Thrill Jockey Records

Napalm Death, Misery Index, Full Of Hell, The Body @ Backstage, München, 2019-07-10

Die UK-Grindcore-Pioniere von Napalm Death am vergangenen Mittwochabend zu Gast in der Backstage-Halle, wie nicht selten zu diesen Veranstaltungen zur Aufführung der ultraharten Rockmusik an selbem Ort im Verbund mit mehreren Support-Bands. Extreme-Metal-Mini-Festival, quasi, mitten unter der Woche.

Wer beim Bandnamen The Body an das australische Supermodel Elle Macpherson dachte, konnte nicht falscher liegen zum Auftritt des amerikanischen Experimental-Metal-Duos aus Providence/Rhode Island, der voluminöse, durch die verzerrenden Gerätschaften gejagte, permanent zum Atonalen drängende Klangkörper der Formation oder der wuchtige Bauchumfang von Gitarrist/Brüller Chip King lagen da weit näher bei der Assoziation zur Etikettierung der Combo als weiblicher Liebreiz. The Body sind beim renommierten US-Indie-Label Thrill Jockey Records unter Vertrag und derzeit unter anderem mit Firmen-Kollege Marc Richter vom Hamburger Dark-Ambient-Ein-Mann-Projekt Black To Comm im alten Europa unterwegs, in München reihten sich King und sein trommelnder Kompagnon Lee Buford in anderer Konstellation in den Konzertbetrieb ein und eröffneten mit einem kurzen Set zu früher Stunde die lärmende Vollversammlung des Abends. Spoken-Word-Samplings und Ethno-Sounds aus der Konserve ergänzten das dissonante Dröhnen von Gitarrist Chip King, der in kurzen Nummern monoton mit gedehntem Gitarrenriff-Drone den experimentellen Doom-Noise für das Publikum körperlich spürbar durch die Anlage presste, im Ansatz den meditativen Lärm-Trance-Erschütterungen der Kollegen von Sunn O))) nicht unähnlich. Das „Singen“ beschränkte sich beim Gitarristen auf kurzes, abgehacktes, Slogan-artiges Plärren, inhaltlich nicht zu differenzieren und von Drummer Buford mit freier Rhythmik halbwegs in vertraute Strukturen geformt. Der von jeglichen Konventionen losgelöste Sludge/Doom/Drone-Ansatz im Spannungsfeld von DIY-Ethos und experimentellem Ausloten der Grenzen zwischen Song und formlosem Flow war ein kurzes, heftiges Fest für alle Freunde der Genre-übergreifenden Lärm-Avantgarde.

Noch weitaus mehr kompromissloser präsentierten sich die US-Ostküsten-Formation Full Of Hell im Ausleben ihrer Powerviolence-, Grindcore- und Death-Metal-Tobsucht. Atonaler Terror, der Veitstanz an der Grenze zum Irrsinn von Bandleader Dylan Walker als frontale und schonungslose Hardcore-Performance und ein Vokal-Vortrag, der weit mehr mit permanentem Brechreiz als mit verständlicher Artikulation gemein hatte – Mittel und Ausdrucksform zum Herausspeien der mentalen Befindlichkeiten, als große Radikal-Kunst und entsprechende Extrem-Reaktion auf den „Collapse of the Western Society“, wie Walker gegen Ende des intensivst vorgetragenen, brachial überwältigenden Sets anmerkt. Manchmal ist Krach einfach nur Krach und entfesseltes Gebrüll die einzige Alternative zum Talent-freien Vortrag, bei Full Of Hell jedoch weit mehr ein heftiges Entladen der aufgestauten Wut, der zornige Ingrimm in aberwitziger Raserei und Statement zum Zustand der Welt im ureigenen Sendungsbewusstsein.

Den dritte Streich der lautstarken Attacken des Abends vor dem Hauptact wuchteten Misery Index aus Baltimore auf die Bühnenbretter. Das Crossover der Band aus Death Metal und Grindcore bestach weit mehr durch sportliche Spitzenleistungen am Gitarren- und Bass-Griffbrett und große Metaller-Posen denn durch kompositorische Varianz, das Terrorizer-Cover fügte sich nahtlos und nicht zu unterscheiden ins eigene Gewerk aus Highspeed-Heavy-Gepolter und kehligem Gegröle, in dem sich Frontmann/Basser Jason Netherton kritisch mit den Verwerfungen der modernen Gesellschaft auseinandersetzt – Death-Brüller-Breitseite mit Message, so man sie denn verstehen würde. Das Neil-Young-Prinzip in die wundersame Welt des Metal transformiert: „It’s all one song“. Die Austauschbarkeit der Nummern war der zahlreich anwesenden Gefolgschaft einerlei, der in der zeitlichen Länge über Gebühr strapazierte Gig sowieso, und damit war das Feld bestellt für fröhliches Schubsen im ersten Mosh Pit des Abends.

