Trance

Reingehört (482): Møster!

Møster! – States Of Minds (2018, Hubro)

Experimenteller Instrumental-Klangrausch im Übermaß, garantiert ohne Kater, dicken Schädel oder andere Unpässlichkeiten: Der norwegische Jazz-Bläser Kjetil Møster hat mit einer Formation aus renommierten Landsmännern – unter anderem ist Motorpsycho-Gitarrist Hans Magnus Ryan mit von der Partie – ein Doppelalbum eingespielt, das vor kreativen Ideen nur so strotzt und auch nach dem x-ten Abhören und Eintauchen in diesen überbordenden Kosmos der Töne in seiner gesamten Virtuosität kaum zu fassen ist. Auf „States Of Mind“ geschieht in 80 Minuten mehr als bei vielen Bands und Solisten über die Jahre in ihrem kompletten Gesamtwerk.
Die fünfköpfige Zusammenkunft aus Jazzern und Rock-Musikanten zelebriert ihre exzeptionelle Klangkunst in einem weiten Feld von abstrakter Losgelöstheit von gängigen kompositorischen Strukturen über ungebändigte Improvisations-Flows bis hin zu konkreter Formgebung, mit allen denkbaren Freiheitsgraden dazwischen. Aus intensivem Ambient-Trip, irrlichternden, experimentellen Psychedelic-Drones und unkonventioneller Kraut- und Progressive-Electronica aus dem modularen Synthie schält sich ein Bläser-dominierter Groove, der sich zu einem eigenständigen Werk innerhalb eines Stückes einschwingt, Ansätze sowohl von Big-Band-Jazz, Blues, tanzbarem Soul wie auch Harmolodic-Funk aus der James-Blood-Ulmer-Ecke erkennen lässt, um sich im weiteren Verlauf in Jazzcore-Härte, lärmende Noise-Gitarren, erratische Tempi-Wechsel und strenge No Wave zu verflüchtigen. Und im nächsten Stück dekonstruiert das Quintett dann wieder alles komplett anders, zerlegt die zahllosen Spielarten der avantgardistischen Musik in ihre Einzelteile und setzt sie neu zusammen. Jede Nummer gleicht einer Spielwiese für hunderte von Ideen und inspirierte Umsetzung, dabei wirkt trotz furiosem Zusammenprall der Stile und Einstürmen auf die Hörerschaft nichts beliebig, jeder Ton scheint den stimmigen Platz zu finden und liefert so seinen Beitrag zu einem faszinierenden Gesamtkunstwerk. Jazz, der quasi als Industrial, Trance oder Hardcore mit anderen Mitteln funktioniert, eine gedeihliche Symbiose mit experimentellem Rock eingeht, und selbst für Strömungen der Klassik im Geiste der Neuen Musik offen ist.
Dem musikalischen Verständnis von Kjetil Møster und seinen Begleitern das Label Free- oder Avantgarde-Jazz aufzudrücken, würde den zehn Kompositionen mit einer Laufzeit zwischen einer und über zwanzig Minuten in keinster Weise gerecht werden, hier ist eine Combo am Werk, die sich in keinen gängigen Rahmen fügt und mit einer Handvoll stilistischer Beschreibungsversuche nicht fassen lässt. Das ausgewählte Soundbeispiel für diesen Beitrag mag stellvertretend für den Spirit des Albums stehen, als exemplarische Nummer für das gesamte Werk kann es nicht taugen, zu einzigartig ist jeder Titel ausgestaltet.
Möglicherweise ist das sogar der Jazz für Leute, die mit Jazz ansonsten wenig bis nichts anfangen können. Garantiert ohne Nervengift vom Schlage Miles Davis oder ähnlichen Ungenießbarkeiten. Trotz aller Fokussierung auf das Neue finden sich Reminiszenzen an Coltrane, Coleman, Ayler, transformiert und nur in homöopathischen Dosen, das taugt als raffinierte Würze natürlich immer. Wie eben auch punktuelle, als kurze Spots aufleuchtende Querverbindungen zu This Heat, Blurt, Thurston Moore, Black Flag, Can und vielen anderen Musikern, die im Zweifel nicht im Fokus des klassischen Jazz-Fans stehen. Insofern: wer Ohren hat, der höre hinein in diesen Quell der unerschöpflichen Unfassbarkeiten.
„States Of Minds“ ist vor einigen Tagen beim norwegische Label Hubro veröffentlicht worden, dem geschätzten Experimental- und Jazz-Spezialisten für ebensolche Ausnahme-Artefakte.
(*****)

Very special thanks an Henry vom radiohoerer-Blog.

