Tollwood

Philip Bradatsch @ Tollwood, München, 2018-11-28

Wohlig-wärmender Americana-Sound für Herz und Gemüt bei frostigen Außentemperaturen, von Trikont Recording Artist Philip Bradatsch und seiner Band beim Winter-Tollwood präsentiert, am vergangenen Mittwoch-Spätnachmittag. Die alternative Weihnachtsmarkt-Zeltstadt an der Münchner Theresienwiese war in vergangenen Zeiten nicht unbedingt der place to be, wenn’s um anregendes konzertantes Entertainment ging, dahingehend hat sich auch in der 2018er-Ausgabe nicht allzu viel geändert, umso schöner, dass mit Bradatsch – und der Donkeyhonk Company am 17. Dezember – zwei sehens- und hörenswerte Ausnahme-Acts auf dem heurigen Programm-Zettel des „Hexenkessel“-Zelts zu finden sind, wenn auch die Anstoß-Zeit mit 16.30 Uhr eine gewöhnungsbedürftige bleibt und vermutlich den ein oder anderen Interessenten vom Besuch zwecks anderweitiger Verpflichtungen abhält.
Den Musikern war’s offensichtlich einerlei, das Quartett war vom Start weg bereits zur Nachmittags-Matinee auf Betriebstemperatur beim gelungenen Opener mit dem finster dräuenden Desert-Rocker „Shadowland“, mit dem sich vorneweg andeutete, dass Philip Bradatsch zu der Gelegenheit bestens aufgelegt war hinsichtlich Fingerfertigkeit am Griffbrett seines Instruments und damit eine verbindliche Dringlichkeit in seiner Interpretation von süffigen, satten Southern-Rock-Ergüssen und den ausladenden, schwerst beseelten und inspirierten Gitarren-Soli im klassischen Folk-Rock-Geist an den Tag legte. Eingebettet in das begleitende Sound-Gerüst seiner grundsolide arbeitenden Band widmete sich der vielbeschäftigte Roots-Musiker aus dem Allgäu vor allem dem Material seiner jüngst beim Münchner Trikont-Label erschienenen Song-Sammlung „Ghost On A String“, in gedehnten, opulenten Versionen, die den exzellenten Studio-Einspielungen im Live-Vortrag noch ein gehöriges Maß an Intensität hinzuzufügen wussten. Wo der Tonträger bereits in feinster Americana-Songwriter-Kunst ohne Abstriche zu überzeugen weiß, ist die konzertante Umsetzung der Werke schlichtweg grandios, die Band nutzte am Mittwoch-Nachmittag das komfortable Zeitfenster zur gründlichen wie massiv abrockenden Ausformulierung ihrer aktuellen Nummern.
Im kurzen Intermezzo erinnerte sich Bradatsch solistisch seiner Bluegrass-/Country-Folk-Wurzeln und begleitete sich an der Wandergitarre zu seelenvollen Balladen in der Titelnummer seines Debüt-Albums „When I’m Cruel“ und dem dort enthaltenen Paradestück „This Time Around“, trotz reduzierter Instrumentierung gelingt es dem Musiker völlig unangestrengt, die Songs dank seiner ausgewiesenen Fähigkeiten als Gitarren-Virtuose vollmundig und fern jeglichen herkömmlichen folkloristischen Lagerfeuer-Geschrammels zum Vortrag zu bringen.
Die flockige, wunderbar leichtfüßig dahingleitende Folk-Psychedelic in „Supernova“ konnte das Konzert-Publikum nicht verstören, wie es Bradatsch in einer seiner lakonischen Song-Ankündigungen als Absicht formulierte, eine schwer für sich einnehmende Free-Flow-Nummer, die zu gefallen wusste, wie auch einmal mehr seine deutsche Bearbeitung des Dylan-Frühwerks „The Lonesome Death Of Hattie Carroll“, hier ist Philip Bradatsch ganz Protestsänger im ureigenen Sinn, „Der einsame Tod des Ben Ahmad“ ist aufgrund der herrschenden Abschiebe-Praktiken von Asyl-Suchenden, die ein schändlicherweise immer noch in seinem Amt sitzender, untragbarer Bundesinnenminister zu verantworten hat, von einer aktuellen Brisanz, die der Songwriter in seiner Eindringlichkeit ungefiltert zu vermitteln weiß. Song des Jahres, keine Frage, und das mit einer Nummer, die bis dato noch nicht offiziell auf Tonträger erschienen ist.
Um irgendwelche Vergleiche mit Dylan, Old Neil Young oder anderen Granden des US-amerikanischen Folk- und Country-Rock muss sich Bradatsch nicht mehr kümmern, die hat er alle unüberhörbar irgendwann im Laufe des dahinschwindenden Jahres irgendwo auf einem imaginären Highway mit zügiger Überholung links liegen gelassen, und der bessere Sänger war er im Zweifel sowieso schon immer.
Sollte sich mal zufällig die Gelegenheit ergeben, kann man sich ja wie einst Steve Earle auf den Kaffeetisch vom Literaturnobelpreis-Bob stellen und der Welt verkünden, dass man da einen weitaus talentierteren Songwriter als den alten Nöler aus Duluth/Minnesota kennt.

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Patti Smith @ Tollwood, München, 2015-07-13

Patti Smith And Her Band Perform ‚Horses‘ In Its Entirety.

