Tom Wu

Ippio Payo + Chicos de Nazca @ Import/Export, München, 2018-03-01

Die Münchner Konzertveranstalter vom Tapefruit-Fanzine schnürten am vergangenen Donnerstagabend ein feines Paket an anregender Beschallung für das Eingrooven in den Wochenausklang, die leider nur wenigen Unverzagten, die das Verlassen der heimischen, geheizten Butze hinaus in den Permafrost der Isarmetropole in Richtung subkulturelle Import/Export-Kantine wagten, sollten ihr Kommen nicht bereuen.

Den Auftakt des Abends bespielte der in zahlreichen Münchner Bands wie den Grexits, Majmoon oder Zwinkelman engagierte Musiker und Maj-Musical-Monday-Organisator Josip Pavlov mit seinem Postrock-Outfit Ippio Payo, an dem Abend wie bereits auf seinem exzellenten 2017er-Tonträger „All Depends On Nature“ vom ortsansässigen Meister der Trommelstöcke Tom Wu begleitet. In gut 40 Minuten entwarfen Pavlov und Wu einen betörenden, rauschhaften Instrumental-Klangkosmos aus vehementen Gitarren-Drones und -Loops, einer gewichtigen Progressive-Rock-Psychedelic, die an dem Abend dann und wann mit unerwarteter Härte und Direktheit präsentiert wurde, und hypnotischem Postrock-Flow, die repetitiven Gitarrenwände und experimentellen Klangskulpturen erfuhren selbstredend durch das virtuose Trommeln des kongenialen Kompagnons zusätzlich Finesse, Drive und Volumen.
Zwischen das direkte Zupacken der harten, lärmenden, jedoch stets melodisch ansprechenden Prog-Rock-Dramatik integrierten Ippio Payo geschickt dezente Anklänge an kontemplativen Trance-Space wie auch unterschwellige, in dem Kontext schwer auszumachende Zitate aus der Balkan-Folklore, für die Zuhörerschaft eine Milderung und Erdung des entfesselten Sound-Orkans, wie auch durch das grandios in sanften Wellen und minimalistischen Strukturen schaukelnde „Fisherman“ vom aktuellen Album.
Josip Pavlov, ein Musiker ganz bei sich und seiner Kunst, beschloss solistisch – wie im vergangenen Jahr auch bei seinem Auftritt in der Bergschmiede – mit der anrührenden, schwer ergreifenden, getragenen Loop-Komposition „Another Green World“, die tatsächlich die Eno-typische, schwer greifbare Electronica-/Ambient-Pop-Klangsprache perfekt zu zitieren wusste und damit ohne jeden Zweifel jederzeit neben Klassikern wie „St. Elmo’s Fire“, „In Dark Trees“ oder „Sky Saw“ vom 1975er-Meilenstein des englischen Sound-Pioniers bestehen würden. Ein würdiger Abschluss einer beglückenden, kompakten Tonal-Vollbedienung, die dringendst nach Tonträger-Einspielung und Veröffentlichung verlangt.
(***** – ***** ½)

