Triphop

Reingehört (453): Barst

Barst – The Endeavour (2018, Consouling Sounds)

Der Gehirn-wegblasende Live-Auftritt von Barst beim letztjährigen dunk!-Festival hat es bisher leider nicht auf Tonträger-Konserve geschafft, immerhin war der Belgier Bart Desmet erfreulicher Weise in den vergangenen Monaten im Studio zugange und hat eine artverwandte, gewissermaßen digital aufgepeppte Spielart dieses konzertant bestens bewährten Klangrausches zur Veröffentlichung nachgestellt. Wo die Waldbühne des ostflandrischen Postrock-Gipfeltreffens vor gut einem Jahr mit freundlicher Unterstützung befreundeter Experimental-Musiker vom begnadeten Sound-Pionier mit einer organischen Instrumental-Klangwelle aus Postrock-Wucht, Ambient-Noise, purer Neoklassik- und Shoegazer-Schönheit und dezenten Electronica-Drones geflutet wurde, stellt Desmet auf „The Endeavour“ vor allem letzteres Element weitaus mehr in den zentralen Fokus, unter anderem zusammen mit Musikern der Metal-/Noise-Crossover-Band Vonnis aus Gent und der amerikanischen Postmetal-Combo Rosetta entwirft er hier einen immens treibenden Postrock-/Kraut-/Space-Flow, der durch abstrakte Synthie-Phrasierungen, kosmischen Ambient-Trance, Gesangs- und Spoken-Word-Samples und Genre-Grenzen-sprengende Elektro-Wave-Beats und nervöse Trip-Hop-Rhythmik befeuert, bereichert und auf die Spitze getrieben wird.
Dem Sog dieses straight nach vorne drängenden Sound-Tsunamis lässt sich nichts entgegensetzen, das ist der Rhythmus, zu dem jeder mit muss – ein Gesamtkunstwerk als einziger, über 40-minütiger Trip, wie ein Gemälde von Hieronymus Bosch mit einer Vielzahl an wichtigen Details, die mit dem ersten Hör-Eindruck kaum zu erfassen sind, insofern bleibt zur gebührenden Würdigung ein wiederholtes Durchwandern dieser faszinierenden Klangwelten ohne Alternative.
Schwer zu kategorisieren waren die hypnotischen Klang-Visionen des Bart Desmet/Barst seit jeher, die einzige Regel ist: keine Regeln – ob derzeit aktuell bei seiner ellenlangen Live-Interpretation des Velvet-Underground-Klassikers „Sister Ray“ oder dem Vorgänger-Album „The Western Lands“, mit dem er die literarische Cut-Up-Methode von William S. Burroughs tonal umsetzte.
Bei all seiner komplexen Vielfalt und Opulenz an klanglichen Beigaben, die Desmet selbst sehr treffend als „Wahnsinnsmusik“ – im mehrdeutigen Kontext – bezeichnet, funktioniert „The Endeavour“ trotz dominierendem Uptempo-Drive und schier berstender Energie mit einem dunkel-bedrohlichen Unterton versehen vor allem als Soundtrack zu einer sich immer schneller drehenden Welt, in der politische und gesellschaftliche Fragestellungen zu sozialen Verwerfungen, einer sich rasant digitalisierenden Arbeitswelt und drohenden militärischen Konflikten zusehends unbeantwortet bleiben. Tonales Yin und Yang: Der klangliche Entwurf zur ungewissen Mikro- und Makro-Perspektive wie der zukunftsweisende, konventionelle Beschränkungen weit hinter sich lassende Weg für den Postrock des 21. Jahrhunderts.
„The Endeavour“ erscheint am 18. Mai beim belgischen Label Consouling Sounds.
(***** – ***** ½)

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Reingehört (440): Moodie Black

„Brilliant and formidable.“
(Noisey)

„Less Rap and more something else.“
(Last.FM)

Moodie Black – Lucas Acid (2018, Fake Four Inc.)

