The Velvet Underground

Reingehört (283): The Feelies

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The Feelies – In Between (2017, Bar/None)

Sechs Alben in vierzig Jahren inklusive einer längeren Auszeit, Fleiß ist was anderes, Qualität nicht. Die Feelies aus New Jersey haben 1980 im Nachgang zu ihrem nervösen Weltklasse-Indie-Schrammel-Debüt „Crazy Rhythms“ wie ihre eigenen verehrten Vorbilder von The Velvet Underground weder die große Marie gemacht noch die großen Hallen bespielt, damit aber wie die Warhol-Factory-Combo bei unzähligen Fans und Bands aus dem US-Alternative-Bereich von R.E.M. bis Yo La Tengo seit jeher Kultstatus genossen und maßgeblichst Einfluss genommen.
Auf der neuen Songsammlung „In Between“ gibt sich das Quintett abgeklärt, entspannt, im Grundton dunkel in der Interpretation ihrer elf neuen Arbeiten, die Akustikgitarre hat die elektrisch verstärkte Schwester an der ein oder anderen Stelle abgelöst und sorgt für punktuelle Zurücknahme des intensiven Feelies-Sounds vergangener Dekaden.
In der Rhythmik sind dezente Referenzen an den eigenen Band-Meilenstein erkennbar, der feine Psychedelic-Folk unterstreicht indes erneut die Liebe der Combo zum dritten Velvet-Underground-Album, während der über neunminütige Schlusspunkt des Albums „In Between (Reprise)“ treibender, purer, großartiger „Sister Ray“-Drone-Stoff ist, von den jaulenden Gitarren bis zum sturen, monotonen Bass-/Drums-Drive ist alles angerichtet, was auch den endlos erscheinenden, morbiden „White Light/White Heat“-Klassiker der großen Vorbilder um Lou Reed und John Cale einst auszeichnete.
Die Feelies um die Songwriter Glenn Mercer und Bill Million sind im Jahr 2017 längst nicht mehr der letzte Schrei in Sachen Indie-Gitarren-Rock, überflüssig sind sie damit keineswegs. Es muss sich erst finden, ob heuer nochmal eine derart inspirierte, rundum gelungene Reise zu den Quellen des Genres auf Tonträger gepresst wird. Vielleicht die beste Feelies-Scheibe seit „Crazy Rhythms“ und damit vielleicht sogar irgendwann zeitlos wie dieser große Wurf…
(*****)

Feelies-Konzertmitschnitte zuhauf @ nyctaper.com

Die Buben im Pelz @ Volkstheater-Foyer, München, 2016-02-24

„Unser Übungsraum is in der Nähe der Manner-Manufaktur, Manner-Waffeln, fresst’s es eh aa gern, oder? Hamma Eich ocht Kilo Bruchware mitbracht“, meinte Bube-im-Pelz David Pfister, und schon kam’s ins Publikum geflogen, das Sackl mit den Keksen…
Ansonsten? Selbstverständlich auch alles total leiwand mit den Buben im Pelz und angekündigten Freundinnen, am Mittwochabend, im Foyer des Münchner Volkstheaters, beim Zelebrieren der Wiener Version eines der wichtigsten, vielleicht sogar des wichtigsten Pop-Albums ever.
‚The Velvet Underground & Nico‘, der bis heute unerreichte, von Andy Warhol und Tom Wilson produzierte LoFi-Experimental-Pop-/Prä-Art-Punk-/Psychedelic-/Drone-Debüt-Wurf der New Yorker Kult-Band um Lou Reed und John Cale, dieser Tage formvollendet dargereicht im österreichischen Gewand, die morbide, Todes-schwangere Atmosphäre des Originals erhält durch die Bearbeitung der Wiener Buben, denen man auch gerne den Hang zur mortalen Verehrung nachsagt, den zusätzlichen, ortstypischen, nonchalanten Schmäh in diese Richtung, die berühmte Banane vom 1967er-Plattencover-Original wird durch eine Burenwurscht ausgetauscht, die Drogenhändler von Lexington one-two-five tummeln sich am Schwedenplatz im 1. Wiener Gemeindebezirk, die „Femme Fatale“ wird zur feschen Funsen und „All Tomorrows Parties“ sind in Wien (und wahrscheinlich auch in München) urfad, bei der Interpretation des VU-Klassikers und bei „Tiaf wia a Spiagl/I’ll Be Your Mirror“ erscheint mit der jungen Avantgarde-Pop-Diva Monsterheart wenigstens eine der angekündigten Freundinnen der Buben David Pfister, Christian Fuchs und Co. auf der Bühne.
Zur Überbrückung zwischen Hauptteil und Zugabe gab Geiger und Gitarrist Sir Tralala eine kurze Soloeinlage, in der er vollmundig die Interpretation des Gesamtwerks von Lou Reed ankündigte, es blieb bei „So a scheena Dog“, bei der Dreingabe zollten die beiden Sänger Pfister und Fuchs ihrer eigenen Vergangenheit bei der inzwischen in der Kapuzinergruft beerdigten Brachial-Schrammel-Kapelle ‚Neigungsgruppe Sex, Gewalt und gute Laune‘ Tribut, die sehr geschätze Dialekt-Version der Babyshambles-Nummer „Fuck Forever“ („G’fickt für immer“, eh kloar…) sorgte für den krönenden Abschluss der Aufführung, die auch audio-visuell mit Warhol-artiger Psychedelic-Lightshow an die berühmte New Yorker Factory erinnerte, hat eigentlich nur noch Gerard Malanga mit seinem depperten Peitschen-Tanz gefehlt.
Konzertdauer war etwas knapp bemessen, aber wuaschd, war eh super…
(*****)

