Trash-Country

Fred Raspail @ Café Schau Ma Moi, München, 2018-06-28

Großes One-Man-Band-Theater auf engstem Raum: Das Café Schau Ma Moi, Giesinger Lieblings-Wohnzimmer und bevorzugte After-Kick-Lokalität nach „Löwen“-Spielen/Aufstiegen im nahe gelegenen Heimatstadion, lud am vergangenen Donnerstag zu einem weiteren seiner sporadischen, handverlesenen, kleinen und feinen Konzerte in die Ordnungszelle, die etwas geräumigere Variante im Biergarten der ehemaligen Trambahnwärter-Station fiel dem anhaltenden Dauerregen zum Opfer, und so war es nicht weiter verwunderlich, dass the so-called Telasoul Ballroom (für die Auswärtigen: „Te“ wie „Tegernseer“, „la“ wie „Landstraße“ und „Soul“ wie „Soul“) durch Raum-füllendes Publikums-Antanzen einmal mehr aus allen Nähten platzte beim Gastspiel des französischen Sängers/Drummers/Gitarristen Fred Raspail, viel mehr als circa 30 KonzertgängerInnen braucht’s in dem Fall eh nicht, um die Luft stickig, die Stimmung hoch und den Laden quasi ausverkauft zu gestalten.
Letztens das Gutfeeling-Records-Festival im Feierwerk nicht auf die Reihe gekriegt, so sammelt man sich eben die Perlen des geschätzten Münchner Indie-Labels konzertant zu Gelegenheiten einzeln ein, die „Dirty French Folk Songs“ von Fred Raspail kamen da zeitnah gerade recht, der Musiker aus Lyon und sein unsichtbares Primitive Ghost Orchestra, das sich aus geloopten Drums/Gitarrenakkorden und elektronischen Effekten aus der Pedal-Trickkiste rekrutierte, gaben im heimeligen Rahmen eine vom Start weg einnehmende Vorstellung expliziter Alleinunterhalter-Kunst – schroffes Garagen-Blues-Trashen, schrammeligen Roh-Folk und beherztes Fifties-/Surf-Rock’n’Rollen schmetterte der pfiffige und stets zu einem gehaltvollen Kalauer aufgelegte französische Sympath-Mann aus der Nische neben dem Tresen in den Raum, herzergreifende Prärie-Americana, Chanson-haftes Gypsy-/Western-Swingen und polternde Balladen, Moritaten und Bibel-Gleichnisse bereicherten das Repertoire, multilingual vorgetragen, begleitet von deftigem Saiten-Anschlag und scheppernden Fuß-Drums. Ein Konzert von Fred Raspail mag alles Mögliche sein, von maximal unterhaltendem, gewitztem Jahrmarkts-Lautsprechen bis hin zu schummrigem Sumpf-Bluesen in der Schwarzbrenner-Kaschemme, langweilig ist es zu keiner Sekunde.
Selbst keinen Geringeren als den „King of Rock’n’Roll“ ließ Raspail im persiflierenden wie höchst gekonnten Imitat durch den Raum walzen, den fetten Elvis, wie er betonte, und so feierte die Hüft-schwingende – in dem Fall eher Hüftspeck-schaukelnde – Legende aus Memphis eine kurze Wiederauferstehung als der rausgefressene Zombie, der er in seinen letzten Jahren tatsächlich bereits zu Lebzeiten war. Im Zitieren und Fremdwerk-Covern zeigte sich der Musikant versiert wie im Vortrag des eigenen Materials, der „Folsom Prison Blues“ bleibt auch in der lädierten Trash-Country-Version Raspails eine unkaputtbare Nummer, und beim amerikanischen Folk/Gospel-Traditional „Wayfaring Stranger“ aus dem frühen 19. Jahrhundert wird man in diesem und allen möglichen folgenden Leben aufgrund der unzähligen Versionen des Stücks nicht mehr mit Gewissheit sagen können, welche den nun die einzig wahre und definitive ist, die Fassung von Fred Raspail darf sich aber gerne in den Lostopf schmeißen für die aussichtsreichen Anwärter.
Ausgeprägte, singuläre Entertainer-Qualitäten waren da am Donnerstagabend zu attestieren, die der geborene Bühnen-Artist auch in seinen eingestreuten Geschichten über südamerikanische Heiratsschwindlerinnen, das Befremden des Publikums in ostdeutschen „Public Viewing“-Fan-Meilen ob des Vortrags von alten Country-Songs, den nackerten Ziehharmonika-Spieler Hagen und ebenso textilfreie Blondinen nicht zu knapp unter Beweis stellte.
Der gute alte John Carter Cash trifft Serge Gainsbourg zu später Stunde am Tresen, gemeinsam schwadroniert man Lieder über gescheiterte Beziehungen und den Rattenfänger von Hameln, French Voodoo Girls und den Tanz auf den Gräbern, sowas geht immer und wie in dem Fall vor allem gut ins Ohr wie ins mitzuckende Gebein, demnächst gerne wieder approximativement am 12. September in der Münchner Polka Bar, Fred Raspail wird dann zusammen mit Pierre Omer (ex-Dead Brothers) und Monney B zu der Gelegenheit beim Trio Los Gatillos zugange sein, pour votre plaisier