Lassen wir die Künstler zur Beschreibung ihrer Crossover-Ton-Kunst eingangs selbst zu Wort kommen, auch wenn’s letztendlich nur für das Rauspoltern eines gern verwendeten Kraftausdrucks gut ist: „Nu rap from the drippings of whatever the fuck you want to call it“. Haut einen auch nicht unbedingt vorwärts in der Taxierung des „Rap Gaze“ von Transgender-Musiker Chris Martinez/K.death und dessen Gitarristen-Kompagnon Sean Lindahl, deren Verbindung seit der gemeinsam verbrachten Kindheit in der Wüste Arizonas besteht und 2012 in Los Angeles im Anstarten des gemeinschaftlichen Duo-Betriebs Moodie Black mündete.
Mit „Lucas Aid“ veröffentlichen die beiden Outsider-Künstler Anfang April ihr erstes Volle-Länge-Album seit vier Jahren, und damit wird um einiges deutlicher, wo im expliziten Rap der US-amerikanischen Soundpioniere der Bartel den Most holt.
Der Spoken Word Flow der beiden Wahl-Kalifornier zieht seine Spannkraft aus einem weitaus größeren Fundus an unorthodoxen Einflüssen als den herkömmlichen dumpfen, monotonen Beats und der Rhythmik des Hip-Hop-Sprechgesangs, die längst ausgetretenen Pfade der schwarzen Ghetto-Subkultur verlassen Martinez und Lindahl von einem experimentellen Impetus getrieben hinein in ein weites Feld aus Noise- und Industrial-Drones, artifizieller Triphop-, Ambient-, Trance- und Abstrakt-Electronica und fieser, dunkler Gitarren-Riffs. Der mitunter latent bedrohliche, von einer schwer zu greifenden, kaum konkret festzumachenden Endzeitstimmung geprägte, diffuse Grundton erfährt Milderung, Erweiterung, Kontra-Punkt durch eine durch die digitale Mühle gedrehte, gebrochen-melodische Shoegazer-Ästhetik, hypnotische, verzerrte Synthie-Flows, geloopte Wiederholungs-Schleifen und Spoken-Word-/Field-Recording-Samplings, ein faszinierendes wie unkonventionelles Konglomerat, das den schwarzen Groove in Richtung Elektro-Trash, weirde Freak-Kunst, kompromissloses Underground-Statement treibt.
So, wie die Sleaford Mods vor einiger Zeit dem britischen Punk-Rock neues Leben mithilfe digitaler Samplings und wütendem, Stakkato-artigem Working-Class-Schwadronieren gegen Krone, Kirche, Konservative einhauchten, befreien Moodie Black den Rap durch ihren erratischen, mit den Elementen des Atonalen spielenden, in jedem Fall ansprechend-faszinierenden Hip-Hop/Electronica/Noise-Hybrid aus einem starren, festgezurrten Korsett und geben so der Spoken-Word-Kunst aus den Brennpunkten der amerikanischen Metropolen einen breiteren tonalen Rahmen zum Ausformulieren der Gedanken zur eigenen Identität und Paranoia.
„Lucas Aid“ erscheint am 6. April beim US-Indie-Label Fake Four Inc.
(*****)

Reingehört (432): Arms And Sleepers

„As [Vaclav] Havel writes, „All my life I have simply believed that what is once done can never be undone and that, in fact, everything remains forever. In short, Being has a memory.“ Our collective memory — in small town venues in Latvia, unmarked industrial spaces in Hong Kong, or DIY parties in abandoned buildings in Guatemala — is something that we cherish with deep gratitude. FIND THE RIGHT PLACE has many themes flowing throughout it, but the most important one is that of the underground spirit which fuels our independent culture and thinking.“
(Mirza Ramic)

Arms And Sleepers – Find The Right Place (2018, Pelagic Records)

