sie selbst aus dem katholisch geprägten Bayern nicht kenne. Ob die Musiker jetzt alle so religiös sind, ist die Frage, aber sie kommen auf alle Fälle aus
dem Background, sind so geprägt und aufgewachsen.

Sie reflektieren es jedenfalls in ihren Songs…

Sebastian: …das spielt auf alle Fälle dort eine größere Rolle, als man es hier kennt. Ich kenne hier kaum Leute in meinem Umfeld, die so stark religiös geprägt sind.

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Man merkt das auch an den Texten, ich glaube, da gibt es momentan eine ganz scharfe Trennlinie in der amerikanischen Folk-Musik, auf der einen Seite diese glattproduzierten Indie-Acts, mir fallen Mumford & Sons oder Fleet Foxes als Beispiele ein, Geschichten, mit denen ich musikalisch wenig bis nichts anfangen kann, und auf der anderen Seite diese ganzen Muddy-Roots-Geschichten, wo eine ganz andere Intensität dahinter steckt, wo man letztendlich auch diese amerikanische Subkultur besser widergespiegelt kriegt und wo diese prekären Lebensumstände besser reflektiert werden, ich war vor kurzem im Amerikahaus in der Seph-Lawless-Ausstellung, der völlig entvölkerte Stadtteile Amerikas fotografierte, völlig abgewrackte und abgefuckte Gegenden und Gebäude, David Simon fällt mir in dem Zusammenhang auch ein, der hat ja auch über die TV-Serie „The Wire“ oder in seinen Büchern thematisiert, dass in den Staaten der Mittelstand total wegbricht…

Sebastian: … wenn Du Amerika nur aus Film, Funk und Fernsehen kennst, hast du einfach ein komplett anderes Bild, das Land ist in so vielen Teilen am Ende, wir waren beim letzten Mal viel in Kalifornien unterwegs, es gibt auf der einen Seite einen so unglaublichen Reichtum, der zur Schau getragen wird, Haus, Auto, mit allem Drum und Dran, und dann gibt es halt diese große Masse an Orten, wo du nicht tot vom Baum hängen willst, diese Trailer-Parks, wo die Leute auf absolutem Low-Level leben, da gibt es extrem viele, eine Masse an Leuten, die einfach richtig zu kämpfen haben. So viele ‚Homeless People‘ wie an der Westcoast habe ich sonst nirgends gesehen, da gibt es Straßenzüge, da steht ein Zelt nach dem anderen, wie in diesen Endzeit-Filmen. Es gilt als reichstes Land der Welt, aber das Land ist teilweise so kaputt…

… ich kenn nur New York besser, weil ich da öfter war, aber selbst da war das mit den Jahren immer mehr zu beobachten, früher habe ich da auf der Straße noch keine Obdachlosen gesehen, beim letzten Mal war es das normale Stadtbild, nachts durchaus auch in besseren Stadtteilen.

Sebastian: Es gibt ja da auch nicht diese Grenze zum Slum, das mischt sich, plötzlich bist du an einer Ecke, da liegen dann die Leute in Pappe eingewickelt, bei uns sind das ja hauptsächlich Männer, dort hast Du ganze Familien, alleinerziehende Mütter mit zwei Kindern, die auf der Straße leben, ohne Essen, ohne Versicherung…

… letztendlich wohl immer noch die Folgen der sogenannten Subprime-Krise, da sind die Leute ihre Behausungen losgeworden und das war’s dann…

Sebastian: … genau, das interessiert dann keinen mehr.

Nochmal zurück zur Musik: Ist euch bei eurem letzten Trip im Sommer durch die Staaten was neues über den Weg gelaufen, was ein Hinhören wert ist?

Sebastian: Getroffen haben wir dahingehend niemanden, aber mit Scott McDougall tausche ich immer Listen aus, die wir uns gegenseitig aufschreiben, ich hab seine noch nicht komplett abgearbeitet, das letzte Mal waren bei ihm ein paar gute Tipps drauf, so Old-School-Sachen,
Don Redman, farbiger Sänger aus den 30er, 40er Jahren, Jazz. mit seiner Bigband, da gibt es ein Stück „Shakin‘ The African“, da weißt du, wo Hiphop herkommt. Ich war mit Scott auch bei Mississippi Records in Portland, ein reiner Blues-Plattenladen, die haben ein eigenes Label und legen auch alte Sachen wieder auf, das war musikalisch sehr interessant.
Ich geh schon gern mal auf ein Festival, aber bei den Reisen geht es mir auch in erster Linie um das Land, die Orte, wir sind da auch kaum auf Hauptstraßen unterwegs, mich interessiert, wo das Leben stattfindet, wir fahren oft Seiten- und Querstraßen, mich interessiert das Vergängliche, da sieht man dann, das Land hat auch schon bessere Zeiten gesehen. Da bietet Amerika viel, das hat für mich auch eine gewisse Ästhetik.