Raut-Oak Fest 2018 @ Riegsee, 2018-06-10

The third and final report from ROF 2018: Am Vormittag wär’s traditionell mit Riegseer Blasmusik und frischen Weißwürscht aus dem Kessel plus zwingend dazugehörigen Brezen und Weißbier in die letzte Raut-Oak-Runde gegangen, unsereins war da noch fern jeglicher urbajuwarischer Kulinarik im heimatlichen Minga zwecks übernächtiger Regeneration zugange, aber wo’s dann wieder ernst wurde, da war ma dann da, wia a Brezen (oder wie der Weber Max), frei nach Gerhard Polt.
Der dritte und letzte Raut-Oak-Tag sollte sich noch einmal zu einem einzigen Flow an schöner bis überwältigender Musik auswachsen, diejenigen, die bei Williams Wetsox mit einer dem Vernehmen nach deplatzierten Jazz-Sängerin und dem österreichischen New-Wave-of-Volksmusik-Duo Kirschhofer zugegen waren, mögen das etwas anders bewerten, aber spätestens mit dem Auftritt der Donkeyhonk Company – dem Regulären nach dem Spontanen vom Vortag – waren erst mal alle Zweifel über tonale Qualitäten des letzten Festivaltags ausgeräumt, und sie sollten sich auch zu keiner Sekunde mehr einstellen, soviel sei bereits verraten.

Wenn eine hiesige Band aus dem weiteren Umland zwingend auf das Line-Up eines Raut-Oak-Fests gehört, dann dürfte das die Donkeyhonk Company sein. Wig Drumbeat, Basser Don Pedro und der Grimassen-schneidende Frontman Lametto suggerierten einmal mehr, dass die Sümpfe Louisianas, Schwarzbrenner-Kaschemmen im Niemandsland der amerikanischen Prärie und die Ausläufer der Appalachen irgendwo im oberbayerischen Delta Wolnzach/Neuburg/Aichach zu suchen sind, das Trio bot wie zu vielen früheren Sternstunden eine feine Auswahl an Alternative Country Folk, Uptempo-Bluegrass und knarzenden Muddy-Roots-Moritaten, in denen Sänger/Gitarrist Lametto in rauen, schneidenden Blues-Howlern seine kritischen und düsteren Gedanken und Geschichten im eigenen bayerischen Dialekt fernab jeglicher Neue-Volksmusik-Peinlichkeiten neben Roots-geerdeten Tom-Waits-Covers, alten Folk-Traditionals und eigenem Blues-durchtränkten Americana-Gepolter zum Vortrag brachte.
Der Donkey ließ beschwingt seine Hufe klappern zum stampfenden Honkrock der drei oberbayerischen Outlaws, und wenn er nicht irgendwann zum Bocken angefangen hat, dann steppt er da noch heute irgendwo zwischen den weidenden Rindviechern im Riegsee-Umland durch die Gegend.
Die grandiose Coverversion „Abend in der Stadt“, im Original von der ostdeutschen Polit-Band AufBruch, haben sie leider wieder nicht gespielt, die Herren Musikanten, da kannst hinreden wie an eine kranke Kuh oder in dem Fall einen störrischen Esel, aber es sei unumwunden zugegeben: die Nummer hätte in diesem Raw-Blues-Kontext beim ROF auch nicht reingepasst…