Sad Hop, Trip Hop, Hip Hop, Colin Moulding/XTC würde wahrscheinlich anmerken „Life Begins At The Hop“: Diffus und doch irgendwo locker-flockig und frisch von der Leber weg groovend kommt er einmal mehr daher, der aus dem Postrock entfleuchte Electronica-Flow des Duos Max Lewis und Mirza Ramic aka Arms And Sleepers, die Mannen aus Boston bzw. Portland haben in 11 Jahren gemeinsamer Historie bis dato 26 Longplayer und EPs veröffentlicht, mit unterschiedlichsten Musikern wie Tom Brosseau, Philip Jamieson oder Serengeti kollaboriert und unter anderem Arbeiten der Ostküsten-Postrock/Postmetal-Institution Caspian remixt, trotz beeindruckender und kaum mehr überschaubarer Quantität ohne qualitative Abstriche, mit „Find The Right Place“ bleiben sie dahingehend weiter unbeirrt verlässlich in der Spur. Die instrumentalen, engen Grenzen des Postrock in Form von auftürmenden Gitarrenwänden und wuchtigen Trommelschlägen haben Arms And Sleepers längst in Richtung Club-tauglichen Ambient-Trance, abstrakte Electronica-Drones, Spoken-Word-Field-Recordings, cineastische Klanglandschaften und eine an die monotonen Beats des Hip Hop angelehnte Rhythmik verlassen, auf dem neuen Album zelebrieren die beiden Klang-Tüftler ihre transformierten Tondichtungen mit Unterstützung der kalifornischen Underground-Hip-Hop-Musikerin Amber Ryann und dem in Berlin ansässigen Rap-Texaner Bryan Rodecker aka Infidelix nebst anderen in locker swingender wie gleichsam gewichtiger Trance-Verspieltheit, die in einem komplexen Gelichter via Sampling und Loops den Sonnen-durchfluteten Easy-Listening-Sing-Sang aus Bollywood-Soundtracks genauso zitiert wie unvermittelt und wiederholt den hypnotischen, frei drehenden Post-Space mit hartem, Straßen-tauglichen Rap kollidieren lässt.
Das exzellent produzierte und gemixte Album „Find The Right Place“ erscheint am 18. April beim Berliner Independent-Label Pelagic Records. Feine Aussichten. Weitaus weniger erfreulich gestaltet sich der Umstand, dass Arms And Sleepers bisher für das im Mai anberaumte Dunk!Festival nicht auf der Line-Up-Liste berücksichtigt wurden, in den vergangenen Jahren war es guter Brauch des Duos, mit dem jeweils vorletzten Gig des Postrock-Gipfeltreffens im belgischen Zottegem dem tanzlustigen Volk mittels High-Energy-TripHop-Groove nebst stimmigen Videoinstallationen vor dem großen Finale die Fußsohlen zu befeuern – da heuer neben den Headlinern Russian Circles, CaspianThe Ocean und zahlreichen bereits gebuchten, weiteren Bands derzeit nur noch ein einziger Act für das dunk!Fest offen bleibt, die flandrischen Nachbarn von der Church Of Ra bisher nicht vertreten sind und insofern viele auf einen Auftritt der Postmetal-Heroen von Amenra hoffen, wird den Electronica-Traditionalisten unter den Festival-Gängern 2018 dahingehend der Rüssel wohl sauber bleiben…
(*****)

Get your Arms And Sleepers Grooves elsewhere – Live zu folgenden Gelegenheiten:

13.04.Copenhagen, Denmark – VEGA Musikkens Hus / Store Vega (Main Hall)
15.04. – Wrocław, Poland – DK Luksus
17.04.  – Torun, Poland – Klub NRD
18.04. – Warsaw, Poland – Grizzly Gin Bar
19.04. – Poznan, Poland – Meskalina
20.04. – Kaliningrad, Russian Federation – Kaliningrad City Jazz Club
21.04. – Moscow, Russian Federation – 16 Tons
22.04. – St. Petersburg, Russian Federation – Erarta Stage
24.04. – Kyiv /Kiev, Ukraine – Mezzanine
25.04. – Lviv, Ukraine – Fest Republic Club
27.04. – Odessa, Ukraine – More Music Club
29.04. – Dnipropetrovsk, Ukraine – Module Club
30.04. – Kharkiv, Ukraine – Art Area DK / ART AREA ДК
04.05.Viechtach, Germany – Altes Spital
05.05.Slavičín, Czech Republic – HAW
11.05. – Nürnberg, Germany – Club Stereo
13.05.Dresden, Germany – Groove Station
14.05.Praha, Czech Republic – Roxy
15.05.Leipzig, Germany – Moritzbastei
17.05.Oberhausen, Germany – Druckluft
18.05.Berlin, Germany – Bi Nuu / Pelagic Fest
23.05.Köln, Germany – Bumann & Sohn
25.05.Paris, France – Supersonic
26.05.Nyon, Switzerland – La Parenthèse
27.05.Landau, Germany – Fatal
29.05.Budapest, Hungary – Robot
30.05.Wien, Austria – Das Bach