Gibt’s ja ab und an, diese Konzerte, zu denen man zuvorderst wegen des Support Acts antanzt, umso genehmer, wenn die angekündigte Hauptattraktion des Abends dann auch noch was auf der Pfanne hat. Die fünf in Berlin ansässigen Chilenen von Chicos de Nazca zelebrierten eine gepflegte Spielart ihrer ureigenen Prärie-Psychedelic, die den ein oder anderen Altrocker gefällig mitwippen, das Haupt in der stoischen Rhythmik dezent zucken und vor allem die blonden Schönheiten aus dem hinteren Theken-Bereich des Import/Export endlich in ihrem den konzertanten Vortrag störenden Geschnatter verstummen und in den zugewandten Tanzmodus übergleiten ließ.
Francisco „Kb“ Cabala und seine Mannen aus Santiago de Chile zeigten in ihrem einnehmenden Vortrag ohne große Präliminarien vom Start weg, wo die Space-Out-Reise für den Rest des fortgeschrittenen Abends hingehen sollte. Wo die Südamerikaner auf ihren gefälligen Tonträgern die Länge der Songs im konventionellen Bereich halten und auch Elemente aus Rave, Sixties-Geschrammel und Fuzz-/Jangle-Pop zu ihrem Recht kommen lassen, gestaltet sich der Live-Vortrag des Quartetts weitaus zupackender, die Songs um ein x-faches in die Länge gestreckt, weniger verspielt, schwerst Neo-Psychedelia-/Shoegazer-verhallt und schlichtweg ergreifend härter im Rock’n’Roll-Anschlag inklusive aufjaulender Gitarre, Wah-Wah-Verzerrungen, Casio-Georgel, in die Länge gedehnter Sound-Orgien und einer spukhaften, gespenstischen Desert-Atmosphäre. Ob dieses ausladende, ellenlange Ergehen in prächtiger Gitarrensoli-Herrlichkeit und minutenlange, immer gleiche, hypnotische Rhythmus-Halten vom ausgiebigem, von Substanzen-Konsum begleitetem Starren auf den chilenischen Salar de Atacama inklusive psychedelischem Farbenspiel bei Sonnenuntergang herrührt, von ein paar Bieren im Sommer am Berliner Wannsee oder einfach nur von einer Überdosis Hendrix, Eleventh Dream Day oder Roky Erickson, wir wissen es nicht, das Resultat hat sich in jedem Fall sehen respektive hören lassen, schade nur, dass so wenig Mitreisende diesen heftigen Sound-Trip begleiteten.
(**** 1/2 – *****)

Die nächsten Tapefruit-Konzerte in München:

24.03.2018The Underground Youth + Blue Haze – Import/Export
01.04.2018Bleib Modern + Paar – Milla
02.04.2018Soviet Soviet + Kill Your Boyfriend – Milla
05.05.2018G.Rag/Zelig Implosion Deluxxe + Tom Wu – Import/Export
02.06.2018Knobs & Wires – Import/Export

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Reingehört (307): Ippio Payo, Zwinkelman, The Grexits

The Grexits – Δε Γκρέξιτς (2017, Echokammer / Gutfeeling Records)