Was kann es an einem lauschigen, Sonnen-beschienenen Sonntag-Nachmittag Schöneres geben als den wunderbaren, weitläufig ausgedehnten, seltsamen wie faszinierenden Bigband-Sound von G.Rag Y Los Hermanos Patchekos als Begleitmusik zum entspannten Nichtstun und verträumten Blick-schweifen-lassen über das herrliche Riegseer Voralpen-Panorama?
Mit Bandleader Andreas Staebler als einem unserer profiliertesten, beständigsten, in zahlreichen Formationen federführend mitmischenden Münchner Musikanten und seiner mit zahlreichen versierten und bestens ausgebildeten Instrumentalist_Innen besetzten Hermanos-Patchekos-Truppe ist man hinsichtlich beseelter Hank-Williams-Melancholie, beschwingter Polka mit unüberhörbarem Karibik- und Cajun-Einschlag, scheppernder Texas Bohemia, immer leicht ins Schräge kippendem Funeral-Band-Gebläse und groovendem Swamp Blues noch nie fehl gegangen, vergangenen Sonntag solle es sich keinen Deut anders fügen.
Wo sonst findet sich eine Kapelle, die eine Nummer wie „Rags And Bones“ der kanadischen Hardcore-Punk-Combo NoMeansNo derart gekonnt und unangestrengt als ausgedehntes, schwer groovendes 70er-Soul/Funk-Brodeln einkocht, sie damit in ihre ureigene Klangwelt übersetzt und vom ursprünglichen Jazzcore der Wright-Brüder nicht mal mehr das abgenagte Gerippe übrig lässt?
Daneben ergingen sich die satten Bläsersätze im Verbund mit allerlei Percussion, Melodik und anderweitig Spannungs-beförderndem wie ultra-entspanntem und wunderschönem Geschrammel schwer vermutlich im Material des demnächst angezeigten neuen Tonträgers „How Sweet The Sound“ (Gutfeeling Records, 22. Juni), es wird wohl ein höchst hörenswerter werden, den ersten konzertanten Eindrücken nach zu urteilen.
Rhythmisch begleitet wurden die Hermanos Patchekos von Special Guest Delaney Davidson, die Bigband intonierte die Nummer „Five Bucks“ des neuseeländischen Songwriters als voluminöse Coverversion, zu der Davidson selbst mit zum Mikro griff und süffisant anmerkte, für in selber wär’s ja nun alles andere als ein Fremdwerk.
Ein exzellenter ROF-Auftritt von Kapellmeister Staebler und den Seinen, der demnächst an anderer Stelle beim Gutfeeling Festival im Münchner Feierwerk am 22. Juni nebst weiteren G.RagInkarnationen und anderen ortsansässigen Exzellenzen wie The Grexits, 4Shades oder der wunderbaren Hochzeitskapelle seine Wiederholung finden wird.

Nicht minder bereichernd zu einem entspannten Sommertag spielten Pelo Mono aus Andalusien auf, Guadalupe-Plata-Gitarrist Pedro de Dios als Bankräuber mit der grünen Maske und Drummer Antonio Pelomono als Gorilla verkleidet swingten mit feinem Instrumental-Surf-Blues, der jedem Tarantino-Streifen als alternativer Soundtrack gut zu Gesicht stehen würde. Das Schöne am gedehnten wie verhallten Grooven der beiden Spanier ist der Umstand, dass sich diese extrem relaxte Nummer nicht stilistisch eindeutig an die Wand nageln lässt, hier ein psychedelischer Grundton, dort Anleihen bei Country und Rhythm & Blues in einem gespenstischen, diffusen Trance-Flow, mit dem sich die Gesang-freien Perlen auch als passende tonale Untermalung für schräges B-Movie-Horror-Trash-Fiction-Zeug aufdrängen – ein stimmiges Gebräu, in dem nichts beliebig wirkt und zu dem es sich extremst tiefenentspannt mitgrooven und abhängen lässt, und wenn dann zur Abwechslung beim Raut Oak auch noch das Wetter der gleichen Meinung ist und die entsprechende Beleuchtung zum gedehnten Desert/Surf-Sound liefert, kann einem mindestens für die Stunde der genehmen Beschallung das irdische Schlamassel am Allerwertesten vorbeigehen…

