The Who

Reingehört (106)

reingehört_the_who_DSCF1036

„It’s Only Teenage Wasteland“
(Pete Townshend, Baba O‘ Riley)

The Who – Live In Hyde Park (2015, Eagle Rock)
Heimspiel vor 65.000 Konzertbesuchern am 26. Juni 2015 im Londoner Hyde Park: The Who feiern 50 Jahre on the Road, eine der besten Live-Bands ever zündet ein Feuerwerk ihrer Greatest Hits, die Schlager der sechziger Jahre, Extrakte ihrer Großtaten ‚Tommy‘ und ‚Quadrophenia‘, „Won’t Get Fooled Again“, „Behind Blue Eyes“, „Bargain“ und natürlich einer der ergreifendsten Rock-Songs aller Zeiten, das gigantische „Baba O‘ Riley“ vom ‚Who’s Next‘-Meisterwerk und die Hits wie „You Better You Bet“ aus den späteren Werken der Band bieten einen bestechenden Best-Of-Mix, der die Band um die Urmitglieder Pete Townshend und Roger Daltrey in hervorragender Spiel-Laune zeigt.
Seit mit Ringo-Starr-Sohn Zak Starkey der einzig legitime Nachfolger des legendären Keith Moon am Schlagzeug sitzt, zeigt die Formkurve der Woodstock-Veteranen seit vielen Jahren wieder steil nach oben, umso bedauerlicher, dass mit der 2015er-Tour wohl das Finale der Who als Live-Act eingeläutet wurde, zwei Tage nach dem Hyde-Park-Konzerte spielte die Band als Headliner beim südenglischen Glastonbury Festival, Pete Townshend deutete an, das dies möglicherweise der letzte UK-Gig der britischen Rock-Ikone war, und auch der hinsichtlich Bandauflösung ansonsten stets renitente Roger Daltrey geht in dem Fall konform: “This is the beginning of the long goodbye”. Wie schade…
(**** ½ – *****)

Reingehört (68)

REINGEHÖRT_68

 

Joe Crookston – Georgia I’m Here (2014, Milagrito)
Bereits im letzten Jahr erschienenes, viertes Album des aus Ohio stammenden Folk-Musikers Joe Crookston, mit dem der junge Mann ein leichtfüssiges, entspannt-melancholisches Werk der amerikanischen Volksmusik vorlegt, fein instrumentiert und unaufgeregt vorgetragen, musikalisch irgendwo zwischen James Taylor, Tim Buckley und Simone Felice zu verorten, und wer mit den jüngsten Werken der Münchner Jung-Folker von der Moonband glücklich wird, dürfte hier auch auf seine Kosten kommen. Trotz des relaxten Ansatzes entfaltet das Werk eine unglaubliche Kraft und einen Sog, dem sich der geneigte Hörer schwer entziehen kann. Sind so die Nummern, die einen besonders freuen, dass man da unversehens drübergestolpert ist…
(*****)

The Hillbenders – Tommy: A Bluegrass Opry (2015, Compass)
Die Rock-Oper der Who, immer wieder gerne genommen. Nach diversem unsäglichen Soundtrack-, Musical-, und Orchestral-Gedöns sowie dem Indierock-13-Stücke-Extrakt der Smithereens (‚The Smithereens Play Tommy‘, 2009, Koch Records) nun also die Geschichte vom „deaf, dumb and blind Boy“ mit Fiddle, Banjo und Mandoline vorgetragen. Die Hillbenders, ein junges Bluegrass-Quintett aus Missouri, holten sich für die Umsetzung vorab den Segen von Pete Townshend und Roger Daltrey, Pete himself war von der Interpretation angetan und traf die Truppe im Mai 2015 nach ihrem ‚Tommy‘-Konzert in Nashville. In der instrumentalen Ausführung gibt es bei dieser 1:1-Hillbilly-Adaption des Konzeptalbum-Klassikers (1969, Polydor / Track Records) nichts zu knurren, die Gesangsparts sind für meine Begriffe an der ein oder anderen Stelle eine Spur zu pathetisch geraten und gemahnen weit mehr an Gospel als an Bluegrass, aber dieser Umstand könnte durchaus der pseudo-religiösen Thematik des ‚Tommy‘-Stoffs geschuldet sein. Als beinharter Who-Fan sage ich hierzu: mit einem Augenzwinkern läuft sie allemal gut rein, die Gaudi…
(****)

