Trash-Country

Eugene Chadbourne & Steven De Bruyn @ Furtner, Freising, 2018-09-28

The great Eugene Chadbourne revisited, bereits zwei Wochen nach seinem grandiosen Auftritt mit Lokalmatador Titus Waldenfels und Drummer Schroeder in der angestammten Realwirtschaft Stragula im Münchner Westend noch einmal in oberbayerischen Gefilden, der Moosburger Jazzclub Hirsch machte es möglich und lud The Good Doctor Chad zusammen mit dem belgischen Bluesharp-Virtuosen und Rhythm-Junks-Musiker Steven De Bruyn aka Stevo Harpo in ihrer gemeinsamen Inkarnation als „Sonny And Brownie From Mars“ in die historischen Gemäuer des Furtnerbräu, zentralst in der altehrwürdigen Domstadt Freising gelegen, von München aus dreißig Kilometer den River Isar hinauf.
Kurz vor seiner Heimreise nach ausgedehnter Europa-Tour zurück in die Staaten – „My Wife couldn’t hardly remember my face…“ – hochwillkommen erneut die Gelegenheit, den großen Indie-Avantgardisten, Musikkritiker und Buch-Autor einmal mehr und zu dem Anlass in anderer als gewohnter Begleitung zu genießen, im gut gefüllten, Holz-vertäfelten Nebensaal des über fünfhundert Jahre alten ehemaligen Brauereigebäudes gestaltete Doc Chad zusammen mit dem Mundharmonika-Spieler aus dem schönen Gent den Abend deutlich experimenteller als seinen vor Kurzem bespielten Stragula-Gig, der für seine Verhältnisse jüngst geradezu konventionell als Folkrock- und Alternative-Country-Exkursion ausfiel. Der erste Teil des Konzerts am Freitagabend widmete sich einer ausgedehnten Würdigung US-amerikanischer Old Time Music, die Titel wie bei Chadbourne üblich aus einer umfangreichen Stoffsammlung spontan ausgewählt und dem Mitmusiker als improvisatorische Herausforderung und Aufgabe unvermittelt zum adäquaten Begleiten gestellt: Auch wenn Steven De Bruyn das ein oder andere Mal etwas zweifelnd und mit fragenden Blicken dem Meister nicht mehr folgen mochte und keinen Einstieg in das gemeinsame Musizieren fand, weil jener sich auf seinem Banjo in unvergleichlicher Chadbourne-Manier mit einzelnen, erratischen Saiten-Anschlägen und dissonantem Picking an der Auflösung jeglicher gängigen Song-Struktur abarbeitete, so entfalteten sich die allermeisten Nummern doch im Duo-Vortrag in einem Spannungsfeld aus angeschrägtem Freak-Out-Country-Blues, uraltem Outsider-Folk und zeitlosem Appalachen-Bluegrass, begleitet vom freien, beseelten und differenzierten Spiel auf der Bluesharp, das den Nummern trotz experimenteller Saiten-Frickelei, freigeistigen Folk-Drones und unkonventioneller Free-Jazz-Kakophonie den geerdeten Südstaaten-Touch der uralten Baumwollpflücker-Musik angedeihen ließ.
Neben einer Auswahl an Werken wie „Pastures Of Plenty“ aus der Feder von Woody Guthrie, die sich in der experimentellen Inspiration Chadbournes zu einem Ambient-artigen Desert Folk Free Flow ausdehnten, übernahm De Bruyn für eine Handvoll Eigenkompositionen das Ruder, bei einer flämisch besungenen Nummer wie bei einer modernen Blues-Adaption inklusive Loops und atmosphärischen Samples zog der sympathische Belgier alle Register seiner Kunst und zeigte eindrucksvoll, was auch beim Mundharmonika-Spiel mit entsprechendem Pedal-Einsatz alles an klanglichen Effekten möglich ist. „Another Kind Of Blues“, um den alten Charlie Harper von den UK Subs mit einem Album-Titel zu zitieren, auch wenn sich das Punk-Urgestein in dieser anderen Art des Blues mit seinen Vorstellungen wohl kaum wiedergefunden hätte.
