UK

Reingehört (343): The Fall

„If it’s me and your granny on bongos, it’s still The Fall.“
(Mark E. Smith)

„They are always different; they are always the same.“
(John Peel)

„Die Welt ist alles, was der Fall ist.“
(Ludwig Wittgenstein)

The Fall – New Facts Emerge (2017, Cherry Red Records)

Man braucht sich nichts vormachen: Die Fall-Meisterwerke haben Mark E. Smith und seine schier nicht mehr zu überblickende Legion an temporären Hire-and-Fire-Mitmusikanten längst abgeliefert, in den weit zurückliegenden Achtzigern, zu Glanzzeiten des britischen Postpunk, herausragende Tonträger wie „Grotesque“, die „Slates“-EP, „Hex Enduction Hour“ oder „This Nation´s Saving Grace“ zeigten den nordenglischen Ungustl mit seinem in Endlos-Schleifen mäandernden Brachial-LoFi-Intellektuellen-Punk und den für ihn typischen, Thomas-Bernhard-artigen, misanthropischen Schimpftiraden auf der Höhe seiner Kunst.
Bedingt durch Kippen und Drinks mit seinen gerade mal 60 Jahresringen längst wie die eigene Leiche daherkommend, klingt die Ikone des Manchester-Underground auf dem aktuellen Tonträger lange nicht mehr so bissig, angriffslustig und wortgewaltig wie zu seinen Hochzeiten, das hingenöhlte Dauer-Stakkato ertönt nur noch sporadisch, die Zigaretten-Teer-bedingte Atemnot scheint ihren Tribut zu fordern. Musikalisch bewegt sich die Backup-Band auf für Fall-Verhältnisse eine Spur zu opulent produziertem, ordentlichem, trashigem Garagen-, Noise- und Indierock-Niveau, zupackend und unverstellt nach vorne donnernd durch strammes Bass-/Drum-Schnalzen und schneidende Postcore-/Postpunk-/Rockabilly-Riffs, hinsichtlich Songmaterial eine durchaus passable Arbeit abliefernd.
Im Gesamt-eindrücklichen Klangbild ist das nur noch entfernt verwandt mit den auf Sparflamme produzierten Sound-Entwürfen der Combo in den späten Siebzigern und Achtzigern, die The Fall in einem spontan-bezwingenden Ansatz zeigten zwischen DIY-Kunst-Punk, Bass-getriebener Postpunk-/No-Wave-Monotonie und hingerotzter, agitierender Spoken-Word-Poetik – damals in dieser Kombination das Alleinstellungsmerkmal der Band in jenen abenteuerlichen Tagen des musikalischen Aufbruchs und der Erneuerung, heute im weiten Feld des Indie-Rock nicht mehr über die Maßen Neues bietend.
Andererseits: mit dem Großteil des aktuellen, oft austauschbaren, vermehrt Richtung Mainstream schielenden und stinklangweiligen Indie-Gedöns unserer Zeit können The Fall immer noch locker mithalten, und zu sagen hat Mark E. Smith mit seinem unmelodischen Gemotze schwer vermutlich auch heutzutage allemal mehr als irgendwelche schwindligen Nachwuchs-Poser. Bedauerlicherweise schert er sich nach wie vor einen Feuchten, ob die Hörerschaft sein Schwadronieren versteht oder nicht…
(****)

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Reingehört (340): Mike Krol, Crescent

Mike Krol – Mike Krol Is Never Dead: The First Two Records (2017, Merge Records)