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Reingehört (474): Sandro Perri

„One of the most singular producers in contemporary music.“
(Boomkat)

Sandro Perri – In Another Life (2018, Constellation Records)

Da steht demnächst was Feines ins Haus: Das neue Album vom Kanadier Sandro Perri, man of many talents. Bis dato sind bereits zahlreiche Veröffentlichungen des Musikers und Produzenten aus Toronto unter eigenem Namen wie Pseudonymen (Polmo Polpo, Glissandro 70, Off World) zu vermelden, von Postrock über Ambient-Experimente bis Folk ist eine breit gefächerte stilistische Auswahl im Angebot. Einige Jahre bei den wunderbaren Great Lake Swimmers indie-folkloristisch mitmusiziert, gemeinsame Arbeiten mit Stephen Malkmus und vielen anderen Alternative/Experimental-Experten, die Bühne mit Koryphäen wie Philip Glass, Michael Hurley, Tortoise und Destroyer geteilt, diese Vita lässt sich sehen.
Zum Einstieg in den neuen Tonträger klotzt Perri ordentlich und zelebriert das Hauptwerk genüsslich im Geiste des slow food: der über 24 Minuten lange Titeltrack „In Another Life“, ein leicht nervöses Zucken des sequentiellen Synthies im wunderschönen, minimalistischen Indiepop/Ambient-Rahmen, zu dem der Musiker seine tiefenentspannten, trägen, immer wiederkehrenden Lyrik-Loops singt, ein steter, langer und ruhiger Fluss als Mantra-artige Zeitlupen-Electronica-Inszenierung, die mit weniger Talent gesegnet wohl nach einigen Umdrehungen zu einschläfernder Monotonie führen würde, in dieser Form aber nie enden möge – ein Song wie Sonnen-durchflutete, entspannte und im Tagesrhythmus völlig entschleunigte Ferien, in denen niemand nach Anderem verlangt. Der US-amerikanische Folk-Singer David Munyon hat in seiner Nummer „Surfin“ einst die schöne Textzeile „I hope this summer vacation never ends“ untergebracht, Sandro Perri selbst nennt die Arbeitsmethodik zum neuen Album „an experiment in infinite songwriting“, und so wäre der Song über die Mehrdeutigkeit unrealisierter Utopien wohl der Soundtrack dieses Jahrhundert-Sommers schlechthin geworden, wäre er denn bereits offiziell veröffentlicht, aber auch im Frühherbst wird er noch unvermindert seinen magischen Zauber entfalten, ohne jeden Zweifel. Immerhin knapp 6 Minuten dieses exzellenten Indie-Electronica-Pop-Kleinods gibt es bereits jetzt als Exzerpt über diverse Streaming-Dienste zu erkunden, guckst und hörst Du unten.
Seite Zwei des Tonträgers ist ähnlich konzipiert, die vergleichsweise kürzeren drei Teile von „Everybody’s Paris“ sind Variationen zu einem Thema, die sich zu einem weiteren, zwanzig-minütigen Flow auswachsen, den Gesang zu Part 1 steuert Perri selbst bei und übergibt das Mikrophon dann im weiteren Verlauf des Song-Zyklus an André Ethier von der kanadischen Indierock-Band The Deadly Snakes, der seinerseits den Staffel-Stab final zum Destroyer/New-Pornographers-Sänger Dan Bejar reicht zwecks Ausfüllen des popmusikalischen Lückentextes, stilsicher arrangiert als Slow-Down-Hybrid im Spannungsfeld der neoklassischen Minimal Music, der artifiziellen Bar-Jazz-Croonerei und leichtfüßig-flockiger, abstrakter Ambient-Atmosphäre.
Sommer-Melancholiker, Leben-Entschleuniger, Harmonie-Süchtige, aufmerksame FreundInnen des gepflegten, intelligenten, einnehmenden, essenziellen Indiepop-Experiments, watch out: „In Another Life“ von Multitalent Sandro Perri erscheint am 14. September beim kanadischen Indie-Label Constellation Records.
(***** – ***** ½)