Leon Bridges – Coming Home (2015, Sony Music)
Das lange erwartete Debüt-Album des jungen Soul-Talents Leon Bridges aus Fort Worth, Texas. Tief reinbohrender Rhythm-and-Blues und selbstredend jede Menge Soul, wie in den sechziger Jahren analog eingespielt, mit satten Bläsersätzen, angenehmst eingesetztem Georgel und irgendwie total retro, was Wunder, fühlt sich Bridges doch seinen großen Vorbildern Sam Cooke, Percy Sledge und Otis Redding verpflichtet und denen kann er tatsächlich mit seiner begnadeten Gospel-Stimme in den allermeisten Stücken dieses gelungenen Debüts das Wasser reichen. Der Sound passt derzeit perfekt zu den Luftfeuchtigkeits-durchtränkten Sommernächten.
Leon Bridges ist konzertant am 15. September im Münchner Technikum zu bestaunen.
(**** ½)

Jello Biafra & New Orleans Raunch and Soul All-Stars – Walk On Jindal’s Splinters (2015, Alternative Tentacles)
Ami-Alt-Punk und Polit-Enfant-Terrible Jello Biafra macht jetzt auch einen auf Souler und liefert hier mit alten Kämpen von Mojo Nixon und Corrosion Of Conformity einen gewichtigen Live-Mix aus New Orleans Soul, R&B und Garagenrock, der des öfteren an die Sub-Pop-Ergüsse von Big Chief denken lässt.
Die Ansage verspricht “plenty of trademark Jello banter, and full-on soul/trash/frat/garage gumbo from eleven of New Orleans’ finest, just playing their asses off and having a good time doing it” und dagegen gibt es wenig zu sagen, schwere Bläser und Gitarren und Jello’s unnachahmliches Organ jagen durch handverlesene Coverversionen wie „House Of The Rising Son“, „Working In A Coalmine“, „Judy In Disguise“ oder Alex Chilton’s genialer Kaputt-Blues-Nummer „Bangkok“.
Der Albumtitel ist eine Verballhornung von Dr. John’s Song „I Walk on Gilded Splinters“ und feuert in alter Jello-Manier eine Breitseite auf den ultrakonservativen republikanischen Gouverneur von Louisiana und GWB-Freund Bobby Jindal ab.
Das exzellent abgemixte und aus jeder Pore Südstaaten-Schwere schwitzende Voodoo-Teil hast Du in Zukunft im Halfter und ziehst es für den ultimativen Gegenschlag raus, wenn Dich der DJ auf der nächsten Privat-Party zum tausendsten Mal mit diesem unsäglichen Blues-Brothers-Getröte nerven sollte… Machste nix falsch mit.
(**** ½)

Reingehört (65)

QUADROPHENIA

Just wanna be misunderstood
I wanna be feared in my neighborhood
Just wanna be a moody man
Say things that nobody can understand
Coolwalkingsmoothtalkingstraightsmokingfirestoking
Coolwalkingsmoothtalking, yeah

(Pete Townshend, Misunderstood)