Reingehört (126)

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„On Music For A New Society, I wanted to do a Marble Index – put the songs down, then write independent arrangements around them. It’s an arranger’s record. The whole thing is based on arrangements. There are melodies there, but some of it even goes outside the realm of that, it’s like the BBC Radiophonic Workshop (…) There were some examples where songs ended up so emaciated they weren’t songs any more (…) New Society was improvised, but it was romantic. Freudian. ‚Tortuous‘ is a good word for it. What I was most interested in was the terror of the moment (…) I mean, the record is so dark, you’ve got to have something optimistic. It’s the most optimistic title any of my records have had.“
(John Cale and Victor Bockris, What’s Welsh For Zen, The Autobiography Of John Cale, The Terror Of The Moment)

Music for a New Society ist Musik für eine neue, eine andere Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die es aushalten kann, daß es bis zum Ende der A-Seite einer LP dauern kann, will man einen halbwegs konventionellen Song hören, Close Watch, doch selbst der rauscht, fiepst und britzelt, bis ein Dudelsack und eine Snare das Lied zu einem halbwegs guten Ende bringen. Davor muß jeder für sich durch Cales antarktisches Seeleneis gehen, das diese Gesellschaft mit einer idealistischen Kälte abbildet (…) Cales tiefempfundener Humanismus, gern hinter Psychosen, Impertinenz oder Jovialität versteckt, wird auf keiner seiner LPs deutlicher, genau wie die Bedeutung, die er für Lou Reed hatte: der Fremde, der klügere Bruder aus Europa, der Mensch, der mit einem arroganten Arschloch über den Abgrund balancieren mag. Bis das Arschloch losläßt.“
(Karl Bruckmaier, Soundcheck, „If he’s crying at all, he is crying all the way to the bank…“)