Reingehört (469): David Eugene Edwards & Alexander Hacke

David Eugene Edwards & Alexander Hacke – Risha (2018, Glitterhouse Records)

16-Horsepower- und Wovenhand-Schamanismus, mit anderen Mitteln umgesetzt, oder: indianische Geisterbeschwörungen treffen auf Berliner Avantgarde-Kunst. Man kennt und schätzt sich seit gemeinsamen Beiträgen zur Musik des Stummfilms „The Glasshouse“ von Danielle de Picciotto, zur bis dato letzten Reinkarnation der australischen Düster-Neoblues-Combo Crime And The City Solution und den Arbeiten zum Abmischen des 2012er Wovenhand-Albums „The Laughing Stalk“, jetzt hat sich erstmals die Gelegenheit zu einer gemeinsamen Kooperation/Duo-Arbeit für David Eugene Edwards und Alexander Hacke ergeben.
Der Wovenhand/ex-16HP-Wanderprediger und der Einstürzende-Neubauten-Noise-Experimentator lassen auf „Risha“ (arabisch für „Feder“) organische und digitale Klangwelten aufeinander einwirken und in einem erstaunlich harmonischen, über die Maßen gelungenen, gegenseitigen Befruchten gedeihen. Der von welchen Geistern auch immer getriebene Southern-Gothic-Preacher Edwards entführt wie bereits so oft in der Vergangenheit geschehen in karge, Wind-durchwehte, alttestamentarische Wüstenlandschaften, in denen seine gespenstischen, manisch schwadronierten Beschwörungsformeln um so nachhaltiger ihre hypnotische, intensiv einwirkende Kraft entfalten, im Prinzip treibt er hier nichts anderes als auf den meisten Tonträgern und jüngsten Konzerten seiner Stammcombo auch, deren Nummern sich mit den Jahren mehr und mehr in einer betörenden Wucht steigerten und auf der aktuellen Duett-Arbeit das Level auf dem Niveau des letzten Wovenhand-Tonträgers „Star Treatment“ konservieren, hier eben alternativ zu schneidenden Gitarrenriffs und donnernden Trommeln durch massives Electronica-/Post-Industrial-Sampling, atmosphärische Ambient-Downtempo-Bässe, Synthie-Drones und treibende, artifizielle Rhythmik aus der programmierten Beatbox von Alexander Hacke angereichert. Der Neubauten-Berserker, Zerstörer gängiger Sound-Entwürfe und Angreifer tradierter Hörgewohnheiten zeigt sich auf der Duett-Premiere erstaunlich wenig im lärmenden Chaos verhaftet, gibt vielmehr einen schöpfenden, erschaffenden Gott an den Reglern und Geräte-Schraubknöpfen und fügt sich so durch seine abstrakten Klangmalereien mit kaum wahrnehmbaren tonalen Reibungsverlusten wunderbar passend in das Edwards’sche Crossover aus Desert Blues, Alternative Country, Native American Geistertanz-Folk und düster-religiöser Gospel-Psychedelic, die der gerne mit indianischer Mystik und biblischer Symbolik hantierende Songwriter aus Denver/Colorado auf „Risha“ dem Titel entsprechend um arabische Sound-Elemente, Klampfen auf der persischen Langhals-Laute Saz und der Bouzouki, nahöstliche Folk-Zitate und orientalische Taktgebung erweitert, schwergewichtige Klangdramatik fernab jeglicher Folk-Pop-Beschwingtheit bleibt selbstredend obligatorisch.
Der Soundtrack für die heftigen Sommergewitter. Thunder and Lightning, und Sintflut sowieso…
(*****)

Die große Kraft des Manitou meets the Spirit of Electronica, konzertant im Spätherbst zu folgenden Gelegenheiten:

20.10.Berlin – Lido
26.10.Amsterdam – Paradiso
29.10.Brussels – Orangerie
30.10.Paris – La Maroquinerie
27.10.Köln – Stadtgarten
28.10.Nijmegen – Doornroosje
01.11. – München – Strom
02.11.Zürich – Bogen F
08.11. – Wien – Flex