Als einer der großen Namen für das ROF 2018 wäre für den Sonntag kein Geringerer als „The Dirty Old One Man Band“ Scott H. Biram geplant gewesen, der texanische Primitive-Blues/Punk/Country-Songwriter musste bedauerlicherweise bereits vor Wochen seine Europa-Tour abblasen, mit unserem liebsten Schlangenbeschwörer Brennt Burkhart aka Reverend Deadeye fand sich ein mehr als würdiger Ersatzmann zum Heimleuchten des Festival-Volkes auf den rechten Pfad des Gott-gefälligen Lebenswandels, den der Blues-Preacher mit seiner unzählige Male bespielten Resonator-Gitarre in vehementen Soul-Shakern wie der Garagen-/Gospel-Blues-Perle „Drunk On Jesus“ oder dem knarzenden „Train Medley“ voranschritt. Nach intensivem, tief im Blues verwurzelten Solo-Vortrag als Wanderprediger der alten Schule schaltete der Reverend in Begleitung seiner Lebensgefährtin Nicotine Sue einen Gang zurück, im Duett-Gesang und gemeinsamen Gitarrenanschlag zelebrierte das Paar die gepflegte Kunst des geerdeten Country Blues/Folk fern der vehementen Eindringlichkeit diverser in der Vergangenheit erlebter Deadeye-Solo-Auftritte oder den intensiven Erweckungspredigten mit Drummer Brother Al Hebert.
Einziger Wermutstropfen: Der Reverend stimmte keine seiner wunderschönen, Herz-anrührenden Balladen an, keine „Anna Lee“, kein „Coldest Heart“, und auch nicht das schmerzlich vermisste „Her Heart Belongs To The Wind“, die Tränen der beseelten Ergriffenheit ersetzte ein leichtes Bedauern – on the other hand: besagtes Liedgut gab es bereits beim letztjährigen ROF-Gig des Wanderpredigers zu hören, und so ist es doch auch ein löbliches Unterfangen, dass ein Künstler nicht jedesmal den gleichen Zopf spielt.

It’s only rock ’n‘ roll but I like it: The Hooten Hallers aus Columbia/Missouri rockten ein letztes Mal die Bühnenbretter der ROF-Stage, bevor es an die große, beschließende Krönungsmesse des Festivals ging, in dem Fall Gottlob vor weitaus mehr Publikum als im Sommer 2015 in der Münchner Kranhalle, wo sich seinerzeit zum exzellenten Dreierpack der Hallers zusammen mit den beiden One-Man-Band-Koryphäen Joe Buck Yourself und Viva Le Vox gerade mal beschämende 20 Hanseln hinverirrten. Mit dem Liedgut des aktuellen, vor einigen Monaten veröffentlichten, selbstbetitelten Tonträgers im Gepäck spielten Kellie Everett am Bass-Saxofon, Stand-Schlagzeuger Andy Rehm und Gitarrist John Randall einmal mehr groß auf in Sachen schmissiger Fifties-Rock’n’Roll, der die Pforten zur gepflegten Tanzveranstaltung im Gemeindesaal links liegen lässt und sich statt dessen in der Trash-Blues-Garage ein Bier aufmacht und sodann genüsslichst austobt. „One of the best live Rock & Roll bands around today“ lässt die Band-Homepage über die konzertanten Qualitäten des Trios verlauten, kann man getrost ohne Abstriche so unterschreiben – was die Band am vergangenen Sonntagabend zu bester Sendezeit an gepflegtem Entertainment und schmissigen Songs in grundsympathischer Manier zum Besten gab, war einmal mehr aller Ehren wert. Müssig zu erwähnen, dass die von John Randall mit allem herauspressbaren Herzblut im rohen Grollen vorgetragenen, beseelten Rocker und ein paar Balladen-Heartbreak-Schmachtfetzen vor allem durch das geerdete Getröte von Kellie Everett ihren individuellen, satten Soul-Groove verpasst bekamen. Heavy groovy Footstomp auf und noch weit mehr vor der Bühne, to kill the last Grashalm standing…