Gutes Stichwort: Fotografie. Du machst hauptsächlich diese Sachen und viele Musiker/Bands. Gibt es noch andere Themen, die Dich in der Fotografie interessieren?

Sebastian: In den letzten 10 Jahren waren es schwerpunktmäßig tatsächlich die Reisen, hauptsächlich USA (12 mal) , Asien (2mal), und die Musik. Was Menschen betrifft, bin ich immer etwas zurückhaltender, wenn ich sie nicht kenne.
Der Musiker an sich ist da eine Ausnahme, der weiß, er steht im Rampenlicht. Ich würde gerne noch mehr Portraits von Leuten machen, da ist aber immer noch der Schritt, auf die Leute zuzugehen, Musiker in anderem Kontext wären ein Thema, bei den Konzertfotos versuche ich, nichts Gestelltes zu machen, immer aus der Aktion heraus, Licht und Motiv müssen immer passen, wenn nicht, dann fotografiere ich es halt nicht. Ich greife nicht ein und stelle nichts, ich würde das schon gern erweitern, aber dann auch mit dem gleichen Ansatz, so dass die Leute sich wohlfühlen. Beim Scott MacDougal hab ich das mal ausprobiert, geschaut, dass er die Kamera gar nicht mehr wahrnimmt, man kennt die Situation ja selbst, wenn ich auf der anderen Seite von der Kamera stehe, weiß ich ja schon selber nicht mehr, wie ich kucken soll.
Ich würde mit meiner Fotografie auch gerne mehr rausgehen, was Ausstellungen betrifft, ich werde demnächst auch meinen Job, mit dem ich bisher mein Geld verdiene, beenden, dann hoffe ich, auch von meiner Fotografie leben zu können. Hinsichtlich Ausstellungen wäre das Amerikahaus natürlich auch ein Thema, ich hab die letzten 10 Jahre zwei Drittel der US-Staaten gesehen, mit der Kamera, ich hab da von vielen Bereichen ein anderes Bild, auch über Leute in Amerika versuche ich, Ausstellungen zu machen, mit Blick auf ihr Land aus der Sicht eines Deutschen…

… ist ein hartes Brot…

Sebastian: … ist ein hartes Brot, auf alle Fälle. Aber ich bin ein Optimist!

Dann bleibt mir nur als Schlusswort, Dir auf alle Fälle viel Glück und Erfolg für Deine Pläne zu wünschen und mich herzlich für das sehr interessante Gespräch zu bedanken!

Alle Fotos Copyright (c) by Sebastian Weidenbach / The Shadow Cowboy

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Reingehört (79)

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„Das wird die nächste Punk-Musik. Und damit auch die neue Folk-Musik.“
(Jayke Orvis)

V.A. – Strange & Dangerous Times – New American Roots – Real Music For The 21st Century (2014, Trikont)
Wenn das Münchner Indie-Label Trikont eine musikalische Themen-Sammlung veröffentlicht, dann hat die Nummer Hand und Fuß, wie es hier in den Südstaaten so schön heißt, und so gestaltet sich das auch bei der wunderbaren ‚New American Roots‘-Zusammenstellung, die der im bayerischen Ebersberg beheimatete Fotograf und Musik-Liebhaber Sebastian Weidenbach für das Obergiesinger Label zusammenstellte. Weidenbach, von dem auch das grandiose Beitragsfoto stammt, dokumentiert auf dem vorliegenden Sampler die aktuelle, ländliche amerikanische Underground-Folk/-Country-Blues-Szene, wie sie auch M. A. Littler in seinen hervorragenden Dokumentarfilmen ‚The Folk Singer‘ und ‚Hard Soil‘ einfängt.
Der unter dem Pseudonym ‚The Shadow Cowboy‘ arbeitende Fotograf kennt die auf dem Album vertretenen Solisten und Bands mittels zahlreicher USA-Reisen und Foto-Arbeiten bei Tourneen persönlich, das Prädikat „Handverlesen“ in Punkto Songauswahl war selten passender als bei ‚Strange & Dangerous Times‘.
Zur Eröffnung des God/Love/Life/Death-Reigens zeigt Philipp Roebuck mit dem ruppigen Country-Blues-Stampfer „Cupid’s Gun“, wo die Wurzeln liegen im neuen amerikanischen Folk-/Country-/Punk-Underground-Crossover, der hinsichtlich Lyrics die erschütternde amerikanische Wirklichkeit der Arbeiterklasse und der Geringverdiener dokumentiert, welchen neben der Musik nur noch der Griff zur Flasche und der Glaube an den Herrn Halt im harten Leben gibt.
Wir hören scheppernde Banjo-Moritaten der Band My Graveyard Jaw aus New Orleans, entspannten Alternative Country vom Texaner Tom VendenAvond, tiefgründige und schwermütige Balladen von Willy Tea Taylor, Scott McDougall, Graham Lindsey und den Harmed Brothers, James Hunnicutt mit dem atmosphärisch dichten „Dying Healer Waltz“ und mit „The Very Best“ von The Good Thrift Store Outfit eine Countrynummer reinsten Wassers.
Reverend Deadeye, der dieser Tage das alte Europa betourt und am kommenden Sonntag das Münchner ‚Unter Deck‘ beehrt, schenkt uns mit „Drunk On Jesus“ einen harten Dobro-Blues, Konrad Wert aka Possessed By Paul James, dem Regisseur Littler mit ‚The Folk Singer‘ einen ganzen Film widmete, ist mit einer für ihn typischen klagend-fordernden Ballade vertreten und Carry Nation & The Speakeasy begeistern wie zuletzt konzertant mit ihrem ureigenen Brass-Highspeed-Bluegrass, der die Combo hinsichtlich musikalischer Wurzeln weit mehr in Louisiana als im heimischen Kansas verortet.
Einen umfassenderen Überblick über „The Muddy Roots of American Music“ in knapp 66 Minuten wird man schwerlich finden als auf Sebastian Weidenbachs Sampler, der zudem mit einem schönen Booklet aufwartet, in dem der geneigte Musikfreund neben ausgewählten, hervorragenden Fotografien des ‚Shadow Cowboy‘ eine lesenswerte Dokumentation der amerikanischen Folk-Musik von den europäischen Wurzeln über die Plantagen-Songs der Arbeiter und die Forschungs-Exkursionen von Alan Lomax und Harry Smith (Anthology Of American Folk Music) bis hin zu Johnny Cash und Punk findet.
Abgerundet wird das feine Heft mit kurzen Anmerkungen zu den einzelnen Interpreten, Web-Adressen und Quellenangaben zu den jeweiligen Songs, womit der angefixte ‚Muddy-Roots‘-Novize einen abzuarbeitenden Handzettel verpasst bekommt, um im Nachgang die Neuentdeckungen beim Plattenhändler seines Vertrauens zu vertiefen…
(***** ½)