Das Schöne an diesen Toolwood-Konzerten ist: es geht immer pünktlich los, und so stand die lebende Legende Patti Smith Punkt acht Uhr auf der Bühne, hielt sich nicht groß mit Vorgeplänkel auf, sprich fackelte nicht lange, stieg konsequent konzertant bei „Gloria“ ein und exerzierte in den nächsten vierzig Minuten eines der wichtigsten Alben der Rock-Geschichte Stück für Stück und chronologisch mit einem Drive, einer Brillanz und vor allem dem Werk zu Gebote stehenden Energie durch, als wäre dieses Jahrhundertwerk erst vor ein paar Wochen eingespielt worden und müsste nun durch fleißiges Live-Präsentieren beworben werden. Über das Ausnahme-Album muss man nicht mehr viele Worte verlieren, ich habe es vor kurzem hier in der Spitzenprodukte-Rubrik besprochen, das Publikum war von der ersten Minute an schwer begeistert und feierte die acht Nummern frenetisch. Highlight des Abends war für mich das Uptempo-Wunderwerk „Free Money“, noch heute nach vierzig Jahren so etwas wie die Blaupause des Indie-Rock, ein Stück, bei dem das Zeltdach wegzufliegen drohte ob der berstenden Energie, die von der Bühne strahlte. Im Verlauf von „Kimberley“ sorgte die New Yorker Punk-Ikone für den Brüller des Abends, sie verließ während des Stücks für ein paar Minuten die Bühne, ihre irritierten Mitmusiker zurücklassend, die die ungeplante Pause improvisierend überbrücken mussten, um dann für den Schlussteil auf die Bühne zurückzukehren und das Publikum über das kurze Verschwinden aufzuklären: „Usually I Take A Piss Before The Show.“ Ein Schenkel-Klopfer, bei dem Gefahr bestand, dass es einem selbst auskam… ;-))
Im Horses-Abgesang „Elegie“ gedachte Patti Smith dann ergreifend den dahingeschiedenen Weggefährten wie den vier Ramones, Robert Mapplethorpe, Johnny Thunders, Jim Carroll, Allen Lanier, Joe Strummer und ihrem 1994 verstorbenen Mann Fred ‚Sonic‘ Smith.
So nahm der erste Teil des Abends mit der ‚Horses‘-Komplettaufführung sein würdiges Ende, den zweiten Part eröffnete die Band mit „Privilege (Set Me Free)“ und „Babelogue“ vom ‚Horses‘-Nachfolger ‚Easter‘ (1978, Arista), mit „Summer Cannibals“ ertönte das Highlight der zweiten Runde, die flotte Indie-Nummer vom ‚Gone Again‘-Album (1996, Arista) passte wie Faust auf Auge zur Sauna-artigen Hitze im Tollwood-Zelt. Für das Velvet-Underground-Medley verließ die Chefin die Bühne und übergab an ihren alten Weggefährten Lenny Kaye, neben J. D. Daugherty der letzte verbleibende Musiker der legendären Patti Smith Group, bei diesem überflüssigen Teil des Abends wurde schnell deutlich, welch durchschnittliche Band ohne die Ausstrahlung der Schamanin am Werk war, das Potpourri aus „Rock ’n‘ Roll“, „White Light/White Heat“ und „I’m Waiting For The Man“ verkam ähnlich wie die unsägliche Steppenwolf-Nummer vor ein paar Jahren beim Dachauer Musiksommer zur Belanglosigkeit (Bei Velvet-Covers bin ich sowieso heikel, da muss schon mehr kommen als beliebiges Runterschrubben, zumal der Günther in seinem feinen MONO-Plattenladen vor kurzem die österreichischen, leider bereits vergriffenen Preziosen der ‚Buben im Pelz‚ aus Wien abspielte, was die Messlatte erneut um einiges nach oben trieb), und so durfte der Saal aufatmen, als Patti zum feedback-krachigen Finale ausholte und abschließend den zum Motto des Abends passenden The-Who-Klassiker „My Generation“ abrockte, der damals die B-Seite ihrer zweiten Single „Gloria“, der Auskopplung des ‚Horses‘-Albums, zierte.
Unterm Strich konnte der zweite Teil des Konzerts das Niveau nicht halten, das mit der ‚Horses‘-Aufführung an dem Abend erreicht wurde, vor allem den Velvet-Underground-Part hätte die Band sinnvoller durch Interpretation einiger eigener alter Klassiker ersetzt, sowohl vom ‚Radio-Ethiopia‘- als auch vom ‚Wave‘-Album wurde kein Stück zu Gehör gebracht, „Pissing In A River“ hätte gut zum Konzert-unterbrechenden Harndrang der New Yorker Ikone gepasst, „Dancing Barefoot“ ist immer gern genommen und gegen eine Aufführung des ‚Boss‘-Klassikers „Because The Night“ hätte im Zelt sicher auch niemand Einwände erhoben. Um dem Abend gerecht zu werden deshalb heute eine zweigeteilte Wertung, wie im Fußball: in der 1. Halbzeit mächtig eingebombt und vorgelegt, in der 2. Halbzeit mit ein paar Gegentreffern den Sieg über die Zeit gebracht…
(Horses: ***** ½ / Rest: **** / Pinkelpause: ******)

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