We welcome you home: Niemand hätte das große ROF-Finale schöner bespielen können als der großartige Konrad Wert aka Possessed By Paul James, einer der schlichtweg aufrichtigsten, intensivsten und begnadetsten Musiker, Geschichtenerzähler und Alleinunterhalter in der weiten Welt der akustischen Folk-Musik. Denjenigen, die mit dem Schaffen des amerikanischen Muddy-Roots-Veterans und Social Workers seit Jahren vertraut sind, muss man das nicht weiter erläutern. Und jene, die bisher mit dem grandiosen Underground-Folk des Barden nicht in Berührung kamen, dürften bereits beim Soundcheck geahnt haben, was da auf sie zukommen mochte, schon beim Instrumente-Stimmen und Tonanlage-Ausloten legte Konrad Wert Energie und Entertainer-Qualitäten sondergleichen an den Tag, die viele Musikanten-Kollegen in ihren regulären Sets nicht auch nur annähernd zu erreichen vermögen.
Nochmalige Steigerung sodann in allen Belangen beim Vortrag seiner Minimal-Folk-artigen Instrumental-Fiddle-Drones, ein wildes wie wunderschön fließendes Uptempo-Geigen, das sein Pedant fand im berauschten Banjo-Spiel des Musikers, im entrückten A-Cappella-Gospel wie in seinen eindringlichst vorgetragenen Folk-Songs über religiöse Erfahrungen und irdische Beziehungen.
Ein Konzert von Possessed By Paul James ist religiöses Erweckungs-Erlebnis wie praktische Lebenshilfe, spirituelle Erfahrung und Handbuch für die Achterbahn des Lebens, der vor schierer Energie berstende Vortrag des charismatischen One-Man-Band-Intensiv-Musikers bringt emotionale, inwendige Resonanzräume zum Schwingen, löst los von dieser Welt und lässt in seinen ergreifendsten Momenten über dem Boden schweben, dargereicht in einer Form, die selbst dem am Weitesten vom Glauben Abgefallenen das Urvertrauen in die amerikanische Folk-Musik zurückgibt.
In der Welt des Konrad Wert ist alles ungeschminkt aus dem Leben gegriffen, harmonische Melodien, ruppigste Verwerfungen, Schmutz, Leid, Streit, Freude, das Geschrei Deiner Feinde, Versöhnung, Tod und Wiederauferstehung.
Die wahrhaftige Underground-Volksmusik des Suchenden und Getriebenen aus Florida kann Einstellungen und Ansichten verändern, neue Denkanstöße geben, vielleicht sogar nachhaltig und dauerhaft. Mindestens für ein paar Tage nach einem PBPJ-Live-Orkan betrachtet man die Mitmenschen wohlwollender und rückt die wirklich relevanten Dinge des Lebens fernab von irdischem Flitter und Tand in den Fokus der Reflexion. Was kann man von einem Konzert, das in dem Fall weit über die Grenzen des herkömmlichen Musik-Entertainments hinausgeht, mehr erwarten? Resolve all my demons…
Einmal mehr in diesem Zusammenhang schwerst ans Herz gelegt sei im Nachgang der exzellente, semi-dokumentarische Film „The Folk Singer – A Tale Of Men, Music & America“ von Independent-Filmemacher M.A. Littler – der im Übrigen höchstselbst die drei Festival-Tage vor Ort war, great to meet you, El Commandante!

Wenn’s am Schönsten ist, soll man aufhören, die Nummer hat beim Raut-Oak Fest 2018 funktioniert wie selten sonst wo. Auch wenn sich eine nicht zu unterdrückende Wehmut über das Ende eines lange herbeigesehnten großartigen Musik-Wochenendes und über das Abschiednehmen für eine ganze Weile von vielen Freunden und Bekannten einstellte, es konnte nach einem derartigen Auftritt nichts mehr kommen, was da noch einen draufzusetzen vermochte.

Immerwährender und herzlicher Dank an Veranstalter Christian Steidl und seine vielen helfenden Hände beim Aufbau, Catering, Organisieren, Stemmen gegen die Widrigkeiten der Witterung, very special thanks an Jay Linhardt für einmal mehr fantastischen Sound, an Mark „Eisi“ Icedigger für charmanteste Anmoderationen, und schlichtweg an alle, die da waren, anregend kommuniziert, wunderbarst musiziert und aufmerksam zugehört haben.