Nach der Pause griff sich Chadbourne seine umgebaute, elektrisch verstärkte Resonator-Gitarre und schmetterte, grollte und parodierte sich durch eine Auswahl möglicher und unmöglicher Interpretationen aus dem weiten Feld der Pop- und Rockmusik, zu denen auch in dem Teil Steven De Bruyn mit seinem inspirierten Harmonika-Gebläse den Boden-Anker ins Fundament der Songs senkte. Den Petula-Clark-Hit „Downtown“ persiflierte The Good Doctor mit seiner unnachahmlichen Grimassen-Schneiderei, bevor der Sixties-Schlager zur reinen Mitsing-Nummer verkam, erinnerte er sich an seine eigenen Pedal-Fertigkeiten und jagte das gute Mainstream-Stück mit verzerrtem Hardrock-Trash durch den Killdozer-Fleischwolf. Die Interpretation von „Lucifer Sam“ entbehrte auch in der Chadbourne/De-Bruyn-Version nicht einer gewissen Psychedelic, wenn auch im Vergleich zum Pink-Floyd-Original in weitaus ferneren, windschieferen Outsider-Galaxien, in die sich dann tatsächlich nur noch ausgewiesen unerschrockene Soundtüftler wie der Doc zu entsprechenden Forschungszwecken vorwagen. Beim anrührenden Anstimmen des Nick-Drake-Klassikers „Time Has Told Me“ ließ Chadbourne hingegen den gebührenden Ernst walten und präsentierte den Song würdig als wunderschöne Ballade, als Absacker des Abends gegen Ende des Konzerts.
„There Is Nothing Like A Grateful Dead Concert“ ließen Garcia und Co oder irgend ein findiger Sprücheklopfer bei Warner Brothers damals zum Begleittext auf das Cover der „Europe 72“-Live-Scheibe der kalifornischen Jam-Institution pinseln, in Sachen Unvergleichbarkeit kann auch Eugene Chadbourne seit Jahrzehnten einen Riesen-Zylinder in den Ring schmeißen, und es klingt auch keines seiner Konzerte wie das andere, das demonstrierte er vor zwei Wochen in München, er hat es am vergangenen Freitag im uralten Freisinger Brauerei-Gebäude im Verbund mit dem flämischen Bluesharp-Meister Steven De Bruyn einmal mehr eindrucksvoll unterstrichen. Next Time wieder Stragula, I presume. Guten Heimflug, Doc, und eine sichere Wiederkehr im nächsten Jahr. Die Welt braucht so einiges an Erbauung in diesen Tagen, zwingend von Zeit zu Zeit ein Konzert von Eugene Chadbourne und seinen kongenialen Begleitern, so oft wie nur irgend möglich…

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Eugene Chadbourne, Schroeder & Titus Waldenfels @ Stragula, München, 2018-09-13

Kennt wahrscheinlich jede/r in der ein oder anderen Form: diese permanent wiederkehrenden Ereignisse im Jahresverlauf, die sich jedesmal irgendwie gleich und auf Dauer mehr oder weniger eintönig anfühlen und doch in schöner Regelmäßigkeit im immer gleichen Modus durchexerziert werden, Weihnachten, Allerheiligen, bis zum Ableben vom Kilmister der Satz heiße Ohren beim Motörhead-Konzert in der Adventszeit oder der Autobahn-Stau in den Ferien, Beispiele finden sich da genug im jeweiligen persönlichen Kalender. Das andere Extrem: einmal und dann in der Form so nie wieder. Und dann gibt es noch den permanent gleich abgesteckten Rahmen, in dem alles Mögliche passieren kann, nur nicht das Gleiche zweimal, wie etwa das jedes Jahr in der Münchner Realwirtschaft Stragula anberaumte, mittlerweile zur guten Tradition gewordene Konzert vom US-Freigeist-Unikat Eugene Chadbourne und seinen beiden Mitmusikern zu dieser Veranstaltung, dem Freiburger Schlagzeuger Schroeder und dem ortsansässigen Organisator/Multiinstrumentalisten Titus Waldenfels – ein Pflichttermin aus der Wiederholungsschleife, der sich doch immer wieder neu erfindet und so mit allen anderen vorangegangenen Abenden in der Form nichts gemein hat.