Pete Townshend – Truancy: The Very Best of Pete Townshend (2015, UMC)
Nach der anständigen Atlantic-Sammlung „The Best of Pete Townshend“ aus dem Jahr 1996 und der ebenfalls das Solowerk des Ausnahmemusikers gut abdeckenden SPV-Doppel-CD „Anthology“ (2005) ein weiterer Best-Of-Erguss über die Alleingänge des The-Who-Masterminds, und ich nehme es vorweg: mit Abstand sein überflüssigster.
Sein Solo-Debüt „Who Came First“ (1972, Track/Polydor) ist mit „Pure And Easy“, „Sheraton Gibson“ und „Let’s See Action“ noch würdig vertreten, von seiner Kollaboration „Rough Mix“ mit dem Small-Faces-Musiker Ronnie Lane (1977, Polydor) fehlt die geniale Misanthropen-Nummer „Misunderstood“ sowie die herzerweichende Ballade „Annie“, von der wunderbaren Erfolgs-Scheibe „Empty Glass“ (1980, Atco) sucht man „I Am An Animal“, den Titelsong und vor allem das herrliche „And I Moved“ vergeblich, das 1982er Werk „All the Best Cowboys Have Chinese Eyes“ (Atco) ist mit „The Sea Refuses No River“ und „Faces dances Pt. 2“ auch tendenziell ungebührend repräsentiert, ich hätte mir davon „Stop Hurting People“, „Exquisitely Bored“ und „Communication“ gewünscht, von der relativ schwachen „White City“-Scheibe (Atco) darf natürlich das grausame „Face To Face“ nicht fehlen, die einzige wirkliche Kracher-Nummer des 1985er-Albums, „Give Blood“, mit Dave Gilmour von Pink Floyd an der Gitarre, wird, passend zu diesem Compilation-Konzept, links liegen gelassen.
Das extrem schwache Konzept-Album „The Iron Man“ (1989, Atlantic) wird durch „I Won’t Run Any More“ repräsentiert, das einzig vernünftige Stück des Tonträgers, „Dig“, wird selbstredend ignoriert.
Die „Scoop“-Trilogie wird durch einen einzigen Song vertreten, was aufgrund der herausragenden Güte dieser Song-Rohentwürfe ein schlechter Witz ist, dafür gibt es in guter alter Beutelschneider-Manier zwei neue Townshend-Songs, die Protestnummer „Guantanamo“ und die Ballade „How Can I Help You“, irgendein Verkaufsargument braucht man als Plattenfirma für diese unausgegorene Sammlung, um dem Townshend/Who-Fan die Kohle aus der Tasche zu ziehen…
Ein größtenteils völlig überflüssiges Sammelsurium an Townshend-Songs, das dem Genie des Meisters über weite Strecken in keinster Weise gerecht wird. Schmeissen sie Dir beim Saturn in ein paar Jahren für drei Euro nach, den Krampf, wetten?
(** ½ – ***)

V.A. – Pete Townshend’s Classic Quadrophenia (2015, UMO/Decca Classics)
Der nächste Sündenfall: Orchestriert von Pete Townshend’s Lebensgefährtin Rachel Fuller, dirigiert von Robert Ziegler, eingespielt vom Royal Philharmonic Orchestra, haut der alte Pete die Mod-Saga „Quadrophenia“ als Oper auf den Markt, der unsägliche Billy Idol darf sich bei der Gelegenheit auch die Rente aufbessern und spätestens wenn der Tenor Alfie Boe den Gesangspart Roger Daltrey’s übernimmt, muss der Hardcore-Who-Fan ganz stark sein und um Contenance ringen, damit er beim Konsum dieser abscheulichen, durch nichts zu entschuldigenden Vergewaltigung nicht rückwärts frühstückt…
Was bei der Weiterverwertung der Rockoper „Tommy“ und der finalen, maximalen Ausschlachtung als symphonisches Werk bereits tendenziell ziemlich in die Hose ging, gerät bei „Quadrophenia“ zum allumfassenden Debakel. Wo „Tommy“ seinerzeit tatsächlich als Oper konzipiert wurde und Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre in entsprechenden Häusern wie beispielsweise der Carnegie Hall in New York von der Band selbst aufgeführt wurde und insofern als orchestrales Werk noch irgendwo Sinn machte, erzählt das Konzeptalbum „Quadrophenia“ (1973, Track Records) die straßentaugliche Geschichte der britischen Mod-Bewegung und ihrer Kämpfe mit Elternhaus, Arbeitgebern und den verhassten Rocker-Gangs, eine Story, die denkbar ungeeignet ist für die Hochkultur-Tempel dieser Welt. Langer Rede kurzer Sinn: ich kann nur empfehlen, die Finger von diesem unappetitlichen Auswurf zu lassen, die Beschäftigung mit „Quadrophenia“ macht beim Hören des Original-Prog-Rock-Meisterwerks von Townshend, Daltrey, Entwistle und Moon, dem The-Who-Spectrum-Philadelphia-Bootleg von der 1973er US-Tour der Band oder mittels der immer noch sehr sehenswerten cineastischen Adaption durch Regisseur Franc Roddam aus dem Jahr 1979 mit Phil Daniels in seiner Rolle als Jimmy Cooper sowie unter weiterer Beteiligung von unter anderem Leslie Ash, Toyah Willcox und Sting wesentlich mehr Spaß.
Sollte „Who’s Next“ eines Tages auch noch durch den orchestralen Fleischwolf gedreht werden, kündige ich Townshend die Freundschaft…;-)) Irgendwann macht die Gaudi a Kurven, wie wir hier in Bayern so schön sagen.
(*)