Diejenigen, die nicht dabei waren, dürfen sich jetzt dranmachen, ihre dritten Zähne aus Ober- und Unterkiefer zu fieseln und sich sodann damit selbst in den Allerwertesten beißen – denjenigen Gesegneten aber, die es erleben durften, wird es noch viele Monde lang Tränen des Glücks in die Augen treiben, wenn sie in Erinnerungen an dieses feine, familiäre, mit Sachverstand und Brennen für die Musik zusammengestellte Festival schwelgen, und sie werden in vielen in der Zukunft liegenden Jahren noch ihren Enkelkindern davon erzählen.

Raut Oak 2019: Die 2018er-Ausgabe wird kaum mehr zu toppen sein (andererseits: das stand bereits hier vor einem Jahr zum 2017er-Aufgalopp zu lesen, insofern: dem sehen wir völlig entspannt und zuversichtlich entgegen), aber selbst wenn es im nächsten Jahr auch nur annähernd so gut wird wie heuer, wird es immer noch absolut grandios sein. Versprochen. Auch wenn es (wieder) geschliffene Handbeile schiffen sollte. Insofern Vorfreude pur auf 2019 – so Gott & Christian Steidl & der Grundstückseigner vom Open-Air-Gelände wollen: we’ll meet again!

Reingehört (404): The Hooten Hallers

The Hooten Hallers – The Hooten Hallers (2017, Big Muddy Records)

Auch schon seit ein paar Monden im gut sortierten Fachhandel zu beziehen, aber unbedingt nach wie vor eine Erwähnung wert: Das neue, selbstbetitelte Album der Hooten Hallers aus Columbia/Missouri. Die Band, die sich selbst vollmundig und völlig zurecht als „one of the best Live Rock & Roll Bands around today“ bezeichnet – die Besucher ihrer Shows werden das unwidersprochen unterschreiben – lässt auch auf dem aktuellen Tonträger nichts anbrennen hinsichtlich geerdet-unbehandeltem Muddy-Roots-Blues, American-Gothic-Garagen-Rock’n’Roll und schwerst groovendem Soul. Garniert mit einem Hauch Vaudeville, Country-Punk und zeitlosem Roots-Rock trägt das Trio frei von der Leber weg ihre unverstellten Gassenhauer in die Welt, eine krachige Blues-Gitarre, stoisch-treibendes Trommeln von Andy Rehm am Standschlagzeug und das dunkel grollende Gesangs-Grummeln John Randalls, das sich irgendwo zwischen verschärftem Beefheart- und Tom-Waits-Knurren einreiht, ergeben bereits für sich einen betörend-gespenstischen Party-Mix, der durch das beseelte Getröte von Kellie Everett am Bass-Saxophon die besondere Note, Ergänzung und Erdung in der Suche der Combo nach uralten amerikanischen Musiktraditionen erfährt. Kellie Everett stellte ihre Dienste in vergangenen Zeiten bereits beim Gepolter der Legendary Shack Shakers und für den Country-Blueser Pokey Lafarge zur Verfügung, mit den Hooten Hallers ist sie seit einigen Jahren on the road, auf dem aktuellen Tonträger feiert sie ihr Studioaufnahmen-Debüt mit der Band.
Und die Nummer von wegen eine der besten Live-R’n’R-Bands, die lässt sich beizeiten selbst in unseren Breitengraden fernab der Ozark Mountains verifizieren, irgendwann am Wochenende vom 8. bis 10. Juni 2018, am Riegsee im schönen bayerischen Voralpenland beim auch heuer wieder mit einem großartigen Line-Up versehenen Raut-Oak-Fest von Christian Steidl… Man sieht sich.
(**** ½)

The Hooten Hallers live @ archive.org + weitere Tonträger @ bandcamp.