Nikos Papadopoulos liefert auf dem Debüt-Album der Grexits eine betörende Mixtur aus der subkulturellen Rembetiko-Volksmusik Griechenlands und heftigem Garagen-Surf-Punk plus Artverwandtem aus dem angloamerikanischen Indie-Krach-Betrieb, maßgeblich unterstützt wird der Musiker von den befreundeten Münchner Band-Kollegen Josip Pavlov, Daniel Murena und Echokammer-Labelchef Albert Pöschl, die der interessierten Hörerschaft und den Konzertgängern der Isarmetropole durch ihr Mitwirken bei Bands wie Majmoon, Zwinkelman, Ippio Payo, Das weiße Pferd, Murena Murena oder 4 Shades bereits das eine oder andere Mal untergekommen sein dürften.
Der von der osmanischen Musiktradition beeinflusste Arme-Leute-Folk der Rembetiko, gerne als der „griechische Blues“ kategorisiert, eignet sich im Underground-Kontext durch seine Herkunft aus Hellas‘ Hafenstädten und die Songtexte über das harte Leben, Drogenerfahrungen, unglückliche Liebschaften, Kleinkriminelle und ihre Aufenthalte im Zuchthaus bestens als Beigabe zur gedeihlichen Sound-Collage mit dem Uptempo-Anschlag des Surf-Punk, der wuchtigen Direktheit des No Wave und dem schneidigen Gitarren-Trash-Ansatz, den die Band geschickt in ihrem radikalen Ansatz mit dieser speziellen Art der Mittelmeer-Folklore in psychedelischer Akzentuierung verwebt.
Die gelungene Veröffentlichung präsentiert in zehn Werken Eigenkompositionen aus der Feder von Nikos Papadopoulos, ein Surf-Punk-Instrumental von Albert Pöschl, Interpretationen traditioneller Rembetiko-Klassiker von griechischen Musikern wie dem Bouzoukispieler Iovan Tsaous, der 1942 während einer durch die deutsche NS-Besatzung ausgelösten Hungersnot ums Leben kam, und dem legendären Jiorgos Katsaros, der in den zwanziger Jahren in einigen Hollywood-Filmen als Hauptdarsteller mitwirkte und Schauspieler-Kollegen wie Chaplin und Bogart und den spanischen Klassik-Gitarristen Andrés Segovia zu seinen Bewunderern zählte.
Mit elektrisch verstärktem Rock’n’Roll-Instrumentarium retten die Grexits das Proletarier-Klagen aus den Hafen-Kaschemmen von Athen, Piräus und Thessaloniki in die Moderne der Neuzeit. Die Musik-Tradition der westlichen Pop-Welt kommt mit der Adaption des Punk-Klassikers „Attitude“ der Misfits zu Ehren, einer Version, die sich im Ansatz nicht allzu weit vom Original wegbewegt, sowie einer Dekonstruktion des Beatles-Hits „A Hard Day’s Night“ als schwergewichtige No-Wave-Akropolis, derartige stilistische Umwidmungen sind heutzutage wohl die einzig legitime Form, dieses über die Jahrzehnte totgespielte Songmaterial fürderhin guten Gewissens zu kredenzen.
Christos Davidopolous, seines Zeichens Münchner Optimal-Plattenladen-Chef und Trikont-Rembetiko-Sampler-Kompilierer, erzählt in den launigen Liner-Notes zum schmissigen Album, die er im Verbund mit dem allseits geschätzten Augsburger Autor Franz Dobler verfasste, unter anderem auch die Geschichte über die Geburtsstunde der Grexits bei einer Benefizveranstaltung für soziale Initiativen in Griechenland im Münchner Milla-Club, anno 2013.
The Grexits spielen demnächst live in München zu folgenden Gelegenheiten: am 22. Juli im Ampere und am 26. August im Rahmen des Sommer-Theatron-Festivals im Olympia-Park.
(*****)

Ippio Payo – All Depends On Nature (2017, Echokammer)

In einer knappen halben Stunde entfächert der Münchner Allrounder Josip Pavlov mit Unterstützung des Drummers Tom Wu unter dem Bandnamen Ippio Payo in sechs Stücken einen bunten, schwerst beeindruckend-überwältigenden Strauß aus der wunderbaren Welt des instrumentalen Postrock und der Kraut-Psychedelic.
In „Companions“ interpretiert er das Genre als repetitiven Indie-Rocker im nervösen Feelies-Kontext, die Hypnose-Spielart des Postrock, quasi. „Ankommen“ trifft im tiefenentspannten Flow als relaxter Hawaii-Ethno-Slide-Blues ein, man sieht die Blumen-bekränzten Mädels im Bast-Rock förmlich vor dem inneren Auge mitgrooven, Musik, die derart positiv besetzte Assoziationen heraufbeschwört, kann nicht genug gelobt werden.
Im weiteren Verlauf steigert sich das Duo in einen betörenden Krautrock-Fluss, im herrlichen „Terra Meter“ nehmen Pavlov und Wu den Hörer mit auf einen düster funkelnden, psychedelischen Space-Trip, angereichert und formvollendet durch beigemischte Electronica-Würze von Tobias ‚Hopsing‘ Laemmert, die ausgiebigen 7 Minuten hätten jedem Longplayer der Kölner Experimental-Pioniere Can zur Ehre gereicht. „Fisherman“ würdigt die Kraut-/Ambient-Variante der Chicago-Schule aus dem Hause Tortoise und „I Owe You A Dinner“ beginnt als einfach strukturierte Klangmeditation, die den Postrock in die finale, rauschhafte Kontemplation überführt.
Josip Pavlov, a man of many talents, ist auch bei den Grexits (siehe oben) als Drummer, bei Zwinkelman (siehe unten) und Das Weiße Pferd als Gitarrist und bei der Münchner Postrock-Band Majmoon als Bassist zugange, wie Ippio Payo alles durch die Bank empfehlenswerte Münchner Bands/Projekte, man darf getrost gespannt sein, was als nächstes kommt von diesem Ausnahme-Musiker.
„All Depends On Nature“ ist derzeit bei den Konzerten von Ippio Payo erhältlich, ab November 2017 via Echokammer dann auch im gut sortierten Fachhandel und Versand.
In München spielen Ippio Payo live am 1. Juni in der Roten Sonne einen Warm-Up-Gig für das Noise Mobility Festival in der Glockenbachwerkstatt (3. – 5. Juni), Josip Pavlov präsentiert einen Solo-Auftritt am 26. Juli in der Bergschmiede (ex-Galerie gUT, ex-Bienenorden), zusammen mit dem wunderbaren slowenischen Weltmusik-Trio Širom.
(***** – ***** ½)

