UK

Reingehört (411): Poppy Ackroyd

„Resolve is about the determination to embrace the good things in life whilst dealing with unexpected and challenging difficulties. Finding the light in the dark, facing sadness and loss head on, and developing a growing inner strength.“
(Poppy Ackroyd)

Poppy Ackroyd – Resolve (2018, One Little Indian)

Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss. Der Filmtitel des französischen Regisseurs Étienne Chatiliez trifft leider nicht immer zu, auf dem kommenden Album „Resolve“ der britischen Experimental-Musikerin und -Komponistin Poppy Ackroyd aber ohne Abstriche. Die klassisch ausgebildete Klangkünstlerin aus dem südenglischen Seebad Brighton entwirft in ihren Instrumental-Werken ein filigranes Geflecht aus neoklassischem Wohlklang, Minimal-Music-Meditationen, Ambient-artiger Transzendenz und einem stetigen Fließen, wie man es im konzeptionellen Ansatz aus zahlreichen gewichtigen Postrock-Arbeiten kennt, hier umgesetzt mit den Mitteln der klassischen Orchestrierung, der Begriff „Post-Klassik“ drängt sich förmlich auf. Darüber hinaus ist ein Nachhallen aus dem essenziellen Filmmusik-Schaffen etwa aus der Feder von Größen wie Michael Nyman, Philip Glass oder Yann Tiersen zu vernehmen, allerspätestens mit dieser neuen Arbeit darf sich Poppy Ackroyd in dieser Elite-Liga einreihen.
Feinste, sich wunderschön und nachhaltig ins Ohr schmeichelnde, ineinander verschachtelte und wieder zusammenlaufende Melodie-Bögen, die sich völlig unaufgeregt, aber bestimmt ihren Weg bahnen, dominiert von der virtuosen Streicher-Sektion und vom mit ruhiger Hand angeschlagenen Piano, begleitet von dezenten Sampling-Loops und unaufdringlichem Rhythmus-Geklapper, dass ähnlich wie bei den Hauschka-Wunderwerken eines Volker Bertelmann durch unkonventionelles Bearbeiten der Klavier-Saiten und des Cello-Korpus mit Trommelwerkzeug, Geigenbögen, Plektren oder Papier erzeugt wird.
Die symphonischen Klang-Epen präsentieren sich auf den ersten Blick unspektakulär, mitunter geradezu simpel, und offenbaren doch bei eingehender Studie eine hoch komplexe, Ideen-reiche und individuelle Handschrift in der kunstfertigen Komposition wie Ausführung.
An Gastmusiker_Innen tummeln sich unter anderem die in unseren Gefilden durch Touren mit der US-amerikanischen Postrock-Band Caspian bekannt gewordene Cellistin Jo Quail (die auch dem exzellenten Stück Nr. 5 des Albums ihren Namen gibt) und Manu Delago aus dem Björk-Umfeld, bei jedem, der mit der unsäglichen isländischen Heulboje dicke ist, ist grundsätzlich Vorsicht geboten, in dem Fall aber Entwarnung, alles im grünen Bereich.
Draußen fällt der Schnee und lässt frösteln, inwendig wärmt der erhabene Klang der Ackroyd-Tondichtungen das Gemüt, so soll das sein. Erstes dickes Ausrufezeichen hinsichtlich 2018er-Jahres-Highlights.
„Resolve“ erscheint am 2. Februar beim Londoner Indie-Label One Little Indian Records.
(***** ½)

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Reingehört (410): Psychic Lemon

Psychic Lemon – Frequency Rhythm Distortion Delay (2018, Tonzonen Records)

Seit vergangenem Freitag am Marktstand des Schallfolien-Händlers Ihres Vertrauens zu erwerben: Das zweite Album der Prog-Rock-Band Psychic Lemon aus der englischen Universitätsstadt Cambridge. Die Musiker haben bereits mit geistesverwandten Kollegen wie Kikagaku Moyo 幾何学模様 und Flowers Must Die getourt und geben ihre Einflüsse selbst mit Progressive-Granden wie Can, Hawkwind, Amon Düül II, dem ehemals in der Nachbarschaft ansässigen Pink-Floyd-Kreativkopf Syd Barrett und der schwedischen Experimental-Fusion-Combo Goat an, weiß Gott nicht die schlechtesten Vorbilder für die Ausgestaltung der eigenen Tonkunst, und damit befindet man sich mental auch schon im Shuttle-Bus zur Abschussrampe in Richtung Outer Space, mit Lichtgeschwindigkeit katapultiert das Trio die fünf ausladenden, schwergewichtigen Psychedelic-Symphonien in den Orbit, hinsichtlich Tempo, Intensität und einen durch minutenlang mäandernde Repetition der Rhythmik und Melodik auf den Weg gebrachten hypnotischen Flow macht das Trio vom Start weg keine Abstriche, im energetischen Sternen-Wandern und fantasievollen Klangforschen werden die Planeten Space-, Kraut-, Progressive- und Post-Rock eingehend erkundet und erschöpfend ausgeleuchtet.
Modernes aus dem Bereich Industrial schwingt im Beat mit wie an Vorzeiten erinnernde, archaische Urvölker-Rhythmik, wummernde Bässe und ein strammer Trommelanschlag befeuern dem Garagen-Rock entlehnte, jaulende Fuzz-Gitarren wie allerlei Gewerk an verzerrenden Reglern, Gitarren-Pedalen, Synthie-Electronica und Klangeffekte-Instrumentarium, die Ingredienzien zu einem satten und üppigen Drop-Out-Soundgebilde verdichtet.
Mit sporadischem Saxophon-Gelichter im Zentrum der tonalen Super-Nova streift die Band gekonnt wie dezent die Galaxie des Siebziger-Prog-Jazzrock und lässt damit kaum etwas unerforscht im weiten Weltenraum der experimentellen Rockmusik, in der sich Psychic Lemon in der Form als leuchtender Fixstern etablieren können und vor allem nicht vor den großen Vorbildern der Blütezeit des Genres in irgendwelchen schwarzen Löchern, auf Wüstenplaneten oder Outer Rims verstecken müssen.
(*****)