Eine Kerze für Fred Cole

D for Disaster
E for my Eyes
A for my Anger
D before I die
(Dead Moon Night)

Fred is gone, and the Wind cries Dead in The Saddle: Bereits in den sechziger Jahren unterwegs mit Pop-, Sixties-Punk- und Psychedelic-Bands, an die sich heute kaum mehr wer erinnert, The Lords, The Weeds, am ehesten noch sind The Lollipop Shoppe geläufig, die an der US-Westcoast zahlreiche Anheizer-Gigs für die Doors und Janis Joplin spielten. Dazwischen eine von seinem Management geplante wie gefloppte Wunderkind-Karriere als Deep Soul Cole, der gute Fred verfügte zu der Zeit über ein weitaus breiteres Stimmvolumen als in späteren Jahren und sollte als weißer Gegenwurf zu Stevie Wonder aufgebaut werden.
In den Siebzigern ließ sich Fred Cole mit seiner Frau Toody in Portland nieder, spielte in einigen kurzlebigen Punk-Combos wie den Rats und King Bee und einer Country-Band namens Western Front, diese musikalischen Vorlieben sollte er dann mit seiner späteren, weitaus berühmteren Formation in Einklang bringen.
Seit 1987 war Cole unter dem Totenkopf-/Halbmond-Logo von Dead Moon zugange, dass auch auf seiner rechten Backe als Tattoo prangte, zusammen mit seiner Ehefrau Toody Cole am Bass und dem geistigen Ziehsohn Andrew Loomis an den Drums. Das Trio hat ab den späten Achtzigern bis weit in die Nuller-Jahre hinein die Bühnen dieser Welt gerockt, mit unbeschreiblich intensiven Konzerten, oft über mehrere Stunden, mit einer ureigenen Mixtur aus schrägem Garagen-Trash, verhautem Blues und gespenstischem Prärie-Country, auf die Spitze getrieben mit einer Uptempo-Variante des schnörkellosen Ami-Punk, roh, wild, dreckig und enthusiastisch, so, wie Rock’n’Roll im Idealfall eben klingen sollte, direkt von der Bühne herunter mitten ins Herz hinein.
Ihre in Mono aufgenommenen Alben vertrieb die Band über den eigenen Tombstone-Records-Laden in Portland, der Legende nach kaufte Wipers-Chef und Ortsnachbar Greg Sage dort ab und an seine Gitarren-Saiten.
Dead Moon haben zu Beginn ihrer jahrzehntelangen Karriere reihenweise bekanntere Bands bei gemeinsamen Gigs an die Wand gespielt und so einen völlig gerechtfertigten Ruf als exzellente Live-Band fundiert, das jährliche Gastspiel in der Stadt war für viele Fans traditioneller Pflichttermin, mehr Live-Energie war selten zu verspüren als bei einem der zahllosen, schweißtreibenden Auftritte der glorreichen Drei, dieser Magie nachzuspüren ist auf den hervorragenden Konzert-Alben der Band, „Live Evil“ (1991), „Hard Wired In Ljubljana“ (1997) oder der Archiv-Veröffentlichung „Live At Satyricon“ (2015) wie auch in der sehenswerten Film-Doku „Unknown Passage: The Dead Moon Story“.
Dead Moon lösten sich 2006 auf, das vom Ehepaar Cole mit Drummer Kelly Halliburton betriebene Nachfolge-Trio Pierced Arrow konnte hinsichtlich Songmaterial und Live-Vehemenz nie an frühere Glanzzeiten heranreichen, das mochte zu weiten Teilen auch am neuen Trommler liegen, der dem 2016 verstorbenen Schlagzeug-Tier Andrew Loomis in keinster Weise das Wasser reichen konnte.
Im Frühjahr waren Fred und Toody Cole als Duo nochmals mit ihrem umfangreichen Song-Katalog auf Europa-Tour, ein würdiger wie ergreifender letzter Vorhang in Sachen eigene Band-Historie, der viele dankbare wie verheulte DM-Fans zurückließ.
Thematisch haben sich Dead-Moon-Songs seit jeher mit dem Ableben auseinandergesetzt, Titel wie „In The Graveyard“, „Dead In The Saddle“ oder die Band-Hymne „Dead Moon Night“ sprechen dahingehend Bände.
Vergangenen Donnerstag hat der einzigartige Fred Cole ein letztes Mal seinen verranzten Hut genommen und ist nach einem erfüllten Rock’n’Roller-Leben in die ewigen Jagdgründe eingegangen. Er wurde 69 Jahre alt.