Zwinkelman – Hallo Lullu / GoldWert 7“ (2017, Echokammer)

Josip Pavlov, once more: zusammen mit seinem kongenialen Gitarren-Partner Dominik Lutter veröffentlicht er demnächst den ersten Zwinkelman-Tonträger und fängt damit die reine Schönheit der minimalistischen Live-Vorträge ein, das Instrumental-Duo wurde an dieser Stelle bereits in jüngster Vergangenheit ob ihrer berückenden Support-Konzerte für die amerikanische Indie-Legende Chris Brokaw und die südkoreanischen Ausnahme-Postrocker Jambinai 잠비나이 gewürdigt, mit der ersten Single dürfen sich die Freunde der gepflegten Akustikgitarre und des filigranen Postrock-Ansatzes künftig zwei feine Zwinkelman-Arbeiten als Tonkonserve zur heimischen Nachbetrachtung und zum Schwelgen im tonalen Wohlklang angedeihen lassen – wie stand hier vor Kurzem zu lesen:
„Das Duo beschreitet neue Wege des instrumentalen Ausdrucks, indem es abstrahiert und loslässt vom gängigen Postrock. Keine Gitarrenwände, keine explodierenden Lärm-Fontänen, kein altbekanntes Laut-Leise-Auf-und-Ab: Zwinkelman und ihr alternativer akustischer Routenplaner für das Beschreiten instrumentaler Klanglandschaften führt in ruhig-kontemplativer, nahezu meditativer Manier heran an die Erweiterung der Hörgewohnheiten.“
Das Release-Konzert zur Single steigt am 13. Juni in der Münchner Polka Bar, Pariser Straße 38, Zwinkelman haben für diesen Abend den Klangkünstler Jason Arigato zwecks Gastauftritt geladen.
(*****)

Konzert-Vormerker: Ippio Payo

Der Münchner Multi-Instrumentalist Josip Pavlov (of Zwinkelman-, Grexits-, Das Weiße Pferd- und Majmoon-Fame) und der ortsansässige Drummer Tom Wu sind Ippio Payo, das Duo spielt einen rauschhaften, betörenden Instrumental-Flow aus faszinierendem Postrock und feinem Krautrock-Gitarren-Ambient mit diversesten Querverweisen in die experimentelle Musik, im November wird die 5-Stücke-EP „All Depends On Nature“ bei Echokammer erscheinen, Besprechung folgt.
Live sind Ippio Payo demnächst zu folgenden Gelegenheiten zu genießen:

20.04. Audiovisuelle Performance „NAQ“ mit Genelabo, Rote Sonne, München
24.04. Konzert mit Mashroom in der Lothringer13-Kunstgalerie/Halle, München, Lothringer Straße 13.