The Underground Youth

Reingehört (298): The Underground Youth

The Underground Youth – What Kind Of Dystopian Hellhole Is This (2017, Fuzz Club)

Die Kreissägen-Fuzz-Gitarren der Jesus And Mary Chain aus „Psycho Candy“, der düster-morbide Pop-Charme der Nico-Nummern der ersten Velvet-Underground-Scheibe, der treibende New-Wave-Postpunk von Combos wie der kanadischen Mädels-Band The Organ oder den Übervätern von The Cure, hier speziell die frühgeschichtliche „A Forest“– und „Play For Today“-Phase, die in diesem Zusammenhang unvermeidlichen Joy Division inklusive dunklem Bass-Bariton-Gesang, gepaart mit exzentrischem Keyboard-Georgel, das der ersten Suicide-LP entlehnt scheint, man merkt schon bei der Aufzählung der Referenzen, das Rad haben The Underground Youth weiß Gott nicht neu erfunden, sie wissen das Retro-Shoegegaze aber derart geschickt abzumischen und aufzupeppen, dass mindestens bei altgedienten Achtziger-Veteranen und Freunden des Genres sowas wie rührselige Beseeltheit beim Abhören dieses Tonträgers mit dem gestelzten Titel aufkommen sollte. Die Band aus Manchester paart auf ihrem neuesten Werk wie auch beim genehmen Münchner Auftritt im vergangenen Sommer gekonnt die Atmosphäre der Großstadt mit der kalten Romantik der Moll-Gitarre, des stoischen Postpunk-Beat und der Goth-Psychedelic. Der nebelverhangene Düster-Sound früherer Alben erfährt tendenziell durch verschärftes Tempo in der Rhythmik seinen Stimmungs-aufhellenden Upgrade, zum Finale gibt es mit „Incapable Of Love“ gar eine feine, Piano-getragene Ballade aus der Melancholiker-Ecke inklusive Spoken-Word-Monologisieren.
Bis auf weiteres: Ian-Curtis-Gedächtnismedaille in Gold für diese zupackende Zeitreise zurück in die Trockeneis-durchwaberte Indie-Disco.
The Underground Youth spielen am 18. August beim Void Fest in Sinzendorf im Bayerischen Wald, die Sause ist leider längst ausverkauft…
(**** ½)

The Underground Youth @ Kranhalle, München, 2016-05-12

Darf sich natürlich niemand wundern, wenn in dem Fall wer das Wort ‚Retro‘ in den Raum stellt: Das englische Quartett The Underground Youth aus Manchester (woher auch sonst bei dem Sound?) gebärdete sich am vergangenen Donnerstag in der gut besuchten Münchner Feierwerk-Kranhalle geradezu als wandelndes musikalisches Lexikon in Sachen Spätsiebziger- / Frühachtziger-Postpunk, das Klangbild der vier jungen Briten war schwerst geprägt von Meilensteinen des Genres wie dem Joy-Division-Œuvre oder dem Debüt der New Yorker Experimental-Punk-Experten Suicide, im Verbund mit einer Sixties-Velvet-Underground-Psychedelic, Reminiszenzen an spätere Postpunk- und Noise-Heroen wie The Jesus And Mary Chain, Spacemen 3 oder Red Lorry Yellow Lorry, schwerer Basstrommel-Rhythmik, schneidendem Gitarrensound und der Youth-Spielart des zeitgemäßeren Shoegazer-Genres ergab dies einen betörenden, zwischen Düsternis und Hymne pendelnden Soundmix, der die alten Säcke angenehmst an ihre eigene Jugend erinnerte und den Jungspunden vorführte, was sie seinerzeit kraft später Geburt unter anderem versäumt haben an musikalischen Grenzerweiterungen.
Lobend zu erwähnen auch das formvollendete Abtauchen in Alan-Vega-Manier des Sängers im Publikum und die auf drei Bildschirmen durch den Saal flimmernde, abschnittsweise eine schwer erotische Ästhetik transportierende Schwarz-Weiß-Videoinstallation.
Retro, klar, lässt sich nicht wegdiskutieren, aber derart intensivst vorgetragen selbstredend mit maximalem Unterhaltungswert.
(**** – **** ½)

The Underground Youth / bandcamp.com