Eugene Chadbourne, Schroeder & Titus Waldenfels @ Stragula, München, 2017-10-24

„The Music Of My Youth“ war das Motto, unter dem der Konzertabend am vergangenen Dienstag in der Westend-Realwirtschaft Stragula stand, ‚The Good Doctor‘ from Boulder/Colorado was back in town, gleicher Ort, gleiche Mitmusiker wie in den vergangenen Jahren, und doch war wieder Etliches einzigartig im Programm, zusammen mit seinen kongenialen Begleitern Schroeder am Schlagzeug und Organisator Titus Waldenfels an Lap Steel, halbakustischer Gitarre, Banjo und Violine zelebrierte Eugene Chadbourne Liedgut aus dem Soundtrack seiner Jugend, im ersten Teil der Aufführung uramerikanischen Stoff aus der Ecke Country, Western, Bluegrass und Hillbilly, den der Doc durch seine unnachahmlich-humorige Art mit pointiertem Gesang, dem obligatorischen Grimassen-Schneiden und ausfransendem Gitarren-Gefrickel im Free-Jazz-Flow jenseits jeglicher gängiger Akkorde und Riffs in sein ureigenes Outsider-Folk-Universum trieb, in dem selbstredend jederzeit auch Platz war für zuckersüßen Slide-Gitarren-Schmelz, atmosphärischen Hall, ein wunderschönes Geigen-Solo im zwischenzeitlichen Lead von Saiten-Allrounder Titus Waldenfels und das Form-gebende, den Laden zusammenhaltende wie virtuose Getrommel vom langjährigen Freiburger Chadbourne-Begleiter Schroeder. Im unüberblickbaren Tonträger-Output des Avantgarde-Pioniers war dieser Teil des Konzerts annähernd vergleichbar an die Ergüsse des 1987er-Fundamental-Albums „LSD C&W – The History Of The Chadbournes In America“ angelehnt, selbst die unkonventionelle Interpretation des Bowie-Klassikers „Heroes“ fügte sich da gut ins Gesamtbild, in der das Trio gekonnt alle Spuren des artifiziellen Prog-Rock verschwinden ließ und die Nummer in Richtung Bluegrass-Bastard mit finalem Atonal-Improvisations-Drone-Fadeout auflöste.
Der Part nach der Pause gestaltete sich dann weitaus heterogener, der schwer zur Schräglage neigende Freak-Country erklang nur noch sporadisch, Chadbourne und Co warteten auf mit einer Hand voll dröhnender Garagen-Rocker, Ausflügen in die Psychedelic, Zitaten aus dem Protopunk im Geiste der frühen Pere Ubu und MC5, Anlehnungen an verhallt-gespenstischen Prärie-Roots-Rock und Deadheads-beglückenden Flow in Richtung Space-Übungen aus dem Stegreif und Cosmic American Music, mit dem Prog-Folk-Titel „Lucky Man“ aus der Feder von Greg Lake nahm sich die Band um einen weiteren Meilenstein der britischen Art-Rock-Ära an, bereinigt um jeglichen Bombast und Opulenz präsentierten Chadbourne, Schroeder und Waldenfels das Kleinod als stramme wie beeindruckende Indierock-Ballade, eines der unzähligen Beispiele für das weit ausgedehnte Musik-Universum des großen amerikanischen Experimental-Entertainers.
Nicht überraschend, und doch immer wieder beeindruckend die stilistische Vielfalt, in der es für Eugene Chadbourne zwischen vermeintlich weit auseinander liegenden Genres wie Country, Jazz, Prog- und Punk-Rock keine Berührungsängste gibt, im experimentellen Ansatz lässt er diesen Abgrenzungen keine Bedeutung zukommen. Exzellent auch wie stets die Balance zwischen Noise-artigem Ausfransen und tonalem Wohlklang, wie auch das jeweils unmittelbare Eingrooven der beiden Mitmusikanten in die spontane, nicht abgestimmte Songauswahl des Meisters im steten Improvisations-Modus – das vollbesetzte Lokal und der lang anhaltende, dankbare Applaus sind hoffentlich Garant für viele weitere Auftritte des ‚Good Doctor‘ in der Münchner Stammkneipe, mit dem Münchner Stammpersonal Schroeder & Waldenfels… „No Reason To Quit“.
(***** – ***** ½)