Quengelndes Spätadoleszenz-Genöle/Geplärre, scheppernde Drums und überschaubare Fertigkeiten im flotten Rock’n’Roll/Siebziger-Punk-Anschlag auf der Stromgitarre reichen völlig aus, um einen schwer genehmen Auswurf an frischem und knackigem DIY-/LoFi-/Power-Pop unter die Leute zu bringen, das aktuelle Label Merge des Artisten legt in der Rückschau die ersten beiden Alben „I Hate Jazz“ und „Trust Fund“ des kalifornischen Garagen-Musikers Mike Krol neu auf, sage und schreibe 38 humoristische Kurz- und Kürzest-Polter-Perlen finden sich auf der retrospektiven Sammlung, hochenergetischer Drei-Akkorde-Stoff in feinster Low-Budget-Schrammel-Melodik zum fröhlichen Pogen und beschwingten Mitschunkeln. Hinsichtlich „Rock/Punk is dead“ kontert der Krol quasi mit sowas wie „Don’t piss down my bag and tell me it’s raining!“ – ein Hoch auf die Unbekümmertheit der Jugend! Und wer dem einzigartigen Keith Moon ein Liedlein widmet, kann sowieso kein Schlechter sein…
(**** ½)

Crescent – Resin Pockets (2017, Geographic Music)

Nach zehn Jahren ein Lebenszeichen des feinen Psych-Folk-/Slowcore-Quartetts Crescent aus Bristol/UK beim Domino-Sublabel Geographic Music. Wo früher der folkloristische Free-Flow im relaxten Mäandern seine Bahnen zog, hier und dort von getragenen, wunderschönen Bläsern begleitet und bereichert, ist die Combo nach einer Dekade zwar weiterhin völlig unaufgeregt unterwegs, wendet sich aber vermehrt der experimentell-versponnenen Seite des verspielten LoFi-Indie-Folk zu, einer dezent angeschrägten, verspulten Spielart der psychedelischen Alternative-Balladen-Kunst, die weitaus weniger abstrakt als noch in den Nuller-Jahren in ihrem verhallten, mit allerlei Geklingel zerklüfteten, sich windenden Fluss und dem melancholischen, verlorenen, fast erschöpften Gesang von Songwriter Matt Jones den Charme früher Flying-Nun-/NZ-Indiepop- und Silver-Jews-Aufnahmen entfaltet.
Klingt trotz fünfjährigem Rumhobeln und Zusammenbasteln dank improvisiertem Home- und Field-Recording-Modus sympathisch gammelig, naturbelassen-organisch und unperfekt, eine LoFi-Kostbarkeit, bei der sich die Melodik immer wieder in das Zentrum zu drängen versucht.
Der Soundtrack für die momentane Schwüle des dahinscheidenden Hochsommers, wo’s weitaus vernünftiger ist bei den Temperaturen, sich nicht groß aufzuregen…
(**** ½ – *****)

Reingehört (337): The Physics House Band

The Physics House Band – Mercury Fountain (2017, Small Pond Recordings)

Sehen auf den Bandfotos tatsächlich aus wie versprengte Naturwissenschafts-Studenten, das Verkopfte im Sound der Physiker-Haus-Kapelle ist auch kaum wegzuleugnen, und doch hat das zweite Album des Trios aus Brighton/UK genügend Prog- und Postrock-Drive und -Intensität, um den intellektuellen Finger-Übungen und abstrakten Ambient-/Drone-Beimischungen bei ihrem Flug durch die Galaxien die nötige Erdung und Spontaneität zu verleihen.
Die junge Instrumental-Formation ergeht sich auf dem aktuellen Longplayer in einem halbstündigen Feuerwerk in bunten Klangbildern zwischen sphärischem, Synthie-verliebtem SiFi-Space-/Kraut-Flow und schweren, energiegeladenen Progrock-Geschützen, die sich im steten Rhythmuswechsel spannend im Geiste des Djent/Math-Rock die konzeptionelle Klinke in die Hand geben.
In den finalen drei Stücken „Impolex“, „The Astral Wave“ und „Mobius Strip II“ erweitern die Musiker das Spektrum des Instrumentariums in Richtung Saxophon und Flöte und driften damit endgültig in Richtung moderne Van Der Graaf Generator, eine gelungene Hommage an einen schwer vermutlichen Einfluss der Band und würdige Verneigung vor den britischen Ahnherren des Progressive Rock.
The Physics House Band werden im Herbst im Rahmen der „Made Of Breath Only“-Europa-Tournee im Vorprogramm der australischen Postrocker sleepmakeswaves zu sehen und zu hören sein, unter anderem am 15. Oktober im Münchner Backstage.
(**** ½)