„Art reflects life. Extreme times demand extreme responses. Silence sucks. Noise is always the answer“. Ein Statement, das Frontmann Barney Greenway und seine Mitstreiter der englischen Extreme-Metal-Institution Napalm Death ohne Abstriche unterschreiben und vor allem leben, heute wie in den vergangenen drei Dekaden, in denen die Band zahlreiche personelle Umbesetzungen und stilistische Wandel vom frühen Anarcho- und Crust-Punk hin zum ultra-schnellen Grindcore und beinharten Death Metal durchlief. Der Sound mochte sich ändern, linkes Bewusstsein und Aufbegehren gegen das Establishment blieb Inhalt. Am Mittwochabend ließ die Combo ihre Historie in einer repräsentativen Auswahl vom „Scum“-Debüt aus dem Jahr 1987 bis hin zu aktuelleren Nummern Revue passieren, in kurzen, vehementen Hauern, im Extrem in den berühmten, wenige Sekunden dauernden, Guinness-Buch-gewürdigten Song-Konzentraten, die in der schroffen und ruppigen Live-Präsentation weit mehr Anlehnungen an den amerikanischen Hardcore-Punk als an die gängigen Metal-Klischees offenbarten. Napalm Death sind 2019 unvermindert kompromisslos und radikal in schwer lärmenden, sich überschlagenden und kollabierenden Dissonanzen, im High-Speed-Tempo von Gitarre und Drums und den polternden, extrem dröhnenden Bassläufen. Frontmann Barney Greenway gibt sich unzweideutig und höchst unterhaltsam in seinen sozialkritischen und politischen Ansagen, im brachialen Grollen zum instrumentalen Überdrehen seiner Begleiter, wie im linkischen Monty-Python-Getänzel über die Bühne, mit dem sich der belesene Fürsprecher aller Free Thinker und Non-Believer als schwer sympathischer, Genre-untypischer Vorturner einer der extremsten und altgedientesten Death- und Grind-Metal-Combos präsentiert. Moshen, Crowdsurfing und Slammen mit hohem Spaß-Faktor und politisch klarer Kante gegen Rechts, da durfte selbstredend die bekannte Coverversion „Nazi Punks Fuck Off“ aus der Feder von Dead-Kennedys-Lautsprecher Jello Biafra in der einstündigen Werkschau nicht fehlen. Themen wie Globalisierung, Neoliberalismus und die gesellschafts/weltpolitischen Verwerfungen unserer Tage prangert kaum jemand radikaler, kompromissloser und lautstärker an als die vier Briten von Napalm Death, und in der Form ist das ohne Zweifel eindringlicher und nachhallender als alles Protest-Folk-Gejammer jeglicher dahergelaufener Schrammelgitarren-Klampfer.

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Reingehört (539): House And Land

House And Land – Across The Field (2019, Thrill Jockey Records)