The Dad Horse Experience – Best Of – Seine schönsten Melodien 2008 – 2014 (2015, Sacred Flu Productions)
Spread it like a sacred flu: Um das Warten bis zur Veröffentlichung des angekündigten brandneuen Kellergospel-Wunderwerks ‚Eating Meatballs On A Blood-Stained Mattress In A Huggy Bear Motel‘ am 5. Februar 2016 zu überbrücken, hat unser beloved Bremer Wanderprediger Dad Horse Ottn die eigene musikalische Vergangenheit Revue passieren lassen und uns seine „Greatest Hits“ der letzten Jahre auf Vinyl gepresst.
Einen schönen Einstieg in den DHE-Kosmos bietet die Eröffnungsnummer „Gates Of Heaven“ mit der wunderbaren Textzeile „He is a badass Motherfucker but won’t you pleeeze let him in?“, welche durch die kürzlich erfolgte, skandalöse Ausweisung des Predigers aus den US of A wegen irgendwelchem Steuer-Firlefanz eine bedeutungsschwangere Komponente erhält, im weiteren Verlauf des White-Gospel-Reigens hören wir unter anderem eine exklusive Neueinspielung des Traditionals „The Moonshiner“, ein Ottn-Konzert-Klassiker, der durch die Beteiligung des Bluegrass-Musikers Remco Reed an Schlagwerk und zweiter Stimme zusätzliche Würze erhält.
Der tote Hund vom Highway darf ebenso wenig fehlen wie „Kingdom It Will Come“, die Zier jeder konzertanten Leviten-Leserei des Bremer Reverends, und was wäre eine DHE-Best-Of ohne die beim Publikum allseits beliebte Mitsing-Nummer „Lord Must Fix My Soul“? Nüscht, eben, und drum ist sie drauf aufm Vinyl, das mit der einzigen deutschsprachigen Nummer „Ganz war ich noch nie“ endet, in der Ottn über die eigene Unvollkommenheit sinniert: „Ich hab mir heute ein Bein ausgerissen, ich werde es vermissen, aber ganz war ich eh nie.“
Dirk Geil von Bonn Stomp bringt es in den launigen Liner-Notes zur Kellergospel-Perlen-Sammlung auf den Punkt: „Ich spüre tiefe Dankbarkeit für den Menschen Dad Horse Ottn, wie er mit 40 Jahren erst das Banjo erlernte und den für Tourneen nötigen Führerschein machte, um auf seinen Konzerten fremden Menschen aus aller Welt den sorgsamen Umgang mit ihren Begierden und Ressourcen zu erklären.“
Für schlappe 11 Euro im klassischen Schwarz-Vinyl oder für ein paar Dollar mehr als farbige Ausgabe zu beziehen am gutsortierten Dad-Horse-Experience-Merch oder direkt auf der Heimatseite vom Walking Dad, guckst Du hier.
(*****)