„The Music Of My Youth“ des Good Doctor Chad offenbarte sich am vergangenen Donnerstag im ersten Teil des Konzerts als für seine Verhältnisse sehr stringente Spielart des Country- und Folk-Rock, zu dem der ex-Shockabilly-Musiker dann und wann die Gitarre hart und laut heulen ließ, mit Free-Jazz-unkonventionellen Saiten-Zaubereien äußerst sparsam hantierte, nichtsdestotrotz einmal mehr der unüberschaubaren Sammlung an Fremdwerken seinen unverkennbaren Stempel aufdrückte und damit das Material aus Originalen aus einem weiten Feld vom Slade-Glamrock bis hin zum Liedgut des großen Johnny Cash zu seinem eigenen machte. Die Würdigung des Man in Black drängte sich zu der Gelegenheit förmlich auf, galt es doch Tags zuvor den 15. Todestag der Country-Ikone zu betrauern, Titus Waldenfels dürfte zur improvisierten Präsentation von „When The Man Comes Around“ den gebotenen Spirit und Respekt für das Werk noch von seiner am Vortag im Milla über die Bühne gegangenen Tribute-Veranstaltung „In Cash We Trust“ mitgebracht haben. Waldenfels als einer der profiliertesten und fleißigsten Münchner Experten für handgemachte Musik aus dem weiten Feld des Country-Swing, des Jazz und des Blues erwies sich an dem Abend wie auch Drummer Schroeder erwartet und erneut als der kongeniale Musiker, der mit seinem versierten Spiel an Gitarre, Lap Steel und Fidel im Verbund mit der Rhythmik Schroeders das Feld bereitete für die experimentelle Americana des einzigartigen tonalen Freidenkers Eugene Chadbourne. Das Gespür für eine geerdete Melodik bei Waldenfels und die locker aus der Hand getrommelte, mitunter auch mit ungewöhnlicher Gerätschaft wie einem Satz Sternwerfer oder einer Eisenkette erzeugte Taktgebung am Perkussions-Instrumentarium bei Schröder sind bereits ohne Zweifel erwähnenswert, noch weit mehr in Staunen versetzt bei jedem Konzert des Trios der Umstand, dass die Setlist vor keinem Konzert festgelegt ist, Maestro Chadbourne aus seinem umfangreichen Katalog spontan die Stücke wählt und die Mitmusiker in exzellenter improvisatorischer Bravour umgehend ohne Stocken oder falschen Anschlag in den Flow der jeweiligen Nummer einsteigen, da sind drei Meister ihres Fachs am Werk, die sich durch zahlreiche zusammen gespielte Konzerte blind verstehen, lebendiger kann man einen musikalischen Vortrag eigentlich nicht mehr gestalten. Wo Chadbourne in der Vergangenheit gerne frickelte und sich in Schieflage verkünstelte, jammte, experimentierte und verfranste, war die Zielrichtung an dem Abend eine direktere, straighter abrockende, den Fokus auf den Kern der Songs legende.
Nach einer kurzen Pause erging sich das Trio in einem ausgedehnten Exkurs in einem weiten Feld an experimentellen Bluegrass-, Free-Folk- und Country-Spielarten, Eugene Chadbourne ließ sein Banjo-Spiel nahezu in Trance frei und fernab der reinen Lehre fließen und legte Hand an Klassiker und Hits wie „Wishing Well“, „Under The Bridge“ oder der zum staubtrockenen Schräglagen-No-Wave-Blues umstrukturierten Soulnummer „Chain Of Fools“ als Verneigung vor der jüngst verstorbenen Aretha Franklin. Ausgesucht stimmungsvoll gelang die windschiefe Interpretation des Kristofferson-Klassikers „Sunday Mornin‘ Comin‘ Down“, ein in jeglicher Ausgestaltung unzerstörbarer Song, der seinen unwiderstehlichen Charakter nicht zuletzt in der weltbesten aller bis dato geschriebenen Textzeilen – „The beer I had for breakfast wasn’t bad“ – entfaltet. Hinsichtlich Erbauung speziell der Cowboy-Gemeinde stand der Merle-Haggard-Song „No Reason To Quit“ dem in nichts nach, das gute Stück war bereits vor über dreißig Jahren Primus inter pares auf der exzellenten Liedersammlung „LSD C&W – The History Of The Chadbournes In America“ (1987, Fundamental) mit einer umfangreichen Auswahl an Nummern aus dem Kosmos der anglo-amerikanischen Pop-Geschichte, die für die musikalische Sozialisation des Doc Chadbourne mitverantwortlich zeichneten.
Dem Publikum im vollbesetzten Stragula stand der Sinn nach mehr, als die letzten Klänge der Zugabe verhallten, es hätte die ganze Nacht gerne so weitergehen dürfen mit den improvisierten Kleinoden aus dem unerschöpflichen Fundus der Meilenstein-Neubearbeitungen durch den grandiosen Outsider-Musiker und ausgewiesenen Entertainer aus Boulder/Colorado und seinen beiden an Inspiration und Talent in nichts nachstehenden Begleitern. So bleibt die Vorfreude auf das nächste Jahr, wenn sich die Herren Chadbourne, Schroeder und Waldenfels im Stragula wieder die Ehre geben und zu der Gelegenheit schwer vermutlich erneut ein komplett anderes Programm aus dem Hut zaubern.