Nachdem im Chicagoer Indie-Haus Thrill Jockey Records in jüngster Vergangenheit mit Veröffentlichungen von Bands wie Aseethe, Dommengang oder Oozing Wound ausgiebigst Gelärme, ordentliches Gedröhne und damit entsprechende Wallung am Schiff geboten war, veröffentlicht das US-Label mit dem neuen Album „Across The Field“ vom Folk-Frauen-Duo House And Land aus Asheville/North Carolina demnächst zwecks Diversifikation was Erbauliches für die besinnlichen Stunden.
House And Land ist das gemeinsame Projekt der Multi-Instrumentalistin Sarah Louise und der Fiddle- und Banjo-Spielerin Sally Anne Morgan, letztere in Fachkreisen bekannt durch ihr Mitwirken bei den Black Twig Pickers, die auf ihren Alben unter anderem bereits mit Folk- und Blues-Größen wie Steve Gunn und Charlie Parr zusammenarbeiteten.
Auf „Across The Field“ bringen die beiden virtuos, formvollendet und ergreifend schön aufspielenden Ladies ihre feministische Weltsicht und die Verbundenheit mit dem ländlichen Umfeld mit uralten Song-Texten und einer höchst individuellen Interpretation von Bluegrass und Old Time Folk zusammen, mit den über die Jahrhunderte gewachsenen Musiktraditionen der Appalachen, der Ozark Highlands und des britischen Motherlands. Diese Form von Feminismus sollte auch ohne ausgedehnte Diskussionen selbst den grobschlächtigsten, übelsten Macho-Rüpeln das Herz erweichen und die Tränen der Freude in die blutunterlaufenen Glotzer treiben, Louise und Morgan beeindrucken auf dem neuen Werk mit erhabenen, zuweilen fast sakralen Duett-Gesängen und exzellenter Könnerschaft an diversen akustischen Streich- und Zupf-Instrumenten, die organische Klangkunst taugt wohl zum Verweilen und Innehalten nach verrichtetem Tagwerk am heimischen Herd genauso wie für Herz-weitende Erbauungs-Momente in der sonntäglichen Kirchengemeinde. Dabei ist dieses Balladen-Songwriting aus einer anderen, längst vergangenen Zeit nicht ausschließlich in der Tradition verhaftet, in dezentem Crossover verweben die beiden Musikerinnen die althergebrachten Interpretationen von Bluegrass und regionalen nordamerikanischen Volksweisen mit zeitloseren, reicheren Ausdrucksformen, mit Polyrhythmik, mit psychedelischen Elementen, mit Streicher-Sätzen, die sich im entrückten Drone-Trance verlieren. Das eindrücklichste Beispiel hierfür ist die etwas aus dem Rahmen des Album-Konzepts gefallene, umso herausragendere Instrumental-Nummer „Carolina Lady“, in der ein satt klingender, simpel gehaltener E-Gitarren-Flow auf getragene Geigen-Melodik trifft – so einfach kann musikalisches Experimentieren gelingen: der hypnotische, geheimnisvolle Desert-Blues eines Chris Forsyth oder der Cosmic-American-Rock von Steve Gunn treffen auf nahezu kammermusikalische, Neoklassik-durchwirkte Folklore.
House And Land bringen mit ausgeprägtem instrumentalem Können, untrüglichem Gespür und einer sicheren Hand für neue Ideen Tradition und Moderne in der amerikanischen Volksmusik zusammen, man darf wohl jetzt schon gespannt sein, welche Eindrücke und Anregungen Sarah Louise von ihren diesjährigen gemeinsamen USA-Konzertreisen mit den Psychedelic-Bands Wooden Shjips und Kikagaku Moyo 幾何学模様 künftig in ihre Kompositionen einfließen lässt.
„Across The Field“ von House And Land erscheint am 14. Juni bei Thrill Jockey Records.
(***** – ***** ½)

Reingehört (534): Dommengang

Dommengang – No Keys (2019, Thrill Jockey Records)

US-Trio / Neues Album, über Thrill Jockey unters Volk gebracht / Out May 17 – die gleiche Kombi gab’s erst gestern mit zähem Doom-Metal vom anstehenden Aseethe-Longplayer, und weil’s so schön war, heute gleich nochmal die gleichen Eckdaten mit anderen Protagonisten und frischem Psychedelic-Sound: „No Keys“ als dritter Wurf der Brooklyn-Combo Dommengang ist ab Freitag nächster Woche beim renommierten Chicagoer Indie-Label am Start. „Passion Boogie“ und „Road Trip. Head Trip“ umschreiben die New Yorker Musikanten mit den wallenden Mähnen ihr Gewerk. Nicht nur optisch sind die drei Langhaarigen auf den ersten Blick aus der Zeit gefallen: Ihre Songs hören sich bisweilen an, als würden Iggy und seine Stooges als knackige Psychedelic-Blues-Combo durch die Lande ziehen. Jaulende, kreischende, süffige Gitarren und hypnotische Beats, die den Progressive-Sound vergangener Tage in einer Zeitreise frisch aus der Taufe heben oder vielmehr zur Wiedergeburt bringen, dabei weniger mit abgehobenem Space- und Experimental-Firlefanz in entrückten Sphären lichtern, viel mehr in der Indie-Garage und der offenen Prärie zugange, schwere Geschütze als Stoner- und Grunge-Anlehnungen auffahrend und vor allem einen üppigen Strauß prachtvollster Halluzinationen und bunter Bilder zum Blühen bringend. Die ausufernde Spielfreude von Gitarrist Dan “Sig” Wilson und seiner schwer groovenden Rhythmus-Begleiter Brian Markham und Adam Bulgasem ist in jeder Nummer evident, die Fuzz- und Prog-Gitarren-Hochämter dehnen sich zu ausschweifenden Instrumental-Passagen, der zweistimmige Gesang atmet mit jeder Strophe seligen Siebziger-Jahre-Spirit.
Und „Arcularius – Burke“ ist neben den ausufernden Trips der aktuellen Chris-Forsyth-LP der herrlichste Improvisations-Instrumental-Flow mit Cosmic-American-Explosion als Klimax, den die nimmermüden Nachlass-Verwalter gerne aus dem scheinbar unerschöpflichen Fundus der Grateful-Dead-Archive zaubern würden. Like Punk never happened.
„No Keys“ wurde live im Studio ohne große Nachbearbeitung und technisches Brimborium eingespielt, damit fangen Dommengang als exzellente Konzert-Kapelle spontan und vollmundig die berauschende Energie ihrer exzellenten Gigs ein.
„No Keys“ erscheint am 17. Mai beim US-Indie-Label Thrill Jockey Records, wie eingangs erwähnt.
(*****)