John Cale – Music For A New Society / M:FANS (2016, Domino Records)
Wiederveröffentlichung sowie Neuinterpretation eines Meisterwerks: 1982 hat der persönliche Kulturforums-Gott und Velvet-Underground-Mitbegründer John Cale nach einer Reihe von für seine Verhältnisse konventionellen Rock-Alben inklusive des im New Yorker CBGB’s mitgeschnittenen, intensiven Live-Bebens ‚Sabotage‘ (1979, Spy Records) mit ‚Music For A New Society‘ eines der experimentellsten und spannendsten Alben seiner Jahrzehnte-langen Karriere veröffentlicht.
Lediglich das einzige in voller Bandbesetzung – unter anderem mit dem Blue-Öyster-Cult-Gitarristen Allen Lanier – eingespielte „Changes Made“, das Cale nur auf Druck der Plattenfirma in den Kanon aufnahm, baut eine Brücke zu vergangenen Werken wie ‚Fear‘ (1974) oder ‚Slow Dazzle‘ (1975, beide: Island), ansonsten finden sich auf dem Album die grandiosen, konzertant immer wieder bewährten, großartig-unkonventionellen Balladen „Chinese Envoy“, „If You Where Still Around“, „Thoughtless Kind“, das laut Cale mehr mit Velvet Underground zu tun hat als jeder andere seiner Songs, und die Neuinterpretation des ‚Helen Of Troy‘-Stücks „Close Watch“ aus dem Jahr 1975, des weiteren das fragile „Taking Your Life in Your Hands“ über eine häusliche Gewalttat, bei dem nicht klar wird (und Cale verweigert hierzu auch die Auskunft), ob die Kinder in der erzählten Geschichte am Ende von der verhafteten Mutter ermordet wurden, daneben finden sich gelungene neoklassisch-avantgardistische Experimente wie „Sanctus“, „Damn Life“ und das von Sam Shepard getextete „Risé, Sam and Rimsky-Korsakov“, in denen Cale die Erfahrungen der frühen Experimental-/Art-Rock-Meisterwerke ‚Paris 1919‘ (1973) und ‚The Academy In Peril‘ (1972, beide Reprise) einfließen lässt, diese aber hinsichtlich Auflösung von herkömmlichen Song-Strukturen mutig in neue Klang-Sphären erweitert und das zentrale Thema der Isolation des Individuums in jedem Song akustisch auf beklemmende Weise unterstreicht. Hinsichtlich Konsum verbotener Substanzen mag es John Cale in jener Zeit mitunter bunt getrieben haben, bezüglich musikalischem Output war er vor allem mit ‚Music For A New Society‘ und seinen damals vorgetragenen, legendären Solokonzerten Anfang der achtziger Jahre seiner Zeit weit voraus, zum Nachvollziehen dieser konzertanten Hochämter sei auf die zweite CD der ‚Live At Rockpalast‘-Sammlung (2010, Indigo) verwiesen, die bei seinem Soloauftritt am 6. März 1983 in der Zeche Bochum mitgeschnitten wurde, alternativ hierzu ist die B2-Zündfunk-Aufzeichnung vom Münchner Konzert im Schwabinger Bräu vom 28. Februar im Rahmen der selben Tour auch nicht zu verachten, Exzerpte hieraus möge sich der geneigte Hörer via garageabandonne zu Gemüte führen.
So sehr die Neuauflage des Klassikers inklusive der damals bei der Erstveröffentlichung durch ZE/Island Records nicht enthaltenen Nummer „In The Library Of Force“ zu loben ist: Bei ‚M:FANS‘, der Neubearbeitung des größten Teils der ‚Music For…‘-Stücke, wird dem altgedienten Cale-Fan wie auf aktuelleren Alben des Meisters etliches an Unbill zugemutet. Eröffnet wird das Bonus-Album mit dem Stück „Prelude“, das von einem Telefonat in paranoid-hysterischem Grundton dominiert wird, ähnlich der Eingangssequenz zu „Model Beirut Recital“, seinem Beitrag zum libanesischen Bürgerkrieg vom out-of-print-‚Caribbean Sunset‘-Album (1984, ZE Records), bei „Prelude“ wird der Hörer scheinbar Zeuge eines Privatgesprächs Cales mit seiner Mutter, in walisischer Sprache. Mit den Remixes zu “ If You Were Still Around“ und „Taking Your Life In Your Hands“ bietet Cale wunderbare Übungen in elektronisch unterfüttertem, Stimm-verzerrtem, düsterem Drone-Sound, im Folgenden wird es mühsam, als Cale-Fan die Contenance zu bewahren, was er mit Klassikern wie „Close Watch“, „Thoughtless Kind“ oder „Chinese Envoy“ verbricht, erinnert in seinen wüstesten Momenten an den artifiziellen Deppen-Elektrobeat-Ansatz, mit dem er bereits das Vorgänger-Album ‚Shifty Adventures in Nookie Wood‘ (2012, Double Six) in Richtung Ungenießbarkeit trieb, „Changes Made“ im neuen Gewand ist gar Darkwave in seiner übelsten Ausprägung, Andrew Eldritch und seine Sisters würden sich für derartige Entgleisungen in Grund und Boden schämen. Einen halbwegs versöhnlichen Ausklang nimmt die heterogene Sammlung mit der bisher unveröffentlichten Ballade „Back To The End“, die den Cale-Hörer den Glauben an den Meister wiederfinden lässt, der ihm durch etliches an unausgegorenem Material von ‚M.FANS‘ abhanden zu kommen drohte…
(Music For A New Society ****** / M.FANS * – ****)