Los Gatillos @ Polka Bar, München, 2018-09-12

Die Woche zuvor erblickte der erste gemeinsame Tonträger vom „King of primitive Folk & Garage Swing“ Fred Raspail, ex-Dead-Brother/now-Sultan-of-Swing-Revue Pierre Omer und Hell’s-Kitchen-Blues-Gitarrist Monney B unter dem gemeinsamen Bandnamen Los Gatillos beim Münchner Indie-Label Gutfeeling-Records das Licht der Welt, am vergangenen Mittwochabend wurde die rundum gelungene Schweizer-französiche Co-Produktion im Kellergewölbe der Haidhauser Polka Bar auch konzertant aus der Taufe gehoben.
Die Lokalität war vollgepackt mit treuen Verehrern und vor allem Verehrerinnen der Kunst der drei begnadeten Entertainer, die Luftfeuchtigkeit stieg beim Energie-versprühenden Vortrag des Trios bei spätsommerlichen Temperaturen entsprechend schnell in höhere Grade, womit das Gewölbe den optimalen Rahmen abgab für den schweißtreibenden Garagen-Blues- und Rock’n’Roll-Anschlag des Trios, mit dem sie das Gros ihrer neuen Songs präsentierten. Wo auf dem Tonträger oft differenziertere Chanson-, Vaudeville- und Country-Spielarten oder der von Fred Raspail kultivierte „Dirty French Folk“ erklingen, gingen die three Cats of Los Gatillos im Live-Vortrag weit mehr in die Vollen, dem Rasiermesser-scharfen Slide-Gitarren-Twang von Monney B standen die beiden Mitmusiker mit Saiten- und Trommelanschlag und rasselndem Gepolter auf dem Waschbrett in nichts nach. Neben einer Handvoll Balladen wie dem stets gern genommenen „Wayfaring Stranger“, das Raspail bereits solistisch in der Vergangenheit in hinreißend einnehmender Version vorzutragen wusste, tobte sich die Combo vor allem vehement das Instrumentarium beackernd in der Trash-Garage aus, der Blues der Gatillos swingte, hallte und krakeelte zwischen Surf-Sound, Fünfziger-Jahre-R’n’R-Schmelz und den sumpfigen Swamp- wie staubigen Desert-Spielarten, schwerst Party-tauglich zur Feier des neuen Albums.
Der PJ-Harvey-Schlager „Down By The Water“ wurde speziell Leonie Felle gewidmet, die selbst auch ab und an sehr schön singt auf den Bühnen dieser und anderer Städte, eine feine Geste, die das Filigrane vom Original der guten Polly Jean über Bord schmiss und damit im zupackenden Trash-Gewand heftig abrockte, dem Bewegungsdrang des Publikums im vollgepackten Bar-Gewölbe war’s mächtig förderlich.
Der zum ersten Mal in München auftretende Monney B gab den hart arbeitenden, alles aufbietenden Blues-Mann, Fred Raspail überzeugte einmal mehr als großer Unterhalter, im Verbund mit dem zuweilen nach vorne drängenden Geist von King Elvis in einer leicht derangierten Inkarnation, und in den Underground-folkloristischen Passagen durfte Pierre Omer am Akkordeon glänzen, so auch bei der Zugaben-eröffnenden, irrlichternden Folk-Drone-Version der Nummer „Blau“, die sich nach minutenlangem, seltsamem Akustik-Trance im fließenden Übergang zu einer finalen, jaulenden Gitarren-Trash-Blues-Orgie auswuchs.
Los Gatillos sind die weltbeste Band zur Beschallung eines Kaurismäki-, Coen- oder Tarantino-Films, die bisher noch nie im Soundtrack zu einem Streifen dieser Herrschaften zu hören waren. Die Combo, die am Ende der staubigen Straße in der letzten Kaschemme vor der großen Wüste im Hintergrund sitzend nonchalant die Beschallung schmettert zur Vision eines gespenstischen Amerika, das sich seltsamerweise wie eine frankophile Ausgabe in einer aus der Zeit gefallenen, ramponierten und geheimnisvollen Parallelwelt gebärdet.
Wäre das Leben ein Wunschkonzert, Los Gatillos wären ohne Zweifel die Combo, die zwingend mit auf dem Laufzettel der erbetenen Interpreten zur musikalischen Ausgestaltung des Tagesgeschehens landet, das begeisterte Konzertgänger-Volk vom vergangenen Mittwoch wird da wohl kaum widersprechen.
Da lässt sich sogar der Weihwasser-schwenkende Pfarrer berauschen, heimgesucht von den uralten Geistern des Rock and Roll – so schön ist schon lange keine Schallplatte mehr auf die Welt gekommen. Möge ihr ein langes Leben und eine hohe Auflage zuteil werden…